1838 9.Februar

Du fragst wegen dem Erzbischof? Da Ihr den Merkur haltet, weißt du das Hauptsächlichste; es ist eine traurige Lage für uns. Die Erbitterung ist schrecklich. Ich war am Tage des Aufstandes in Münster, und die Preußen haben sich schändlich betragen, vorzüglich der General Wrangel, ein Gegenstück zum Obristen Natzmer.

Ich war diesen Abend zum Tee bei einer Oberregierungsrätin Rüdiger, Tochter der Elise Hohenhausen, die sich mir durch Nettchen Kettler hatte vorstellen lassen, worauf man es schicklich fand, dass ich ihr einen Besuch abstatte. Ich beredete die Bornstedt, mit der ich zuweilen bei Schlüters zusammentreffe, mit mir hinzugehen, und wir drei Frauenzimmer waren allein hinter dem Teetisch; es war schon spät, und die Rüdiger sagte mehrere Male: „Hören Sie doch, was auf den Straßen rennt!“ Ich sagte immer: „Das ist nichts, irgendwo ein Peter oder dergleichen.“

Mit einem Male hörten wir von weitem (sie wohnt am Ende der Rothenburg nach Aegidistraße zu) ein furchtbares Hurrageschrei, es kam vom Domhof und Markte, wir sprangen ans Fenster und sahen die ganze Rothenburg und Aegidistraße voll Militär mit gezogenem Säbel. Ich lief auf der Stelle unten ins Haus, um zu sehen, ob ich jemand fände der mich fortbrächte. Der Sohn vom Hause war bereit, und ich zog in größter Eil ab, trotz allen Bitten der Rüdiger, die zitterte wie ein Espenlaub.

Durch zahllose Umwege kam ich endlich bei Ahlers an und brauchte fast eine halbe Stunde dazu. Ich stellte mein Licht zurück, lehnte das Fenster nur an und blieb nun auf wie jedermann in dieser Nacht.

Der Anfang des ganzen Tumults war so: Die Gemüter waren schon durch die Arrestation des Erzb[ischofs] aufs äußerste erbittert, nun kam dazu, dass, nachdem kürzlich eine Menagerie aus Münster abgezogen war, die Militärbehörden die Bude gekauft hatten, um darin bei schlechtem Wetter exerzieren zu lassen. Das Volk dachte aber, es sei geschehen, um die Rekruten besser heimlich knuffeln zu können. Darüber waren schon allerlei Kleinigkeiten vorgefallen, einige Plakate an den Bäumen und der Bude selbst mit dem geistreichen Inhalt „weg mit der Bude“ oder „weg mit den Preußen“ et cet. Da dies sie nicht wegblasen wollte, hatte man mehrmals Versuche gemacht, die Bude anzuzünden, überhaupt, die Wahrheit zu sagen, wurde den Preußen grad nicht viel guter Wille gezeigt.

Der Adel hat sich seit der Verhaftung des Erz[bischofs] gänzlich zurückgezogen; alle Lustbarkeiten waren eingestellt, weder Soirées noch Klubbälle, und wurden sie eingeladen, z.B. bei Vinke, so machten sie kein Geheimnis daraus, dass die allgemeine Kirchentrauer ihnen nicht gestatte sie anzunehmen.

Die Gassenbuben waren sehr arg, sie schnitten den Soldaten Gesichter, sagten, wenn exerziert wurde: „Wo Saldoten sind, mott auck kanoneert weeren“ und rollten den Offizieren Steine an die Füße, und Clemens Hellweg wurde arretiert, weil er einem Unteroffizier auf der Straße zwei Ohrfeigen gegeben. Den Preußen, besonders den friedlichen Zivilisten, war höllenangst; sie wagten kaum abends aus dem Hause zu gehn, und es gab manche lächerliche Anekdote davon.

Nun, an diesem Abend wurde wieder ein Junge attrappiert, der die Bude anstecken wollte, und heulend und mit Arm und Beinen sperrend zur Hauptwacht geführt. Mehrere vorübergehende Bürger legten sich mit guten Worten drein, sagten „Laßt ihn laufen, es ist ja ein Kind“ et cet. Das hielt etwas auf; wer vorüberging, blieb stehn, und bald stand ein ziemlicher Trupp um die Wache und den heulenden Jungen. Jetzt wurde den Soldaten bange, der Offizier trat vor und befahl den Bürgern auseinanderzugehn; ein lautes Gelächter war die Antwort.

Die Soldaten rückten an (immer nur noch die Wache), die Bürger teilten sich, ließen sie durch, traten hinter ihnen wieder zusammen und lachten. So ging es einigemal, immer stolzierte die Wache durch, und immer traten die Bürger wieder zusammen und lachten. Der Offizier proklamierte zweimal ganz laut, dass sie auseinandergehn sollten. Dann lachten sie noch viel ärger und blieben bei ihrem alten Manöver, doch hatte kein einziger die geringste Waffe, nicht mal einen Stock, in der Hand. Sie schimpften auch nicht, sondern lachten bloß.

Jetzt ließ der Offizier einhauen, ein paar Bürger wurden verwundet und schrien, und nun erhob sich ein fürchterliches Hurragebrüll und „Vivat Clemens August! Nieder mit den Preußen!“ Einige wenige Steine flogen, wie sie grade auf der Straße lagen, indem kamen die Husaren angeritten, nach denen die Wache geschickt hatte; sie hieben ohne Rücksicht rechts und links ein, die Bürger wurden wütend, viele liefen fort, um Steine zu holen, und in einer Vierstelstunde waren mehrere tausend auf dem Domplatze und Markt, es war ein greuliches Gebrüll und Gelächter.

Auf dem Domhofe soll der Steinhagel arg gewesen sein, aber sonst keine Waffe ist zum Vorschein gekommen, nur immer vor den Soldaten auseinandergelaufen und hinter ihnen wieder geschrien und gelacht. Es war fast auf allen Straßen zugleich los. Am Bispinkhof, wo die Schlächter und Bäcker sich versammelt hatten, soll der Lärm sehr arg gewesen sein, aber keiner hat einen Soldaten zu verletzen gesucht, außer durch Steinwürfe. Durch die Salzstraße rannten sie zu ganzen Haufen, und immer „Vivat Clemens August! Nieder mit den Preußen! Ajas! Ajas! Wat möttet sick de Kölnsken schämren!“ (Weil die den Erz[bischof] hatten fortführen lassen.)

Indessen wurden die Kanonen aufgeführt, an allen Toren und auch auf dem Domplatze (sie sind aber nicht gebraucht worden). Nun kam Wrangel herbei und wütete, dass das Militär nicht noch schärfer verfahre. Kein eingeborner Offizier war beordet, es waren lauter Preußen, aber unsre Bauernjungens auch dabei und hauten eben nicht schärfer wie sie mussten.

Unter dem Bogen stand alles gedrängt voll müßiger Zuschauer, meist Frauen und Kinder. Wrangel wollte, man solle Schwärmattacke kommandieren, d.h. alle einzeln auseinander, und dann nach allen Seiten eingehauen, ein paar menschliche Offiziere sollen Vorstellungen dagegen gemacht haben, weil es an Offizieren fehle, um Ordnung zu halten. Wrangel ließ das Mindensche Regiment, was aus lauter Protestanten besteht, näher herankommen, schickte die Bauernjungen nur in die kleinen Nebenstraße, die kleinen Haufen zu verscheuchen, und übernahm nun selbst das Kommando.

Ich stand am Fenster, sah die Flüchtigen unaufhörlich vorbeilaufen, noch immer schreiend: „Vivat, hurra, nieder et cet.“ Und die Bauernjungens hinter ihnen her mit gezogenem Säbel, die viel fluchten und in die Luft fochten, aber keinem was taten. Es war, sobald man den ersten Schrecken über das Gebrüll überwunden hat, mehr lächerlich als schrecklich. Einige Kerls fielen nah vor meinem Fenster und schrien noch auf der Erde: „Vivat Clemens, ajas, ajas! De Kölnsken olle Wiwer!“ Und die Soldaten blieben solange zurück in vollem Fluchen und Blitzen mit den Säbeln, bis sie wieder aufgestanden waren und einen guten Vorsprung hatten.

Vom Markte her hörte ich wohl ärgeren Lärm, dachte aber, es würde wohl auf dieselbe Weise zugehn, als auf einmal ein schreckliches Jammergeschrei von dort herüberdrang. Wrangel hatte seinen Protestanten befohlen, auf die Weiber und Kinder einzuhauen, d.h. nicht mit diesen Worten, sondern: „Schwärmattacke! Säubert die Kolonaden.“ Ich will dir nur gleich sagen, dass niemand getötet worden ist, aber eine Menge verwundet, die Soldaten waren wie Tiger, sie ritten in die Haustüren und hauten in die offenen Zimmer hinein; bei einem Bäcker sind sie bis an den Küchenherd geritten und haben dort die Frau und zwei Männer gestochen; die Bürger schäumten vor Wut, aber sie waren gänzlich unbewaffnet, der Steinvorrat längst zu Ende, und so zerstreuten sie sich. Gegen zwei Uhr war alles vorüber, nur das Militär blieb bis am Morgen in den Straßen aufgestellt, und die Woche hindurch wurde jede Nacht patroulliert.

Du kannst denken, wie die Stimmung seitdem ist, d.h. zwischen der geringern und Mittelklasse. Denn unsre angestellten Landsleute aus dem vornehmen Bürgerstande benehmen sich miserabel, sie sind kaum dahin zu bringen gewesen, die Klagen derjenigen anzunehmen, die in den Häusern oder doch ganz untätig und von weitem stehend verwundet wurden. Nur achtzehn, die sehr schwer verletzt und wovon zu viel Redens war, als dass sie es hätten ignorieren können, sind verhört worden, aber nur zum Schein, denn die Klage ist gar nicht übergeben worden.

Im ganzen sollen, hauptsächlich bei dem Einhauen unterm Bogen, gegen 300 Bürger verletzt worden sein. Ferdinand Twickel und Kaspar Schmiesing, die auch nicht beordert waren, sollen, als es zu arg ward, sich aus eigner Macht zu Fuße dazwischengegeben und den Husaren zugerufen haben: „Wer scharf haut, den steche ich durch!“; von der Sache wird aber nicht gesprochen, weil es ihnen Strafe zuziehn könnte.

Die Preußen meinen, der Adel habe mit drunter gesteckt und an diesem Abend Geld ausgeteilt; ich brauche dir nicht zu sagen, wie falsch das ist, indessen sind wir jetzt in völliger Ungnade. … So stehn die Sachen; was es weiter geben soll, weiß Gott, alles ist in Spannung und Verwirrung; in Paderborn ist auch ein Aufstand gewesen, nach dem Briefe von Sophie schlimmer als in Münster, aber man weiß hier fast nichts davon, obgleich er schon einige Tage nach dem hiesigen stattfand. So wird alles vertuscht!

Die Bischöfe von Paderborn und Münster haben seit dem deutlichen Ausspruch des Papstes auch widerrufen, was sie früher unterschrieben, die Regierung ist aber doch so klug, keine Notiz davon zu nehmen. Ehe der Erzbischof eingezogen wurde, hat die Regierung ihm die Verdoppelung seiner Einkünfte angeboten, wenn er nachgeben wollte; denk dir, wie niederträchtig! Als dies nichts geholfen, gedroht, dass sie ihm seine Einkünfte entziehn wollte, worauf er geantwortet, dass er täglich nur 4 gg. brauche und glaube, seine Diözesanen würden ihn nicht verhungern lassen. Dies wurde sogleich bekannt und Unterschriften gesammelt. Fürstenberg unterschrieb sich zu 4000 Taler jährlich, als schon eine Revenue von 30.000 T. zusammen war, sahn sie, dass diese Drohung umsonst sei, und zogen ihn ein. …

Übrigens zeigt es sich jetzt, was ich so gewiss wußte und und mir immer vor der Faust abdisputiert worden ist, dass der Erz[bischof] sich alle seine Umgebungen zu Feinden gemacht. Die Kölner sind trotz ihrer Frömmigkeit so froh, ihn los zu sein, dass sich keine Maus regt und sogar sein Domkapitel Klagen gegen ihn eingereicht hat, was freilich schändlich genug, aber doch ein Beweis seiner Unverträglichkeit ist. Am meisten dauern mich die Hermesianer, die die so ganz gegen ihren Willen jetzt als Klagepunkt von der Regierung gegen ihn angeführt und dadurch vor der ganzen Welt blamiert sind. …

Der Erz[bischof] wird in Minden anständig behandelt, darf aber niemanden schreiben, mit niemanden ein Wort allein reden und das Haus nicht verlassen ohne einen Gendarmen. Er bittet alle, die zu ihm kommen, doch von nichts als gleichgültigen Dingen mit ihm zu reden. Mit demagogischen Umtrieben hat er nichts zu schaffen, das versteht sich, und wahrscheinlich auch Michelis nicht, den sie andernwärts, ich weiß nicht wo, eingesperrt haben. Doch man weiß über den letzteren wenig, die Sache wird geheim betrieben, und allerdings wäre es möglich, dass ein so junger und schwärmerischer Mensch, der grade in der rechten Demagogenzeit auf Universitäten war, damals könnte ein bißchen gevaterländert haben, was er aber jetzt jedenfalls längst ausgeschwitzt und vergessen hätte. Es waren damals wohl wenige Studenten, die nicht irgendeine anstößige Gesundheit mit getrunken hätten, wenn es jetzt drauf ankäme einen Stein zu suchen, um sie damit zu werfen.

Rüschhaus, 9. Februar 1838

Hintergrund: Der aus Münster stammende Kölner Erzbischof Clemens August Droste zu Vischering war im November 1837, wenige Wochen vor dem hier beschriebenen Aufstand in Münster, zusammen mit seinem Sekretär Michelis verhaftet worden. Grund war seine provokante Haltung gegenüber dem preußischen Staat, der - als protestantisch geprägt - im katholischen Münster ohnehin einen schweren Stand hatte: Im Mischehenstreit bestand der Erzbischof entgegen einer Order König Friedrich Wilhelms III. darauf, dass die Kinder gemischtkonfessioneller Paare katholisch getauft werden. Auch im Hermesianerstreit legte er sich mit Preußen an: Der Erzbischof lehnte die Lehren des aufgeklärten Katholiken Georg Hermes ab und mischte sich in den Lehrbetrieb der Bonner Universität ein.
Mehr zum Kölner Kirchenstreit und zu den Tumulten im Münster-Wiki.