1832 21.Oktober

Du hast gewiss schon diverse Male recht tüchtig auf mich geschimpft, mein Herzens-Onkelchen, d.h. innerlich raisonniert nun mal ganz sicher fortwährend, und ohne Zweifel ist auch mitunter etwas davon an den Tag gekommen – dennoch bin ich auch jetzt wieder, wie Herr Wilmsen sagt, schiere Unschuld und noch obendrein eine leidende Unschuld gewesen, d.h. leidend gewesen, verstehen mich Ew Gnaden nicht unrecht.

Meine Augen, die ohnedem weder jung noch schön sind, hatten vor etwa 14 Tagen den Einfall, sich durch Nervenschwäche interessant zu machen, es ging ihnen aber wie allen alten Schachteln, die zu diesem desparaten Mittel greifen, sie gefielen womöglich noch weniger als vorher, obgleich sie blühten wie die Rosen, und immer in sanften Tränen schwammen. Der schlechte Erfolg hat sie doch bald gewitzigt, sie sind in den alten Schlendrian zurückgekehrt, und es lässt sich jetzt wieder ganz leidlich mit ihnen auskommen — so kann ich denn doch auch mal wieder schreiben, und Dir, mein lieb gut Onkelchen, hundertmal und tausendmal danken für die schönen Sachen, die mir dein guter Werner überbracht hat.

Der kleine Carneol ist ein gutes Steinchen, man findet die Vorstellung der Ceres nicht häufig und es ist ganz acht antik — das in Elfenbein Geschnitzelte ist sehr hübsch, in so großem Format habe ich nichts, was so hübsch wäre, d.h. nichts Geschnitzelte, aber der Stein Kopf in Bergkristall ist wunderschön und hat mich halb verrückt vor Freude gemacht. Dieser und der Herkules und der Cinquecento, das sind drei Steine, mit denen schlage ich der Mertens ihre ganze Sammlung aus dem Felde, sie hat nicht einen einzigen, der diesen dreien nur einigermaßen gleich käme — aber, lieb Onkelchen, du hast nicht dabei bemerkt, was Du dafür ausgelegt hast, und der Werner wusste auch nichts davon, bitte, hole dieses doch im nächsten Briefe nach, denn wenn ich irgend Geld habe, so ist es mir immer angenehm, wenn ich gleich bezahlen kann.

Wenn die andern beiden Steine, die ihr demütiges Absteigequartier bei Wessels Ladenjungfer genommen haben, auch wirklich antik und so schön sind, als Du sie beschreibst, und Du könntest sie mir dann ebenfalls prokurieren, das wäre köstlich! — aber NB etwas musst
Du auf den Preis sehn, es sind hochbeinigte Zeiten! Ich bin neugierig, was mich die andern drei Sachen kosten! Den Bergkristall kannst Du nicht wohlfeil bekommen haben, oder es wäre, mit einem etwas massiven Spielerausdruck zu reden, eine wahre Glückssau — ich wollte, Du könntest mir erst schreiben, was die Jungfer Ladenfräulein für ihre zwei Schäflein verlangt, ich glaube kaum, dass wohlfeil dran zu kommen ist, diese und vielleicht noch einige andere Raritäten werden wohl ihr ganzes Heiratsgut ausmachen, und das muss sie doch suchen so hoch wie möglich aufzutreiben, sonst nimmt sie kein Mensch — d.h. die Mamsell, denn die Steine will ich wohl nehmen, und noch Geld zugeben, wenn es nur nicht allzuviel ist …

Rüschhaus, 21. Oktober 1832