Kategorie: 1846



aus: 1846, Briefe an Jenny von Laßberg, Rüschhaus

Bitte, liebe Jenny, besorge doch, dass alles an den rechten Mann kömmt, und schicke mir doch die Berechnung, was Du im Weinberge und für den Garten für mich ausgelegt und durch den Verkauf des Weins noch nicht gedeckt ist, damit ich es das nächste Mal deiner Pension beilege, denn leider kann ich Dir mit Mama kein Geld schicken, da ich den armen Werner, dem es schon so schwer wird, die nötige Summe für Mama aufzubringen, mich jetzt unmöglich entschließen kann zu mahnen. Wäre ich mitgereist, dann wär’ es ein anderes, dann hätte er mir natürlich Geld geben müssen. Sollte Dir übrigens Mama das Geld vorschießen und du es ihr im Herbste aus dem Ertrage des Weines wieder abzahlen können, so wäre mir das für dieses mal wohl lieb.

Ich habe diese zwei Jahre sehr schwere Ausgaben gehabt. Hüffer hatte Wernern nämlich, als er ihn fragte, ob die erste Auflage meiner Gedichte bald vergriffen sei, dies nur aus Höflichkeit bejaht, ohne zu ahnden, dass ich eine zweite veranstalten wollte. Nun bin ich im vorigen Jahre genötigt gewesen, wenn er mich nicht verklagen sollte, den ganzen Rest der alten Auflage (für 63 Reichstaler) ihm abzukaufen, und in diesem Jahre habe ich als Patengeschenk für die kleine Elisabeth 100 Reichstaler für sie in die Versorgungsanstalt eingesetzt. Das sind große Posten für mich, und Du kannst denken, dass ich dabei nichts weiteres habe zurücklegen können. Sollte dieses Jahr aber ein vorzügliches Weinjahr werden und Vorteil dabei sein, den Wein liegenzulassen, so tue dies ja, denn wenn ich es recht bedenke, kann ich Dir in ein paar Monaten das Geld doch wohl schicken. Die großen Ausgaben sind ja nun verschmerzt und kommen nicht wieder. Schicke mir nur die Berechnung.

Rüschhaus, 1. Juli 1846

aus: 1846, Briefe an Jenny von Laßberg, Rüschhaus

Liebste Jenny, ich bin krank, kann gar nicht schreiben und muss doch, seit 14 Tagen, über meine Kräfte. Zwei Briefe an Dich, wovon ich an dem einen zwei, an dem andern vier Tage mich geplagt hatte, habe ich zerreißen müssen, weil unterdessen alles änderst eingerichtet worden war, nun kann ich aber nichts mehr! und da Mama selbst kömmt, kann sie dir auch von allen Verwandten und Freunden zehnmal umständlicher selbst erzählen. Ich schicke Dir also für dieses Mal nur dieses wunderliche Blatt, was die inwendig voll geschriebene Adresse eines der Briefe war und allerlei enthält, was ich sonst abschreiben müsste, und mich wirklich in diesem Augenblicke gar nicht capable dazu fühle. …

Wie leid es mir tut, nicht nach dem lieben Meersburg zu kommen, Dich, Laßberg und die lieben lieben Kinder nicht sehn zu können, brauche ich Dir nicht zu sagen; aber die Gründe sind überwiegend und lassen mir keine Wahl. Gebe Gott, dass die homöopatische Kur unsern Hoffnungen entspricht und meine Gesundheit endlich eine glückliche Wendung nimmt. Geschieht dies jetzt nicht, so muss ich mich drein ergeben, meine Unbequemlichkeiten bis an mein Grab zu tragen, und bin dann auch mit Gottes Willen zufrieden.

Die erste Zeit werde ich noch wohl hier bleiben, um wenigstens die ersten Pulver recht in Ruhe wirken zu lassen, dann aber nach Hülshoff gehn, zu dem armen Werner, der nach meiner Ansicht recht miserabel da unten sitzt zwischen all dem Kinderlärm, und doch, wenn er oben ist, niemanden hat, der ihm zur Hand geht. Mama hat wenig Fiduzit zu meiner Pflege und meint, wir würden zu viel disputieren; aber wenn ich auch bei Gesunden oft zu wenig Rücksichten nehme, so glaube ich doch nicht, dass man mir dieses bei Kranken nachsagen kann. Er scheint auch sehr zu wünschen, dass ich komme. Gefährlich ist sein Übel indessen gewiss nicht, lebensgefährlich mal sicher nicht (da es nicht von innen heraus, sondern durch einen Fall entstanden ist). Aber hoffentlich wird es auch keine bedeutenden Spuren zurücklassen, aber ich fürchte eine sehr langsame Kur.

Bis zum Frühling sind wir indessen hoffentlich beide so weit, dass ich reisen kann, und ich will es alsdann gewiss nicht an Fleiß fehlen lassen, mich nach einer Gelegenheit umzuhören, wäre es auch nur für einen Teil des Weges, etwa bis Koblenz oder Mainz. Ich mache mir nichts daraus, eine gute Strecke allein zu reisen, gebe meinen Koffer auf die Post und nehme mir den Reisesack mit. Was kann mir dann Großes begegnen? Höchstens, dass ich einmal das Dampfboot versäume und ein paar Stunden im Gasthofe auf das nächste warten muss, das wäre doch noch nicht alle Welt!

Rüschhaus, 30. Juni 1846

aus: 1846, Briefe an Karl von Haxthausen, Rüschhaus

… ich gehe nicht mit nach Meersburg, so äußerst fatal es mir auch ist, Mama allein mit Marie reisen zu lassen, aber ich kann nicht, und Mama will es deshalb auch nicht. Ich bin krank, obwohl wenig leidend, weniger als sonst, aber es sind Umstände da, die durchaus beseitigt werden müssen. Ich kann z. B. gar nicht gehn, nicht zweimal unsern kleinen Garten entlang, ohne dass mir das Blut dermaßen zu Kopfe steigt, dass ich zu ersticken meine, und Fahren geht auch nicht viel besser, eine Stunde Weges (z. B. von hier bis Hülshoff) ist hinlänglich, dass ich mich dann gleich zu Bette legen muss und die ganze Nacht wie im Fieber liege.

Ich habe wohl schon lange gemerkt, dass ich nicht reisen konnte, mochte es aber nicht sagen, und Mama merkte es auch, und mochte es ebenfalls nicht sagen, damit ich nicht denken sollte, sie wünsche meine Begleitung nicht, bis wir neulich in Hülshoff den armen Werner so sehr leidend an seinem Knie fanden, und, leider, leider! mit sehr geringer Aussicht auf völlige Herstellung, dabei so niedergeschlagen und apprehensiv, und so ganz ohne Aufheiterung (da Line den ganzen Tag über ihre Geschäfte hat), dass die Sache dort von allen Seiten zur Sprache kam und ausgemacht wurde, dass ich statt nach Meersburg zu ihm nach Hülshoff gehn solle, um ihm, wo möglich, die Grillen etwas zu vertreiben, und zugleich selbst eine ordentliche homöopathische Kur zu unternehmen, da in Meersburg kein Homöopath ist. Ich sah wohl ein, dass die andern Recht hatten, und dass ich auch sonst wahrscheinlich auf der ersten Tagereise liegen bleiben würde. So ist es denn ausgemacht, obwohl mir sehr hart, dass ich Mama am 30ten allein muss abreisen lassen, indessen sehe ich deutlich, dass ihr damit ein Stein vom Herzen gefallen ist, und sie nicht gewußt hat wie sie mich heil überbringen sollte. Sitze ich übrigens (wie jetzt eben) auf meinem Kanapee, so tut mir auch kein Finger weh, und ich hoffe deshalb, Bönninghausen wird mich schon wieder zurecht flicken.

Rüschhaus, 26. Juni 1846

aus: 1846, Briefe an Christoph B. Schlüter, Rüschhaus

Ich erhielt gestern einen mir peinlichen Brief von Gottfried Kinkel aus Bonn, er beabsichtigt den so oft fehlgeschlagenen Versuch eines “Rheinischen Jahrbuchs” wieder aufzunehmen, und bittet mich, Westfalen darin vertreten zu helfen, beruft sich auf unser beiderseitiges nahes Freundschaftsverhältnis zu Junkmann, übergeht gänzlich, dass ich seine protestantisch gewordene Frau (die Johanna Mockel) früher sehr genau gekannt habe, und zeigt eben hierdurch, für wie aufgebracht er mich (mit Recht) über diesen Schritt hält. Kurz, sein ganzer Brief ist der Art, dass er einerseits durch dringende Bitte, sehr bescheidene Anforderungen und kräftiges Fürwort mir das Abschlagen fast unmöglich macht, und anderseits den Verdacht katholischer Krassheit, die den Zorn über die Verfehmte auf ihren unschuldigen Mann, der doch rein als literarischer Unternehmer auftritt, ausdehnen könnte, durchscheinen läßt, so dass ich, eben im Interesse unserer religiösen Stellung, ihm ganz gewiss etwas schicken würde, hätte ich mir nicht selbst den Weg verbaut, dadurch dass ich, um mit dem Kölner Feuilleton auf eine unanstößige Art auseinanderzukommen, dem DuMont auf seine Bitte um fernere Beiträge (die nicht unbeantwortet bleiben konnte, da Geld beilag, dessen Empfang angezeigt werden musste) geantwortet, “dass eine größere Arbeit mich vorläufig schwerlich zu kleineren Gedichten oder Aufsätzen, wie das Feuilleton sie verlange, werde kommen lassen”.

Schicke ich nun dem Kinkel etwas, so liegt meine Abneigung gegen das Feuilleton völlig, und die gegen seinen Redakteur wenigstens halb am Tage. Schicke ich nichts, so bin ich, und mit mir die katholische Partei, ebenfalls bittern Folgerungen ausgesetzt, und komme mit meinem größeren Werke (was mich übrigens wirklich beschäftigt) schwerlich durch, da Kinkel leider durch Junkmann Kunde von manchem noch Unedierten erhalten hat? Wissen Sie mir Rat zu geben, liebster Freund?

Rüschhaus, etwa 14. Mai 1846

aus: 1846, Briefe an Christoph B. Schlüter, Hülshoff

Sie wissen nicht, was ich in den letzten Tagen gelitten habe, und welche durchdringende Erquickung mir ihre treue vertrauensvolle Freundschaft gerade jetzt sein muss. Ich habe Schückings scheußliches Buch gelesen, ich habe es von wahrhaft wohlmeinender Hand erhalten, mit dem Zusatze, ich müsse es leider lesen, da ich in dem allgemeinen Verdachte stehe, ihm das Material zu seinen Giftmischereien geliefert zu haben. Sie haben es nicht gelesen, und hätten Sie es gelesen, so würden Ihnen doch hundert Anspielungen (die leider andernorts nur zu wohl verstanden werden) unverständlich bleiben und Sie nicht halb begreifen, wie mir zumute sein muss.

Schücking hat an mir gehandelt wie mein grausamster Todfeind und, was unglaublich scheint, ist sich dessen ohne Zweifel gar nicht bewußt.

Gottlob darf ich mir keine Indiskretionen vorwerfen, aber mein Adoptivsohn! jahrelanger Hausfreund! O Gott, wer kann sich vor einem Hausdiebe hüten! Er hat mich über manches, was mir Nahestehende betraf, befragt, über Intentionen, Handlungen, die einen Schatten auf sie zu werfen schienen, und meine warme Verteidigung benutzt, um kleine Umstände daraus zu stehlen, die den von nächster Hand Unterrichteten bezeichnen, und sie dann nicht nur mit alle den Flecken, von denen ich sie mit Recht zu reinigen suchte, sondern auch mit allen Zutaten einer des Juif errant würdigen Phantasie an den Pranger gestellt. Dies ist mein direktester Anteil an seiner Schuld, mein indirekterer, aber noch schädlicherer ist, dass ich ihn in mehrere Familien und bei so manchem einzelnen Freunde, den ich für sein Fortkommen zu Interessieren wünschte, eingeführt, mich für seinen Charakter verbürgt und ihm dadurch Gelegenheit gegeben habe, sich die pikantesten für einen Roman brauchbarsten Persönlichkeiten zu merken und zu diesem Zwecke anderwärts sie betreffende Partikularitäten aufzulesen, natürlich je krasser und unwahrscheinlicher, desto mehr Hoffnung auf literarischen Erfolg! Schlüter! ich bin wie zerschlagen.

O Gott, wieweit kann Schriftstellereitelkeit und die Sucht, Effekt in der Welt zu machen, führen! selbst einen sonst gutmütigen Menschen, denn das bleibt Sch[ücking], die Gerechtigkeit nötigt mich, dies selbst in diesem schweren Moment anzuerkennen. In seinem letzten Briefe konnte er mir Geld für einige Gedichte im Feuilleton schicken. Seine Zeilen strahlten von Freude hierüber, und das war kein Betrug. Er liebt mich, er liebt Sie, er liebt Westfalen überhaupt und hat bei seinem Buche an nichts gedacht, als dem Eugene Sue den Rang abzulaufen; aber er ist verloren, denn er hat die einzige Stütze fahren lassen, an der wir uns von unsern Fehlern und Schwächen aufrichten können.

Man hat Ihnen die Wahrheit gesagt, er schlägt vor der Kirche die Zunge aus, und hier findet keine Entschuldigung statt, höchstens eine: “Herr vergib ihm, er weiß nicht was er tut”. Lassen Sie uns für ihn beten. Christi Blut ist auch für ihn geflossen, und Gott hat tausend Wege, die Verirrten zu sich zurück zu führen, oft durch Not und Kummer, und die sehe ich, bei Sch[ückings] Lust am Glänze und der Unhaltbarkeit seines Talents in nicht zu weiter Ferne voraus. Ich bin sehr bewegt und mag für jetzt nicht weiter schreiben.

Dienstag, 14ten. Ich habe mit meinem Bruder gesprochen und bin jetzt viel ruhiger. Er hat eher als ich um Buch und Gerücht gewußt und mich nur nicht damit betrüben wollen, da er sich den Zusammenhang sehr leicht selbst heraus gefunden. Ob er sich anfangs geärgert hat, weiß ich nicht, jetzt ließ er sich nichts merken, meint: eben das überwiegend Krasse und Unwahre darin könne nur allgemeine Indignation erregen und keinem der Angegriffenen schaden, ebensowenig könne, wenn auch einzelne harmlose Umstände als von mir erzählt erkannt würden, ein vernünftiger Mensch diesen Glauben auf die übrigen entstellten und ehrenrührigen ausdehnen, eine Ungerechtigkeit könne leider nur zu lange standhalten, aber eine Albernheit zerfalle in sich selbst, und dieses sei eine Albernheit.

Ich kann die Sache nicht so leicht nehmen, bin aber doch viel ruhiger, nun es von dieser Seite ohne Verdruß abgegangen ist, denn Werner kränkelt seit Monaten, und ich fürchtete sehr den Einfluß des Ärgers. Übrigens warnte er mich vor auffallenden Schritten, selbst vor weitläufigen Erörterungen gegen Freunde. Stillschweigen und den Nebel verrauchen lassen sei das Beste, er, der Nebel, werde schon von selbst sinken, wogegen ein einziges, am unrechten Orte wiederholtes Wort mir eine giftige Feder auf den Hals hetzen könne, eine Lage, der ein Frauenzimmer sich nie aussetzen dürfe. Wo man nicht von dem Buche rede, solle ich auch nicht davon anfangen, wo ich aber darnach gefragt werde, mein Urheil als Christin und Westfälingerin frei und streng aussprechen und im übrigen jedes Verhältnis zu Schücking so schnell und vollständig als möglich, aber nicht gewaltsam auflösen.

Ich werde sonach unsre ohnedies fast entschlafene Korrespondenz völlig liegen lassen, keine Beiträge mehr ins Feuilleton schicken und bei unsrer Reise nach Meersburg ein Dampfboot wählen, was in Köln nicht anhält, so ist die Auflösung von selbst da, und die Verjährung folgt ihr auf der Ferse.

So muss ich Sie auch bitten, liebster Freund, den Inhalt dieses Briefes niemanden mitzuteilen. Selbst Ihre geprüfte, achtungswerte Freundin, die Räthin Lombard, kann ich hiervon nicht ausnehmen, obwohl ich sie sonst für verschwiegen wie das Grab halte, aber sie kömmt oft nach Bonn, und ich halte ihr Rechtlichkeitsgefühl für zu stark, um sie nicht der äußersten Versuchung auszusetzen, wenn es dort über mich herginge, und Bonn ist sehr nahe bei Köln, bei dem jetzigen Verschwinden alles Raumes fast wie derselbe Ort. Selbst Münster ist von Köln jetzt nicht entfernter als früher Telgte. Vergessen Sie das nicht, liebster Freund.

Was ich selbst nötigenfalls, d. h. wenn ich direkt mit Fragen angegriffen werde, über diesen Punkt sagen werde, ist mir selbst noch nicht recht klar, jedenfalls die Wahrheit, aber wahrscheinlich nicht weiter als die Frage gradezu verlangt. Ich habe eine 75jährige Mutter zu schonen und bin deshalb entschlossen, jedem Anlasse zu Klatschereien (und der liegt in jedem Hin- und Herreden) möglichst aus dem Wege zu gehn.

Nachmittags. Ich komme von einem Spaziergange, die Luft ist so blau, die Vögel so fröhlich, Gottes Segen quillt so reichlich aus den Schollen, wer sollte sich da nicht beruhigt und in seiner Hand wohlgeborgen fühlen! Nichts mehr von Odiosis! Ich würde Sie sehr um Verzeihung bitten, Sie damit belästigt zu haben, wäre dies nicht grade der eigentlichste Kern der Freundschaft, dass sie auch das Leid des Freundes nicht missen will, so wenig wie seine Freuden, oder wenn nicht der Kern, doch die ihm zunächst liegende, ihn umschlingende Faserhülle; der Kern heißt freilich anders, ein Glauben, ein Hoffen, ein gemeinsames Wirken.

Hülshoff, 14. April 1846