Kategorie: 1847
Meine liebste Mama!
Ich muss Dir doch auch ein klein wenig schreiben, um Dir selbst zu sagen, dass ich mich fast in jeder Beziehung sehr viel besser befinde. Wenn ich ganz still sitze und mich auch sonst nicht anstrenge, könnte ich mich jetzt mitunter, ein wenig Bewegung abgerechnet, für ganz gesund halten. Ich schlafe gut, esse mit Appetit, habe gar keine Schmerzen und komme mir auch, wenn ich still sitze, gar nicht kraftlos vor. Nur mit dem Gehen ist’s noch nicht besser, das wird sich aber hoffentlich mit dem nächsten Frühling geben. Es ist schon viel, dass mir das Äquinoktium dieses Mal nicht geschadet hat, und dass ich jetzt, beim Eingange des Winters, wohler bin als im Sommer. Ängstige Dich deshalb meinetwegen nicht, mein liebes Mütterchen, ich komme gewiss gut durch den Winter. Du weißt, wie vortrefflich sich mein Zimmer heizt, ich spüre auch gar nichts von der Wetterveränderung. Jenny und die Kinder sind den Tag über sehr viel bei mir, und nachts habe ich die Magd im Nebenzimmer. Kurz, ich bin sehr gut aufgehoben, und da Du weißt, wie apprehensiv ich bin, so kannst Du wohl überzeugt sein, dass mir viel besser ist, da ich es selbst eingestehe.
Sehr froh bin ich auch, dass Du in dem lieben Bökendorf bist, und noch froher, dass Du so lange dort zu bleiben denkst. Damit ist mir ein Stein vom Herzen; ich weiß Dich doch nun aufs Beste aufgehoben, und in einer Umgebung, die Dich freut und erheitert. Sage allen den lieben lieben Verwandten das Herzlichste von mir. Meine alte Sophie spricht gewiss oft mit Dir von uns.
Hier geht es eben so. Wenn Jenny und ich abends allein sind, dann sind wir allezeit entweder in Hülshoff oder bei Euch. Ich wollte, es wäre kein bloßer Aberglaube mit dem Ohrenklingeln, dass man immer wüsste, wenn man voneinander redete, das wäre wie eine halbe Korrespondenz. Gestern erhielt ich einen Brief von Werner, als Vorläufer der Kiste, die er am selben Tage der Spedition übergeben hatte. Neues stand sonst gar nichts darin, aber viel Erfreuliches über Max, wie er so fleißig sei, und sich überhaupt so gut mache. Gottlob!
Hier ist alles in großer Spannung wegen der Schweizer Angelegenheiten, selbst ich lasse mir jetzt täglich die Zeitungen bringen und lese die betreffenden (von Laßberg rot angestrichenen) Artikel. Die armen Sonderbündler! 30.000 gegen 100.000! Gottes Hülfe muss das Beste tun, und dann ihre Begeisterung und gänzliche Todesverachtung. Der arme kleine, als Grenzland und dazu völlig flaches Terrain gradezu preisgegebene Kanton Zug zählt nur 15.000 Einwohner, diese sind neulich sämtlich an einem Tage, Männer, Frauen und Kinder, in Einsiedeln gewesen, haben die Sakramente empfangen und sich alle zum Tode einsegnen lassen. So etwas geht einem doch durch Mark und Bein!
Man hört hier auch sonst so vieles von den Urkantonen, ihrer Bewaffnung und Kampfart, dass einem ist wie im Traume; von dem Urner Signalhorn (dem Stier von Uri), das eine ganze Schlacht übertönen und so fürchterlich klingen soll, dass in früheren Kriegen die feindlichen Feldherrn immer sehr den Eindruck auf ihre Truppen gefürchtet haben; von den Morgensternen (hier Fidelis-Prügel genannt, weil der h. Fidelis mit einem Streitkolben erschlagen ist), mit denen ein Teil der Schwyzer bewaffnet ist, und die sie im Handgemenge mit so großer Kraft zu brauchen wissen, dass von jedem Schlag ein Mann fällt; von den langen Flinten der Unterwaldner und Walliser Scharfschützen, die durch die Felslücken gesteckt werden und tausend Schritt weit tragen sollen. Kurz, es ist alles wie in einem fabelhaften Traume, aus dem man aber leider nicht erwachen kann. Die Jesuiten gehn überall als Feldprediger mit.
Flüchtlinge kommen im ganzen wenig, es scheint ein Grundsatz der Sonderbündler zu sein, ihre Kinder und Kranken nicht ins Ausland, sondern in die Berge zu flüchten, um desto mehr Grund zum äußersten Widerstände zu haben. Die Frauen gehen fast alle mit ihren Brüdern, Männern, Vätern, um die Verwundeten zu pflegen, und bei Hauptschlachten, hinter dem Heere aufgestellt, die Ihrigen zu ihrer Verteidigung aufs äußerste zu treiben.
Heute haben wir den Neunten, morgen sollen die Feindseligkeiten beginnen, und zwar an der Grenze von Freiburg. Gott schütze das Recht! Hier in Baden gibt’s nur eine Stimme, für den Sonderbund, und zwar von Unfrommen wie von Frommen, da die armen kleinen Kantone ebenso wohl für ihre Freiheit wie für ihren Glauben fechten und die Jesuitenfrage von den großen offenbar nur vom Zaune gebrochen ist, um bei dieser Gelegenheit die kleinen einzuschlucken.
Genug hiervon, sonst frisst die Schweiz mein ganzes Blatt auf, und Du liest wohl alles besser in den Zeitungen. Liebe Mama, sollte es denn wohl wirklich wahr werden, dass im nächsten Sommer eins von den Onkels oder Tanten hieherkäme ? Es sind nun so viele, die uns Hoffnung gemacht haben; es wäre doch gar zu betrübt, wenn wir am Ende doch wieder ganz leer ausgingen. Lieber Onkel Karl, lass doch deine Dahlien einmal ein wenig allein. Du musst mir ja die schöne wunderliche Muschel bringen, die in Abbenburg für mich liegt, sonst weiß Gott wann ich sie bekomme, da ich gewiss noch anderthalb Jahre hier bleiben muss, denn ich soll im nächsten Sommer hier Ameisenbäder gebrauchen und darf dann nicht mit dem Winter wieder in unser Klima einrücken. Lieber August, Ihr seid ja doch so viel auf den Rädern, Du und Tante Dine, rutscht doch auch einmal hieher. Ach, ich wollte Ihr kämt alle, wir sehnen uns nach allen, Jenny und ich. Liebe Mama, kannst Du denn keinem von allen so gut zureden, dass er Dich hieher begleitet?
Adieu, liebstes Mütterchen, sage doch allen das Herzlichste von mir, meiner lieben alten Sophie, den Hinneburgern, Wehrenschen, Herstellern; ich kann nicht alle einzeln hinschreiben, aber ich denke an jeden einzelnen, auch in Erpernburg, Wewer, Tienhausen, Vörden, überall meine besten Grüße, Anna und meine alte Male sind ja noch wohl bei Euch. Ich wollte, ich könnte nur auf eine Viertelstunde zwischen Euch sitzen. Adieu, ich küsse Deine liebe Hand.
Deine gehorsame Tochter Nette
Meersburg, 8. November 1847
Sie sehn, Lies, wie schlecht es mit meinem Schreiben geht, 2-3 Zeilen im Tage, aber heute muss etwas gewagt und geleistet werden, denn unser Heinrich, von München abgehend und über Meersburg reisend, um Mama auf ihrer Heimreise zu begleiten, ist schon vor drei Tagen angekommen, und wieder nach drei Tagen (am 10.) steht mir die harte Stunde der Trennung bevor. Von meiner Mitreise kann keine Rede sein; habe ich wirklich noch Jahre zu leben, so müssen wenigstens die nächsten und gefährlichsten in diesem Klima durchvegetiert werden. So sagen wenigstens die Ärzte und andere auch, selbst Mama.
Es ist sehr hart, von einer 74jährigen Mutter zu scheiden, vor allem, wenn man selbst krank ist. Das Wiedersehn ist eine Durchfahrt zwischen Scylla und Charybdis. Mein einziger Trost ist die ziemlich offenliegende Notwendigkeit, Jennyn eine recht nahstehende Gesellschafterin zu lassen. Sie leidet, obwohl 1 1/2 Jahr älter als ich, doch an denselben Erschütterungen einer körperlichen Veränderung, wird, wie ich, noch Jahre lang mehr oder minder damit zu kämpfen haben, und grade bei ihr macht die Seelenstimmung alles aus; ein lieber Besuch, ein freies Ausströmen ihrer Gefühle macht sie auf der Stelle gesund, das Gegenteil mehr oder minder rückfällig in ihre leidenden Zustände. Jetzt ist sie gottlob ganz wohl; Laßberg auch, nur hinfällig und überaus gütig gegen mich.
Lieb Lies, wie unterhalten wir aber fortan unsre Verbindung, da ich nicht schreiben kann? Als erste Maßregel werde ich mein liebes Mütterchen bitten, jede Nachricht von hier Nannyn oder Luischen zukommen zu lassen; eine direkte Korrespondenz würde mir noch passender scheinen, wenn ich nicht überzeugt wäre, dass Sie auf diese Weise unendlich weniger erfahren würden. Denn Mama wird selbst zu den guten Kindern gehn, und dann erzählt sie recht gern und umständlich, während sie selbst sehr ungern, und, weil es ihr so schwer wird, nur kurz schreibt.
Dass ich gern mitunter einen Brief von Ihnen, mein altes, mir immer gleich teures Herz, sähe, brauche ich nicht zu sagen, aber ein Brief, auf den man vielleicht erst nach einem halben Jahre Antwort erwarten kann, ist ein Opfer. Wollen Sie es mir zuweilen bringen, um unsrer Liebe willen, die doch wohl stärker ist als Krankheit und Tod? Und in die Briefe, die fortan wieder von hier an Mama abgehen, einige versiegelte Zeilen an Sie einlegen, dies werde ich doch hoffentlich immer können, und unsre lieben Münsterkinder besorgen sie Ihnen dann, wären es nur die paar Worte: “Ich lebe noch, und habe Sie sehr lieb”.
Meersburg, 7. August 1847
Im Namen der allerheiligsten Dreifaltigkeit!
Da niemand die Stunde seines Todes voraus weiß, und mich, Endesunterschriebene, Anna Elisabeth, Freiin von Droste zu Hülshoff, meine Gesundheitsverhältnisse veranlassen, ein vielleicht schleuniges Ende zu befürchten, so verordne ich hiermit, hinsichtlich meiner Nachlassenschaft, dass, falls sich kein späteres Testament vorfindet, meine beiden lieben einzigen Geschwister, nämlich: mein lieber Bruder, Werner Konstantin, Freiherr von Droste zu Hülshoff, und meine liebe Schwester, Maria Anna, Freifrau von Laßberg, geborene Freiin von Droste zu Hülshoff, als meine alleinigen Erben eintreten sollen, jedoch in folgender Weise, dass
§ I
alle Teile meines Vermögens, die sich innerhalb der preußischen Staaten befinden, mögen dieselben in Kapitalien, liegenden Gründen, Gebäuden, Pretiosen, Mobilien, Kleidungsstücken, Silbergerät, Kunstgegenständen oder anderweitigen Gegenständen oder Anforderungen bestehen; meinem lieben Bruder, Werner Konstantin, Freiherrn von Droste zu Hülshoff, zufallen sollen, wogegen derselbe die Kosten meines Leichenbegängnisses zu tragen hat, welches ich aber so einfach einzurichten bitte, als mein Stand es irgend erlaubt. Dagegen sollen
§ II
alle Teile meines Eigentums, welche sich außerhalb der preußischen Staaten vorfinden, mögen dieselben nun in Kapitalien, vorrätigem Gelde, Anforderungen, liegenden Gründen, Gebäuden, Pretiosen, Silbergerät, Kunstgegenständen, Mobilien, Kleidungsstücken, oder unter welchem Namen sie sonst zu begreifen sind, bestehen, meiner lieben Schwester Maria Anna, Freifrau von Laßberg, geborene Freiin von Droste zu Hülshoff, zufallen.
§ III
Was der (sic) Ertrag etwaiger nach meinem Ableben erfolgender Ausgaben meiner Schriften betrifft, eine Einnahme, deren vielleicht sehr geringen, vielleicht auch sehr bedeutenden Betrag ich gegenwärtig noch durchaus nicht anzuschlagen vermag, so wie dieser Artikel auch keiner der beiden oben bestimmten Abteilungen zufällt, indem ich mit keinem Verleger dahin bezügliche Verträge geschlossen habe, noch auch zu schließen gedenke, so dass die Wahl des Ortes und Staates, in denen diese Herausgaben erfolgen würden, meinen Erben völlig frei stehen wird, so bitte ich meine lieben Geschwister diese etwaige Einnahme zu teilen.
§ IV
Schließlich bemerke ich: dass, da ich sowohl meine Sammlung geschnittener teils antiker, teils neuerer Steine, als auch mein Album, enthaltend Malereien und Handzeichnungen, auf Reisen mit mir zu führen pflege, von diesen beiden Artikeln, wo auch immer der Ort meines Ablebens sein möge, die geschnittenen Steine meinem lieben Bruder, das Album jedoch meiner lieben Schwester zufallen sollen.
Vorstehendes habe ich dreimal eigenhändig geschrieben, unterschrieben, und mit meinem Familienwappen versehen, und von diesen drei Exemplaren das eine beim Großherzoglich Badischen Amtsrevisorat Meersburg hinterlegt, die beiden andern aber meinen beiden lieben Geschwistern und Erben zustellen lassen.
Meersburg, 21. Juli 1847
Anna Elisabeth, Freiin von Droste zu Hülshoff
Es ist Ihnen beim Anblicke dieser Zeilen wohl zumute, als hörten Sie eine Stimme aus der andern Welt. So schlimm ist es indessen nicht; ich bin lebendig und leide wenig, aber schwach, schwach!
Jetzt ist es fast ein Jahr, dass ich meine Spiegelei nicht anders verlasse, als um bis zur grünen Bank auf dem Hofe zu schleichen. Mein Gehen ist so gut wie gar nichts mehr. Schreiben bringt mich nach wenigen Zeilen einer Ohnmacht nahe. Lesen darf ich nur mit großer Vorsicht ab und zu ein kleines Gedichtchen, oder einen kurzen Zeitungsartikel. Im übrigen ist mein Schlaf, wenn nicht gut, doch zur Notdurft hinreichend, Appetit dito; fieberhafte oder schmerzliche Zustände nicht vorhanden; Stimmung heiter; Aussehen ganz erträglich; und endlich der langen Rede kurzer Sinn, dass nach der Aussage aller meiner Ärzte (ich bin jetzt schon in den Händen des dritten) durchaus nicht krank sein soll, nicht mal nervenleidend, sondern nur grenzenlos nervenschwach. Und dieser miserable Zustand (sein Anfang liegt in meiner zu frühen Geburt, seine gegenwärtige Steigerung in meinen fünfzig Jahren) soll mehrere Jahre, in denen ich nur vegetieren darf, anhalten, und dann? Nun, dann soll hintennach alles charmant und mir Gesundheit (soweit die Altersschwäche), Denkfreiheit (so weit die Altersstumpfheit) und sogar die Erlaubnis zu schreiben (soweit die Großmamas Brille es erlaubt) zuteil werden. Sind das nicht glänzende Aussichten?
Zudem glaube ich nicht mal daran, nicht mehr als an den Juden-Messias. Aber das glaube ich selbst, dass unter günstigen Umständen (d. h. wenn ich mich behandle wie eine Seifenblase oder ein weiches Ei und kein Unglück von außen auf mich einstürmt) die Geschichte sich noch lange, lange hinspinnen kann. Doch wie Gott will! Ich bin jede Stunde bereit und meinem Schöpfer sehr dankbar, dass er mir durch das beständige Gefühl der Gefahr einer vollkommene Befreundung mit dem Tode, sowie, durch eben dieses Gefühl, eine doppelt innige und bewusste Freude an allen, auch den kleinsten Lebensfreuden, die mir noch zuteil werden, gegeben hat.
Sie dürfen deshalb nicht meinen, mein liebes liebstes Herz, als ob Ihr Brief und Ihre lieben Geschenke mir weniger Freude gemacht hätten als sonst. Sie haben mich mehr als gefreut, tief gerührt, aber antworten konnte ich nicht und hatte auch niemanden, der es statt meiner getan hätte. Jenny litt wieder wochenlang, und mein Mütterchen war durch Sorge um uns beide so angegriffen und nervenschwach, dass ich nicht weiß, wen von den beiden armen Seelen ich am unliebsten hätte anstrengen mögen, und von den Kindern ist, in dieser Art, noch gar nichts zu haben.
Es sieht mit ihrem Schreiben noch erbärmlich aus; langsam wie Schnecken, und dann Krähenfüße und vier Wörter auf die Zeile; Jenny lässt sie alle ihre Zeit auf jene Unterrichtsstunden verwenden, zu denen die Gelegenheit vorübergehend, oder auch wegen zu großer Kosten vielleicht in späteren Jahren nicht durchhaltend zu benutzen wäre. So sind sie schon recht hübsch voran im Zeichnen, Klavier, Französischen et cet. und recht schmählich zurück in allem Notwendigerem, aber allerdings unter Jennys eigner Leitung leicht Nachzuholendem.
Ach, Lies, es ist recht betrübt, dass wir wirklich bereits genötigt sind, in allen Dingen Vorbereitungen auf eine Zeit zu treffen, an die wir so ungern denken mögen, aber der gute Laßberg nimmt gar zu sichtlich ab, und alles Körperliche an ihm, Gesicht, Gehör, Gedächtnis, Muskelkraft, alles geht jetzt mit seinen 77 Jahren gleichen Schritt, wo nicht noch etwas vor; nur sein Geist und seine Heiterkeit haben keine Abnahme erlitten oder erleiden höchstens nur momentane, wenn er sich, wie man zu sagen pflegt, mal so recht selbst fühlt.
Meersburg, 20. Juli 1847
Ich bin jetzt eigentlich hergestellt, aber noch ungeheuer schwach und reizbar, kann noch keine drei Seiten nacheinander lesen, und dieser ist mein erster Brief, an dem ich gewiss schon 14 Tage lang schreibe — Sehn Sie, Lies, dass ich doch immer mehr für Sie tue, als für jeden andern? Aber es ist auch ein miserabler Brief! ein bloßes Krankheitsbulletin! Ich habe gedacht, das Lies hat mich lieb, ängstigt sich um mich, und für dieses Mal sind ihr genaue Nachrichten mit zuletzt beruhigendem Schlüsse lieber als die schönsten Literaria.
Übrigens kommen mir dergleichen auch weder zu Ohren noch Gesicht. Lesen darf ich ja noch nicht, habe seit meiner Ankunft (2. Oktober) mein Zimmer nicht verlassen und nehme außer der Salm durchaus keinen Besuch an. Dennoch habe ich Gesellschaft genug in meiner Spiegelei. Laßberg kömmt jeden Nachmittag auf eine Stunde, und Mama und Jenny bringen regelmäßig die Abende bei mir zu. Dann wird aber alles Aufregende im Gespräche vermieden, und ich höre, auf einen großen Lehnsessel an der Schattenseite des Ofens gekauert, ganz behaglich an, was von Tagesbegebenheiten, kleinen Abenteuern auf Spaziergängen et cet. vorgebracht wird.
Überhaupt langweile ich mich gar nicht; meine Phantasie arbeitet nur zu sehr, und ich muss aus allen Kräften dagegen ankämpfen. Jede etwas unebene Stelle an der Wand, ja, jede Falte im Kissen bildet sich mir gleich zu mitunter recht schönen Gruppen aus, und jedes zufällig gesprochene etwas ungewöhnliche Wort steht gleich als Titel eines Romans oder einer Novelle vor mir, mit allen Hauptmomenten der Begebenheit. Sie sehn, wie überreizt ich noch bin. Gott! dürfte ich jetzt schreiben (d. h. diktieren), wie leicht würde es mir werden! Aber wie bald würde ich auch wieder alle Viere von mir strecken!
Meine Spiegelei ist ganz reizend, heizt sich vortrefflich, fasst jeden Sonnenblick auf und ist durch den Widerschein des Sees selbst in den trübsten Tagen immer hell. Dazu vor mir auf dem Tische immer ein paar Töpfe in voller Blüte aus dem Treibhause. Wenn ich aufstehe, der immer lebendige, oft himmlisch beleuchtete See mit seinen Fahrzeugen und die Alpen. Ich spüre auch gar nichts vom Winter und freue mich deshalb auch gar Sicht auf den Frühling mit seinem garstigen Äquinoktium, was mich immer krank macht, um so weniger, da ich doch vor dem Eintritt beständiger Sommerwärme (etwa um das Ende Mais oder anfangs Juni) das Zimmer nicht verlassen soll.
Lieb Herz, ich habe eben Ihren Brief durchsehn, und will beantworten soweit meine Wissenschaft reicht … [zehn Zeilen von fremder Hand unleserlich gemacht]
Meersburg, 4. - 16. Februar 1847





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