Annette von Droste-Hülshoff in Briefen
Stöbern Sie in den Briefen der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff, erfahren Sie mehr über ihr Leben, ihren Alltag, ihre Arbeit und ihr Privatleben. Lernen Sie ihre Wohnorte kennen, verfolgen Sie ihre Korrespondenz mit Zeitgenossen, gehen Sie mit ihr auf Reisen.
Wie es mir geht? Jetzt schon gut; ich habe mich wieder ins Klima eingeübt, qualifiziere mich täglich mehr zur Schnelläuferin, gehe ganz bequem in einem Tage nach Hülshoff oder Münster und zurück und setze alle außer Atem, die Schritt mit mir halten müssen. Qu’en dites-vous? Ich denke, die achtundachtzig Jahre, die Sie mir angewünscht haben, werden mir wirklich nach und nach auf den Rücken steigen.
Was soll ich Ihnen von meiner Lebensweise sagen? Sie ist so einförmig, wie Sie sie kennen und sie mir grade zusagt: Rüschhaus in seiner bekannten melancholischen Freundlichkeit, im Garten die letzten Rosen, die mich immer rühren, wenn ich denke, wie ich sie Ihnen vor nun schon zwei Jahren beim Abschiede gab, als Sie Ihr Schultenamt niederlegten und ich nach Hülshoff zog, um den einen kleinen Ferdinand sterben und den andern geboren werden zu sehn.
Lieber Levin, unser Zusammenleben in Rüschhaus war die poetischeste und das in Meersburg gewiss die heimischeste und herzlichste Zeit unseres beiderseitigen Lebens, und die Welt kömmt mir seitdem gewaltig nüchtern vor.
Rüschhaus, 10. Oktober 1842
Sie haben doch wohl bei Beendigung des Halbjahrs nicht versäumt, sich bündig fest zu stellen? Ich bitte, antworten Sie mir hierauf, denn ich bin in großer Unruhe deshalb; ohne dieses könnten Sie um alles kommen, und selbst ein schriftlicher Kontrakt kann unter Umständen trügen, wie ich Ihnen früher ein Beispiel vom alten Steinmann angeführt. Sind Sie aber noch nicht gebunden und fürchten Veränderungen, die Ihre ohnedies delikate Lage bis zum Bedenklichen, ich wage es zu sagen: bis zum fast Unehrenhaften steigern könnten, so bitte ich Sie, um alle der treuen Sorge und Liebe willen, die ich Ihnen immer bewiesen, sprechen Sie es ehrlich gegen mich aus, und ich will dann mein möglichstes tun, Ihnen durch August, der ja jetzt alle sein Konnexionen wieder im Gange hat, eine gleich gute Stellung aufzufinden; er hat Sie lieb und vermag viel, wenn nicht politisch und im allgemeinen, doch im einzelnen und mündlich durch den klaren bon sens seiner Darstellungsgabe. Die sehr gute Sekretär- und späterhin Justizratstelle bei der Gräfin Stolberg-Stolberg z. B. wäre Ihnen nicht entgangen, wenn die Agnaten nicht mit einem lange vorher gewählten Bewerber durchgedrungen wären. In diesem Falle dürften Sie jedoch den einen Faden nicht loslassen, bis Sie den andern in der Hand hielten, und könnten nur die Saumseligkeit des Fürsten benutzen.
Sind Sie aber schon gebunden, nun, dann muss ich alles in Gottes Hand stellen und hoffen, dass er mir nicht den für meine Kräfte zu schweren Kummer auflegen wird, Sie durch meinen Rat ins Unglück gebracht zu haben. Für Ihren Charakter fürchte ich nichts, einem edlen Gemüte kann diese krasse Verderbtheit nur Ekel erregen, und die Freundin und Stellvertreterin Ihrer Mutter ist Ihnen hoffentlich auch zu lieb, als dass Sie nicht immer gern mit freiem Mute an sie denken möchten.
Rüschhaus, 10. Oktober 1842
Meine Gedichte werden denn doch gegen Ostern erscheinen können. Bis vor kurzem habe ich wenig daran getan, aber seit es draußen kalt und kotig geworden ist, habe ich mich in meine Winterpoesie gehüllt; es ist doch sonderbar, dass zum Dichten eigentlich schlechtes Wetter gehört, ein neuer Beweis, dass nur die Sehnsucht poetisch ist und nicht der Besitz. Säß mein liebstes Kind mir noch gegenüber, ich würde wieder zwei Gedichte täglich machen; jetzt lasse ich es langsamer angehn, aber es giebt doch was, und ich bin neugierig auf Ihr Urteil über das Spätere.
N B. Velhagen scheint doch an dem Verlage meiner Gedichte etwas gelegen; die Rüdiger sagt, dass er Nanny Scheibler angegangen, ihm denselben zu verschaffen; dies zur Nachricht wegen Cotta, der nicht halb so bereit scheint, und Sie mögen nun selbst bestimmen, was ich tun soll. An Adele habe ich, Gott sei’s geklagt, noch nicht geschrieben, aber will es nun ganz, ganz gewiss morgen tun und dann wegen des Leipzigers oder Jenaers nachfragen; bisher war sie auch wohl noch in Karlsbad, und ich hatte ihre Adresse nicht.
Rüschhaus, 10. Oktober 1842
Geschrieben hast Du nun zwar nicht, jedoch denke ich mir Dich wieder zu Hause und in einer Stimmung, wo das Andenken Deiner Freunde anfängt in Dir wieder aufzuleben; Du hast jetzt allerdings eine schwere Stellung, die alle Deine Zeit und Kräfte in Anspruch nimmt, aber doch mindestens eine unbehinderte, was weniger für Dich als für diejenigen, denen jetzt alle Deine Pflichten gehören, so viel wert ist, dass man kaum wagen darf über das Schicksal zu murren, auf welchem ergreifenden und traurigen Wege es dieses auch herbeigeführt hat. Dennoch traust Du mir wohl zu, dass mein erstes Gefühl aufrichtiger Kummer um einen Mann war, den ich so voll Lebenshoffnung verlassen hatte, und der sich mir immer geneigt und nach seiner Weise freundlich gezeigt hat, mein zweites aber war der erleichternde Gedanke, welche Leiden auf ihn gewartet hätten, wenn sein Übel den gewöhnlichen langsamen Gang verfolgte. Für den Brustwassersüchtigen gibt’s nur noch eine Hoffnung, die, welche an Mertens erfüllt worden ist. Liebes Herz, du hältst mich wohl für gefühllos, aber ich habe am selben Übel Leidende auf eine andre Weise sterben gesehn und kann mich seitdem nur erleichtert fühlen, wenn jemand, dem ich wohl will, diesem entgeht.
Ich selbst bin mich leider einer ähnlichen, wohl nicht mehr zu unterdrückenden Anlage bewußt, und nur die Hoffnung, dass meine Vollblütigkeit mich vor der völligen Ausbildung ebenfalls einem raschen schmerzlosen Ende zuführen wird, erhält mich bei dieser Aussicht einigermaßen aufrecht. …
Ich denke mir, Du wirst jetzt das ganze Geschäft wohl Rudolphen übergeben und Gustaven zurückkommen lassen. Schreib mir doch ausführlich über alles! Du weißt, wie es mir am Herzen liegt, Dich möglichst ruhig und kummerlos zu wissen. Ich habe es lange verlernt schöne Worte zu machen, aber ich denke sehr viel an Dich und folge dem Gange Deines Schicksals mit Sorge und Liebe. Wirst Du nach wie vor sommers in Plittersdorf, winters in Bonn bleiben? Wie macht sich die Teilung des Vermögens, da ihr Gütergemeinschaft hattet? Kömmt nicht Adele jetzt vielleicht auf einige Zeit zu Dir, da dem, wenigstens von einer Seite, nichts mehr im Wege steht und Wolf ja ihr ganzes Zutrauen hat? Ich bin nicht ruhig, bis ich, wenn auch nur durch einige Zeilen, erfahren habe, wie Dir jetzt ist und wie Deine Zukunft sich gestaltet. …
Ich selbst befinde mich leidlich wohl, anfangs wollte mir das hiesige Klima gar nicht mehr zusagen, und ich bin einige Wochen lang recht herunter gewesen, jetzt macht es sich, und ich nehme mit geringem vorlieb, da ich an wirkliche Gesundheit seit zwanzig Jahren nicht mehr gewöhnt bin. Ich lebe nach der alten Weise still vor mich hin, gehe täglich auf ärztlichen Befehl einige Stunden spazieren, amüsiere mich mit meinen Sammlungen, bekomme nun und dann durch meine münsterischen Freunde etwas neue Literatur zu Augen und schreibe mitunter ein paar Zeilen, entweder zu Verstärkung eines Bands Gedichte, der übrigens schon ziemlich dickleibig ist, oder eines prosaischen Werks, wo allerdings noch die größere Strecke vor mir liegt. Wegen der Wahl eines Verlegers bin ich noch sehr schwankend und möchte, dass jemand mit einem entscheidenden Rate durchgriff. Cotta, bei dem Schücking, wenn nicht ohne mein Vorwissen, doch gegen meinen Wunsch, angefragt hat, hat sich nicht abgeneigt bezeigt, und sein Verlag wäre freilich der glänzendste und zur Verbreitung geeigneteste, doch möchte ich lieber einen Verleger vorziehn, der sich mir selbst angeboten hat, und deren sind drei. Zuerst mein alter Verleger, die Aschendorffsche Buchhandlung in Münster, die mir aber doch zu obskur ist, dann Velhagen und Klasing in Bielefeld, eine noch junge aber großartig auftretende Firma, die bereits in großen Massen verlegt und wohl deshalb den Vorzug verdiente weil ihr mehr an mir gelegen scheint wie den andern und sie, da ich ihren Brief nicht beantwortet habe, sich seitdem schon zweimal an einen meiner Bekannten gewandt hat mit der Bitte, ihren Antrag zu unterstützen, so dass sie sich nie beklagen dürfte, falls der Absatz ihrer Erwartung nicht entspräche, was mir viel wert ist.
Endlich hat mir nun noch Adele vor zwei Jahren von einem dortigen (in Weimar oder Jena) Buchhändler geschrieben, der alles von mir übernehmen wolle, Poesie oder Prosa, wie es sich vorfände, ob auf ihr Zureden oder freiwillig, weiß ich nicht. Damals habe ich wenig darauf geachtet, weil ich nichts zu geben hatte, und seitdem ist mir die Adresse verlorengegangen, doch will ich nochmals darüber an Adelen schreiben und mich dann schnell entschließen, da bis zur Ostermesse doch etwas erscheinen muss und ich bei dem einmal gewählten Verleger gern bleiben möchte.
Verzeih, gutes Herz, diese lange Brühe über Dich so wenig Interessierendes! Es ist eben ein Schriftstellerfehler, der kleinen wie der großen, immer um ihr eignes Lichtstümpfchen zu spazieren.
Rüschhaus, 29. September 1842 (oder 9.10.?)
Nach dessen Tod kommt es zwischen Sibylle und den Kindern zu einer Auseinandersetzung um das Erbe. Die Kinder zwingen ihre Mutter schließlich gerichtlich, ihr Vermögen zu veräußern, damit sie deren Erbteil auszahlen kann. Das Verfahren zieht sich über mehrere Jahre hin und hat zur Folge, dass Sibylle Mertens sich finanziell deutlich einschränken muss.





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