1843 20.November

Jetzt muss ich Ihnen auch sagen, dass ich seit acht Tagen eine grandiose Grundbesitzerin bin. Ich habe das blanke Fürstenhäuschen, was neben dem Wege zum Frieden liegt – doch dort waren Sie nicht, aber man sieht es gleich am Tore, wenn man zum Figel geht – nun, das habe ich in einer Steigerung, nebst dem dazugehörendem Weinberge, erstanden. Und wofür? Für 400 Reichstaler. Dafür habe ich ein kleines, aber massiv aus gehauenen Steinen und geschmackvoll aufgeführtes Haus, was vier Zimmer, eine Küche, großen Keller und Bodenraum enthält, und 5000 Weinstöcke, die in guten Jahren schon über zwanzig Ohm Wein gebracht haben; es ist unerhört! Aber keiner wollte bieten, dieses unglückliche Jahr bringt nur Verkäufer hervor.

VersteigerungGottlob ist’s kein armer Schelm, dem ich es abgekauft, sondern der reiche Großherzog von Baden, dem dies vereinzelte Stückchen Domäne lästig war. Früher gehörte es den Bischöfen von Konstanz, und der Letztverstorbene ließ dies artige Gartenhaus bauen, wo er manchen Tag soll gespeist haben; die Aussicht ist fast zu schön, d. h. mir zu belebt, was die Nah- und zu schrankenlos, was die Fernsicht betrifft. Es ist der höchste Punkt dieser Umgebungen, gleich am Fuße des Hügels zwei sich kreuzende Chauseen; tiefer Stadt und Schloß Meersburg, die hier ganz niedrig zu liegen scheinen; als nächste Punkte darin (etwa tausend Schritt entfernt) und sich wunderschön präsentierend, rechts das alte Schloß, links das Seminar, von dem nachmittags der schöne Chorgesang so deutlich aufsteigt, dass keine Note verloren geht; tief unten der See mit seiner ganzen Rundsicht, die Insel Meinau, Konstanz, Münsterlingen, das Thurgau, St. Gallen, auf der einen Seite nur durch die Alpen beschränkt (von denen ich hier noch die ganze Tiroler Kette als Zugabe habe), von der andern durch die höchsten Kegel des Hegaus; es ist eigentlich wunderbar schön, und die Meersburger halten dieses Fürstenhäuschen (auch der Hindelberg genannt) für eine unschätzbare Perle. Mir ists aber fast zu viel und zauberhaft und wie ich so droben die ganze Gegend kontrollieren kann, jeden Bürger der auf die Gasse oder auch nur ans Fenster, jeden Bauern, der in seinen Hofraum tritt, so komme ich mir vor wie der Student von Salamanka, dem der hinkende Teufel die Hausdächer abgehoben hat, und mir ist beinahe sündlich zumute.

Vom Häuschen bis zur Chausee hinunter führt eine Steintreppe mitten durch die Reben, die ich zum Laubengange machen, und auf der Hälfte, mittels zweier Ausbiegungen, mit ein paar niedlichen versteckten Ruhbänken versehen will, unten ist die Treppe schon durch ein hübsches Gatterpförtchen verschlossen, ich habe nichts zu tun, als die nächsten Rebenreihn aufranken zu lassen und die kleine Rotunde in der Mitte zu besorgen, wozu ich nur drei oder vier Weinstöcke wegzunehmen und die dahinter stehenden zu benutzen habe, in zwei Jahren kann alles dicht und schattig sein. Was sagen Sie dazu?

Das Fürstenhäuschen oberhalb von Meersburg, Zeichnung von Annette von DrosteDie Reben hat der alte Bischof mir aufs Beste gewählt, Burgunder, Traminer, Gutedel et cet., und die eine (Sonnen-) Seite des Abhangs bringt solchen Wein als Laßberg Ihnen vorgesetzt, die andere geringeren; so kann ich also in guten Jahren auf zehn Ohm vortrefflichen und ebensoviel mittelmäßigen Wein rechnen. Grad hinter dem Hause, wo der Schatten desselben den Reben sehr schadet, will ich diese ausroden, den Boden gleich machen und eine kleine Blumenterasse, nicht groß genug zum Spazierengehn, aber angenehm fürs Auge, mit lange und reichlich blühenden Blumen, Georginen, Rosen, Levkojen et cet. bepflanzen lassen.

Oh, Sie sollen sehn, ich mache ein kleines Paradies aus dem Nestchen! Schade, dass ich meine meiste Lebenszeit 200 Stunden davon zubringen werde! Oder vielmehr gottlob, dass der heimische Boden und ich uns immer einander treu und sicher bleiben, und mir doch, falls mir von Zeit zu Zeit die hiesige Luft wieder nötig würde, bei allen denkbaren Wechselfällen ein niedliches chez moi nicht fehlt.

Nun will ich Ihnen auch das Innre des Hauses beschreiben. Man geht mit einer hübsch geschweiften, etwa acht Stufen hohen Steintreppe in den untern Stock, der nur das Paradezimmer und die Küche enthält. Ersteres ein Gemach von angenehmer Größe, mit einem Erker, in dem der Kanapee mit Tisch und einigen Stühlen hinlänglich Raum haben und das übrige Zimmer unbeengt lassen, man sitzt dort wie in einem Glaskasten, ein Fenster im Rücken und zwei zu den Seiten, aber Besuchenden wird es himmlisch scheinen, der Aussicht wegen, in dies Zimmer tritt man unmittelbar von der Treppe; die Küche daneben (wo ich einen zweiten Eingang werde brechen lassen,) ist klein, doch nicht bis zur Unbequemlichkeit, und es läßt sich mit wenigen Gulden einrichten, dass das Herdfeuer zugleich den hübschen Kachelofen des Zimmers heizt, was im Winter sehr angenehm und im Sommer durch Öffnung der Fenster nach der jedesmaligen Schattenseite und Ladenschließung der übrigen leicht zu paralysieren ist, da mein Kochherd doch nicht allzu lange und stark brennen würde und bei winterlichen Besuchen notwendig nachgeheizt werden müßte; doch würde das Zimmer immer trocken und eine gelinde Temperatur darin erhalten werden, die die Besuche gleich hinein zu führen erlaubte.

Aus der Küche führt eine Wendelstiege und Falltür in den oberen Stock, meine eigentliche Dachshöhle (oder Schwalbennest); alles mit Zierlichkeit gemacht, die Stiege hübsch gewunden, die Falltür wie Getäfel geschnitzelt und sich in die Wand fugend, so dass sie bei Tage nicht bemerkt, sondern für eine Verzierung gehalten wird; nachts, wenn sie geschlossen ist, paßt sie (mit der andern Seite) sehr genau in den Fußboden und macht die kleine obere Entree zu einem artigen Zimmerchen, wo im Hintergrunde, hinter anständigem weißem Vorhange, das Kammerjungfernbett verborgen sein, und diese auch in Sommertagen ihre Näherei am Fenster beschicken kann. Hieran stößt dann mein eigentliches Quartier, ein heizbares Wohnzimmer, etwa um ein Drittel größer wie Ihr Kabinetten, und ein Schlafzimmerchen, grade groß genug für das Nötige, Bett, Waschtisch, Schrank, und noch einigen Raum zu freier Bewegung.

Sagen Sie Selbst, Elise, was bedarf ich mehr? Auch fällt mir eben ein, dass ich statt des Eisenofens im Wohnzimmer ja einen Kachelofen kann mauern lassen, der das Kammerjungfernzimmer mitheizt, so dass ich diese zu keiner Zeit um mich zu haben brauche; der Keller geht unters ganze Haus her und ist sehr gut, so wie der Bodenraum unterm Dache überflüssig geräumig, und es ließ sich dort leicht ein Verschlag herrichten, wo ich, der Sicherheit wegen, meinen Winzer könnte schlafen lassen, einen Mann, der sonst in der Stadt wohnt, und außer der Besorgung der Reben für ein Gewisses nicht in meinem Dienste steht, aber dann gern für eine Kleinigkeit zu Bestellungen und sonstiger Aushülfe bereit sein würde. Einen Brunnen habe ich nicht, aber ein Bleichplätzchen, und nicht hundert Schritte vom Hause eine Quelle, die Winter und Sommer fließt.

Kurz, ich sage Ihnen, es ist allerliebst, Laßberg sagt: „Je mehr man es untersucht, je besser wird es“; Dach, Gemäuer, Fußböden, Türen, alles im besten Stande, von den Fensterläden nur zwei etwas schadhaft, aber an den Fenstern selbst vieles zu reparieren, und dieses die einzige etwas bedeutende Ausgabe.

Lieb Lies, ich habe Sie gewiss ermüdet mit meiner neuen Freude, wo Sie sich doch nicht recht hinein denken können.

Meersburg, 20. November 1843

Mehr zum Adressaten: Elise Rüdiger
Hintergrund: Bilder vom Fürstenhäuschen sind in der Audio-Diaschau zu sehen.