1845 25.August

Machen Sie damit, was Sie wollen, d. h. drucken Sie es oder nicht; ich mache gar keine Prätensionen mit diesen Gedichten, die in einem Wirrwarr gemacht sind, wie ich desgleichen nie erlebt und nie wieder zu erleben hoffe. Seit zwei Monaten, wo der Onkel so weit hergestellt ist, dass er täglich einige Stunden Besuch ertragen kann, ist’s hier zum Schwindligwerden. Alle Tage 3–4 Besuche und jeder 3–4 Mann stark: neun verwandte Familien, vier benachbarte, nebst diversen Pastoren, die sich alle einbilden, jede Woche wenigstens einmal nachsehn zu müssen, wie die Besserung fortschreitet. Der Onkel hat’s bequem: sobald ihm der Lärm zu arg wird, zieht er sich als Rekonvaleszent in seine Privatzimmer zurück, wohin niemand folgen darf; aber Mama und ich führen ein wahres Schenkwirtsleben – wir liegen oft noch im Bette, wenn schon ein Wagen anrollen kömmt, und alle bleiben bis zum späten Abend. Denken Sie, Mama’n bekömmt dies Leben à merveille; sie ist so kregel wie ein Bienchen geworden, und wenn ich an Rüschhaus denke, wo ihr eigentlich jeder Besuch zu viel war, so steht mir der Verstand still.

Ich hingegen kann’s gar nicht aushalten; ich bin den ganzen Sommer leidend gewesen und muss mich täglich über Nacht aufrappeln. Wenn ich mich darin zugäbe, könnte ich jeden Abend bitterlich weinen. Gegen den 20sten nächsten Monats denkt Mama indessen abzureisen, NB. wenn sie es durchsetzt; der Onkel weiß noch nichts davon, und ich sehe bedeutenden Widerspruch voraus. Schreiben Sie mir also später nicht mehr hierhin, sondern wieder nach unserm guten Rüschhaus, was mir jetzt wie ein Paradies vorkömmt; ein Brief nach unserer Abreise ankommend wäre so gut wie sicher verloren, denn der Onkel ist über die Maßen vergeßlich, und es gibt Eckchen oben auf seinem Schreibtisch, wo er alles hinsteckt, und woraus keine Erlösung zu hoffen ist.

Ich habe die Gedichte abends im Bette machen müssen, wenn ich todmüde war; es ist deshalb auch nicht viel Warmes daran, und ich schicke sie eigentlich nur, um zu zeigen, dass ich für Sie, liebster Levin, gern tue, was ich irgend kann. Zum Durchfeilen ist mir nun vollends weder Zeit noch Geistesklarheit geblieben, doch sind mir, wie Sie sehen, unter dem Schreiben allerlei Varianten eingefallen, unter denen Sie – falls Sie die Gedichte aufnehmen, was ich aber, aufrichtig gesagt, nicht erwarte – wählen mögen.

Am liebsten wäre es mir, wenn in diesem Falle meine liebe Luise die Auswahl träfe. Sie, lieber Levin, sind gar zu sehr mit Arbeiten überhäuft, um lange kreuz und quer zu überlegen, wie sämtliche Abänderungen sich zu einander verhalten müssen, damit sich nicht dasselbe Bild wiederholt oder dasselbe Wort zu schnell wiederkehrt. Und meine Arbeit ist doch schwach genug auch ohne solche Verstöße.

In die späteren Jahrgänge will ich, wenn Sie es wünschen, größere Aufsätze liefern, prosaische, weil Ihnen das am liebsten ist – ich denke, westfälische Sittenschilderungen, entweder in Erzählungen oder Genrebildern. Wenn ich diesen Winter nicht zu krank werde, werde ich tüchtig in Rüschhaus arbeiten können; denn ich habe jetzt niemanden mehr, der mich besucht, da Rüdigers, die nach Minden versetzt sind, schon vor meiner Ankunft fort sein werden, und Schlüter gar nicht mehr über Land geht. Ich hoffe, letzterer hat Ihnen Beiträge geschickt; ich habe es ihm früh genug geschrieben und weiß auch schon, dass er sehr erfreut und bereitwillig gewesen ist.

Abbenburg, 25. August 1845

Unter der Feder: Beiträge für "Das malerische und romantische Westphalen"
Mehr zum Adressaten: Levin Schücking