1846 24.Oktober

Wie hast Du, lieber Bruder, nur einen Augenblick denken können, ich sähe dein Bestreben, mich über meine Apprehensionen wegzubringen und dadurch meine Genesung zu beschleunigen, für einen Mangel an Teilnahme an! Nein, alter Junge, so verkehrt kann ich mein Lebtage nicht werden; ich sah deine Absicht recht gut ein, fand auch wohl, dass Du Mitleid mit meinen wirklichen Leiden hattest, obwohl Du sie für ungefährlicher hieltest als ich.

Ich bin denn nun hier in den Händen desselben geschickten Arztes, der Jenny so gut hergestellt und von dessen Arznei Mama bei ihrem letzten Herzklopfen große Linderung verspürt hat – zwei Dinge, die mir allerdings Zutrauen einflößen. Ich habe auch schon zwei Flaschen Medizindreck herunter, und mehrere fatale Umstände, z. B. das Fieber abends, die Nachtschweiße, sind bereits darnach verschwunden, und das allgemeine nervöse Unbehagen ist auch sehr gemildert. Der Doktor hat jetzt nur noch mit meiner Engbrüstigkeit, Husten, und Schleimandrang zu kämpfen, er sucht dieses mein Hauptübel durchaus nicht in der Lunge, sondern in einer beständigen Schwäche und bei jeder Gelegenheit eintretenden Entzündung der Schleimhäute, wozu dann noch Schwäche des Unterleibs und der Nerven käme. Auch die Milz scheint er (wie Bönninghausen und Grasso) im Spiel zu glauben, denn er griff gleich nach derselben Stelle und fragte, ob ein Druck dort mir weh tue, und als ich dies bejahte, sagte er auf meine Nachfrage, „dort liege die Milz“. Sonst aber spricht er mich von jedem örtlichen Übel frei.

Ich muss mich vorläufig sehr still halten und darf fast gar nicht an die Luft, beides, um die Luftröhre nicht zu reizen; später, wenn die Entzündung gehoben ist, soll ich mich allmählich an mehr Bewegung gewöhnen. Meine Magenschmerzen hatte mir der Eilwagen schon fast ganz fortgerüttelt, als ich in Bonn ankam, mir dagegen aber ein abscheuliches Kopfweh gebracht, woran ich acht Tage in Bonn festgelegen und viel ausgestanden habe. Ich konnte Dir, lieber Bruder, deshalb auch nicht schreiben, so gern ich gemocht hätte.

Als sich dieses zuletzt ziemlich verloren, machte ich voran. Der erste Tag bis Mainz war miserabel, ich hatte fortwährend Fieber, musste mich in Mainz die ganze Nacht erbrechen, und hätte ich nicht schon alle Karten bis Freiburg vorausgenommen gehabt, so würde ich sicher nach Bonn rückgekehrt sein, im Glauben, ich könne die Reise nicht machen. So aber reute mich mein Geld, und ich ließ mich in Gottes Namen voranrumpeln, was denn auch besser ging, als ich gedacht, da auf dem Dampfboot eine eigene Kajüte für Kranke mit ganz breiten Kanapees war, wo ich mich ausruhen konnte, so wie ich, folgenden Tages, auf der Eisenbahn, mit Hülfe eines gutes Trinkgeldes und der späten Jahrszeit, wo wenige mehr reisen, einen Waggon ganz für mich allein erhielt, wo ich mich auf einem Sitze für vier Personen ausstrecken konnte.

Die letzte Tour von Freiburg aus war zwar sehr beschwerlich, aber es war auch die letzte und in Meersburg das Bett für mich in der Spiegelei schon gemacht, da, sonderbarerweise, Jenny und Laßberg mich grade an diesem Tage erwartet hatten, obwohl ich ihnen nicht geschrieben. Ich fand Laßbergen ungemein wohl aussehend und munter, und auch Jennyn sieht man keine Spur ihrer Krankheit mehr an, so wie sie sich auch selbst ganz genesen fühlt. Mama sah aus wie immer und hatte auch ihr Herzklopfen in gleichem Grade, entschloss sich aber, mit mir zugleich jenen geschickten Arzt (den Brunnenarzt in Überlingen) zu beraten, wo ihr dann, bei dem letzten Anfalle, seine Medizin so wohl getan hat, dass schon nach vier Stunden alles vorüber war. Du kannst denken, wie glücklich sie ist, und wie froh wir alle! Wenn’s nur standhält! Der Arzt hält ihr Übel für gänzlich ungefährlich — rein nervös.

Wir haben hier eine schöne Weinernte gehabt, hätten aber fast das Doppelte haben können. Der Stadtrat (selbst lauter Rebenbesitzer) hatte nämlich aus übermäßiger Gierigkeit, um die Trauben zur möglichst höchsten Reife gelangen zu lassen, den Anfang der Lese fast um drei Wochen später als die Umgegend angesetzt, obwohl alle weißen Trauben schon überreif waren, und der erste Regentropfen sie zum Faulen bringen musste; so sind hier die weißen Trauben fuderweiß verfault. Da wir nun keine eigne Kelter haben, mussten wir uns mit in diese Unvernunft schicken. Ich hatte zudem das Unglück, beim Ziehen der Nummern, wie man nacheinander zum Keltern zugelassen wird, fast die letzte Nummer zu ziehen, bin somit noch über vierzehn Tage später als diejenigen, die den Anfang machten, und habe bedeutenden Schaden gelitten. Als meine Trauben noch alle gut und schon völlig reif waren, wurde der Ertrag von Sachverständigen auf 30 Ohm angeschlagen, 14 weißen und 16 roten, und zudem, sagte man, werde selbst der weiße Wein in diesem Jahre so delikat werden, dass ich ihn schon gleich von der Kelter würde für mindestens 35 Gulden verkaufen können, was dann allein 490 Gulden gebracht hätte. Stattdessen wurden meine weißen Stöcke wahre Moderhaufen – wo man nur hinrührte, flog weißer Staub auf, als wenn man einen Puffer zertritt. 7 Ohm gingen gänzlich verloren, 7 machte ich noch aus elenden halbfaulen Trauben, so schlecht, dass ich anderthalb Ohm von meinem prächtigen Roten musste dazwischenlaufen lassen, um ihn noch mit knapper Not zu 19 Gulden per Ohm zu verkaufen, so dass ich aus diesen 7 1/2 Ohm und den sämtlichen 40 Trebern nur die Summe von 171 Gulden gelöst habe.

Nun aber zu meinem Roten, dieser hatte nicht durch den Regen gelitten, da die Trauben damals noch nicht überreif waren, dagegen waren sie durch das nachfolgende lange Hängen nicht nur überreif, sondern ganz schrumpflich geworden, so dass sie beim Keltern statt 16 nur noch 12 1/2 Ohm Saft gaben, der aber in diesem Jahre der allerbeste in Meersburg gewachsene Wein ist, teils eben des späten Kelterns wegen, teils, weil ich die letzten 1 1/2 Ohm nicht dazwischen genommen, sondern zwischen den weißen habe laufen lassen, so dass mein sämtlicher roter Wein Vorlauf ist. Ich habe ihn aufgelegt in einem Fuderfass, und den übrigen Ohm zum Auffüllen daneben. Er ist so zuckerhaltig, dass sich an der Mostprobe gar kein Grad mehr zur Bezeichnung seiner Süßigkeit vorfand, und man sagt mir, in ein paar Jahren
müsste ich wenigstens 70 Gulden für den Ohm haben. Da hätte ich meine 700 Gulden in einmal wieder heraus! d.h. ich habe freilich nichts davon, aber es freut mich doch wenn das Rebgütchen etwas anwächst, weil es doch das einzige ist, was ich den hiesigen Kindern hinterlasse.

In Bonn habe ich niemanden gesehn außer Junkmann; Schücking ließ zu meiner großen Freude nichts von sich hören noch sehn, obwohl er in Köln war, und ein Artikel über „meine Ankunft und wahrscheinlich längeren Aufenthalt in Bonn“ in seiner eignen Zeitung stand. Wegen meiner „Charakeristik“ von seiner Hand, in Kinkels „Rheinischem Jahrbuche“, wovon dir Heinrich wird gesagt haben, habe ich nur erfahren, dass das ganze Buch bereits gedruckt und also nichts mehr daran zu ändern war, und mich dann nicht weiter darum bekümmert, denn obwohl ich voraussetze, dass die Charakteristik vorteilhaft für mich und eine persönliche Vergütung für die „Ritterbürtigen“ sein soll, so hat sich doch Schücking als zu taktlos erwiesen, als dass ich nicht immer Verdruss fürchtete, wo er sich irgend um mich bekümmert.

NB. Du wirst von Bonn einen Verschlag mit drei Ölbildern erhalten, die zwei größeren und schöneren hat mir Professor Braun, der sie eben aus der Auktion der bedeutenden Schmitzischen Sammlung in Köln erstanden hatte, für einen Spottpreis überlassen, und das dritte, unbedeutendere (den Hexenmeister, der den Skorpion verbrennt) dazugeschenkt, hebe sie mir doch gut auf, und sage mir, wie sie Dir gefallen? Sulpice Boisseree, der jetzt in Bonn wohnt, fand sie gut.

Noch muss ich Dir sagen, dass unser lieber Heinrich auf dem Wege bis Bonn so vortrefflich für mich gesorgt hat, ich hätte es von einem eignen Sohne nicht besser erwarten können. Gott
wird auch die Verheißungen des vierten Gebotes an ihm in Erfüllung gehen lassen.
Adieu, liebster Werner

Meersburg, 24. Oktober 1846

Hintergrund: Franz Ludwig Grasso war der Arzt von Annettes Stiefonkel Friedrich von Haxthausen.
Spiegelei: Annette nennt die Räume, die sie auf der Meersburg bewohnt, nach deren ehemaligem Bewohner, einem Gefangenenwärter namens Spiegel.
Die "Charakteristik", eine Abhandlung von Levin Schücking über Annette von Droste, erscheint 1847 im Jahrbuch "Vom Rhein. Leben, Kunst und Dichtung". Die Droste hatte mehrfach versucht, die Veröffentlichung zu verhindern.
Sulpiz Boisseree ist ein Kunstsammler, den Annette 1825/26 in Köln kennengelernt hat.
Werners ältester Sohn Heinrich, zu dieser Zeit 19 Jahre alt, hat seine Tante Annette von Hülshoff bis Bonn begleitet.

3 Anmerkungen

  • # Therese von Droste:
    Therese von Droste

    …ja denke, liebste Sophie, Nette braucht seit 17 Jahren zum ersten Mal wieder einen allopathischen Arzt. Jenny hat sie dazu gebracht, durch Anpreisen seiner großen Geschicklichkeit. Doch ich spreche Dir von Nette, und Du weißt wohl nicht einmal, dass sie hier ist. Doch das haben sie Dir wohl von Hülshoff geschrieben.

    Sie hat die Reise von Bonn bis hier ganz allein gemacht und zum Bewundern gut überstanden, obschon sie die letzten 24 Stunden mit der Post Tag und Nacht durchgefahren ist, eine Geschichte, die ich auch gewagt habe, die mich aber fast umgebracht hat. Ich wollte ihr Marie bis Freiburg entgegenschicken; aber während wir ihren Brief erwarteten, kam sie selbst heran, ziemlich wohl und nicht einmal sehr ermüdet; mit ihrem Atem steht es zwar immer schlecht, aber sie war doch schon zweimal in ihrem Weinberge, und der Arzt verspricht alles Gute …
    An Sophie von Haxthausen, 19. Oktober 1846


  • # Jenny von Laßberg:
    Jenny von Laßberg

    Nette war sehr unwohl, sie hustet sehr.
    Tagebuch vom 12. Dezember 1846


  • # Jenny von Laßberg:
    Jenny von Laßberg

    Wir waren alle recht vergnügt bis 10 Uhr beisammen; nur die arme Nette nicht, der wir ihr Christbäumchen schon um 6 Uhr brachten.
    Tagebuch vom 24. Dezember 1846