1847 4.Februar

Mein lieb lieb Lies! Ich wage es, einen Brief an Sie anzufangen — jeden Tag einige Zeilen, da muss es doch endlich etwas geben. Mein Gott! wie ist doch in Münster die Trennung der Gesellschaften so groß! Dass auch nicht einer Ihrer Bekannten erfahren hat, wie elend krank ich gleich nach meiner Mutter Abreise geworden bin, und dass nur die äußerste Not, die allerseitige Überzeugung, dass ich in diesem Zustande keinem westfälischen Winter entgegengehn dürfe, meine nachträgliche Reise wie alles Notwendige auch möglich gemacht hat — denn Sie müssen wissen, dass ich Hülshoff in einem Zustande verlassen habe, wo ich keine halbe Stunde außer dem Bette sein konnte, ohne ohnmächtig zu werden. Doch ging die Reise leidlich; hier brach aber das Übel erst recht los, ich bin mehrere Monate völlig bettlägerig gewesen und noch immer sehr schwach. Dies ist mein erster Versuch zum Schreiben, doch ich habe bis zu Ihrem anberaumten Geduldstermin noch viele Zeit vor mir, noch fast vier Wochen, so hoffe ich sogar etwas weitläufig werden zu können.

Ja, lieb Herz, alle meine schönen Träume von Rüschhauser Einsamkeit, Harfenruhe und Abendrot haben kaum ein paar Tage lang einen schwachen Anlauf zur Realität nehmen können, dann war es vorbei. Die Spannung der letzten Zeit hatte mich aufrecht erhalten, und nun fiel ich zusammen wie ein Taschenmesser. Miserabel! 6-7 Mal im Tage Erbrechen — ein erstickender Husten und Schleimandrang — immer Fieber — kein Schlaf. Der gute Kühnast, der wenige Minuten vor Mamas Abfahrt nach Rüschhaus gekommen und somit, da wir alle zu verwirrt und angegriffen waren, um unsre Worte zu wägen, hinter das Geheimnis des Inkognitos gekommen war, musste sich dennoch behandeln lassen, als sei von allemdem nichts passiert, ich ließ ihm nämlich in der nächsten Woche sagen, „er möge mir keine Bücher mehr schicken, da ich sogleich nach Hülshoff abfahren werde“ — und er hat’s geglaubt, was mir sehr lieb war, denn ich hätte ihn sehr ungern beleidigt, und noch unlieber weh getan, und war doch viel zu elend, Besuche anzunehmen, am wenigsten von Herrn.

Werner, dem ich Nachricht von meinem Befinden geschickt und dem sein armes Bein nicht zu kommen erlaubte, schien, bedeutend ungläubiger (kein Prophet in seinem Vater-Lande respektive -Hause!), alles für Schulkrankheit zu halten (Hülshoff hier die zu schwänzende Schule), und riet Diät, Verlassen der Einsamkeit und vor allem Bewegung an. An letzterer habe ich mich dann auch in der ersten Zeit halb tot exerziert, bis ich umfiel, und endlich das Bett völlig hüten musste. Ach, lieb Lies, da war Rüschhaus gar kein liebes heimliches Winkelchen mehr! Ich sah den ganzen Tag nur die niedrigen Balken meines Schlafzimmers, und außer dreimal im Tage sah keine Seele nach mir, da die Ernte im Gange war und auch die Köchin viel daran half — sonderlich nachmittags, wo sich das Gemüse-Aufwärmen und Saure-Milch-Aufsetzen in einer Viertelstunde abmachen ließ, war von eins bis sieben das Haus ringsum verschlossen, ich mutterseelen allein darin, fiebernd und würgend, bedurfte ich etwas Unvorhergesehenes, so musste ich aus dem Bette klettern und mir selber Rat schaffen, oder, wenn ich grade im Fieberschweiß lag, geduldig aushalten bis zur Erlösungsstunde.

Ich habe dies in meinem Eremitenleben sonst auch schon mitgemacht, aber nicht krank — dann freute ich mich dieser tiefen Einsamkeit, da mir Küche und Keller ja offen standen und ich im Notfalle an der steinernen Gartenbank meine Leute sehr leicht errufen konnte, aber jetzt kam ich mir oft vor wie ein armer Soldat, der sich auf dem Schlachtfelde verblutet. Freilich war das meine eigne Schuld, ich hätte ja nur Jennchen oder Anna zu Hause behalten können, aber die Leute sahen alle so eilfertig aus, rannten und schnauften so furchtbar, dass es mir gar nicht einfiel, jemand dem großen Werke zu entziehen. Lieber ging ich nach Hülshoff — nicht ohne Scheu vor Gottes neunfachem Segen dort.

Werner und Line empfingen mich an der Treppe jubelnd und spottend, dass die Langeweile mich endlich hergetrieben, wurden aber mäuschenstill, als ich so elend aus dem Wagen stieg, und nach einigen Minuten im Wohnzimmer ohnmächtig wurde. Man brachte mich gleich in meine Stube, und ich kann nichts anderes sagen, als dass ich bis zu meiner Abreise die sorgsamste zärtlichste Pflege dort genossen habe, doch ohne Erfolg für meine Gesundheit, da zu allem anderen noch die Cholerina kam, und endlich in eine vollständige Blutruhr überging. Sie können denken, wie mir nun erst völlig elend wurde. Werner riss sich fast die Haare aus dem Kopfe, dass ich keine Arznei nehmen wollte, und als die letzte schlimme Krankheitszugabe sich später verloren hatte und ich nun täglich etwa eine halbe Stunde aufsitzen konnte, kam meine Reise denn zur Sprache.

Ich sagte „nach Meersburg!“ Werner meinte, „er wolle froh sein, wenn er mich nur bis Bonn hätte, dort sei auch schon Bergluft und sehr geschickte Ärzte“. Der arme Schelm war ganz betrübt, Reisen schien ihm eigentlich unmöglich, und Bleiben noch schlimmer. Er gab mir seinen Heinrich mit (der grade in den Münchner Ferien dort war) und fuhr selbst mit bis nach Münster, um zu sehn, wie mir das Fahren bekomme, aber das Rütteln tat mir wohl. In Münster legte ich mich gleich zu Bette und ließ Schlüters herüber bitten, nach deren Fortgehn ich dann zu Nanny und Luischen schicken wollte (es war fast finster, wie ich ankam), stattdessen kam Rosine Wintgen, die mich hatte vorüber fahren sehn, um mir aus Briefen ihrer Valencienner Schwestern endloses Lob der Meersburger mit auf den Weg zu geben, mir die Anzeige des „Rheinischen Jahrbuchs“ zu bringen, und mich zu bitten, Maßregeln zur Unterdrückung meiner „Charakteristik“ bei lebendigem Leib zu ergreifen – mir war dieser Gedanke ebenfalls höchst widrig an sich und gewiss allen den Meinigen ein gräulicher Skandal, so ärgerte ich mich tüchtig.

Schlüter kam allein mit seinem Vorleser, die Wintgen ging — und nun war es so spät, dass ich nicht mehr daran denken konnte, Nanny und Luischen noch herzubescheiden, so trug ich denn Schlütern auf, ihnen alles Liebe und Herzliche von mir zu sagen, und auch sonst alles — dass ich fort müsse, wie krank ich sei, wie gern ich sie noch gesehn hätte – und das alles möchten Sie Ihnen berichten, mit dem Zusatze, „dass Sie sich nicht wundern dürften, vielleicht ein halbes Jahr lang keinen Brief von mir zu erhalten, da jedes Bücken mir Erbrechen zuwege bringe, und das Übel jetzt viel zu dezidiert auftrete, als dass ich es noch ferner bravieren dürfte, so dass ich, bestenfalls, einer langen strengen Kur entgegen sehe“. Es scheint, Schlüterchen hat alles vergessen und mich wahrscheinlich gar nicht so krank gefunden, da er mich ja nicht sehn konnte, und ich zum Abschiede lebhafter sprach als mir gut war. Auch für Kühnast gab ich ihm einen Gruß und Dank für so manche Gefälligkeit mit — wird auch wohl nicht angekommen sein! Doch ich muss mich kürzer fassen.

Der Weg bis Bonn wurde mir recht schwer, hätte ich den Heinrich nicht bei mir gehabt, der mich fortwährend im Arme hielt, und überhaubt pflegte wie eine Wartfrau, ich wäre im ersten besten Dorfe liegengeblieben, er verließ mich mit der Überzeugung, dass ich in Bonn bleiben werde, was auch Pauline, deren Empfang rührend herzlich war, als ausgemacht annahm.

Ich blieb fast 14 Tage in Bonn.

Schückings ließen zu meiner großen Erleichterung nichts von sich hören, obgleich fast unmittelbar, nachdem ich angekommen, meine Ankunft und wahrscheinlich längerer Aufenthalt in der (ich glaube gar Kölner Zeitung) stand. Reden hört ich aber mitunter von ihnen, sie wird schön gefunden und in jedem Betracht bedeutender als er, beliebt scheinen beide nicht, sie gelten für kalt, aufgeblasen, und man zuckt sehr bedenklich die Achseln über ihren gewaltigen Aufwand. Als Autoren betrachtet scheint Cottas gegen sie ausgesprochene Ansicht auch am Rheine die allgemeine zu sein.

Mir wurde in Bonn besser, oder wenigstens bequemer, die inneren Krämpfe fingen an sich, nach Fieberart, auf gewisse Stunden zu beschränken, wo sie freilich um so ärger hantierten, ich gewann aber freie Zeit, wo ich sogar aufstehn und Besuche sehn konnte. Junkmann besuchte mich dreimal — Sie haben Recht, er ist der alte reine Charakter geblieben, aber ich fürchte, er geht bürgerlich zugrunde; er hat jeden Gedanken an ein Doktor-Examen und überhaupt eine feste bürgerliche Stellung aufgegeben und exaltiert sich in der Idee, als freier Literat die Hydra des Zeitgeistes zu bekämpfen — freier Literat! das ist die grade Straße zum Bettelstabe! wenigstens für ihn, dem Fruchtbarkeit und populäre Schreibart so gänzlich fehlen, gewiss!

Ich machte ihm die beweglichsten Vorstellungen, auch von Schlüters Seite, der mich eigens dazu beauftragt, „doch zuerst, und zwar gleich, ehe er alles vergessen, sein Examen zu machen, um jedenfalls einen Broterwerb im Hinterhalte zu haben“, er lachte aber so krampfhaft und wild, dass es mich ordentlich grauste, und rief: „Hoho! Brotstudium! Das sind mir die rechten Philister! Da erkenne ich das echte münsterische Pfahlbürgertum, wo ihr noch alle bis über die Ohren dadrin steckt! Ich bin aber seitdem mit vielen andern Leuten umgegangen und längst weit darüber weg. Im schlimmsten Falle kann ich ja alle Tage Kapuziner werden.“ Dann zog er einen Fünf-Talerschein aus der Tasche und sagte: „Sehn Sie, das ist alles Geld, was ich noch habe, aber das macht mir nichts!“ Und nun ging das krampfhafte Lachen und Herzählen seines künftigen glorreichen Wirkens, und wie er alles zu Boden donnern wolle, wieder an. Muss einem da nicht bange bei werden? Ich fürchte, wir erleben noch traurige Dinge an ihm! Es ist nicht möglich, das ein Körper dieser ewigen Aufgeregtheit, diesem furchtbaren Andränge von Ehrgeiz und Überspannung auf die Dauer widerstehn kann.

Ich bat ihn, zu Kinkel zu gehen, die bewusste Charakteristik im Manuskripte zu durchlesen und, falls sie nicht diskreter sei, als sich überhaupt von der Charakteristik einer noch lebenden Person erwarten lasse, Schücking in meinem Namen um Unterdrückung derselben zu bitten. Er teilte meine Ansicht von dem Widrigen dieser Schaustellung, ging aber keineswegs zu Kinkel und antwortete mir jedesmal ganz ruhig: „Ja! Sieh! Da habe ich nicht an gedacht!“, bis fast 14 Tage darüber verflossen, wo er mir dann eben so ruhig die Nachricht brachte, „er sei um ein Geringes zu spät gekommen, die Charakteristik komme eben aus der Presse“. An Entschuldigen dachte er nicht, war aber übrigens mitunter warm und herzlich wie immer, und nahm sehr bewegt Abschied von mir, als ich den scheinbar tollen Entschluss ausführte, ganz allein die weite Reise nach Meersburg zu unternehmen.

Ich fühlte mich sehr krank, glaubte nicht an Besserung und wollte bei den Meinigen sterben.

Meersburg, 4. – 16. Februar 1847

Mehr zum Adressaten: Elise Rüdiger
Hintergrund: Cholerina: Ein Krankheitszustand, der als Vorstufe zur Cholera betrachtet wird, begleitet von Erbrechen und Schweißausbrüchen.
Schückings Kurzbiografie der Droste, die „Charakteristik“, erscheint 1847 in Gottfried Kinkels Jahrbuch „Vom Rhein“. Annette hat mehrfach versucht, die Veröffentlichung zu verhindern.

1 Anmerkung

  • # Levin Schücking:
    Levin Schücking

    Liebes Mütterchen!

    Ich weiß wohl, weshalb Sie mir nicht schreiben: Sie meinen, Sie müssten mir einen ganz langen Brief schreiben, wenigstens eine Seite Entschuldigung und Erklärung, weshalb Sie nicht geschrieben, und das Schreiben greift Sie an. Das sollen Sie aber nicht – nur ein paar Worte, wie es Ihnen geht, und dass Sie uns nicht ganz vergessen haben.

    Meine Luise hat mich mit einem Töchterchen beschenkt. Diesmal ist es rascher und leichter gegangen als das erste Mal. Luise hat sich auch ziemlich wieder erholt und ist schon wieder auf. Das Kindchen ist sehr hübsch und stark und gesund und heißt Gerhardine nach der Tante in Kiel, die Pate ist.

    Junkmann war gestern bei uns, er war lustig und wohl. Der Minister hat ihm zu Weihnachten vierzig Taler zum Ersatz seiner Kosten in der Wasserkuranstalt in Rolandseck geschenkt.

    Wir leben den einen Tag so wie den anderen, in stiller Häuslichkeit – insoweit eine Häuslichkeit, die zwei kleine Schreihälse beleben, still genannt werden kann. Ich habe ein neues Lustspiel geschrieben: Drei Landesväter oder die Belagerung von Graßlingen betitelt, das in den nächsten Tagen hier gegeben wird.

    Fr. Dingelstedt hat einen Artikel über mich in der Allgemeinen Zeitung geschrieben, den ich Sie einmal sich zu verschaffen bitte, in Nr. 6 und 7 laufenden Jahres.

    Sie werden an Arbeiten während des Winters nicht viel haben denken können, nicht wahr, mein armes Mütterchen? Darum habe ich Sie auch nicht um Beiträge für mein Feuilleton geplagt.

    Ich hoffe, dies Blatt, das voll der wärmsten Anhänglichkeit in die Einsamkeit von Rüschhaus flattert, trifft Sie möglichst wohl, sonst kommen Sie – fort aus schädlicher Luft – zu uns, die wir Sie treulich pflegen wollen!
    Ihr alter Levin
    Köln, 6. Februar 1846