Sie sehn, Lies, wie schlecht es mit meinem Schreiben geht, 2-3 Zeilen im Tage, aber heute muss etwas gewagt und geleistet werden, denn unser Heinrich, von München abgehend und über Meersburg reisend, um Mama auf ihrer Heimreise zu begleiten, ist schon vor drei Tagen angekommen, und wieder nach drei Tagen (am 10.) steht mir die harte Stunde der Trennung bevor. Von meiner Mitreise kann keine Rede sein; habe ich wirklich noch Jahre zu leben, so müssen wenigstens die nächsten und gefährlichsten in diesem Klima durchvegetiert werden. So sagen wenigstens die Ärzte und andere auch, selbst Mama.

Es ist sehr hart, von einer 74jährigen Mutter zu scheiden, vor allem, wenn man selbst krank ist. Das Wiedersehn ist eine Durchfahrt zwischen Scylla und Charybdis. Mein einziger Trost ist die ziemlich offenliegende Notwendigkeit, Jennyn eine recht nahstehende Gesellschafterin zu lassen. Sie leidet, obwohl 1 1/2 Jahr älter als ich, doch an denselben Erschütterungen einer körperlichen Veränderung, wird, wie ich, noch Jahre lang mehr oder minder damit zu kämpfen haben, und grade bei ihr macht die Seelenstimmung alles aus; ein lieber Besuch, ein freies Ausströmen ihrer Gefühle macht sie auf der Stelle gesund, das Gegenteil mehr oder minder rückfällig in ihre leidenden Zustände. Jetzt ist sie gottlob ganz wohl; Laßberg auch, nur hinfällig und überaus gütig gegen mich.

Lieb Lies, wie unterhalten wir aber fortan unsre Verbindung, da ich nicht schreiben kann? Als erste Maßregel werde ich mein liebes Mütterchen bitten, jede Nachricht von hier Nannyn oder Luischen zukommen zu lassen; eine direkte Korrespondenz würde mir noch passender scheinen, wenn ich nicht überzeugt wäre, dass Sie auf diese Weise unendlich weniger erfahren würden. Denn Mama wird selbst zu den guten Kindern gehn, und dann erzählt sie recht gern und umständlich, während sie selbst sehr ungern, und, weil es ihr so schwer wird, nur kurz schreibt.

Dass ich gern mitunter einen Brief von Ihnen, mein altes, mir immer gleich teures Herz, sähe, brauche ich nicht zu sagen, aber ein Brief, auf den man vielleicht erst nach einem halben Jahre Antwort erwarten kann, ist ein Opfer. Wollen Sie es mir zuweilen bringen, um unsrer Liebe willen, die doch wohl stärker ist als Krankheit und Tod? Und in die Briefe, die fortan wieder von hier an Mama abgehen, einige versiegelte Zeilen an Sie einlegen, dies werde ich doch hoffentlich immer können, und unsre lieben Münsterkinder besorgen sie Ihnen dann, wären es nur die paar Worte: “Ich lebe noch, und habe Sie sehr lieb”.

Meersburg, 7. August 1847

Mehr zum Adressaten: Elise Rüdiger
Hintergrund: Neffe Heinrich, der älteste Sohn von Annettes Bruder, studiert in München. Er holt seine Großmutter, Annettes Mutter Therese, im Sommer in Meersburg ab, die beiden verlassen den Bodensee am 10. August 1847 Richtung Westfalen.

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