Aber, lieb Herz, was schreiben Sie mir von der Möglichkeit einer Trennung! Glaubte ich es, so würde mir todangst; indessen haben Sie dies so oft, gottlob umsonst, gefürchtet, dass der Gedanke gar nicht bei mir haften will. Warum sollte R[üdiger] vom neuen Oberpräsidenten (den wir noch nicht mal erraten können) zurückgesetzt werden? Von einer Spannung zwischen R[üdiger] und Devigneau haben Sie mir freilich schon früher gesagt, aber übrigens ist die allgemeine Stimme so für R[üdiger]. Ich habe seiner, sowohl was Charakter als Kenntnisse und Fleiß anbelangt, nie anders als mit ausgezeichneter Achtung erwähnen hören (und ich bin oft in diese Gelegenheit gekommen), so dass ich meine, Devigneau kann es nicht wagen, einen so allgemein geschätzten und langverdienten Mann zu kränken.

Geschähe es indessen, so wären wir beide allerdings übel dran. Ich noch mehr wie Sie, denn in Ihrem Alter schließt man sich noch leichter an, und Sie kämen jedenfalls in Verhältnisse, die Ihnen neue Bekanntschaften aufnötigten, wo sich dann wohl auch Gutes fände. Aber ich wäre in der Tat recht sehr verlassen. Schlüters kommen so gar nicht mehr und haben soviel Neues angeknüpft, schreiben auch nicht mehr. Ich kann leider nur noch wenig von ihnen erwarten. So sind Sie, mein Lies, unter allen Selbstgewählten mir als das Liebste und Letzte geblieben, und ich müßte ohne Sie gleichsam von meinem eigenen Blute zehren!

Nein, Lies, so schlimm schickt es mir der liebe Gott nicht. Ich will und muss das Beste hoffen. Kommen Sie denn wirklich nicht mehr in diesem Jahre? Aber doch gewiss zu Anfang des nächsten? Ich habe Sie jetzt schon solange entbehrt und hätte oft viel um eine Stunde Beisammensein gegeben,

Ich habe Sie ungeheuer lieb, Lies, aber, kurios, je lieber Sie mir werden, je mehr schäme ich mich, es Ihnen zu sagen, wenigstens schriftlich. Gute Nacht, mein süßes Herz, gute Nacht!

Rüschhaus, 12. Dezember 1844

Mehr zum Adressaten: Elise Rüdiger
Hintergrund: Elises Mann, Regierungsrat Karl Ferdinand Rüdiger, wird 1845 nach Minden versetzt.

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