1835 19.Februar

Ich bin krank, Billchen, deshalb soll ich gar nicht schreiben, nicht lesen; nun, das Verbot ist überflüssig, die Buchstaben schwimmen und rennen durcheinander wie Wassertierchen. Ich will versuchen, wie weit ich komme. … Von früherhin ließe sich allerdings manches sagen, und müßte sogar gesagt werden, aber für dieses Mal wird’s nicht gehen, mein Kopf läuft mit mir um. Nur so viel, ich war Dir böse und bin es nicht mehr, denn ich habe mich entschlossen, jenes, was mich kränkte, und zu verschiedenen Zeiten oft und sehr gekränkt hat, in Zukunft als etwas Unabänderliches zu tragen. Ich meine Deine Unfähigkeit, persönliche Mühe für Freunde zu übernehmen, selbst wenn der Erfolg für jene von Wichtigkeit und die Mühe gering wäre.

Du kannst wohl nicht zweifeln, dass für dieses Mal von meinen Gedichten die Rede ist, die ich so mühsam für dich abschrieb, und dafür nichts verlangte, als dass du sie mir mit Adelen und D’Alton kritisch durch sehn mögest, da ich befürchte, dass durch all zu vieles Streichen manches unzusammenhängend geworden, dem aber durch Einschieben des Gestrichenen leicht zu helfen, auch sonst, fürchtete ich, sei manches zu gewagt et cet. Du magst das Weitere in den zwei zu jener Zeit geschriebenen Briefen nachsehen, heute darf ich kein überflüssiges Wort schreiben. Ferner um Anweisung bat ich, an wen ich mich wohl wegen des Verlags zu wenden, und auf welche Weise. Hättest du nur nicht so enthusiastisch, so überaus dienstwillig geantwortet, und hätte ich dir nur nicht so fest geglaubt und mit so ängstlicher Spannung von einem Posttage zum andern geharrt, es würde mich weniger geärgert haben, dass so gar nichts geschehn ist, ich würde nicht so allen Mut und Lust verloren haben, je wieder etwas unternehmen. Doch passons la dessus!

Dieses heftige Eingreifen und schnelle Fahrenlassen ist eine stehende Eigenschaft bei Dir, aber nur des Kopfes, vielmehr der Phantasie, keineswegs des Herzens, deshalb kann ich sie Dir übersehen und Dich lieben wie zuvor. Laß Dich, durch das was ich geschrieben habe, nur ja nicht verleiten, Dich etwa jetzt, mit deinen Kopfleiden, grade recht mal a propos an die Sache zu geben, laß sie überall beruhen, du kannst ohne Adelen doch nicht voran, und meine letzte Frage oder Bitte betrifft sie allein, darum werde ich ihr schreiben, sobald ich besser bin.

Ich war übrigens schon mit meinen Gefühlen für Dich im reinen und Dir gar nicht böse mehr, wie Dein vorletztes Schreiben kam. Für dieses mal hinderte mich der Ring am Antworten, Du fordertest ihn auf eine trotzige Weise zurück, fast als ob Du dächtest, ich wollte Dich drum bringen. Drum wollte ich keine Antwort ohne denselben schicken … Ich wollte, das Unglücksding wäre nie vor meine Augen gekommen.

Du beklagst Dich, dass ich Dir die Heirat meiner Schwester nicht notifiziert – Kind Gottes, ich habe es Dir ja geschrieben, mit meiner eigenen Hand, ist das nicht besser wie eine gedruckte Annonce? Ich hoffe, dass Jenny glücklich wird. Laßberg hat manches Originelle, aber noch mehr Vorzügliches, doch das Urteil über jemand, den man nur als Gast und Bräutigam sah, muss einseitig bleiben, mich verlangt, ihn zwischen seinen Mitbürgern, in seinen Familienverhältnissen zu sehen. Wahrscheinlich reisen wir nächsten Frühling (Mai) hin, d. h. die Mutter und ich, dann geht’s über Bonn und auf einige Stunden nach Plittersdorf. Das ist mir aber zu wenig. Du musst es möglich machen, auf einige Tage nach Bonn zu kommen, denn so lange, denke ich, wird Mama sich wohl von ihrem Bruder halten lassen. Ich will’s nur bekennen, so wenig Du es verdienst, dass ich mich recht herzlich, Dich wiederzusehn, sehne.

Bist Du noch krank? Nein, jetzt nicht mehr, ich denke mir, Du läufst wieder auf Deine „zwei Beine“ gleich ’ner Wachtel. Ich wollte, mit mir ständ’s auch so. Die Buchstaben krimmeln mir vor den Augen wie ein Regiment Läuse (von welcher Gattung, bleibt Deinem Geschmack überlassen, Du magst wählen, die Dir am liebsten sind).

Rüschhaus, 19. Februar 1835

Mehr zum Adressaten: Sibylle Mertens-Schaaffhausen