1845 17.Juni

Von hier kann ich Ihnen nichts erzählen. Es passiert eben nichts, und Sie kennen niemanden. So will ich Ihnen, faute de mieux, meine kleinen Reisebegebenheiten vorführen; die erste und unbedeutendste würde dennoch meiner armen Mama die Haare zu Berge getrieben haben. Ich habe nämlich das Malheur gehabt, im allerklatrigsten Aufzuge, altem Mantel, ohne Hut, von der Hartmannschen Familie erwischt zu werden – die Mama Hartmann, der Assessor, Tony, und eine Allwine Zurmühlen – alle mit mir auf der Schnellpost, von Münster bis fast Paderborn, zur Hochzeitsfeier Dinchens Hartmann mit Mallinkrodt. Ganz lieb war’s mir nicht, jedoch mit einiger Philosophie schon zu ertragen, aber Mama darf’s nicht wissen, sonst läßt sie mich mein Lebtage nicht wieder allein fort. Die Mutter Hartmann war sehr liebenswürdig, nur gar zu taub; die jungen Mädchen voll Hochzeitsgedanken, langweilig und gelangweilt; die Zurmühlen weniger, aber Tony sehr arg, und hat mich förmlich geniert, mit ihrem ewigen Gähnen, war auch ungeduldig und schnippisch mit der Mutter, kurz, hat mir grundschlecht gefallen, anfangs war sie blaß, und ich konnte gar nicht begreifen, dass dies die schöne Tony sein sollte, nachher bekam sie Farbe, und war denn doch wohl hübsch. Unterwegs wurden wir alle hungrig, die Hartmanns zogen zwei große Tüten mit Bonbons hervor, und ich eine Schachtel mit Butterbroten – oh Schande, Schande über mich! Zwei Stunden vor Paderborn (am Sande) stand Mallinkrodt vor dem Wirtshause, und aus den Fenstern riefen und jubelten allerlei Köpfe, man war meinen Damen entgegen gefahren, da gab’s denn einen sehr fröhlichen Empfang, und eine keineswegs schmerzliche Trennung.

Ich rollte mit meinem Settchen in süßer Einsamkeit weiter und legte mich quer auf die Sitzbank, aber nur eine halbe Stunde, dann stiegen zwei Männer ein; der eine, ein sehr ruhiges Subjekt, gab sich als Lederfabrikant aus Paderborn zu erkennen und ward dann mäuschenstill, der andre, ein ältlicher Mann, in halb geistlicher (wahrscheinlich Schulmeister-)Tracht, verriet sich mit den ersten Worten als Münsterländer und stellte sich, auf meine Nachfrag[e als] geborner Dülmenser und seit zwanzig Jahren Bewohner von Rietberg heraus. Das gab gleich gr[oße F]reundschaft, ich kannte die halbe Stadt, Wirtsleute, Krämer, Pastoren, gab ihm von allem Nachricht, sagte, ich sei auch aus der Gegend von Dülmen, vom Lande her, – kurz, tat ganz wie eine Schulzenfrau oder dergleichen Gutes, wobei meine Toilette mich vortrefflich unterstützte, und Settchen, die den Spaß merkte, mich durch nichts verriet. Mein altes Männchen wurde vollkommen getäuscht und gab, als es in Neuhaus ausstieg, mir Grüße an alle Schuster und Schneider mit. Ein Erfolg, auf den ich nicht wenig stolz war und schon überlegte, ob ich nicht am besten tue, auf’s Theater zu gehn, aber – sic transit gloria mundi! – als ich eben vor Hochmut bersten wollte, fing mein Lederfabrikant an, lebendig zu werden,: „Mit Erlaubnis, bleiben Sie die Nacht in Paderborn?“ – „Nein, ich fahre noch bis Brakel“ – „mit Erlaubnis, Sie wollen wohl nach der Hinnenburg?“ – Ich (sehr verwundert): „Nach Hinnenburg? Nein nach Brakel, und morgen weiter“ – „Mit Erlaubnis, ich habe doch die Ehre, mit Fräulein von Droste zu sprechen?“ – (hier fiel mir vor Verwunderung ein Stück Butterbrot zum Wagen hinaus) „kennen Sie mich?“ – „Nein, aber ich habe mir vom ersten Augenblicke an vorgestellt, dass Sie Fräulein von Droste sein müßten, denn ich habe [Ihre Gedichte] gelesen, ach! wie schön sind die!“ So ging’s weiter, und ich kam bis Paderborn nicht aus der Konsternation, mein neues Talent so zerplatzen zu sehn.

Aber sagen Sie, Lies, sind meine Gedichte denn so gräulich pfahlbürgerlich? Denn eine prächtige Pfahlbürgerin habe ich agiert, darauf lasse ich mich totschlagen. Mein Lederfabrikant erinnerte mich übrigens gewaltig an den Papa Junkmann, hatte etwas sehr Ehrenfestes, und einen angenehmen taktvollen Bürgerstolz.

Abbenburg, 17. Juni 1845

Mehr zum Adressaten: Elise Rüdiger