Lev[ins] Lage macht mich übrigens trostlos, obwohl er gesteht “meist heiter und körperlich sehr wohl” zu sein. Seine Traurigkeit ist auch gewiss nur momentan, sonst würde er sie in diesem Augenblicke, wo ihm alles Vergangene so recht vor Augen treten musste, schärfer herausgehoben haben. Aber das übrige! Gottlob scheint sein moralisches Gefühl noch völlig unabgestumpft, aber es ist traurig genug, täglich sich innerlich empören zu müssen. Wäre es nur nicht so unmöglich, dass er auf andre Weise leben, nur schlichtweg leben — sich nähren und kleiden — könnte, so würde ich ihn tausendmal weg wünschen; aber er kann es nicht. Er ist körperlich unfähig zu jeder anhaltenden Anstrengung, und ohne diese gibt es nirgends Brot mehr in der Welt. Auch dieses Amt würde er, machten die törichten Ansichten des Fürsten es nicht zu einer halben Sinekure, gewiss nicht aushalten. Man muss Geduld haben und auf Gott vertrauen, der seinem Geschöpfe nicht jeden andern Ausweg wird verschlossen, und den einzigen möglichen als eine Falle geöffnet haben, um es zu verderben. Ist es nicht schon sonderbar, dass Levin zweimal nacheinander (zuerst in Meersburg) zu Geschäften aufgefordert wird, die jedem andern so sauer und angreifend sind und nur allein von ihm, wie Gott “den Wind für das geschorene Lamm mäßigt”, fast nichts verlangt wird?

So hoffe ich, dass der Fürst (so roh und herzlos er mir übrigens erscheint) zu viel Achtung vor der Unschuld seiner Kinder haben wird, als dass er sie nicht entfernen würde, wenn es auf ein offnes skandalöses Leben mit der Person in Ellingen selbst losgehn sollte. Doch denke ich mir eher, er wird fortan immer allein in Mondsee liegen und die Kinder ganz Sch[ücking] überlassen, was keine Verschlimmerung wäre. Und wenn er sie heuratet? Nun, dann muss Sch[ücking] freilich mit ihr zusammen leben, aber sein Verhältnis zu ihr ist dann von selbst natürlich und ruhig festgestellt, in der kalten Ehrerbietung, die er der Frau seines Herrn jedenfalls schuldig ist, und jeder wird den Mann, der sich der armen verlassenen Kinder unter dieser seltsamen Stiefmutter mit Kraft und Konsequenz annimmt, höchst achtungswert finden.

Ich werde es Sch[ücking] aufs äußerste einknüpfen, sich jedenfalls fest zu den Kindern zu halten und sogar seine Sorgfalt für sie etwas leuchten zu lassen, denn nur dieses kann ihm eine ehrenwerte Stellung sichern. Vielleicht ist die Person auch nicht grade frech oder bösartig und intrigant, Sch[ücking] erwähnt wenigstens nie etwas davon, sondern wundert sich nur über den miserabeln Geschmack des Fürsten. So wäre es immer möglich, dass sie eine zwar etwas bornierte und gemeine, aber sonst nicht grade störende Hausfrau würde. …

Ich wollte, der älteste Knabe wäre statt fünfzehn siebenzehn Jahr, dann ging das Universitätsleben auf der Stelle an. Wie früh dieses eintreten kann, wird übrigens sehr von Sch[ückings] Unterricht abhängen, und ich werde ihn aufmerksam darauf machen, so wie Sie mir überhaupt wohl glauben, dass ich ihn jetzt weniger wie je aus den Augen lassen und durch Sorge und Herzlichkeit in einem fortwährenden Vertrauen und Offenheit zu erhalten suchen werde. Gott weiß wie er mir am Herzen liegt! Ich habe wieder recht gefühlt, dass er mir mit allen seinen Schwächen doch wirklich lieb ist wie ein eignes Kind, und mein Brief an ihn wird sehr lang, sehr offen und so herzlich sein, als hätte er, statt mir einen heimlichen Kommissionsbrief zu schreiben, neben seinem Mütterchen auf dem Kanapee gesessen und ihr sein ganzes Herz eröffnet.

Mein Porträt werde ich ihm lassen, Sie haben ganz recht. Es kann im Grunde ja nichts schaden und ist ihm eine tägliche Mahnung. Auch meine Briefe könnte ich ihm allenfalls lassen, trotz des schlimmen kleinen Wörtchens, was bei poetischen Personen so verschiedenen Alters doch nicht grade unerhört ist und höchstens lächerlich gemacht werden könnte, wenn nicht so viel von einer andern Sache darin stände. Nun aber muss ich sie wieder haben, denn ich kann mich auf eine Auswahl und teilweise Verbrennung durch ihn durchaus nicht verlassen. Es ist ihm nicht möglich, einen alten Brief mit Aufmerksamkeit wieder zu lesen, geschweige so viele. Deshalb nutzen sie ihm auch ferner gar nicht mehr, sonst wäre es mir sehr erwünscht, wenn er manchen davon behielt.

Rüschhaus, 10. September 1842

Mehr zum Adressaten: Elise Rüdiger
Hintergrund: Mit dem "schlimmen kleinen Wörtchen" ist das vertraute "Du" gemeint. An anderer Stelle bittet die Droste Schücking, sie in seinen Briefen fortan wieder zu sietzen - aus Sorge vor Tratsch und mütterlicher Ermahnung.
Die "andere Sache" ist das Verhältnis, das Schücking in Münster zeitweise mit der verheirateten Elise Rüdiger hatte. Nach der Rückkehr der Droste aus Meersburg besprechen die beiden Freundinnen, wie mit den Hinweisen auf eine vertraute Beziehung beider zu Schücking (Briefe, Bilder) umzugehen ist. Sowohl Annette von Droste als auch Elise Rüdiger wollen vermeiden, dass diese Zeugnisse in falsche Hände geraten - etwa in die der Lusie von Bornstedt, die bereits den gemeinsamen Meersburger Aufenthalt zum Anlass für öffentliche Spekulationen genommen hatte. Von dem Vorschlag der Droste, ihre Briefe an Schücking zu vernichten, will dieser nichts wissen.

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