1845 17.Juni

So eben erhalte ich Ihren Brief, da nicht früher Gelegenheit von hier nach Brakel war, und nun bin ich ganz desperat. Mein Gott, was soll ich anfangen, wenn Sie fortgehn! Sie sind mir nun so lange alles in einer gewesen, und ich kann mir gar keinen möglichen Ersatz denken, mag mir auch keinen denken, und will nur in Gottes Namen unter die Eremiten gehn, wenn Sie wirklich fort müssen. Es ist um allen Mut zu nehmen! Aber sollte es nicht noch einmal ein Schreckschuß sein, wie so manche frühern? Ist Bodelschwings Ernennung denn schon gewiss? Sie schreiben mir so dunkel darüber, dass es mir mehr lautet wie eine schlimme Prophezeiung, die denn doch noch wohl falsch sein könnte. Ich bin so niedergeschlagen, dass ich Ihnen nicht mal sagen mag, wie sehr ich es bin, und wie nüchtern mir Münster ohne Sie vorkömmt, und Rüschhaus auch — das ist dann alles nichts mehr, und das einfältige Abendrot braucht gar nicht mehr durch die Eichen zu scheinen, wenn Sie es nicht mitsehn können.

Mein Gott! wenn ich nur vier Jahre zurückdenke, an unsern geschlossenen, durch 1000 Bande und Interessen verflochtenen Kreis! – und nun? — alles auseinander geflogen wie ein Haufen Federn, und die Bande auseinander gegangen wie verbrannte Dochte. Wer sich trösten und überall gleich wieder einrichten kann, mag in seiner Weise glücklich sein; ich möchte diese Anlage zum Glücke nicht – wer das Alte vergißt, kann auch das Neue vergessen, wenn es alt geworden ist, und wer alles vergessen und entbehren kann, der hat nie etwas gehabt, und sollte gar nicht mitsprechen.

Sie haben indessen noch einige Aussicht auf Ersatz. Grade was Ihnen jetzt Minden so fatal macht, wird es Ihnen späterhin lieb machen, die Erinnerungen – Menschen, mit denen Sie so vieles erlebt, über so vieles mit ihnen sprechen können. — manche alte Bekannte, die früher den Kopf voll Albernheiten hatte, wird seitdem auch nicht umsonst gelebt und [mehrere Worte unleserlich] haben, Sie werden ungezweifelt mitunter auf Ernst und ein wehmütiges Verständnis treffen, wo Sie es gar nicht erwarteten, und da wird sich denn nach und nach ein Kreis zusammen ziehn.

Ich aber habe mich schon seit so vielen Jahren von meinen Jugendbekannten zurückgezogen, dass ich eigentlich nur leere und unbedeutende Erinnerungen mit ihnen teile, und für die wenigen tieferen — an meine Kindheit, Vater und Bruder — ihrer nicht bedarf, da ich ja mitten darin lebe, und täglich mit den Meinigen darüber sprechen kann.

Was sollte mich dann noch hinaus treiben, wenn mein Lies fort ist? Lieb lieb Herz! ich kann nicht ohne Sie sein, und ich folge Ihnen auch überall nach, soweit die Umstände es irgend zulassen. Minden ist denn doch nicht aus der Welt, und niemand wird mir es verargen, wenn ich mir jeden Sommer von hier aus eine kurze Vakanz nehme, um mein Lies aufzusuchen. In acht bis zehn Tagen kann ich ganz gut hin und zurück sein, und wir haben uns doch gesehn, die Herzen leicht gesprochen, und das vermieden, was der Tod aller engeren Verhältnisse ist, die Unbekanntschaft mit den gegenseitigen Interessen der Gegenwart.

Abbenburg, 17. Juni 1845

Mehr zum Adressaten: Elise Rüdiger
Hintergrund: Nach dem Amtsantritt von Ludwig Karl von Bodelschwingh als Regierungspräsident von Münster am 27. Mai 1845 lässt sich Elise Rüdigers Mann nach Minden versetzen.