Ich machte mich in der letzten Zeit stärker als ich war, um Paulinens Widerstand zu besiegen, die mich nicht begleiten konnte (weil ihr ein junges Mädchen in den Ferien anvertraut war) und mich mit großer Liebe und Sorge entließ; sie hatte alles getan, mir die Reise zu erleichtern, mir alle Karten für Dampfboote und Eisenbahnen, sogar für den Omnibus bis Freiburg verschafft (diese Anstalten stehn miteinander in Berechnung) und zugleich ein Empfehlungsschreiben vom Direktor der Kölnischen Dampfschiffahrt, was an sämtliche Wagen- und Schiffkondukteure gerichtet, ihnen jede Rücksicht für mich auf die Seele band, so bin ich übergekommen fast so bequem wie in meinem Bette (d. h. bis Freiburg) — die Herrn Kondukteure führten mich immer gleich in den Pavillon, nahmen andern Kanapees ihre Kissen, um es mir bequem zu machen, versorgten mein Gepäck, banden mich den Marqueurs so eng aufs Gewissen, dass fast jede Viertelstunde einer kam, nachzusehen, ob ich etwas bedürfe, und wenn wir angekommen waren, ließen sie mein Gepäck gleich auf das morgige Dampfboot bringen und führten mich selbst an den Omnibus.
Auf der Eisenbahn ging es ebenso, ich bekam beide Male einen Waggon für mich allein, und fast bei jeder Station erschien ein Gesicht am Wagenschlage, um zu fragen ob ich etwas bedürfe — und doch hat dies alles meine Reise nur unbedeutend verteuert, die Kondukteure nahmen nichts und meine männlichen Wartfrauen waren am Rheine mit einem Gulden, weiterhin schon mit 30 Kreuzern, überglücklich.
Sie sehen, lieb Lies, ich bin wie in einem verschlossenen Kästchen gereist und habe (außer meinen lieben Wartfrauen) kein fremdes Gesicht gesehn, nicht mal in den Gasthöfen, wo ich mir gleich ein eigenes Zimmer geben ließ, wenn ich auch nur eine halbe Stunde blieb; so fühlte ich mich in Freiburg so wenig erschöpft, dass, statt (wie früher beschlossen) Extrapost zu nehmen, ich mich dem Eilwagen anzuvertrauen beschloss, obwohl er abends abging.
Meine Empfehlungen waren zu Ende, aber mein Glück verließ mich auch hier nicht, ich hatte bis Mitternacht einen Beiwagen ganz für mich allein, dann muste ich freilich in den allgemeinen Rumpelkasten, voll schnarchender Männer und Frauensleute, die brummend und ächzend zusammenrückten, als ich mich einschob; dann ging das Schnarchen wieder an, ich allein war wach bei dieser scheußlichen Bergfahrt und merkte allein, wie den Pferden die Knie oft fast einbrachen und der Wagen wirklich schon anfing rückwärts zu rollen. Mein Vis-a-Vis stieß mich unaufhörlich mit den Knien und die Köpfe meiner Nachbarn baumelten an mir herum. Doch gottlob nicht lange!
Es war noch stockfinster, als wir mit der Post nach Konstanz zusammentrafen, und siehe da, meine ganze Bagage kugelte und kletterte zum Wagen hinaus, und ich war wieder frei! frei! und machte mir ein schönes Lager aus Kissen und Mantel, auf dem ich es sehr leidlich aushalten konnte, bis nach Stockach, wo ich um zehn ankam, gleich Extrapost nahm und in Meersburg die Meinigen noch bei Tische traf.
Sehn Sie, lieb Lies, dies ist mein Reiseroman, einen so ledernen haben Sie wohl Ihre Lebtage nicht gelesen. Hier war große Freude über meine Ankunft, aber auch große Bestürzung über mein Aussehn, ich musste gleich zu Bette und zwei Ärzte annehmen (einen aus der Stadt und den sehr geschickten Brunnenarzt von Überlingen) — da habe ich denn viele Medizin geschluckt und bin immer elender darnach geworden, zuletzt so nervenschwach, dass mir jedes Wort klang wie eine Posaune, und zuweilen im Stockfinstern mir das Zimmer für einige Sekunden erleuchtet schien wie vom grellsten Sonnenschein, und ich die kleinsten Gegenstände genau unterscheiden konnte; zudem nahm mein Magen mich gar nichts mehr an, selbst Wasser und Haferschleim musste ich sogleich wieder von mir geben, und dabei immer Fieber und Beklemmungen, immer halb tot husten, Ach Lies! ich war schrecklich elend, und wünschte auch gar nicht wieder besser zu werden, nur tot! tot!
Endlich erklärte der Brunnenarzt: “Mir tauge keine Medizin — ohne Ausnahme — ich sei in allen innern Teilen völlig gesund, aber meine Nerven in einem Zustande der Überreizung, wie ihm noch nie vorgekommen, — er habe mir Dosen gegeben wie sie für ein eben geborenes Kind passten, und ich habe die ihnen entsprechenden Zufälle bekommen, als ob er mich mit ganzen Pfunden vergiftet hätte”. Er fügte hinzu, “könnte ich an Homöopathie glauben, so wäre dies das einzige, was ich bei Ihnen anwenden möchte, aber so leben Sie wenigstens homöopathisch. Ich sage jetzt aus voller Überzeugung, dass Ihr natürlicher Widerwillen gegen Gewürze, Wein et cet. Ihr größtes Glück gewesen ist, und Ihre Hartnäckigkeit, 17 Jahre lang keine Arznei zu nehmen, das Klügste, was Sie tun konnten - ich kann Ihnen nichts verordnen als die möglichste geistige und körperliche Ruhe, liegen Sie ganz still — Schlafen? — so viel Sie irgend können — Denken? wo möglich gar nicht, oder nur Angenehmes, was Sie nicht aufregt. So werden Sie sich wahrscheinlich allmählich von selbst erholen” - und so ist es auch gekommen.
Meersburg, 4. - 16. Februar 1847
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Nette geht es viel besser.
Tagebuch vom 5. Januar 1847