1814 20.Dezember

An meinem Trauerspiele habe ich bis vor zwei Wochen noch immer fortgeschrieben und werde auch jetzt wieder dabei anfangen; es geht etwas langsam, aber doch hoffe ich, es gegen den Frühling fertig zu bekommen. Ich wollte, es stände sogleich auf dem Papiere, wie ich es denke, denn hell und glänzend steht es vor mir in seinem ganzen Leben, und oft fallen mir die Strophen in großer Menge bei; aber bis ich sie alle geordnet und aufgeschrieben habe, ist ein großer Teil meiner Begeisterung verraucht, und das Aufschreiben ist bei weitem das mühsamste bei der Sache.

Doch kömmt es mir vor, als ob sich meine Schreibart besserte, dies sagen mir auch alle, denen ich es auf Verlangen meiner Mutter vorlas; aber ich fürchte immer, dass diese Menschen gar wenig davon verstehen, denn es sind meistens Frauenzimmer, von denen ich im ganze nur wenig Proben eines reinen und soliden Geschmacks gesehn habe, und so fürcht‘ ich, sie täuschen sich und mich. Ach, mein Freund, wie sehn‘ ich mich dann oft nach Ihnen, Ihren lehhrreichen Gesprächen, unbefangenen Urteile und sanften Tadel; denn was soll mir das Lob von Menschen, welche nicht tadeln können?

Lieber teurer Sprickmann, ich sehe es täglich mehr ein, wie unendlich viel ich an Ihnen verloren habe und wie ich ohne Sie nur ein schwaches unselbständiges Wesen bin.

Unter der Feder: "Bertha"
Mehr zum Adressaten: Anton M. Sprickmann
Hintergrund: Anton Matthias Sprickmann, Freund und Förderer aus Münster, ist 1814 nach Breslau gezogen. Vor seinem Weggang hat er Annettes Arbeit an ihrem Trauerspiel "Bertha" literarisch betreut.