Annette von Droste-Hülshoff in Briefen
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Sollte ich Ihnen wirklich eigenmündig Veranlassung gegeben haben zu glauben, ich könne den Leonidas in der Ursprache lesen? Oder trägt die große geistige Elle die Schuld, an der, wie der Fuchs beim Messen den Schwanz, so Sie den glänzenden Schweif Ihr[er] eignen Vielwissenschaft zugeben? Sed non cuivis contingit adire Corinthum! Ich kann elendiglich wenig Griechisch, in meinen besten Glanz- und Übungsjahren kaum über die Fibelschützerei hinaus und jetzt wieder schmählich dahin zurückgesunken. Kurz, ohne den großen Trost der lateinischen Erläuterungen würde ich kaum begriffen haben, wo die Glocken hängen und bin auch jetzt noch bei manchen nicht ganz sicher darüber. Von einem eigentlichem Urheile kann also nicht die Rede sein, doch haben mir manche der Gedichte des Tarentiners einen etwas vagen Begriff von Schönheit gegeben und zugleich die Erinnerung erweckt, als habe ich viele derselben vor langen Jahren in einer sehr guten Übersetzung gelesen. Das Buch hieß “Tempe”, eine sehr schöne Auswahl von Weihgedichten, Distichen, lauter kleines Volk, alle aus dem Griechischen; zwei dicke Oktavbände; Verfasser quasi anonym, d.h. mit zwei Buchstaben bezeichnet. …
Damit Sie nun nicht wieder in solche extravagante Ideen von meiner Gelehrsamkeit verfallen, will ich Ihnen meine Sprachkenntnisse (leider zumeist Unkenntnisse) darlegen: Latein können Sie mir immer schicken, Französisch natürlich auch, das ist ja jetzt so unerläßlich, wie früherhin schlichtweg Lesen und Schreiben. Holländisch werden Sie mir nicht schicken, sonst das verstehe ich auch. Italienisch und Englisch? Schlecht! schlecht! doch letzteres etwas besser. Ich habe in beiden Sprachen keinen Unterricht erhalten, sondern mir nur selbst so ein wenig zurecht geholfen und bin jetzt seit länger als zwanzig Jahren ganz außer Übung und ohne Diktionar. Doch schlage ich mich durch eine leichte italienische Prosa noch allenfalls durch, wie ich vor kurzem an den “Verlobten” des Manzoni erprobt habe; Poesie aber, besonders mit veralteten Ausdrücken und ungewöhnlichen Konstruktionen, ist für mich jetzt fast gänzlich ohne Genuß. Mit dem Englischen steht es etwas besser, und ich nehme es noch allenfalls mit einem Poeten auf, doch werden mir immer hier und dort Worte fehlen, und ich kann dann nur mit betrübtem Seufzen nach der Stelle sehn, wo ehemals eine Diktionar gestanden.
Sehn Sie, liebster Freund, so mangelhaft sieht es bei mir aus, und ich mag meine Halbkenntnisse nur ganz geheimhalten und im stillen doch hier und da ein kleines Profitchen daraus ziehn. …
Ich schicke Ihnen vier Exemplare meiner früheren Ausgabe, verlangen Sie noch mehrere, so lassen Sie es mich nur wissen. Mein Bruder treibt sehr auf meine Herüberkunft, über 14 Tage, höchstens drei Wochen, werde ich nicht mehr zögern dürfen … Es erleichtert mir den Abschied von meiner geliebten Einsamkeit ungemein, dass ich von Hülshoff aus viel leichter zu Euch kommen kann. Das Gedicht, was ich das Ihrige nennen möchte, da es ja einzig für Sie geschrieben wird, hoffe ich Ihnen noch vor Ihrem Ausfluge schicken zu können. Es bedarf dazu nur einer einzigen völlig freien Stunde, unbehindert von Beklemmung oder Kopfweh, und die sind freilich jetzt seltne Vögel und niemand weiß, wann sie kommen. Adieu, mein liebstes Professorchen, adieu, ich werde gedrängt zu schließen. Mit alter Treue,
Eure Nette.
Rüschhaus, etwa 20. August 1846
Seit ich zuerst deinen und dann der lieben Mama Brief erhielt, hat es mir wie ein Stein auf dem Herzen gelegen, dass ich antworten müsste, und habe es doch nicht gekonnt, denn ich bin tüchtig krank gewesen und hatte noch dazu meinen Homöopathen nicht, der auf längere Zeit verreist war. Jetzt ist er seit 14 Tagen da, und sein erstes Pulver hat mir wieder wunderbar gut getan. Gestern habe ich das zweite genommen, was mich tüchtig angreift, ich denke, desto besser wirkt es nachher!
Liebe Jenny! Du schmähst mich so aus, und es war doch wirklich nicht unvernünftig, dass ich hier blieb, da ich recht gut fühlte, was mir in den Gliedern lag. Glaub nur, ich habe eine tüchtige Tour abgemacht in diesen fünf Wochen, fast so arg wie damals (anno 29) in Münster, und was hätte ich nun ohne Bönninghausen anfangen sollen, da ich schon so unglücklich darüber war, dass ich ihn nicht gleich haben konnte!
Dies ist das erste Mal. dass ich einen so starken Anfall so mutterseelenallein abgemacht habe, und es ist doch auch gegangen! Bönninghausen ist doch der einzige der mir helfen kann. Gleich nach dem einen Pulver habe ich das Fieberhafte ganz verloren und Appetit und Schlaf bekommen. Wäre ich nur den Schleim aus dem Halse los und könnte wieder gehen, dann wäre ich hergestellt. Ich zweifle aber nicht, dass das auch bald nachkommen wird.
Die Ruhe tut auch viel! Du glaubst nicht, wie still ich hier lebe. Niemand weiß recht, ob ich hier oder in Hülshoff bin, und so bleibe ich ganz ungestört, was mir sehr recht ist, denn wenn man krank ist, kann man sich nicht damit abracken die Honneurs zu machen.
Die Hülshoffer Kinder waren einmal hier, öfter nicht, denn ich habe ihnen alle meine Stachelbeeren nach und nach geschickt. Werner war zweimal zu Wagen hier, gestern das letzte Mal. Er war sehr freundlich und sah gut aus. Wegen seines Knies geben die Ärzte die beste Hoffnung, und auch Joseph Droste hat zur Luise Stapel gesagt, diese spanische Fliegenkur sei die einzige durchgreifende für diesen Fall, und wenn sie anfange sich wirksam zu erzeigen, so helfe sie auch ganz und für immer. Nun ist Werner offenbar schon um vieles besser, obwohl ich ihn mir freilich schon gelenkiger gedacht hatte, als ich ihn gestern fand; aber er muss noch immer den Fuß an einigen Stellen offen halten, so tut es ihm noch weh, wenn er resolut auftritt, und dies soll er auch nicht, sondern ihn schonen; so weiß er denn selbst nicht recht, wie es mit seinen Kräften und seiner Gelenkigkeit steht; aber sehr viel besser wie früher, das fühlt er doch deutlich. In ein Bad ging er gern, und hat die Ärzte schon mehrmahls darum befragt, aber sie wollen es alle nicht, der eine so wenig wie der andre. Übrigens ist es auch nicht die Gicht, die den Zustand des Knies verursacht (obwohl sich auch diese dazu geworfen hat), sondern die Kniescheibe ist ihm durch den Fall locker geworden, und es hat sich Wasser dazwischen gesetzt, weshalb sie sich nicht wieder anlegen kann, und eben dieses Wasser wird durch die Fliegenpflaster herausgezogen.
Sobald ich besser bin, gehe ich zu ihm; meine Gesellschaft braucht er freilich nicht mehr, denn er wird von Besuchen überschwemmt, aber ich kann ihm doch zur Hand gehn, da er sich gewiss noch eine gute Weile wird schonen müssen; denn wenn alles Wasser auch fort ist, muss die Kniescheibe doch erst wieder fest werden, ehe er den Fuß brauchen darf wie vorher. Er reitet jetzt täglich und fühlt sich seitdem sonst wohl.
Rüschhaus, 7. August 1846
Die Spanische Fliege ist eine Käferart aus Südeuropa, deren getrocknete Flügel zu dieser Zeit als Zugpflaster verwendet werden.
Nun wegen Mamas und Mariens Mäntel. Die sind keineswegs hier, sondern liegen in Düsseldorf im “Prinzen von Preußen”, nahe beim Bahnhofe. Der Wirt hat sie zurückbehalten, weil er gedacht hat, Mama würde sich in Bonn aufhalten und sie am folgenden Tage mit der Eisenbahn nachfordern. Ich habe dem Kutscher sagen lassen, sobald er wieder nach Düsseldorf fahre, möge er sie doch mitbringen, habe aber zur Antwort bekommen, nach Düsseldorf komme er so selten, dass dies noch wohl ein paar Jahre währen könne. Was soll ich nun machen? Dem Wirte den Auftrag geben, dass er sie nach Meersburg besorgt? Der wird aber keine Rücksicht auf die Kosten nehmen und die Geschichte mehr kosten, als die alten Mäntel wert sind. Werner meint doch, selbst mit Spedition kämen sie nicht unter einigen Talern. Hätte ich sie nur erst wieder hier! Leider werde ich hier nichts darüber gewahr, wer etwa nach Düsseldorf reist? Ich werde einige Zeilen an Wernern schreiben, der hatte mir auch gestern den fehlgeschlagenen Rat wegen des Kutschers gegeben und muss sich nun etwas anderes aussinnen.
Rüschhaus, 7. August 1846
Hier im Hause ist alles wohl. Gestern ist der Weizen eingefahren, sechs kleine Fuder, er scheint sehr vollkörnig. Der Roggen ist schon zu Hause, drei Fuder, die Körner etwas klein, das Stroh sehr lang. Der Flachs steht prächtig, Äpfel bekommen wir ziemlich viele. Sage Mama, die beiden kleinen Kätzchen hätten wir verschenkt, das dreifarbige an Kortenkämpers, aber schon wieder ein neues Trikolörchen, von der jüngsten Trikolor-Madame.
Gott! welche Hitze! Heut um 7 schon 21 Grad, und um 12 27. Das wird ein gutes Wein-Jahr geben! Aber wäre es dann nicht schade, den Wein von der Trotte zu verkaufen? Wegen des Geldes brauchst Du es nicht, das will ich wohl besorgen, wenn ich nur weiß, wieviel es sein muss; wenn es nämlich sonst vorteilhafter ist, den Wein in guten Jahren aufzulegen - ich verstehe das nicht.
Rüschhaus, 7. August 1846





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