1838 1.August

Ich habe schon gesagt, dass mir Schlüter zuweilen schreibt. Er schickt mir dann die Druckbogen, wie sie nach und nach herauskommen, aber leider doch zu spät, um die Druckfehler zu verbessern, deren einige recht schlimme eingeschlichen sind. Einer der schlimmsten ist im ersten Gesange des St. Bernhard, wo es heißt: „Der Bruder nun in seiner Not – beginnt aufs neu das Kreuz zu reiben – als solle nicht ein Stäubchen bleiben.“ Es muss nämlich heißen „das Kleid zu reiben“. Nun lautet es stattdessen, als ob der Bruder sich den Buckel jucke.

So etwas ist sehr fatal; man muss es aber jetzt mit Geduld tragen bis zur etwaigen zweiten Auflage. Jedermann sagt, es sei so schwer, Druckfehler aufzufinden, daher komme es, dass in allen Büchern welche stehenblieben, die vom Korrektor übersehen würden. Ich begreife es nicht und habe diejenigen, so noch in den Bogen waren, beim ersten Blick gesehen, denke deshalb die zweite Auflage (wenn’s dazu kommt) jedenfalls selbst unter Aufsicht zu nehmen, obgleich, wie ich höre, Schlüter und Junkmann allen möglichen Fleiß sollen angewendet haben und ich eine saubere Abschrift gemacht hatte, die Junkmann lesen konnte wie Gedrucktes.

Anzeige im Westfälischen MerkurBis jetzt sind fertig der „St. Bernhard“, des „Arztes Vermächtnis“ und von der „schlacht im Loener Bruch“ der erste Gesang ganz und vom zweiten ein Stück, somit bei weitem das meiste, und in 14 Tagen oder 3 Wochen wird das Buch wohl im Laden zu haben sein. Hüffer hat ganz neue Typen dazu kommen lassen und legt großen Wert darauf. Ich habe wenig Sinn für dergleichen und kann nicht sehen, dass die Buchstaben sonderlich schöner wären als andere. Er hat zu Werner gesagt, dass schon so viele nach dem Buche gefragt hätten. Das freut mich für ihn und für mich auch, denn es wäre mir unausstehlich, wenn er Schaden daran hätte.

Mein Versuch, vor’s Publikum zu treten, läßt sich überhaupt für den Anfang recht gut an; ein gewisser Pfeilschifter, ich glaube in Berlin oder sonst wo, der ein Taschenbuch „Coelestine“ herausgibt, mit sehr schönen Kupfern, wie ich höre, ziemlich schwierig mit dem Aufnehmen sein soll, denen, deren Gedichte er aufnimmt, aber zum Lohn denjenigen Jahrgang, worin ihre Gedichte stehn, übersendet, und dem Schlüter ohne mein Vorwissen des „Pfarrers Woche“ geschickt hat, hat ungemein verbindlich geantwortet und außer dem Jahrgang 1839, worin es erscheinen wird und den ich noch bekomme, den vorigen Jahrgang 1838 mir geschickt, wie Schlüter schreibt, als besonderes Ehrengeschenk und stumme Bitte, ihm ferner Beiträge zukommen zu lassen.

Auch ein anderer vom Rhein, dessen Name mir nicht sogleich beifällt, der ein „Rheinisches Odeon“ herausgibt, durch Münster reiste und durch Schlüters Vermittlung die Druckbogen gelesen hat, bemüht sich mit fast lächerlicher Höflichkeit um Beiträge. Junkmann schreibt etwas spöttisch, ich solle doch dem Manne nichts abschlagen, der mich die Aloe Westfalens genannt habe. Ich könnte das auch auf die schönen, reifen Jahre beziehen, in denen ich anfange poetisch aufzublühen! (NB. Das letztere sage ich, nicht Junkmann.) Obgleich ich wohl weiß, wieviel ich von solchen Reden zu glauben habe, so denke ich doch, solche Leute wissen ungefähr, was im Publikum fortkommt, und nehme es immer als ein gutes Ohmen.

Bitte, behalte dies letztere aber alles für dich, es würde mir wohl als Prahlerei ausgelegt werden und freut mich doch hauptsächlich Deinetwegen; ich möchte so gerne, dass Du doch etwas Freude an meinen Schreibereien hättest, meine liebe, liebste Mama.

Bökendorf, 1. August 1838

Mehr zum Adressaten: Therese von Droste
Hintergrund: Die Erstausgabe der Gedichte erscheint Anfang August 1838 halbanonym unter dem Namen Annette Elisabeth von D. ... H. ... in Hüffers Aschendorffscher Buchhandlung in Münster. Das Buch wird in einer Auflage von 400 Stück gedruckt, hat 220 Seiten und soll 25 Silbergroschen kosten. Die Droste erhält kein Honorar, aber 30 Freiexemplare, die sie ihrem Mentor Schlüter überlässt. Verkauft werden 74 Exemplare zum Preis von jeweils 16,5 Groschen.

1 Anmerkung

  • # Christoph Bernhard Schlüter:

    So ist denn die erste Ausgabe Ihrer ausgewähltesten, schönsten lang und treu gepflegten und nach Horaz’ischer Vorschrift, treu lang in strengem Verwahrsam gehaltenen Poesien mit Gottes Hülfe glücklich an’s Licht getreten und hoffentlich auch zu ihrer Zufriedenheit. Ich teile im Stillen das seltsame, mannigfach aufregende und wohl mächtig das Herz bewegende Gefühl, womit Sie die flügge Brut nach allen Winden sich zerstreuen und das Nest in Ihrem Schoße verlassen sehen; die ausgefallenen gehören jetzt der Welt und es beginnt für Sie und Ihr dichterisches Denken und Sinnen nun eine neue Ära, nachdem jene sich von Ihrem Herzen losgerissen: Mögen sie überall in jedem Hain und auf jedem Baum mit ihrem schlichten, anspruchslosen, der Natur getreuen Lied eine freundliche Aufnahme finden, manchem heitere Erquickung inss Herz singen, manchen zum Höhern erheben, ja manchen Verirrten erinnern und überzeugen, dass Natur, Charakter, Geist und Gefühl, die er fast zu kennen verlernt, nachdem er sie verkennnen lernte, dennoch keine leere Namen seien.

    Was Sie über das zuviele Streichen in Ihrem lieben, freundlichen Briefe vom 19. Juli, für den ich Ihnen aufs herzlichste danke, wie, was Sie daselbst über den Unterschied des Gedichts in Schrift und im Druck bemerken, find‘ ich treffend und wahr; ich hatte fast dieselbe Bemerkung schon voraus in Ihrer Seele gemacht, wiefern nämlich selbe die etwas zu große Kürze gewisser Partien betrifft, deren Lakonismus mehr aus einer gewissen reflexiven Ängstlichkeit der Schreiberin, denn aus Ihrem richtigen poetischen Urteil abzuleiten ist.

    Aber was werden Sie, liebes Fräulein, zu unserem Ausmerzen nicht poetischer Zeilen sondern ganzer Gedichte aus dem lyrischen Anhang der ersten Ausgabe sagen? Ich hoffe, nichts entscheidendes, bevor Sie uns und unsere Gründe ausführlich vernommen haben werden. Nur der reine harmonische Totaleindruck eben der ersten Ausgabe Ihrer Poesien, worin alles streng einen Charakter athmen und zugleich gleichmäßig originelles Eigentum der Dichterin sein sollte, nichts aber Nachahmung oder irgend fremdartig und störend, war es was uns vorzüglich bestimmte; fehlte nicht ohnehin des Pfarrers Woche und waren nicht die relig[iösen] Lieder, denn auch von diesen erschienen statt der 11 erlaubten nur 8, nur Fragmente eines größern Ganzen etc. etc.? Ein Näheres hierüber mündlich.

    Ich habe Ihrer Erlaubnis gemäß die Freiexemplare von H[er]rn Hüffer in Anspruch genommen, der, liberal wie es ihm geziemt, noch eine beliebige Anzahl zu Ihrer Disposition stellt und sichs übrigens, wie billig, nicht nehmen lassen will, dem verehrten Autor einige prachtvoll ausgestattete Exemplare mit seinem schriftlichen Danke selbst zu übersenden. Ich werde mit den mir anvertrauten ratsam umgehen und davon möglichst in Ihrem Sinne, und wie ich mir denke, daß Sie es gut heißen und erlauben würden, an Ihre und meine nächsten Bekannte und Freunde spenden, nämlich die es zu würdigen und zu genießen wissen.
    Münster, 2. August 1838