1842 4.Mai

Ob ich mich freue nach Haus zu kommen? Nein, Levin, nein. Was mir diese Umgebungen vor sechs Wochen noch so traurig machte, macht sie mir jetzt so lieb, dass ich mich nur mit schwerem Herzen von ihnen trennen kann. Hör, Kind! Ich gehe jeden Tag den Weg nach Haltenau, setze mich auf die erste Treppe, wo ich Dich zu erwarten pflegte, und sehe, ohne Lorgnette, nach dem Wege bei Vogels Garten hinüber. Kömmt dann jemand, was jeden Tag ein paarmal passiert, so kann ich mir bei meiner Blindheit lange einbilden, Du wärst es, und Du glaubst nicht, wieviel mir das ist.

Ist’s nicht ein heitrer Ort, mein junger Freund,
Das kleine Haus, das schier vom Hange gleitet,
Wo so possierlich uns der Wirt erscheint,
So übermächtig sich die Landschaft breitet;
Wo uns ergötzt im neckischen Kontrast
Das Wurzelmännchen mit verschmitzter Miene,
Das wie ein Aal sich schlingt und kugelt fast,
Im Angesicht der stolzen Alpenbühne?

Sitz nieder! – Trauben! – und behend erscheint
Zopfwedelnd der geschäftige Pygmäe;
O sieh, wie die verletzte Beere weint
Blutige Tränen um des Reifes Nähe;
Frisch, greif in die kristallne Schale, frisch,
Die saftigen Rubine glühn und locken;
Schon fühl‘ ich an des Herbstes reichem Tisch
Den kargen Winter nahn auf leisen Socken.

Das sind dir Hieroglyphen, junges Blut,
Und ich, ich will an deiner lieben Seite
Froh schlürfen meiner Neige letztes Gut.

Trink aus! – die Alpen liegen stundenweit,
Nur nah die Burg, uns heimisches Gemäuer,
Wo Träume lagern lang verschollner Zeit,
Seltsame Mär‘ und zorn’ge Abenteuer.
Wohl ziemt es mir, in Räumen schwer und grau
Zu grübeln über dunkler Taten Reste;
Doch du, Levin, schaust aus dem grimmen Bau
Wie eine Schwalbe aus dem Mauerneste.

Sieh drunten auf dem See im Abendrot
Die Taucherente hin und wieder schlüpfend;
Nun sinkt sie nieder wie des Netzes Lot,
Nun wieder aufwärts mit den Wellen hüpfend;
Seltsames Spiel, recht wie ein Lebenslauf!
Wir beide schaun gespannten Blickes nieder;
Du flüsterst lächelnd: immer kömmt sie auf –
Und ich, ich denke, immer sinkt sie wieder!

Aus: Die Schenke am See

Auch Dein Zimmer habe ich hier, wo ich mich stundenlang in Deinen Sessel setzen kann, ohne dass mich jemand stört; und den Weg zum Turm, den ich so oft abends gegangen bin; und mein eignes Zimmer mit dem Kanapee und Stuhl am Ofen – ach Gott, überall! Kurz, es wird mir sehr schwer, von hier zu gehn, obendrein noch zweihundert Stunden weiter als wir jetzt schon getrennt sind. Solltest Du es wohl recht wissen, wie lieb ich Dich habe? Ich glaube kaum. …

Levin, wenn Du kannst, wenn Du immer kannst, bleib bei Deinem Plane, in zwei Jahren nach Münster zu kommen; meine Gesundheit ist jetzt nicht so übel, ich werde dann wohl noch am Leben sein. Hörst Du? Denke, dass ich alle Tage zähle. Es ist schlimm, dass ich den Winter nicht hier bleiben kann; aber ich will auch nicht in Rüschhaus bleiben, sondern nach Hülshoff, und mir täglich Bewegung machen, dann denke ich wird es schon gehen.

Wenigstens einmal wirst Du mir doch noch hieher schreiben? Es muss aber wieder auf dem alten Fuße sein; Laßberg bekömmt alle Briefe zuerst in die Hände und ist viel zu begierig nach Nachrichten von Dir, als dass ich ihn mit trocknem Munde könnte abziehn lassen; aber verkürze den offiziellen Bericht und laß dieses dem privaten zugute kommen. Schreib mir aber nicht eher nach Rüschhaus, bis ich Dir von dort meine Ankunft gemeldet; eine so weite Reise kann hundert Zufällen und Verzögerungen unterworfen sein.

NB. Mama schreibt mir von einem dicken Briefe, der für mich von Bielefeld von einem Buchhändler – woraus sie dieses schließt, sagt sie nicht – angekommen, und ob sie mir ihn nachschicken solle? Antwort: ja. Was könnte das sein? Weißt Du etwas davon?

Meersburg, 4. Mai 1842

Mehr zum Adressaten: Levin Schücking
Hintergrund: Levin Schücking und Annette von Droste unternehmen in Meersburg täglich lange gemeinsame Spaziergänge. Aus Sorge vor Gerüchten verlassen sie die Burg getrennt, um sich dann in Haltenau zu treffen. Auf dem Rückweg machen sie häufig noch einmal Halt im "Glaserhäuschen". Mit dem Gedichte "Die Schenke am See" setzt die Droste dem Lokal und seinem Wirt ein literarisches Denkmal.

Am 2. April 1842 reist Schücking von Meersburg nach Stuttgart, um dort mit dem Verleger Cotta und dem "Morgenblatt"-Redakteur Hermann Hauff unter anderem über eine Veröffentlichung der "Judenbuche" zu sprechen. Anschließend tritt Schücking eine neue Stelle an: Er wird als Erzieher der Söhne des Fürsten von Wrede in Ellingen und Mondsee arbeiten.

4 Anmerkungen

  • # Levin Schücking:
    Levin Schücking

    Des Misserfolgs ihrer langen erzählenden Gedichte sich erinnernd, suchte sie dabei nach der eigentlichen Form für das mächtige, nach Äußerung verlangende Talent, welches sie in sich fühlte, ungewiss und unsicher darüber, ob dies Talent für die prosaische Darstellung, für die Lyrik, für das Epos eigentlich geschaffen — am Ende war es gerade das Gefühl, dass es auf allen diesen Gebieten gleich bedeutend, gleich original und mächtig sich zeigen würde, was sie darüber schwanken ließ, wohin sich wenden.

    Oft lenkte sich zwischen uns die Unterhaltung darauf, bei den nachmittäglichen Spaziergängen am Seeufer oder zu dem reizenden Punkt „Figels Häuschen“, wo in einer, die Aussicht auf die Appenzeller Alpen, den Säntis, die sieben Kurfürsten und das Thurgau bietenden Rebenlaube einst rasch improvisiert das Gedicht: „Die Schenke am See“ entstand.
    Aus: Annette von Droste. Ein Lebensbild, 1862


  • # Levin Schücking:
    Levin Schücking

    Ich habe, wenn andere allenfalls einen Schatz, ein ganzes Trifolium … das gute Dröstchen und meine Münstersche unglückliche Liebe [Elise Rüdiger] und Dich … könnten wir doch alle zusammen in einer gemeinsamen Haushaltung auf unsern Lorbeeren ruhen.
    An Ferdinand Freiligrath, 17. März 1842


  • # Levin Schücking:
    Levin Schücking

    Morgen früh reise ich hier ab. Der Abschied von den braven Leuten hier und der Droste wird mir sauer.
    An Ferdinand Freligrath, 1. April 1842


  • # Levin Schücking:
    Levin Schücking

    Es sind jetzt sechs Wochen, seit ich von Meersburg fort bin – mir scheinen es sechs Monate – und bis auf diese Stunde habe ich noch keine Zeile von Ihnen erhalten – was ist das? Wissen Sie, dass ich recht ängstlich und besorgt deshalb bin? Mein einziger Trost ist die Annahme, dass Sie das schöne Wetter benutzt haben zu Ihrer intendierten Mailänder Reise – oder hat man Ihren Brief auf der Post verloren? Oder sind Sie krank? Bitte, wenn Sie können, nur ein paar winzige Zeilen, dass ich nicht länger unruhig sein brauche! Ich hoffe, Ihr Brief ist verloren gegangen, der Portier in Ellingen, der mir Briefe nachschicken soll, ist sehr im Stande dazu – ich hoffe es, so traurig es auch wäre, wenn mir eine Zeile von dem verloren ginge, was Sie mit so viel Mühe zustande bringen müssen; deshalb bitte ich ja auch nur um ein paar kurze Zeilen, um eine Seite höchstens, dass es Ihnen wohl geht.
    Mondsee, 13. Mai 1842