1848 17.Januar

Lieber wertgeschätzter Freund und Vetter!
Ich weiß, dass mein langes Schweigen nach so vielen Beweisen Ihrer Güte und Ihres freundlichen Andenkens bei Ihnen keiner Entschuldigung bedarf. Sie haben gewiss keinen Augenblick an meinem lebhaftesten Wunsche, Ihnen zu schreiben, sowie an der bisherigen Unmöglichkeit, ihn zu realisieren, gezweifelt. Das fatale Herzklopfen! Es ist ein arger, obwohl jetzt fast mein einziger Tyrann, aber wie sich andre, allerdings schlimmere und vor allem schmerzhaftere Übel verlieren, nimmt dieses fast in gleichem Verhältnisse zu und hemmt mich so sehr in allem was ich unternehmen sollte oder möchte, dass ich manches Mal — z.B. eben heute — nicht umhin kann zu wünschen, lieber mehr leidend und weniger unfähig zur Erfüllung meiner liebsten Verpflichtungen zu sein.

Lieber guter Vetter! Wie hat mich alles erfreut und gerührt! Der Brief, in dem jedes Wort herzlicher Teilnahme einer Kranken so wohl getan hat; das Buch, das mir an jedem Morgen und Abende Trost gibt; die Blumen, an denen Ihnen so manche Erinnerung hängt, die ich jetzt gewissermaßen mit Ihnen teile, obwohl meine Phantasie schwerlich die rechten Farben treffen mag; das allerliebste Strohkistchen, das als ein Ihrem Wohnorte eigentümliches Produkt mir denselben gleichsam näher bringt; das sehr schöne Gemälde, in dessen Obersten ich nun einmal niemand andren sehen mag als meinen Freund, umso mehr, da eine gewisse Ähnlichkeit in Gestalt, Haltung, selbst in dem Allgemeinen der Züge gar nicht zu verkennen ist; die Autographen, die Sie teils mühsam für mich gesammelt, teils Ihrem eigenen Erinnerungsschatze entzogen haben, um mir eine Freude zu machen. Wahrlich, mein Freund, Sie verstehen es zu schenken, und jeder schon an sich schönen Gabe einen doppelten Wert zu verleihen.

Deshalb bin ich auch gar nicht verlegen um den Dank, für das, was nur die Hand gibt, mag man danken, was aber aus einem Herzen voll Güte und Teilnahme kömmt, steht über jedem Danke. Auch von den lieben Ihrigen kömmt mir so vieles Wohlwollen entgegen, und in Gestalt so schöner Gaben — sagen Sie Ihrer lieben Frau Gemahlin, wie sehr mich ihr Geschenk gefreut hat; einmal an sich, weil es so hübsch, zierlich und auch brauchbar ist, und dann doppelt als Arbeit ihrer eigenen Hand; und Ihrem Herrn Sohne sagen Sie, dass ich nie zuvor eine so überaus feine und saubere Zeichnung gesehen habe wie die seinige, dass sie eine Hauptzierde meines Albums und die Bewunderung aller Besucher ist, so wie sich jeder an dem hübschen Gedichtchen, das dem Bilde eine so freundliche Bedeutung gibt, freut, und ich natürlich am allermeisten.

Lieber Vetter, ich träume seit einigen Monaten sehr angenehm von einer kleinen Sendung nach Ansbach, wo ich mich auch gern kunstfertig zeigen möchte, namentlich im Ausschneiden aus schwarzen und weißem Papier, worin ich gar kein Lump bin, aber der liebe Gott macht mir täglich einen neuen Strich durch die Rechnung, indem er mich jeden Morgen so schwach und zu jedem Unternehmen unfähig aufstehen lässt als ich mich abends niedergelegt habe. Doch hoffe ich auf bessere Zeiten, die, nach der Versicherung der Ärzte, ja unfehlbar mit dem Frühlinge eintreten sollen, und kann es dann kaum erwarten, meine kleinen, leider halbvergessenen Künste für Sie und Ihre Lieben einmal wieder zu versuchen. Viel Rares wird es eben nicht werden, denn im Grunde sind meine Hexereien nicht weit her, aber dennoch freue ich mich unbeschreiblich auf diese kleinen Arbeiten. Wüsste ich mir nur etwas auszusinnen für Ihren großmütigen Freund, der mir den herrlichen Brief Gneisenaus geopfert hat! Sie begreifen, lieber Vetter, wie dieses Geschenk unter diesen Umständen mich rühren musste; und wie ich dem Geber gar, gar zu gern auch etwas Liebes und Freundliches erzeigen möchte — ich bitte, geben Sie mir einen guten Rat an die Hand — es hält so schwer, etwas auszufinden, das einem Blinden wirklich nützlich oder angenehm wäre. Vorläufig bringen Sie ihm meinen allerherzlichsten Dank und die Versicherung, dass ich den vollen Wert seines Geschenkes in jeder Beziehung fühle.

Lieber Freund, ich lege dem Exemplare meiner Gedichte (auf dessen Ankunft ich selbst habe lange warten müssen, da es einer Menge anderer, für meine Schwester bestimmter Gegenstände, die nicht schnell zusammenzubringen waren, beigepackt wurde) noch zwei Kleinigkeiten bei: ein regenbogenfarbiges Glöckchen und eine frühere Ausgabe meiner drei größten Gedichte, mit dem Anhange einiger geistlicher Lieder, die in der vollständigen Ausgabe nicht zu finden sind. Ich bitte Ihre Frau Gemahlin, dem bunten Spielzeug ein Plätzchen auf ihrer Etagere zu gönnen, es macht keinen Anspruch auf den Namen eines Geschenks, und soll nur ein freundlicher Gruß aus der Ferne sein.

Das kleine Buch geben Sie an einen derer, die mir durch Sie wert geworden sind, einen der lieben Ihrigen oder dem würdigen General. Was ich vorn hineingeschrieben, ist eine Bitte, die ich an jeden denselben richten möchte; so passt es für jeden.

Und nun, bester Vetter, muss ich schließen, es „tut’s halt nimmermehr!“ — und kann Sie nur noch zuletzt herzlich, ja, aufs dringendste bitten, Ihren hohen Freunden den angegriffenen Zustand Ihrer Gesundheit nicht zu verhehlen, vielmehr recht klar und triftig vorzustellen, damit Sie zur Ruhe kommen, ehe Ihre gute Konstitution wirklich erschüttert ist und Ihrer im späteren Alter dauernde Unbequemlichkeiten warten. Sie sind gewiss diesen Herren allzu diskret, denn dass dieselben Sie sehr lieben, kann keinem Zweifel unterliegen, und was man liebt dafür sorgt man schneller, sobald man die Notwendigkeit einsieht.

Was sagen Sie zu den beikommenden Zeichnungen? Meine Schwester ist doch recht wohl zu erkennen, und mein Porträt soll noch ähnlicher sein. Die Kinder sind freilich nicht sonderlich gelungen — namentlich die Hildel. Gar zu gern hätte ich Ihnen die Bilder geschickt, aber mein Schwager wollte sich diese Freude nicht nehmen lassen und wird Ihnen auch dazu schreiben, so habe ich Ihnen und den lieben Ihrigen also nur von meiner Schwester herzliche Grüße und Dank zu überbringen.

Wir bringen hier den Winter ziemlich leidlich hin und freuen uns auf den Sommer, der den lieben Vetter Madroux wiederbringen wird. Nicht wahr, lieber Vetter, Sie glauben nicht, dass dieser ritterliche Mann uns sein Wort brechen könnte? Und nun leben Sie wohl, bis auf baldige schriftliche Nachricht und hoffentlich nicht zu entferntes Wiedersehn.

Mit den Gefühlen der höchsten Wertschätzung,
Ihre aufrichtige Freundin und Cousine
Annette v. Droste-Hülshoff.

Meersburg, 17. Januar 1848

Hintergrund: Den Oberst Ludwig Joseph von Madroux lernt Annette im Herbst 1847 kennen, als er für mehrere Wochen Laßbergs Gast auf der Meerburg ist. Beide verbindet eine Leidenschaft für das Sammeln von Kunst. Annette nennt Ludwig zwar Vetter, er sie Cousine – verwandt sind sie jedoch nicht.