Kategorie: 1847



aus: 1847, Briefe an Elise Rüdiger, Meersburg

Ich machte mich in der letzten Zeit stärker als ich war, um Paulinens Widerstand zu besiegen, die mich nicht begleiten konnte (weil ihr ein junges Mädchen in den Ferien anvertraut war) und mich mit großer Liebe und Sorge entließ; sie hatte alles getan, mir die Reise zu erleichtern, mir alle Karten für Dampfboote und Eisenbahnen, sogar für den Omnibus bis Freiburg verschafft (diese Anstalten stehn miteinander in Berechnung) und zugleich ein Empfehlungsschreiben vom Direktor der Kölnischen Dampfschiffahrt, was an sämtliche Wagen- und Schiffkondukteure gerichtet, ihnen jede Rücksicht für mich auf die Seele band, so bin ich übergekommen fast so bequem wie in meinem Bette (d. h. bis Freiburg) — die Herrn Kondukteure führten mich immer gleich in den Pavillon, nahmen andern Kanapees ihre Kissen, um es mir bequem zu machen, versorgten mein Gepäck, banden mich den Marqueurs so eng aufs Gewissen, dass fast jede Viertelstunde einer kam, nachzusehen, ob ich etwas bedürfe, und wenn wir angekommen waren, ließen sie mein Gepäck gleich auf das morgige Dampfboot bringen und führten mich selbst an den Omnibus.

Auf der Eisenbahn ging es ebenso, ich bekam beide Male einen Waggon für mich allein, und fast bei jeder Station erschien ein Gesicht am Wagenschlage, um zu fragen ob ich etwas bedürfe — und doch hat dies alles meine Reise nur unbedeutend verteuert, die Kondukteure nahmen nichts und meine männlichen Wartfrauen waren am Rheine mit einem Gulden, weiterhin schon mit 30 Kreuzern, überglücklich.

Sie sehen, lieb Lies, ich bin wie in einem verschlossenen Kästchen gereist und habe (außer meinen lieben Wartfrauen) kein fremdes Gesicht gesehn, nicht mal in den Gasthöfen, wo ich mir gleich ein eigenes Zimmer geben ließ, wenn ich auch nur eine halbe Stunde blieb; so fühlte ich mich in Freiburg so wenig erschöpft, dass, statt (wie früher beschlossen) Extrapost zu nehmen, ich mich dem Eilwagen anzuvertrauen beschloss, obwohl er abends abging.

Meine Empfehlungen waren zu Ende, aber mein Glück verließ mich auch hier nicht, ich hatte bis Mitternacht einen Beiwagen ganz für mich allein, dann muste ich freilich in den allgemeinen Rumpelkasten, voll schnarchender Männer und Frauensleute, die brummend und ächzend zusammenrückten, als ich mich einschob; dann ging das Schnarchen wieder an, ich allein war wach bei dieser scheußlichen Bergfahrt und merkte allein, wie den Pferden die Knie oft fast einbrachen und der Wagen wirklich schon anfing rückwärts zu rollen. Mein Vis-a-Vis stieß mich unaufhörlich mit den Knien und die Köpfe meiner Nachbarn baumelten an mir herum. Doch gottlob nicht lange!

Es war noch stockfinster, als wir mit der Post nach Konstanz zusammentrafen, und siehe da, meine ganze Bagage kugelte und kletterte zum Wagen hinaus, und ich war wieder frei! frei! und machte mir ein schönes Lager aus Kissen und Mantel, auf dem ich es sehr leidlich aushalten konnte, bis nach Stockach, wo ich um zehn ankam, gleich Extrapost nahm und in Meersburg die Meinigen noch bei Tische traf.

Sehn Sie, lieb Lies, dies ist mein Reiseroman, einen so ledernen haben Sie wohl Ihre Lebtage nicht gelesen. Hier war große Freude über meine Ankunft, aber auch große Bestürzung über mein Aussehn, ich musste gleich zu Bette und zwei Ärzte annehmen (einen aus der Stadt und den sehr geschickten Brunnenarzt von Überlingen) — da habe ich denn viele Medizin geschluckt und bin immer elender darnach geworden, zuletzt so nervenschwach, dass mir jedes Wort klang wie eine Posaune, und zuweilen im Stockfinstern mir das Zimmer für einige Sekunden erleuchtet schien wie vom grellsten Sonnenschein, und ich die kleinsten Gegenstände genau unterscheiden konnte; zudem nahm mein Magen mich gar nichts mehr an, selbst Wasser und Haferschleim musste ich sogleich wieder von mir geben, und dabei immer Fieber und Beklemmungen, immer halb tot husten, Ach Lies! ich war schrecklich elend, und wünschte auch gar nicht wieder besser zu werden, nur tot! tot!

Endlich erklärte der Brunnenarzt: “Mir tauge keine Medizin — ohne Ausnahme — ich sei in allen innern Teilen völlig gesund, aber meine Nerven in einem Zustande der Überreizung, wie ihm noch nie vorgekommen, — er habe mir Dosen gegeben wie sie für ein eben geborenes Kind passten, und ich habe die ihnen entsprechenden Zufälle bekommen, als ob er mich mit ganzen Pfunden vergiftet hätte”. Er fügte hinzu, “könnte ich an Homöopathie glauben, so wäre dies das einzige, was ich bei Ihnen anwenden möchte, aber so leben Sie wenigstens homöopathisch. Ich sage jetzt aus voller Überzeugung, dass Ihr natürlicher Widerwillen gegen Gewürze, Wein et cet. Ihr größtes Glück gewesen ist, und Ihre Hartnäckigkeit, 17 Jahre lang keine Arznei zu nehmen, das Klügste, was Sie tun konnten - ich kann Ihnen nichts verordnen als die möglichste geistige und körperliche Ruhe, liegen Sie ganz still — Schlafen? — so viel Sie irgend können — Denken? wo möglich gar nicht, oder nur Angenehmes, was Sie nicht aufregt. So werden Sie sich wahrscheinlich allmählich von selbst erholen” - und so ist es auch gekommen.

Meersburg, 4. - 16. Februar 1847

aus: 1847, Briefe an Elise Rüdiger, Meersburg

Kinkel war (Ende September) wieder gesund und in voller Tätigkeit, seine Johanna aber hätte man steinigen mögen, weil sie den nagelneuen Streit zweier Frauen aus geachteten und mit halb Bonn verwandten Familien auf die skandalöseste Weise als Novellenstoff verarbeitet hatte. Die Indiskretion des Federviehs ist doch heutzutage wahrhaft scheußlich! Meine Charakteristik im “Jahrbuche” mag auch ein rares Stückchen sein, da sich der gute Kühnast so daran geärgert hat! Sie können wohl denken, dass ich es nicht gelesen, und wahrlich keine Lust dazu habe. Bädeker hat mir das Buch geschickt, d. h. nach Hülshoff. Werner schickte mir den Brief, behielt aber das versiegelte Paket bis auf weitere Ordre zurück; dort mag es ruhn bis zum jüngsten Tage! Hier ist es gottlob eine Terra incognita, wie überhaupt alles Norddeutsche, was sich nicht durch hervorragendes Talent Bahn brechen kann.

Lieb Lies, mein Entschluss, mich von allen literarischen Bekanntschaften (außer von Ihnen) immer mehr zurückzuziehn, wird immer fester, so wie der, niemals eine Rezension oder kritischen Aufsatz zu lesen. Sie sind, bei der jetzigen Parteiwut und den überhand nehmenden persönlichen Antipathien und Sympathien immer einseitig, parteiisch und sehr häufig nicht einmal im Einklange mit dem eignen Urteile des Schreibers, der nur seinem Freunde zuliebe versucht, ob es ihm gelingen will, irgend einigen dummen Teufeln von Nachbetern Schwarz für Weiß vorzumachen. Das ist doch kläglich! Und doch wird manches sonst gesunde Urteil dadurch für Augenblicke konfus gemacht, obwohl es nicht nachhält, und jeder doch kauft und liest, was ihn freut, und liegenlässt, was ihm, trotz allen Lobpreisungen, nicht zu Gemüte will. …

Sie fragen mich, ob Sie zu einer gewissen Zeitung zurückkehren sollen? Meine Antwort kömmt so spät, dass Ihr Entschluss gewiss jetzt längst gefasst und ausgeführt sein wird, sonst würde ich sagen: “Wenn Sie einen andern Ausweg haben, tun Sie es nicht! Doch ist nicht gar viel mehr dabei.” Gewisse Spannungen kommen selbst mir jetzt völlig veraltet vor, wieviel mehr einem viel schwächeren Gedächtnisse, dem sie fast antediluvianisch erscheinen werden, doch gibt es ein sehr starkes und feindliches Gedächtnis, das sich vielleicht diese Gelegenheit nicht würde entgehen lassen, sich über Indelikatesse, Taktlosigkeit et cet. halbtot zu wundern. Doch ist Ihnen vielleicht an dem Urteile zweier Menschen nicht viel gelegen, und über ihr Tete-a-Tete hinaus wird die Verwunderung keineswegs reichen.

Und nun adieu, mein teures teures Herz! Sollte ich Ihnen alles Liebe sagen, was mir Mama und Laßberg aufgetragen, so müsste ich wenigstens noch eine Seite Raum haben. Sie bleiben der Liebling, obwohl Ihr Mütterchen und Tante Minna auch sehr gefallen haben, ersteres hat man noch bildschön und beide höchst liebenswürdig gefunden. Adieu, lieb Lies, mit immer gleichem Herzen Ihre treue Nette.

[Am Rand] Meine schönsten Grüße an Rüdiger. Ich ende diesen Brief am Fastnachtsdienstage, und habe doch täglich daran geschrieben — Sehn Sie, wie lieb ich Sie habe!

Meersburg, 4. - 16. Februar 1847

aus: 1847, Briefe an Elise Rüdiger, Meersburg

Mein lieb lieb Lies! Ich wage es, einen Brief an Sie anzufangen — jeden Tag einige Zeilen, da muss es doch endlich etwas geben. Mein Gott! wie ist doch in Münster die Trennung der Gesellschaften so groß! Dass auch nicht einer Ihrer Bekannten erfahren hat, wie elend krank ich gleich nach meiner Mutter Abreise geworden bin, und dass nur die äußerste Not, die allerseitige Überzeugung, dass ich in diesem Zustande keinem westfälischen Winter entgegengehn dürfe, meine nachträgliche Reise wie alles Notwendige auch möglich gemacht hat — denn Sie müssen wissen, dass ich Hülshoff in einem Zustande verlassen habe, wo ich keine halbe Stunde außer dem Bette sein konnte, ohne ohnmächtig zu werden. Doch ging die Reise leidlich; hier brach aber das Übel erst recht los, ich bin mehrere Monate völlig bettlägerig gewesen und noch immer sehr schwach. Dies ist mein erster Versuch zum Schreiben, doch ich habe bis zu Ihrem anberaumten Geduldstermin noch viele Zeit vor mir, noch fast vier Wochen, so hoffe ich sogar etwas weitläufig werden zu können.

Ja, lieb Herz, alle meine schönen Träume von Rüschhauser Einsamkeit, Harfenruhe und Abendrot haben kaum ein paar Tage lang einen schwachen Anlauf zur Realität nehmen können, dann war es vorbei. Die Spannung der letzten Zeit hatte mich aufrecht erhalten, und nun fiel ich zusammen wie ein Taschenmesser. Miserabel! 6-7 Mal im Tage Erbrechen — ein erstickender Husten und Schleimandrang — immer Fieber — kein Schlaf. Der gute Kühnast, der wenige Minuten vor Mamas Abfahrt nach Rüschhaus gekommen und somit, da wir alle zu verwirrt und angegriffen waren, um unsre Worte zu wägen, hinter das Geheimnis des Inkognitos gekommen war, musste sich dennoch behandeln lassen, als sei von allemdem nichts passiert, ich ließ ihm nämlich in der nächsten Woche sagen, “er möge mir keine Bücher mehr schicken, da ich sogleich nach Hülshoff abfahren werde” — und er hat’s geglaubt, was mir sehr lieb war, denn ich hätte ihn sehr ungern beleidigt, und noch unlieber weh getan, und war doch viel zu elend, Besuche anzunehmen, am wenigsten von Herrn.

Werner, dem ich Nachricht von meinem Befinden geschickt und dem sein armes Bein nicht zu kommen erlaubte, schien, bedeutend ungläubiger (kein Prophet in seinem Vater-Lande respektive -Hause!), alles für Schulkrankheit zu halten (Hülshoff hier die zu schwänzende Schule), und riet Diät, Verlassen der Einsamkeit und vor allem Bewegung an. An letzterer habe ich mich dann auch in der ersten Zeit halb tot exerziert, bis ich umfiel, und endlich das Bett völlig hüten musste. Ach, lieb Lies, da war Rüschhaus gar kein liebes heimliches Winkelchen mehr! Ich sah den ganzen Tag nur die niedrigen Balken meines Schlafzimmers, und außer dreimal im Tage sah keine Seele nach mir, da die Ernte im Gange war und auch die Köchin viel daran half — sonderlich nachmittags, wo sich das Gemüse-Aufwärmen und Saure-Milch-Aufsetzen in einer Viertelstunde abmachen ließ, war von eins bis sieben das Haus ringsum verschlossen, ich mutterseelen allein darin, fiebernd und würgend, bedurfte ich etwas Unvorhergesehenes, so musste ich aus dem Bette klettern und mir selber Rat schaffen, oder, wenn ich grade im Fieberschweiß lag, geduldig aushalten bis zur Erlösungsstunde.

Ich habe dies in meinem Eremitenleben sonst auch schon mitgemacht, aber nicht krank — dann freute ich mich dieser tiefen Einsamkeit, da mir Küche und Keller ja offen standen und ich im Notfalle an der steinernen Gartenbank meine Leute sehr leicht errufen konnte, aber jetzt kam ich mir oft vor wie ein armer Soldat, der sich auf dem Schlachtfelde verblutet. Freilich war das meine eigne Schuld, ich hätte ja nur Jennchen oder Anna zu Hause behalten können, aber die Leute sahen alle so eilfertig aus, rannten und schnauften so furchtbar, dass es mir gar nicht einfiel, jemand dem großen Werke zu entziehen. Lieber ging ich nach Hülshoff — nicht ohne Scheu vor Gottes neunfachem Segen dort.

Werner und Line empfingen mich an der Treppe jubelnd und spottend, dass die Langeweile mich endlich hergetrieben, wurden aber mäuschenstill, als ich so elend aus dem Wagen stieg, und nach einigen Minuten im Wohnzimmer ohnmächtig wurde. Man brachte mich gleich in meine Stube, und ich kann nichts anderes sagen, als dass ich bis zu meiner Abreise die sorgsamste zärtlichste Pflege dort genossen habe, doch ohne Erfolg für meine Gesundheit, da zu allem anderen noch die Cholerina kam, und endlich in eine vollständige Blutruhr überging. Sie können denken, wie mir nun erst völlig elend wurde. Werner riss sich fast die Haare aus dem Kopfe, dass ich keine Arznei nehmen wollte, und als die letzte schlimme Krankheitszugabe sich später verloren hatte und ich nun täglich etwa eine halbe Stunde aufsitzen konnte, kam meine Reise denn zur Sprache.

Ich sagte “nach Meersburg!” Werner meinte, “er wolle froh sein, wenn er mich nur bis Bonn hätte, dort sei auch schon Bergluft und sehr geschickte Ärzte”. Der arme Schelm war ganz betrübt, Reisen schien ihm eigentlich unmöglich, und Bleiben noch schlimmer. Er gab mir seinen Heinrich mit (der grade in den Münchner Ferien dort war) und fuhr selbst mit bis nach Münster, um zu sehn, wie mir das Fahren bekomme, aber das Rütteln tat mir wohl. In Münster legte ich mich gleich zu Bette und ließ Schlüters herüber bitten, nach deren Fortgehn ich dann zu Nanny und Luischen schicken wollte (es war fast finster, wie ich ankam), stattdessen kam Rosine Wintgen, die mich hatte vorüber fahren sehn, um mir aus Briefen ihrer Valencienner Schwestern endloses Lob der Meersburger mit auf den Weg zu geben, mir die Anzeige des “Rheinischen Jahrbuchs” zu bringen, und mich zu bitten, Maßregeln zur Unterdrückung meiner “Charakteristik” bei lebendigem Leib zu ergreifen - mir war dieser Gedanke ebenfalls höchst widrig an sich und gewiss allen den Meinigen ein gräulicher Skandal, so ärgerte ich mich tüchtig.

Schlüter kam allein mit seinem Vorleser, die Wintgen ging — und nun war es so spät, dass ich nicht mehr daran denken konnte, Nanny und Luischen noch herzubescheiden, so trug ich denn Schlütern auf, ihnen alles Liebe und Herzliche von mir zu sagen, und auch sonst alles — dass ich fort müsse, wie krank ich sei, wie gern ich sie noch gesehn hätte - und das alles möchten Sie Ihnen berichten, mit dem Zusatze, “dass Sie sich nicht wundern dürften, vielleicht ein halbes Jahr lang keinen Brief von mir zu erhalten, da jedes Bücken mir Erbrechen zuwege bringe, und das Übel jetzt viel zu dezidiert auftrete, als dass ich es noch ferner bravieren dürfte, so dass ich, bestenfalls, einer langen strengen Kur entgegen sehe”. Es scheint, Schlüterchen hat alles vergessen und mich wahrscheinlich gar nicht so krank gefunden, da er mich ja nicht sehn konnte, und ich zum Abschiede lebhafter sprach als mir gut war. Auch für Kühnast gab ich ihm einen Gruß und Dank für so manche Gefälligkeit mit — wird auch wohl nicht angekommen sein! Doch ich muss mich kürzer fassen.

Der Weg bis Bonn wurde mir recht schwer, hätte ich den Heinrich nicht bei mir gehabt, der mich fortwährend im Arme hielt, und überhaubt pflegte wie eine Wartfrau, ich wäre im ersten besten Dorfe liegengeblieben, er verließ mich mit der Überzeugung, dass ich in Bonn bleiben werde, was auch Pauline, deren Empfang rührend herzlich war, als ausgemacht annahm.

Ich blieb fast 14 Tage in Bonn.

Schückings ließen zu meiner großen Erleichterung nichts von sich hören, obgleich fast unmittelbar, nachdem ich angekommen, meine Ankunft und wahrscheinlich längerer Aufenthalt in der (ich glaube gar Kölner Zeitung) stand. Reden hört ich aber mitunter von ihnen, sie wird schön gefunden und in jedem Betracht bedeutender als er, beliebt scheinen beide nicht, sie gelten für kalt, aufgeblasen, und man zuckt sehr bedenklich die Achseln über ihren gewaltigen Aufwand. Als Autoren betrachtet scheint Cottas gegen sie ausgesprochene Ansicht auch am Rheine die allgemeine zu sein.

Mir wurde in Bonn besser, oder wenigstens bequemer, die inneren Krämpfe fingen an sich, nach Fieberart, auf gewisse Stunden zu beschränken, wo sie freilich um so ärger hantierten, ich gewann aber freie Zeit, wo ich sogar aufstehn und Besuche sehn konnte. Junkmann besuchte mich dreimal — Sie haben Recht, er ist der alte reine Charakter geblieben, aber ich fürchte, er geht bürgerlich zugrunde; er hat jeden Gedanken an ein Doktor-Examen und überhaupt eine feste bürgerliche Stellung aufgegeben und exaltiert sich in der Idee, als freier Literat die Hydra des Zeitgeistes zu bekämpfen — freier Literat! das ist die grade Straße zum Bettelstabe! wenigstens für ihn, dem Fruchtbarkeit und populäre Schreibart so gänzlich fehlen, gewiss!

Ich machte ihm die beweglichsten Vorstellungen, auch von Schlüters Seite, der mich eigens dazu beauftragt, “doch zuerst, und zwar gleich, ehe er alles vergessen, sein Examen zu machen, um jedenfalls einen Broterwerb im Hinterhalte zu haben”, er lachte aber so krampfhaft und wild, dass es mich ordentlich grauste, und rief: “Hoho! Brotstudium! Das sind mir die rechten Philister! Da erkenne ich das echte münsterische Pfahlbürgertum, wo ihr noch alle bis über die Ohren dadrin steckt! Ich bin aber seitdem mit vielen andern Leuten umgegangen und längst weit darüber weg. Im schlimmsten Falle kann ich ja alle Tage Kapuziner werden.” Dann zog er einen Fünf-Talerschein aus der Tasche und sagte: “Sehn Sie, das ist alles Geld, was ich noch habe, aber das macht mir nichts!” Und nun ging das krampfhafte Lachen und Herzählen seines künftigen glorreichen Wirkens, und wie er alles zu Boden donnern wolle, wieder an. Muss einem da nicht bange bei werden? Ich fürchte, wir erleben noch traurige Dinge an ihm! Es ist nicht möglich, das ein Körper dieser ewigen Aufgeregtheit, diesem furchtbaren Andränge von Ehrgeiz und Überspannung auf die Dauer widerstehn kann.

Ich bat ihn, zu Kinkel zu gehen, die bewusste Charakteristik im Manuskripte zu durchlesen und, falls sie nicht diskreter sei, als sich überhaupt von der Charakteristik einer noch lebenden Person erwarten lasse, Schücking in meinem Namen um Unterdrückung derselben zu bitten. Er teilte meine Ansicht von dem Widrigen dieser Schaustellung, ging aber keineswegs zu Kinkel und antwortete mir jedesmal ganz ruhig: “Ja! Sieh! Da habe ich nicht an gedacht!”, bis fast 14 Tage darüber verflossen, wo er mir dann eben so ruhig die Nachricht brachte, “er sei um ein Geringes zu spät gekommen, die Charakteristik komme eben aus der Presse”. An Entschuldigen dachte er nicht, war aber übrigens mitunter warm und herzlich wie immer, und nahm sehr bewegt Abschied von mir, als ich den scheinbar tollen Entschluss ausführte, ganz allein die weite Reise nach Meersburg zu unternehmen.

Ich fühlte mich sehr krank, glaubte nicht an Besserung und wollte bei den Meinigen sterben.

Meersburg, 4. - 16. Februar 1847