1846 14.Oktober

Ich hätte Dir so gern unmittelbar nach meiner Ankunft geschrieben, aber die Nachwehen der Reise ließen sich doch spüren, wo dann eine Unfähigkeit, in gebückter Stellung zu verweilen, immer das erste ist, was sich bei mir einstellt. Jetzt bin ich jedoch ziemlich wieder auf dem Strumpf und kann Euch Lieben, von denen ich gewiss weiß, dass Ihr meinen Weg in Gedanken mitgemacht und mit Euern guten Wünschen begleitet habt, nunmehr Rechenschaft von meinem honetten Betragen in der wilden fremden Welt ablegen, sowie Kunde geben von den „ungeheuerlichen und abenteuerlichen Gefahren“, denen ich um so sicherer entgangen bin, da sie gar nicht den Mut gehabt haben sich zu zeigen. Es ist kein Dampfkessel zersprungen, weder Land- noch Seeräuber haben sich gezeigt, und (mirabile dictu!) niemand hat versucht, mich zu entführen, was freilich allen Glauben übersteigt!

Übrigens ist mir der lange Weg bei weitem nicht so sauer geworden, als ich befürchtete, und zwar ging es mit jedem Tage besser. Auf der ersten Tour bis Mainz konnten Kopf und Magen sich noch gar nicht mit der Erschütterung des Dampfboots befreunden, mir war mordschlecht zumute. Indessen kam mir hier die vortreffliche Einrichtung des Schiffes zustatten, das außer dem Pavillon noch ein Extrazimmer für Damen hat, mit so breiten Kanapees, dass man fast so bequem darauf liegt wie auf Betten.

Auch kann ich die große Zuvorkommenheit des Kondukteurs nicht genug loben. Er kam alle zwei bis drei Stunden, sich nach meinem Befinden und Wünschen zu erkundigen, gab mir den ausführlichsten Rat für jede Reisestation, und schon jetzt alle Billets (sogar für die nötigen Omnibus) bis Freiburg. Bei der Ankunft in Mainz führte er mich durch das Gedränge zum Fiaker, besorgte meine Effekten sogleich auf das Dampfboot, das ich am nächsten Morgen besteigen musste, und empfahl mich sogar dem Kondukteur desselben schriftlich. Kurz, selbiger Jüngling ist die Krone aller Kondukteure, die je waren, sind und sein werden.

Die Nacht in Mainz war schlecht; ich musste mich fortwährend übergeben und fühlte mich so krank, dass, wenn ich nicht schon so weit voraus bezahlt gehabt hätte, ich mich unfehlbar wieder würde zu Euch in Abrahams Schoß geflüchtet haben. So aber reute mich doch mein Geld, und ich segelte in Gottes Namen auf Mannheim los. Es wurde mir auch stündlich besser, obwohl der Delphin ein kleines unbequemes Fahrzeug ohne hinlänglichen Raum, sehr schwach an Erfrischungen, und sein Kondukteur, obgleich immerhin höflich genug, doch nur ein matter Abglanz meines gestrigen Juwels war.

In Mannheim kam ich so früh an, dass ich noch am selben Abend ein Stück Eisenbahn bis Karlsruhe vorwegnehmen und am nächsten Tage mit dem ersten Zuge bereits um elf Uhr morgens in Freiburg sein konnte. Beide Male verschafften mir die späte Jahrszeit und 30 Kreuzer Trinkgeld einen Waggon ganz für mich allein, wo ich, bald liegend, bald in Paschas oder Schneiders Majestät thronend, mich wirklich mehr erquickt als angegriffen und nach mehrstündiger Ruhe in Freiburg so gestärkt fühlte, dass ich noch desselben Nachmittages um drei Uhr es wagte, den eigentlichen sauren Apfel der ganzen Reise, ich meine die nächtliche Eilwagenfahrt durch das Höllental, den Schwarzwald et cet., bis Stockach zur Hand zu nehmen.

Das war aber eine Kreuzigung! Grade um Mitternacht auf der höchsten Höhe des Schwarzwaldes – die Luft dort kalt wie im Dezember – ein Wagen nicht viel größer wie eine Chatouille – höchstens für vier Mann Raum und acht hineingepresst. Wir saßen einander fast auf dem Schoße, und wer vor Schläfrigkeit etwas wacklig wurde, stieß seinem Visavis an den Kopf. Diesem Umstände habe ich es auch allein zu verdanken, dass ich nicht umgefallen bin, denn ich weiß wirklich nicht, wohin ich hätte fallen sollen.

Meine Reisegefährten (wahrscheinlich Leute aus der Umgegend) schienen sich indessen schon völlig in die Anforderungen des Wagens hineingelebt zu haben, sie schliefen alle, in kerzengrader Stellung, und mir allein blieb das Vergnügen, den holden Mond anzusehen, und es jedesmal zu bemerken, wenn die Pferde an einem steilen Hange fast hintenüber schlugen, nicht mehr voran konnten, und der Wagen einige Male um mehrere Schritte zurückrollte.

Endlich erschien der Tag, und endlich endlich! um Zehne das ersehnte Stockach, ein elendes Nest! Das erste, was ich dort hörte, war, dass in jeder Woche ein Tag ausfalle, wo keine Eilpost nach Meersburg gehe, und dass ich grade diesen glücklichen Tag getroffen, somit die schönste Gelegenheit habe, bis zum nächsten Nachmittag die Reize der Stadt zu bewundern, die in dem beständigen Staubregen (mit dem fast meine ganze Reise gesegnet war) genau aussah wie ein altes Weib, das ein Bettlaken um den Kopf gehängt hat. Das war mir aber zuviel! So beging ich denn aus Ungeduld den dummen Streich, nach kaum halbstündiger Ruhe wieder los zu fahren, in dem besten Lohnfuhrwerke der Stadt. Wie nenne ich es? – Cabriolet ist nicht passend. Cabriölchen, einspännig, ohne Verdeck, den Kutscher neben mir, denn von einem Bocke war keine Rede.

So bin ich, abends sechs Uhr, in Meersburg hereintriumphiert; d. h. nicht ganz herein, sondern bis zu einem Wirtshause vor dem Tore, um keine Irrungen zu veranlassen, da der Großherzog von Baden ebenfalls am selben Abende durchpassieren sollte. Der Empfang im Schlosse war äußerst herzlich, mein Mütterchen war zwar von einer Landpartie noch nicht heimgekehrt, aber die Kinder schrieen sich fast heiser, und meine gute Schwester, die noch immer etwas leidend aussah, weinte vor Freude, auch Laßbergen schien meine Ankunft äußerst willkommen.

Er hat viel Sorge um Jenny gehabt, und ihr Zustand ist, wie ich höre, auch entschieden gefährlich gewesen. Drei Monate Husten mit gänzlichem Verlust der Stimme, schleichendem Fieber, Appetit-und Schlaflosigkeit – sie hatte sich schon bedeutend erholt, als ich ankam, erholt sich täglich mehr, und von Gefahr ist gottlob keine Rede mehr, obwohl es noch eine Weile dauern mag, bis sie mit ihren Kräften und gutem Aussehn wieder auf den alten Standpunkt gelangt ist. Gottlob ist sie heiter dabei, nicht im geringsten apprehensiv und das hilft sehr voran.

Mit Mamas Herzklopfen ist es noch beim Alten, doch ist es das letzte Mal um fünf Tage später als gewöhnlich eingetreten, und ich möchte mir nun gar zu gern Hoffnung machen, dass dies bereits Wirkung des Klimas sei, was ihr Übel schon mehre Male gelindert hat, jedoch, leider, immer nicht anhaltend. Mit der völligen Gewöhnung an die hiesige Luft traten auch die alten Zustände wieder ein. Würde es doch einmahl anders! nur Linderung – wie froh wollten wir sein! Aber ich fürchte, Gott hat uns diese Freude nicht bestimmt. Wüsste ich nur gewiss, dass nichts Lebensgefährliches bei ihrem Zustande wäre, so wollte ich mich schon gern zufrieden geben; in ihrem Alter sind sieben Tage voll Kraft und Gesundheit mit einem leidenden nicht zu teuer erkauft, und das ist es ja eben, was uns die Ärzte einreden wollen, dass sie ihre ungemeine Rüstigkeit nur diesen Arbeitern zu verdanken habe, die nie lebensgefährlich werden
könnten. Gott gebe dass es so ist!

Laßberg ist auch ein wahrer Held für seine Jahre, trotz seines halblahmen Beins beweglich wie Quecksilber, sieht viel wohler aus als an seinem Hochzeitstage, und wenn er sich nicht zuweilen durch eigene Schuld einen Husten holte, könnte man sagen, ihm fehle nie Etwas.

Ich habe ihn bis jetzt nur in glänzender Laune gesehn, und hoffe, es sei etwas Haltbares daran, denn da er überhaubt mit zunehmendem Alter sehr an Umgänglichkeit zunimmt, so kann er in den zwei Jahren meiner Abwesenheit hübsche Progressen gemacht haben. So wie er jetzt ist, kann man sehr wohl mit ihm auskommen, und Jenny ist mit ihrer Lage völlig zufrieden, das bleibt doch die Hauptsache!

Meersburg, 14. Oktober 1846

Hintergrund: Mirabile dictu - Es ist erstaunlich zu sagen.
Kondukteur: Schaffner
Omnibus: Langgezogene Kutsche, in der bis zu 16 Reisende sich gegenübersitzen können; den Namen erhält dieses um 1825 entstandene Transportmittel, weil es "allen" bestimmt ist.
Effekten: Gepäck mit Kleidung und Wertgegenständen
Ankunft in Meersburg: Im Gegensatz zu den Angaben Annettes notiert ihre Schwester Jenny in ihrem Tagebuch als Ankunftszeit 14 Uhr. Die hier beschriebene Fahrt ist in Bild und Ton hier nachzuerleben: Annettes letzte Reise

2 Anmerkungen

  • # Jenny von Laßberg:
    Jenny von Laßberg

    Mama scheint es sehr lieb zu sein, dass du kommst, denn es war ihr doch eine große Sorge, dich allein in Rüschhaus zu wissen, und wenn du hier bist, so wird dies auch dazu beitragen, dass sie länger bleibt, ich zweifele nicht, dass sie dann länger als ein Jahr bleibt, da ja auch ihrer Gesundheit die hiesige Luft und viel Zerstreuung gut ist, und dass ich sie so lange als möglich halten werde, kannst du denken, glaube mir liebe Nette! zwei Winter am Bodensee würden dir besser tun als eine ganze Apotheke. …

    Laßberg … freut sich auf deine Ankunft, und ist wirklich voller Plane zur Verschönerung deiner Wohnung, du siehst also, liebe Nette! wie unrecht es wäre, wenn du uns noch lange warten lassen wolltest; du bekommst diesen Brief, der morgen, also am 12., abgeht, am 16.; deine Sachen wirst du indessen schon eingepackt haben, so dass du am 20. abreisen und gegen den 26. hier ankommen kannst, wo du noch eine kleine Traubenkur brauchen kannst, ein Hauptmittel gegen Magen und Brustleiden, besonders, wenn es mit Spazierengehen und schöner Aussicht vermischt gebraucht wird, du siehst, die Freude, dich bald zu sehen, macht mich ganz spaßhaft.
    Meersburg, 11. September 1846


  • # Jenny von Laßberg:
    Jenny von Laßberg

    Diesen Morgen erhielt Mama einen Brief von Werner, woraus wir sehen, dass du schon längere Zeit in Bonn bei der guten Pauline bist, er sagt nichts darin von meinem Briefe an dich, den du am 16. solltest bekommen haben, und worin ich dich antrieb, deine Reise zu beschleunigen, damit du noch vor der Weinlese ankommen könntest; es wäre so schade, wenn du deine schönen Trauben nicht mehr sähest, und dieses Jahr ist alles so früh, dass morgen schon die Weinlese beginnt, doch werden wir unter den Letzten sein und somit kann es noch 10 bis 14 Tage währen, ehe die Reihe an den Hindelberg kommt.

    Ich bitte dich, liebe Nette! benutze das schöne Wetter doch, und bedenke, dass der Oktober nahe ist, wo auch hier in unserm gesegneten Meersburg die Tage kürzer und kälter werden.

    Mama hat heute ihr Herzklopfen, und deshalb habe ich es übernommen, dir sogleich zu antworten oder vielmehr zu schreiben, um dir zu sagen, wie sehr sie wünscht, dass du kommst; und du möchtest doch den Tag deiner Ankunft in Freiburg bestimmen, weil sie dir dann dahin auf ihre Kosten ihre Mariechen entgegenschicken will, da sie denkt, es wäre dir unangenehm, auf der Schnellpost so weit allein zu reisen, die gute Mama freut sich sehr auf deine Ankunft, und so geht es uns allen, wir können es fast nicht erwarten, dich bei uns zu haben, und ich bin überzeugt, dass du dich bald wieder hier erholen wirst; ich habe mir auch schon gedacht, du verlangtest vielleicht die Begleitung Mariens nicht, oder habest schon eine andere gefunden, und wir würden dich den ersten besten Tag plötzlich hereintreten sehen; wie dem auch sei! Komm nur jetzt gleich, und lass dich durch niemand bereden, bis zum späten Herbst zu warten. …

    Mama, Laßberg und die Kinder grüßen dich herzlich mit mir, und ich wiederhole meine Ermahnung gleich nach Empfang dieses (Briefes) abzureisen; solltest du wünschen, dass dir Marie entgegenkommt, was Mama sehr gern will, so bestimme den Gasthof in Freiburg, in dem sie dich finden kann, ich denke, die Post wäre das sicherste. Und nun lebe wohl, Gott schütze dich, liebe Nette! und führe dich bald zu uns.
    Meersburg, 29. September 1846