Unsere Reise ist sehr gut und schnell vonstatten gegangen, obwohl sie etwas fatal anfing. Von Mamas Medizingläschen hatte sich nämlich der Pfropfen losgerüttelt, und wir merkten erst an dem Gestank von Assa foetida, dass es zum Teil in Mamas Körbchen und noch mehr in Settchens Mantel ausgelaufen war.
Das Fläschelchen wurde zum Wagen hinausgeworfen, das Körbchen war weit von unseren Nasen untergebracht, dennoch wurde Settchen nach einiger Zeit ganz übel, und sie musste sich mehrere Stunden lang von Zeit zu Zeit zum Wagen hinaus übergeben, bis sie den Mantel abnahm, unter ihr Sitzpolster legte und sich in meinem roten Pelzmantel auf den Bock setzte, wo ihr dann bald besser wurde, und es ist dies das einzige uns auf der Reise zugestoßene Unangenehme, wenn ich den beständigen Regen nicht rechne, vor dem uns jedoch der gut schließende Wagen hinlänglich schützte und auch Settchen in meinem dicken Pelze und unterm Schirm nicht sehr gelitten hat. Ihr Zahnweh war in Meersburg zurückgeblieben und ist auch nicht wiedergekommen. Sie meint, es habe sich vor dem Regen, der ihr mitunter ins Gesicht schlug, “verschrocken”.
Den ersten Tag passierte uns nichts Erzählenswertes; wir hielten nur an, um Pferde zu wechseln und hielten Mittag im Wagen von Eurem Proviant. Es war schon sehr finster, als wir in Schramberg kamen. Der Regen hatte aufgehört, aber dicke Wolken ließen den Mond nur wenig durchkommen, so dass die Berge und Felsen sich riesenhaft vergrößerten und das Städtchen mit seinen rotglühenden Schmelzöfen und den vielen weißleuchtenden Lampenglocken in den lange Fabriksälen sich wirklich feenhaft ausnahm. Dort riet uns der Postmeister dringend ab, im Finstern über Wolfach zu gehen, da der erste Teil des Weges über schmale Klippenwände führe und erst vor einigen Tagen dort ein großes Unglück geschehn und ein Wagen mit Menschen und Pferden nachts in nden Tobel gestürzt sei. Das war uns doch zuviel und verlangten wir es auch gar nicht, sondern fuhren nach Hornberg und machten dort, da der Regen wieder in Strömen goß, unser erstes Nachtquartier.
Am andern Morgen kamen wir etwa eine halbe Stunde vor Abgang der Eisenbahn in Offenburg an. Die Eisenbahn machte uns dieses Mal gar keinen ängstlichen oder seltsamen Eindruck mehr, aber einen höchst langweiligen, ganz als wenn man auf schlechten Wegen langsam voranzuckelt, überall aufgehalten wird und gar nicht vorankömmt. Auf dieser Bahn müssen nämlich die Schienen nicht gut gelegt sein; sie stößt bedeutend, und das ewige Anhalten bei den Stationen erhöht noch den Eindruck von schlechten Wegen und Langsamkeit, obwohl es pfeilschnell geht und wir nur etwa fünf Stunden bis Mannheim brauchten.
Ohngefähr die letzte Hälfte des Weges über hatten wir einer Berliner Baron in unserm Wagen, der von Trier und Johanna Droste anfing, die Sache “entsetzlich” fand, “man habe ihr ein Stückchen vom heiligen Rocke eingegeben” et cet. Man sah deutlich, dass er den Erzbischof für stark beteiligt bei der Sache hielt. Desto verlegener wurde er, als wir ihm den wahren Hergang der Sache erzählten und er merkte, wie bekannt uns die Familie sei, er überschlug sich fast vor Zorn über die öffentlichen Blätter, die es wagten, eine Sache so zu entstellen, und tat uns nachher alle mögliche Höflichkeit an, lief z.B. wie ein Kurier voraus an den Rhein, um uns Billetter zu lösen (obwohl er selbst in Mannheim blieb), da der Eisenzug ungewöhnlich spät ankam, eines andern Wagenzugs halber, der sich uns anschließen sollte und uns lange warten ließ. Am Rhein angekommen, fand sich, dass das Schiff, mit dem wir fahren sollten und was für diesen Abend das letzte war, Schaden genommen hatte und nicht fahren konnte, so mussten wir denn notgedrungen in Mannheim bleiben.
Abends im Bette revidierte Mama unsre Kassen und fand, dass ihr das Geld ausgehn würde, wenn sie über Trier ging, auch fürchtete sie sich überhaupt vor der Reise, vor der wahrscheinlichen Schwierigkeit, Quartier zu bekommen und was sonst noch alles für Elender wenig gereisten Frauenzimmern bei solchem Volksandrange leicht zustoßen können, und so gab sie dann diesen Plan auf, und wir fuhren am dritten Tag den Rhein hinauf bis Düsseldorf, wo wir abends um halb elf ankamen.
Ich bekam schon sehr bald mein Kopfweh, bin vom Anfang bis zum Ende des Weges im Wagen geblieben und habe nichts gesehn als die schöne Aussicht, das schöne Gesicht einer englischen Herzogin, die grade neben mir auch in ihrem prachtvollen Wagen saß, ihren Mann zur Seite, ein Buch in der Hand, aber geschwind das Fenster aufzog, als ich einmal hinsah, und seitdem wie angenagelt im Fond zurückgelehnt saß und nur einen Zipfel ihres Buchs sichtbar werden ließ, in dem zuweilen ein Blatt umgeschlagen wurde, und dann die Matrosen, und unter ihnen einen, der sehr schön jodelte.
Unter unserm Wagen krabbelte es beständig; besonders seit es dunkelte sind wohl zwanzig Menschen darunter gekrochen. Wenn ich heraussah und schalt, hieß es “sie besähen sich die Ritterlanzen”, und es wurde dann für eine Weile ruhig, am andern Morgen fand sich jedoch, dass sie den Radschuh mitsamt der Kette gestohlen hatten. Es war nur ein Glück, dass wir keine Berge mehr passieren mussten.
Vom Dampfboot aus haben Mama und Settchen dir geschrieben, und Du hast den Brief wohl längst. Von Düsseldorf aus (wo man uns im “Gasthofe zum Weinberge” für zwei Zimmer und zwei Portionen Tee mehrere Taler abnahm) fuhren wir zu Lande immer voran ohne auszusteigen, über Dorsten, wo wir erfuhren, dass Drüdel Rensing doch schon den dritten Mann habe, aber nur Kinder vom ersten und unter ihnen ein Sohn, der ihr fortwährend großen Kummer gemacht und endlich vor zwei Jahren nach Amerika durchgegangen sei, nachdem er Wechsel für elftausend Taler eingezogen habe. Auch ein Bruder der Drüdel sei schon früher auf gleiche Weise durchgegangen, und jetzt schrieben beide Taugenichtse von Amerika aus und schienen dort vortrefflich zu florieren. Luise Rensing (Baumann) aber sei sehr glücklich und habe schon mehrere Töchter sehr gut verheuratet. All dies erzählte uns der Postillon, der in Drüdels Hause gedient hatte.
Dann ging’s über Haltern nach Dülmen, wo wir Settchen zu Gefallen, die ihre liebe Madam Werneking (Brudersfrau des freundlichen Nichtchens, was uns der gute Professor mal mit nach Hülshoff brachte), bei der sie fünf Jahre im Laden gestanden hatte, so gern sehn wollte, anhielten und Kaffee tranken. … Wir kamen etwas spät fort und im schönsten Mondschein durch Münster, wo uns vor dem Tore ein lustwandelndes Paar nach dem andern begegnete, obwohl es schändlich kalt war.
Bei Rüschhaus angekommen, fanden wir niemanden als Mariechen, die uns die Pforte mit den Worten öffnete: “Um Gottes willen, gnädige Frau, wie berumpeln Sie mich!”
Rüschhaus, 30. September 1844
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