1844 1.April

Nun hören Sie: Schücking und Frau kommen zu uns, und zwar auf drei Wochen. Sie kennen nun Laßbergen und seine Abneigung vor aller Unruhe und Getreibe zu gut, als dass ich weitläufiger zu erörtern brauchte, wie fatal und jeden einzelnen beengend das Zusammentreffen beider Besuche sein würde. Ich schrieb deshalb sogleich an Schücking, dass er seinen Urlaub danach einrichten oder, wenn dies nicht in seiner Macht stehe, den Anfang und die Dauer desselben mir genau angeben müßte, damit Sie und die Tante danach Ihre Abreise bestimmen könnten. Sie denken wohl, dies sei eine etwas epineuse Aufgabe gewesen? (für mich nämlich). Keineswegs. Schücking kennt Laßbergen, seine trotz aller Herzlichkeit förmliche Höflichkeit und seine innerliche Beängstigung, wenn er vielen genugtun soll, wo er sich jedem einzelnen widmen möchte, zu gut. Mama und Jenny waren ganz meiner Meinung, ich schrieb in ihrem Namen mit; so machte sich die Sache so unanstößig und harmlos wie möglich. Ich drang auf Antwort mit umgehender Post, um auch Ihnen Zeit zu lassen, Ihre Einrichtungen zu treffen, zeigte zugleich Unruhe wegen meines Geschäfts mit Cotta, da die Ostermesse herannahe und weder Annoncen noch Probegedichte erschienen. Trotz aller dieser Reizmittel keine Antwort! (und Augsburg ist nur 35 Stunden von hier!)

Nach zehn Tagen schrieb ich wieder, diesmal dringender: alles stumm! Nach zehn Tagen nochmals, und jetzt wirklich höchst beängstigt, da ich mir Sch[ücking] völlig mit Cotta zerfallen, vielleicht gar nicht mehr in Augsburg, sondern in irgendeinem dunklen Winkel am Hungertuche nagend und zu stolz, mir dies zu schreiben, dachte. Jetzt kam wirklich Antwort mit umgehender Post (gestern abend): Schücking und Frau sind verreist gewesen, nach München, waren erst vor einigen Stunden zurückgekehrt, und hatten mein Regiment Briefe nebeneinander aufmarschiert gefunden.

Er schreibt allerlei; über ihren Besuch diese Worte: „Wir werden pünktlich am ersten Mai in Meersburg eintreffen und ebenso pünktlich am 23. abreisen, und zwar nach Venedig, um dort Seebäder zu gebrauchen, Ihre Damen müßten also vorher oder nachher kommen.“ …

Ich habe seit drei Monaten viele Briefe von Sch[ücking] erhalten – oder von seiner Frau, wenn Sie wollen; denn sie schreibt immer die Hälfte davon und diktiert noch einen Teil des übrigen, wo es immer um die dritte Zeile heißt, „meine Frau sagt“ oder „meine Luise will, dass ich Ihnen schreibe et cet.“ Es ist auch offenbar, dass sie alle an ihn kommenden Briefe liest, wahrscheinlich sogar auf seinen Wunsch in seiner Abwesenheit erbricht. So richte ich denn die meinigen für beide ein, rede sogar abwechselnd beide an, um ihr nicht extra schreiben zu müssen. Indessen traue ich ihr nicht recht, ihre Worte gegen mich sind lauter Liebe, sogar Demut, aber dennoch fühle ich etas Gezwungenes und versteckt Pikiertes zuweilen heraus, namentlich, wenn ich etwas von Sch[ücking] nicht übermäßig gelobt habe. Neulich z.B. schrieb Sch[ücking] mir, er werde sich fortan aufs Drama legen, und habe ein Trauerspiel „Günther von Schwarzburg“ unter der Feder. Ich riet ihm davon ab, da ich nach den früheren Proben sein Talent fürs Drama für weit weniger ausgemacht halte, als zur Poesie und erzählendem Stile. Darauf schreibt sie ziemlich spitz: „Levins ‚Günther‘ ist fertig und trotz Ihrer traurigen Prophezeiungen doch ein gutes Stück.“ Und ein andres Mal, was mich wirklich arg enttäuscht hat, zuerst eine ganze Seite voll Weihrauchqualm: sie sei ganz berauscht von Entzücken! So habe noch niemand geschrieben! Ich sei bestimmt, der Stolz meines ganzen Geschlechts zu werden! et cet. – und nun auf der andern Seite, von Levins Hand, eine Menge Stellen meiner Gedichte, die ihm schon früher bekannt und sehr lieb waren, und die er nun mit einer Ängstlichkeit verändert wünscht, dass man sieht, wie sie ihm jemand fatal und lächerlich gemacht hat, und dann als Nachsatz: „Mein Luischen kömmt eben herein und will sich wohl totlachen, dass ich Sie noch erst um Erlaubnis frage; sie meint, ‚alles das, was ich abgeändert wünsche, seien ja lauter Unmöglichkeiten!, und ich hätte zu Ihrem eigenen Besten frisch draufloskorrigieren sollen, ohne Sie lange zu fragen; sie wolle mir noh eine Menge anderer Unmöglichkeiten zeigen et cet.“ Was sagen Sie dazu? Ist das nicht echt Bornstedtisch?

Ich habe nichts hierauf geantwortet (d.h. auf den Nachsatz), fürchte aber, das Stückchen lange nicht zu vergessen, nicht der Beleidigung halber, sondern weil ich besorge, einen tiefen unglücklichen Blick in ihren Charakter getan zu haben. Sch[ücking] liegt übrigens total zu ihren Füßen, man sieht, dass jedermann (wie natürlich) sie ihm anlobt; er hält sie für die glänzendste, die begabteste, die schönste Frau Deutschlands, schwimmt in Glück und tut nicht wenig dick damit, dass sie so mit Bewunderern gesegnet sei, zu denen auch Kolb gehöre.

Mich hat sie indessen noch nicht bei ihm zugrunde richten können. …

Ich wüßte übrigens nicht, wie ich, wenigstens für meine Gedichte, je mehr erwarten könnte, als ich bereits erhalte. Cotta gibt mir für die erste Auflage von 1500 Exemplaren hundert Louisdor und hat sich fast verbindlich gemacht (wenigstens ganz ungefordert die Aussicht gestellt), für jede neue Auflage das Doppelte zu geben – also 1000 Taler. Mehr kann ich doch unmöglich erwarten! … reden Sie in Stuttgart gegen niemanden von meinen Gedichten, am wenigstens von dem Honorar. Die ersten könnten durchfallen, und ich würde dann mit meinen Erwartungen, selbst in Ihrem Munde, lächerlich; das letzte (Honorar) darf aus doppelten Grunde nicht besprochen werden; das bereits zugesagte, weil Cotta andern viel weniger gibt (selbst Lenau und Uhland für die ersten Auflagen kaum über die Hälfte), somit gewiss ein Geheimnis daraus zu machen wünscht, dessen Ausplauderung mit dem größten Schaden auf mich zurückfallen würde. Das künftig zu hoffende, weil Cotta es mir nicht zugesagt hat, sondern nur geschrieben, er pflege in solchen Fällen (bei Schriftstellern, die er mir gleichstelle) bei der zweiten Auflage das Doppelte zu geben. Dies ist keine Zusage, obwohl (da er diese Äußerung ganz unaufgefordert getan hat) eine stark begründete Aussicht, und die gewöhnlichste Diskretion fordert von mir, dass ich darüber schweige, bis sich die Sache realisiert; vor allem in Stuttgart, wo Cotta selbst wohnt und mit ihm eine Masse Dichter, denen er nicht das gleiche zu geben willens ist.

Um von diesem Gegenstande abzukommen, sage ich Ihnen nur noch, dass die Gedichte allerdings zur Ostermesse, die erst am 2ten März ist, herauskommen; dass Sch[ücking] Cotta gebeten hat, sie in Augsburg drucken zu lassen, um die Korrektur besorgen zu können; dass Cotta darauf erwidert, seine Dampfpresse dort drucke nicht schön genug, und er wünsche dem Buche die möglichst beste Ausstattung zu geben, doch sei ihm Sch[ücking]s letzte Revision sehr erwünscht, weshalb alle Probebogen ihm portofrei zukommen würden; dass Sch[ücking] bereits den 14ten Bogen erhalten hatte und mir die fünf ersten schickt, die leider (wie wird sie dies verteuern!) wie Prachtausgabe sind, mit schönen Typen aufs allerfeinste Velinpapier gedruckt; dass ich nur ein paar Freiexemplare erhalte; dass der Kontrakt nur für diese Auflage bindet und bei der zweiten ein neuer gemacht werden muss, Cottas verdoppeltes Honorar also nur ein vorläufiger Wink ist, damit ich mich nicht anderwärts engagiere, während er doch nicht dadurch gebunden wird. – Daß die Anzeige erst erscheint, wenn der Druck vollendet ist (dann auch wohl Probegedichte denke ich mir) – und endlich, dass jene vermeintlich Ginetsische Rezension von Freiligrath eingeschickt ist ohne Levins Vorwissen, wie es scheint, aber doch gewiss aus Freundschaft für dessen Freundin, und dass weder Sch[ücking] noch seine Frau mich rezensieren werden, und nun ist’s über und über Zeit hiervon abzubrechen.

Meersburg, 1. April 1844

Mehr zum Adressaten: Elise Rüdiger
Hintergrund: Annette von Droste will ein Zusammentreffen Elise Rüdigers mit Levin Schücking in Meersburg - angesichts der früheren Liebesbeziehung - unbedingt vermeiden.