Kategorie: 1848
Ihr Brief, teurer Freund, kömmt in einem der Beantwortung allerungünstigstem Momente, wo ich mich zum Empfange der heiligsten Sakramente vorbereite, und jeden Augenblick den H. Dekan erwarte. Auch Laßberg will heute seinen österlichen Pflichten nachkommen; Hildel liegt noch zu Bette und war vorgestern so unwohl, dass Jenny die Nacht über bei ihr wachte. Jetzt ist sie wohler, jedoch noch bettlägerig, und kann nicht wohl schreiben. Zu großer Ermattung vom übermäßig schnellem Wachsen hat sich ein starker Katharr gesellt, doch ist’s nicht bedeutend jetzt mehr.
Das übrige in Ihrem Briefe enthaltene hoffe ich recht bald mündlich mit Ihnen besprechen zu können, da doch jetzt wohl nächstens völlige Ruhe und Sicherheit zurückkehren müssen, nach den letzten Ereignissen und dem entschlossenen Einschreiten der Regierung; jedenfalls fühlen Sie selbst, liebster Freund, dass dieser kein Moment ist wo ich meine Gedanken irgendwie äußeren Erörterungen zuwenden kann. Jenny und Laßberg sind ganz wohl.
Mit immer gleichen Gesinnungen
A.
Das bewuste Metall ist gestern angekommen, … ich habe es wohl verwahrt.
Meersburg, Frühjahr 1848, evt. 24. oder 25. März 1848
Wie froh bin ich, Dir mal wieder selbst schreiben zu können, mein lieb Mütterchen, und zwar nur Gutes. Wir sind zwar alle krank gewesen, aber auch alle glücklich entwischt. Mit Laßberg hielt es etwas lange an, sein Winterhusten hatte sich ungewöhnlich stark eingestellt, weil er im vorigen Sommer die Badekur versäumt, und nun kam die Grippe dazu und zog sich so in die Länge, dass er am Ende recht schwach dabei wurde. Seit 14 Tagen ist aber alles vorüber, und seine Kräfte nehmen noch rascher zu als sie abgenommen, so dass ich ihn jeden Tag wenigstens um ein halbes Jahr jünger geworden finde.
Jenny, die Kinder, Tony, Hohbach, Obsers Annchen, alle die Grippe! Von den Kindern Gundel am stärksten, doch haben sich beide nachher sehr schnell erholt, Jenny hat sich zehn Tage im Bette und dann noch etwa acht Tage im Zimmer halten müssen, war eigentlich nicht viel krank, sondern mehr herunter vor Sorge um Laßberg und die Kinder und vor Mangel an Nachtruhe; wie das aufhörte, war sie auch bald wieder besser und ist jetzt gottlob ganz wieder die Alte, an Aussehen und Kräften.
Kurz, liebste Mama, Du brauchst Dich gar nicht zu ängstigen, um keinen von uns! Denn mit mir geht es auch viel besser; geht sollte ich zwar eigentlich nicht sagen, denn das Gehen ist noch immer der Stein des Anstoßes und wird es auch wohl bleiben, aber in allem Übrigen kann ich Gott nicht genug danken, wenn ich an meinen Zustand im vorigen Jahre um diese Zeit denke.
Liebe Mama, so eben schneidet mir Jenny mehr als die Hälfte von meinem Blatte weg. “Ich solle nicht so viel schreiben, sie könne es sonst nicht gut einlegen, und der Brief müsse auch fort.” Unsre Geschichte mit Zeerleder muss ich Dir aber doch noch erzählen; er war Sonderbündler, wurde in Luzern gefangen, nach etwa dreiwöchentlichem Gefängnis von der Militärbehörde (General Dufour) entlassen, mit der Warnung, sich sogleich aus der Schweiz fortzumachen, weil wahrscheinlich von Bern aus ihm eine viel schlimmere Anklage auf Landesverräterei und Spionerie (weil er gegen seinen eignen Kanton gefochten und heimliche Nachrichten zum Nutzen des Sonderbundes von dort eingezogen) bevorstehe. So kam es dann auch, er war aber zum Glück schon außer Landes. Wo? wusste niemand, bis er mit einem Male vor etwa vier Wochen hier bei uns eintraf. Laßberg empfing ihn sehr herzlich, und jedermann hielt ihn für sicher wie in Abrahams Schoße. Denke Dir also die Verstörung, als vor Tagen, wie schon alles im Bette war, zwei Herrn von unserm eigenen Gerichte, den Spiegel und ein paar Gendarmen hinter sich, Einlass verlangten und den Zeerleder in unserm Hause arretierten.
Laßberg erfuhr nichts davon, Jenny aber, die zufällig noch auf war, redete mit den beiden Herren, wo dann herauskam, dass seit lange ein Konkordat zwischen Baden und der Schweiz besteht, wonach sie sich gegenseitig Kriminalverbrecher und Landesverräter ausliefern, doch geschieht die Auslieferung nicht eher, bis von der andern Seite bewiesen ist, dass der Verhaftete wirklich zu jener Klasse gehört.
Da saß nun der arme Zeerleder im neuen Schlosse, im Bürgergefängnisse, und blies 14 Tage lang Trübsal. Laßberg ließ ihn mit allem Nötigen, Betten, Speise, Bücher et cet. versorgen und schrieb sogleich an den Markgrafen Wilhelm. Täglich besuchte ihn einer von uns. Wenn es regnete und schneite, Hohbach, bei besserem Wetter, Jenny, und bei gutem Sonnenschein habe ich mich auch ein paarmal vom Obser im Kinderwagen hinfahren lassen, obschon ich wohl hätte so weit gehn können, aber nicht ohne nasse Füße, da der Schnee zu hoch lag und zu stark am Auftauen war. Vorgestern ist nun endlich unser Verbrecher entlassen, auf den Grund mangelnder Beweise des Hochverrats.
Der Markgraf war so freundlich, Laßbergen schon einige Tage zuvor in einem wirklich herzlichen Briefe das günstige Unheil mitzuteilen. Zeerleder könnte nun nichts Klügeres tun, als sich fortmachen in’s Österreichische, da ja noch neue Klagepunkte in Menge bereit sind; aber er ist sorglos und ungeschickt wie ein Kind von sieben Jahren, versteht weder feine noch grobe Winke, und es würde mich gar nicht überraschen, wenn sie ihn hier zum zweiten Mahl packten. Er hat sich auch durch nichts bewegen lassen, seine Papiere und wertvollen Sachen aus Steinegg wegzuschaffen, und nun erfahre ich soeben, dass gestern alles mit Sequester belegt ist.
Nun adieu, liebste Mama, 1000 Liebes an alle, ich möchte so gern jeden einzeln nennen und für jeden einzeln ein paar Worte schreiben, aber man lässt mir ja weder Papier noch Zeit. Alte Sophie, August, Ludowine, Euch muss ich doch noch besonders grüßen, adieu, liebe Herzensmama,
Deine gehorsame Tochter Nette.
Meersburg, 27. Februar 1848
Lieber wertgeschätzter Freund und Vetter!
Ich weiß, dass mein langes Schweigen nach so vielen Beweisen Ihrer Güte und Ihres freundlichen Andenkens bei Ihnen keiner Entschuldigung bedarf. Sie haben gewiss keinen Augenblick an meinem lebhaftesten Wunsche, Ihnen zu schreiben, sowie an der bisherigen Unmöglichkeit, ihn zu realisieren, gezweifelt. Das fatale Herzklopfen! Es ist ein arger, obwohl jetzt fast mein einziger Tyrann, aber wie sich andre, allerdings schlimmere und vor allem schmerzhaftere Übel verlieren, nimmt dieses fast in gleichem Verhältnisse zu und hemmt mich so sehr in allem was ich unternehmen sollte oder möchte, dass ich manches Mal — z.B. eben heute — nicht umhin kann zu wünschen, lieber mehr leidend und weniger unfähig zur Erfüllung meiner liebsten Verpflichtungen zu sein.
Lieber guter Vetter! Wie hat mich alles erfreut und gerührt! Der Brief, in dem jedes Wort herzlicher Teilnahme einer Kranken so wohl getan hat; das Buch, das mir an jedem Morgen und Abende Trost gibt; die Blumen, an denen Ihnen so manche Erinnerung hängt, die ich jetzt gewissermaßen mit Ihnen teile, obwohl meine Phantasie schwerlich die rechten Farben treffen mag; das allerliebste Strohkistchen, das als ein Ihrem Wohnorte eigentümliches Produkt mir denselben gleichsam näher bringt; das sehr schöne Gemälde, in dessen Obersten ich nun einmal niemand andren sehen mag als meinen Freund, umso mehr, da eine gewisse Ähnlichkeit in Gestalt, Haltung, selbst in dem Allgemeinen der Züge gar nicht zu verkennen ist; die Autographen, die Sie teils mühsam für mich gesammelt, teils Ihrem eigenen Erinnerungsschatze entzogen haben, um mir eine Freude zu machen. Wahrlich, mein Freund, Sie verstehen es zu schenken, und jeder schon an sich schönen Gabe einen doppelten Wert zu verleihen.
Deshalb bin ich auch gar nicht verlegen um den Dank, für das, was nur die Hand gibt, mag man danken, was aber aus einem Herzen voll Güte und Teilnahme kömmt, steht über jedem Danke. Auch von den lieben Ihrigen kömmt mir so vieles Wohlwollen entgegen, und in Gestalt so schöner Gaben — sagen Sie Ihrer lieben Frau Gemahlin, wie sehr mich ihr Geschenk gefreut hat; einmal an sich, weil es so hübsch, zierlich und auch brauchbar ist, und dann doppelt als Arbeit ihrer eigenen Hand; und Ihrem Herrn Sohne sagen Sie, dass ich nie zuvor eine so überaus feine und saubere Zeichnung gesehen habe wie die seinige, dass sie eine Hauptzierde meines Albums und die Bewunderung aller Besucher ist, so wie sich jeder an dem hübschen Gedichtchen, das dem Bilde eine so freundliche Bedeutung gibt, freut, und ich natürlich am allermeisten.
Lieber Vetter, ich träume seit einigen Monaten sehr angenehm von einer kleinen Sendung nach Ansbach, wo ich mich auch gern kunstfertig zeigen möchte, namentlich im Ausschneiden aus schwarzen und weißem Papier, worin ich gar kein Lump bin, aber der liebe Gott macht mir täglich einen neuen Strich durch die Rechnung, indem er mich jeden Morgen so schwach und zu jedem Unternehmen unfähig aufstehen lässt als ich mich abends niedergelegt habe. Doch hoffe ich auf bessere Zeiten, die, nach der Versicherung der Ärzte, ja unfehlbar mit dem Frühlinge eintreten sollen, und kann es dann kaum erwarten, meine kleinen, leider halbvergessenen Künste für Sie und Ihre Lieben einmal wieder zu versuchen. Viel Rares wird es eben nicht werden, denn im Grunde sind meine Hexereien nicht weit her, aber dennoch freue ich mich unbeschreiblich auf diese kleinen Arbeiten. Wüsste ich mir nur etwas auszusinnen für Ihren großmütigen Freund, der mir den herrlichen Brief Gneisenaus geopfert hat! Sie begreifen, lieber Vetter, wie dieses Geschenk unter diesen Umständen mich rühren musste; und wie ich dem Geber gar, gar zu gern auch etwas Liebes und Freundliches erzeigen möchte — ich bitte, geben Sie mir einen guten Rat an die Hand — es hält so schwer, etwas auszufinden, das einem Blinden wirklich nützlich oder angenehm wäre. Vorläufig bringen Sie ihm meinen allerherzlichsten Dank und die Versicherung, dass ich den vollen Wert seines Geschenkes in jeder Beziehung fühle.
Lieber Freund, ich lege dem Exemplare meiner Gedichte (auf dessen Ankunft ich selbst habe lange warten müssen, da es einer Menge anderer, für meine Schwester bestimmter Gegenstände, die nicht schnell zusammenzubringen waren, beigepackt wurde) noch zwei Kleinigkeiten bei: ein regenbogenfarbiges Glöckchen und eine frühere Ausgabe meiner drei größten Gedichte, mit dem Anhange einiger geistlicher Lieder, die in der vollständigen Ausgabe nicht zu finden sind. Ich bitte Ihre Frau Gemahlin, dem bunten Spielzeug ein Plätzchen auf ihrer Etagere zu gönnen, es macht keinen Anspruch auf den Namen eines Geschenks, und soll nur ein freundlicher Gruß aus der Ferne sein.
Das kleine Buch geben Sie an einen derer, die mir durch Sie wert geworden sind, einen der lieben Ihrigen oder dem würdigen General. Was ich vorn hineingeschrieben, ist eine Bitte, die ich an jeden denselben richten möchte; so passt es für jeden.
Und nun, bester Vetter, muss ich schließen, es “tut’s halt nimmermehr!” — und kann Sie nur noch zuletzt herzlich, ja, aufs dringendste bitten, Ihren hohen Freunden den angegriffenen Zustand Ihrer Gesundheit nicht zu verhehlen, vielmehr recht klar und triftig vorzustellen, damit Sie zur Ruhe kommen, ehe Ihre gute Konstitution wirklich erschüttert ist und Ihrer im späteren Alter dauernde Unbequemlichkeiten warten. Sie sind gewiss diesen Herren allzu diskret, denn dass dieselben Sie sehr lieben, kann keinem Zweifel unterliegen, und was man liebt dafür sorgt man schneller, sobald man die Notwendigkeit einsieht.
Was sagen Sie zu den beikommenden Zeichnungen? Meine Schwester ist doch recht wohl zu erkennen, und mein Porträt soll noch ähnlicher sein. Die Kinder sind freilich nicht sonderlich gelungen — namentlich die Hildel. Gar zu gern hätte ich Ihnen die Bilder geschickt, aber mein Schwager wollte sich diese Freude nicht nehmen lassen und wird Ihnen auch dazu schreiben, so habe ich Ihnen und den lieben Ihrigen also nur von meiner Schwester herzliche Grüße und Dank zu überbringen.
Wir bringen hier den Winter ziemlich leidlich hin und freuen uns auf den Sommer, der den lieben Vetter Madroux wiederbringen wird. Nicht wahr, lieber Vetter, Sie glauben nicht, dass dieser ritterliche Mann uns sein Wort brechen könnte? Und nun leben Sie wohl, bis auf baldige schriftliche Nachricht und hoffentlich nicht zu entferntes Wiedersehn.
Mit den Gefühlen der höchsten Wertschätzung,
Ihre aufrichtige Freundin und Cousine
Annette v. Droste-Hülshoff.
Meersburg, 17. Januar 1848





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