1836 8.August

Wir haben viel ausgestanden in diesem Jahr! Obgleich niemand schuld daran ist, denn Laßberg und Jenny haben zu unsrer Erheiterung getan, was sie konnten, und unter anderen Umständen würden wir uns vielleicht hier sehr wohl befunden haben. Aber vorerst hast Du kaum einen Begriff von der Öde eines hiesigen Winters, wenigstens wie wir ihn erlebt haben – fast sechs Monate lang Schnee, schon im Oktober lag er einigemal so tief, dass man nicht wußte, wie man die Weinlese bewerkstelligen solle. Von der Mitte November an blieb er liegen, ohne einen Tag Tauwetter bis hoch im März, und noch fast durch den ganzen April war es den einen Tag grün und den andern weiß. Das schlimmste aber war ein Nebel, aus dem man Brei hätte kochen können, der gar nicht fortging, und ich kann ohne Übertreibung sagen, dass ich das unmittelbar vor uns liegende Dorf mehrere Monate lang nur gehört, aber nicht gesehn habe, den ganzen Tag klingelten Schlitten und bellten Hunde, die nebenher liefen, und Mama sagte ein ums andere Mal „Lappland!“

… du musst wissen, lieber Onkel, dass das befinden unsrer Jenny den ganzen Winter sehr bedenklich war; Mama sowohl als ich haben heimlich das Schlimmste befürchtet, und wir durften es uns doch nicht merken lassen. So saß denn jeder, über seinen Gedanken zu brüten; nein, es war eine erbärmliche Zeit! Nachher gab es zuerst viel Last und Pflege mit Jenny und den Ankömmlingen, und gerade als die arme Jenny den allerersten Ausflug wagen wollte, betraf uns das Unglück mit dem Umwerfen. Ich habe das Mal zwar auch viel abgekriegt und spüre die Folgen zuweilen noch, aber es kömmt mir doch wie nichts vor, wenn ich den armen Laßberg so an seinen Krücken herumschleichen sehe und täglich mehr die Hoffnung verliere, dass er sie je wird ganz fortlegen können. … Dabei ist das eine der Kinder (Hildegund) so schwächlich, dass es uns in fortwährender Unruhe erhält …

Wir, nämlich Mama und ich, mit noch vier anderen, haben vor vierzehn Tagen eine kleine Bergreise gemacht, in die Appenzeller Alpen, wo wir fleißig Milch getrunken, Alpenrosen gepflückt und mitten im August an Schneefeldern gestanden haben. Das Merkwürdigste aber ist, dass wir binnen vier Tagen drei verschiedne Kutscher gehabt haben, wovon uns der erste umwarf, der zweite ein noch ungebrauchtes und der dritte ein kolleriges Pferd vorspannte, sodass wir dreimal in die größte Lebensgefahr geraten sind. Es gibt überhaupt nichts Elenderes als einen Schweizer Kutscher, grenzenlos ungeschickt, furchtsam wie alte Weiber und doch aus Habsucht das Unvernünftigste unternehmend; sie verstehen die Kunst, Dich auf der ebensten Chaussee auf die Seite zu legen; jeden Stein, jedes etwas tiefere Wagengleis wissen sie dazu zu benutzen. Sie kennen sich auch selbst darin und krüppeln wenigstens die Hälfte jedes Weges mit angelegtem Radschuh, dass man vor Ungeduld aus der Haut fahren möchte, und doch ist der Eigennutz groß genug bei ihnen, dass Du nicht erwarten darfst, wenn Du einen Kutscher um vier Pferde ansprichst, dass er Dir gestehn werde, er habe nur zwei, sondern um den Verdienst nicht zu versäumen, nimmt er lieber die ersten besten zwei Fohlen von der Weide und setzt ohne Bedenken sowohl seinen als Deinen Hals dran. Es geht auch keine Woche hin, dass man nicht von Unglücksfällen hörte, und Du magst fragen, wen Du willst, jeder ist schon vielmals umgeworfen und hat auch mitunter Schaden genommen, wäre es auch nur ein zerschlagener Kopf oder geschundenes Bein, aber die Leute meinen, das gehöre so dazu.

Eppishausen, August 1836

Hintergrund: Der Unfall mit der Kutsche, bei dem Josef von Laßberg eine lebenslängliche Gehbehinderung und seine Schwägerin Annette einen Verletzung am Hinterkopf davonträgt, passiert bei einem Ausflug nach Heiligenberg am 9. Mai 1836.