1842 11.September

Ich gäbe viel darum, liebes Herz, wenn Sie grade dieses Mal echt offen und ausführlich geschrieben hätten, ganz wie zu Ihrem Mütterchen; denn ich sitze hier seit sechs Wochen mutterseelen allein, und weder Hahn noch Huhn kräht nach den Briefen, die ich bekomme, und mich verlanget so nach einem recht langen, warmen, lieben; aber das konnten Sie freilich nicht wissen, das erste nämlich. . … Daß Briefe an mich erbrochen würden, ist fortan gar keine Gefahr mehr vorhanden, selbst wenn ich grade abwesend sein sollte; aber ich wünsche dennoch dringend sie allein zu bekommen, um nicht genötigt zu sein sie vorzulesen, wo man dann, noch unvertraut mit dem Inhalte, beim Übergehen so leicht ungeschickt stockt, was allerlei Fatalitäten nach sich ziehn könnte.

Lassen Sie uns also, wenn es Ihrerseits möglich ist, einen regelmäßigen Briefwechsel verabreden, wo es mir dann leicht wird den Moment abzupassen; schreiben Sie den ersten jedes Monats, ich will dann jeden fünfzehnten die Antwort zur Post schicken; so fällt auch das fatale Kreuzen fort, was einen desperat macht, wenn man soeben sein Schiff mit defekter Ladung hat absegeln lassen. …

Du wunderst Dich wohl, dass ich auch mein Bild und Briefe zurückverlangt habe? Mein gutes Herz, das habe ich bloß aus Rücksicht für Elisen getan; mich dünkte, es war ein Opfer. was ich ihrem Selbstgefühl schuldig war, um der Sache so ganz das trübe Ansehn eines Austausches alter Liebespfänder zu nehmen. Zum Glücke ist jetzt von ihr selbst die Idee ausgegangen, dass dieses ja gar nicht nötig sei, und sie ist, in ihrem letzten Briefe ganz der Meinung, dass ich Dir mein Porträt ja doch ja lassen sollte; ich brauche Dir nicht zu sagen, wie angenehm mir dieses zu lesen war, und mit wie betrübtem Herzen ich es würde haben wieder anrücken sehn. Mit den Briefen ist es ein andres; manche sind gefährlich für Elise, und diese müssen durchaus aus der Welt (auch dieser Brief darf das Leben nicht behalten; deshalb lasse ich mich auch ruhig gehn mit dem lieben alten „Du“, dem es mir recht schwer wird nun zu entsagen). Wenn ich sicher wüßte, dass Du deine Faulheit so weit bezwingen könntest, sie alle, d. h. die meinigen, gewissenhaft wieder durchzulesen und nebst jenen, worin von Elisen die Rede ist, noch alle zu verbrennen, worin ich dich duze, oder die sonst Mißverständnisse und Spöttereien über mich schütten könnten, so wollte ich Dir die andern gern lassen. Aber das kannst Du nicht, Du kannst keine alten Briefe lesen, das geht gegen deine Natur; darum sind sie Dir auch zu nichts nütze.

Wenn die Vor-Meersburglichen aber noch in Münster sind, und Du auf Elisens Vorschlag, dass wir, mit einem Passe von Dir versehn, hingehn, und jeder das Seinige zu sich nehmen soll, eingehst, so kann ich nach geschehener Auswahl, Dir den Rest ja zuschicken, wenn Du es wünschest, obwohl du noch neue Briefe genug von mir bekommen wirst.

NB. Richte deine Briefe von jetzt an doch so ein, dass ich sie, wenigstens zuweilen, Elisen zeigen kann; es wird Dir nicht schwer werden, denn da sie einerseits Dein volles Vertrauen besitzt, und anderseits wohl weiß, wie lieb Du mich hast, so kannst Du Dich ja fast ganz gehn lassen, und willst Du mir ein Extrablatt einlegen, nun, so leugne ich nicht, dass dies mir um so lieber ist, und ich es wohl eher lesen werde als alles übrige.

Mein altes Kind! mein liebes liebstes Herz! Ich denke in meiner Einsamkeit alle Tage wohl zehnmal an Dich, und wette, Du Schlingel denkst alle zehn Tage kaum einmal an mich; darum mag ich es Dir auch gar nicht sagen, wie lieb ich Dich habe, denn „Spiegelberg! ich kenne Dir!“

Rüschhaus, 11. September 1842

Mehr zum Adressaten: Levin Schücking