Annette von Droste-Hülshoff in Briefen

Stöbern Sie in den Briefen der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff, erfahren Sie mehr über ihr Leben, ihren Alltag, ihre Arbeit und ihr Privatleben. Lernen Sie ihre Wohnorte kennen, verfolgen Sie ihre Korrespondenz mit Zeitgenossen, gehen Sie mit ihr auf Reisen.

aus: 1805, Briefe an Maria Anna von Haxthausen, Hülshoff

Liebe Großmama!
Ich hoffe, dich bei dem Schreiben und der Ankunft dieses Briefes in eben der Gesundheit zu treffen, die wir jetzt genießen. Wir haben dieses Jahr recht was Schönes auf Nikolaus bekommen, Jenny hat einen Ring, einen seidenen Geldbeutel, ein paar Handschuh und viel Esswerk bekommen. Ich habe dasselbe erhalten. Werner und Fente haben Jacke und Hose, auch viel Esswerk bekommen. Lebe wohl. Wir alle küssen dir in Gedanken die Hände. Ich verbleibe
deine dich liebende Enkelin Nette
Bald hätte ich den guten Großpapa vergessen, küsse ihn für mich.

Hülshoff, 31. Dezember 1805

Hintergrund: Der Brief richtet sich an die (Stief-)großeltern mütterlicherseits. die im ostwestfälischen Bökendorf leben.
Annette von Droste hat drei Geschwister: die zwei Jahre ältere Schwester Maria Anna, genannt Jenny, den anderthalb Jahre jüngeren Bruder Werner Constantin und den drei Jahre jüngeren Bruder Ferdinand, genannt Fente.
aus: 1816, Briefe an Anton M. Sprickmann, Hülshoff

Ich bin vor einigen Tagen auf einige Tage in Münster gewesen, um die berühmte mimische Künstlerin Madame Händel-Schütz zu sehen, die sich jetzt dort aufhält, und auch wohl einige Zeit bleiben wird (sollte Sie dies wundern, so müssen Sie wissen, dass Münster wohl noch nie so glänzend gewesen wie jetzt, da alle möglichen Zivil- und Militärbüros der neuen Provinzen, und alsoo auch die Familien der Beamten derselben, nebst einem Teil des paderbörnischen, sauerländischen und kölnischen Adels sich dort aufhält).

Hülshoff, Ende Februar 1816

Mehr zum Adressaten: Anton M. Sprickmann
Hintergrund: Auf dem Wiener Kongress ist das Staatsgebiet Preußens vergrößert worden. 1815 ist die preußische Provinz Westfalen entstanden.
aus: 1816, Briefe an Anton M. Sprickmann, Hülshoff

Es geht jetzt in Münster ein, wie man sagt, sehr hübsches Gedicht auf den westfälischen Frauenverein herum, wovon man mich mit aller Gewalt zur Verfasserin machen will; ich muss mich überall mit Händen und Füßen gegen dies ungerechte Gut verteidigen und werde es zu bekommen suchen, weil doch meine Eitelkeit ein wenig dabei interessiert ist zu sehen, wessen Geistes Kind es sei. Einige legen es auch der Madame Schücking, Ihrer Cousine, zu; sollte dies so sein, so interessiert es mich doppelt, sowie alles, was von diesem herrlichen und seltenen Weibe kömmt, zu der ich eine so eigne und innige Hinneigung fühle, dass ich sie bei unsrer geringen Bekanntschaft durch ihre mannigfaltigen schönen und anziehenden Eigenschaften kaum erklären kann. Vielleicht wissen Sie mir zu sagen, ob dies anonyme Geisteskind ihr wirklich seine Existenz verdankt.

Lass uns hier ein wenig ruhn am Strande
Foibos Strahlen spielen auf dem Meere
Siehst du dort der Wimpel weiße Meere
Reisge Schiffe ziehn zum Fernen Lande

Ach! wie ist’s erhebend sich zu freuen
An des Ozeans Unendlichkeit
Kein Gedanke mehr an Maß und Räume
Ist, ein Ziel, gesteckt für unsre Träume
Ihn zu wähnen dürfen wir nicht scheuen
Unermesslich für die Ewigkeit. …

Möchtest du nicht mit den wagenden Seglern
Kreisen auf dem unendlichen Plan?
O! Ich möchte wie ein Vogel fliehen
Mit hellen Wimpeln möcht ich ziehen
Weit, o, weit, wo noch kein Fußtritt schallte
Keines Menschen Stimme wiederhallte
Noch kein Schiff durchschnitt die flücht’ge Bahn.

Und noch weiter, endlos ewig neu
Mich durch fremde Schöpfungen, voll Lust
Hinzuschwingen fessellos und frei
O! das pocht, das glüht in meiner Brust.

Rastlos treibts mich um im engen Leben
Und zu Boden drücken Raum und Zeit,
Freiheit heißt der Seele banges Streben
Und im Busen tönt’s Unendlichkeit!

Stille, stille, mein törichtes Herz
Willst du denn ewig vergebens dich sehnen?
Mit der der Unmöglichkeit hadernde Thränen
Ewig vergießen in fruchtlosem Schmerz?

So manche Lust kann ja die Erde geben
So liebe Freuden jeder Augenblick.
Dort stille, Herz, dein glühendheißes Beben
es gibt des Holden ja so viel im Leben,
So süße Lust und, ach! so seltnes Glück!

Denn selten nur genießt der Mensch die Freuden,
Die ihn umglühn, sie schwinden ungefühlt.
Sei ruhig, Herz und lerne dich bescheiden.
Gibt Foibos heller Strahl dir keine Freuden,
Der freundlich schimmernd auf der Welle spielt?

Lass uns heim vom feuchten Strande kehren,
Hier zu weilen, Freund, es tut nicht wohl,
Meine Träume drücken schwer mich nieder,
Aus der Ferne klingt’s wie Heimatlieder
Und die alte Unruh kehret wieder.
Lass uns heim vom feuchten Strande kehren,
Wandrer, auf den Wogen, fahret wohl!

Fesseln will man uns am eignen Herde!
Unsre Sehnsucht nennt man Wahn und Traum
Und das Herz, das kleine Klümpchen Erde,
Hat doch für die ganze Schöpfung Raum.

Unruhe

Ich muss eine Weile aufhören zu schreiben, weil ich mich in Hinsicht des anhaltenden Bückens noch ein wenig in acht nehmen muss. Ich höre soeben, dass die Lerchen sich draußen schon recht lustig machen; also in den Garten! Ich bin doch den ganzen Winter noch nicht vor die Tür gekommen.

Ich komme soeben aus dem Garten. Gott! was für ein herrliches Wetter! vor einigen Tagen noch im härtesten Winter und jetzt von der wärmsten Mailuft umweht! Die Luft ist fast schwül, und die ersten Frühlingsboten, Lerchen, Buchfinken, Spreen et. cet. machen ein Konzert, dass man fast sein eignes Wort nicht hören kann. Wenn die Wärme verhältnismäßig so zunehmen will, wie seit einigen Tagen, so werden wir noch vor Ende Februar in den Hundstagen sein.

Ich hatte, da ich noch ein kleines Mädchen war, immer die Idee, unsre Erde könne sich wohl einmal in eine ganz andere Lage drehen, und wir dadurch unter einen wärmeren Himmelsstrich versetzt werden; diese Hoffnung erneuerte sich jedesmal, wenn das Wetter einige Tage besser war, wie es der Jahreszeit von Rechts wegen zukam. Man sollte aber jetzt von neuem in diesen Wahn fallen, da schon seit mehreren Jahren das Wetter ganz auffallende Geniestreiche macht. …

Ich schicke Ihnen hierbei ein kleines Gedicht, was ich vor einigen Wochen verfertigt habe; nehmen Sie es gütig auf, es malt den damaligen und eigentlich auch den jetzigen Zustand meiner Seele vollkommen, obschon diese fast fieberhafte Unruhe mit Verschwinden meines Übelbefindens einigermaßen sich gelegt hat.

Hülshoff, Ende Februar 1816

Mehr zum Adressaten: Anton M. Sprickmann
Hintergrund: Kurz nach der ersten Begegnung der Droste mit Katharina Busch heiratet diese am 17. Oktober 1813 Paulus Modestus Schücking und zieht nach Meppen. Der Kontakt bricht ab. Erst 16 Jahren später sehen sich Annette und Katharine wieder.
aus: 1821, Briefe an Anna von Haxthausen, Hülshoff

Übrigens bin ich innerlich – (o Anna, ich bitte, verstehe mich diesmal recht) sehr gefasst; man hält meine Zurückgezogenheit wahrscheinlich für Stolz unter meinen Bekannten, denn sie sind fast sämtlich schüchtern und demütig gegen mich geworden, aber mir desto ergebener. Ach Gott, wenn sie einmal in mein gepresstes Herz sehen könnten, sie würden mich nicht mehr lieben.

Liebe Anna, ich will Dir eine böse Richtung meines Charakters nicht verderben – sieh, so wie ich strenger gegen mich werde, werde ich es auch gegen andere – ich komme mir unwillkürlich und unabänderlich vor, wie ein strenger, unglücklicher Richter, der die härteste, nagenste Strafe seiner eigenen Fehler in der unerbittlichen Bestrafung ähnlicher an anderen finden muss; ich fahre großen erwachsenen Leuten mit der ungeheursten Kühnheit über den Kopf, sobald sie eine verderbliche Seite des Charakters zeigen – dass sie sich noch jedesmal danach geändert haben, ist gut, aber ungeheuer drückend, dass sie seitdem eine besondere Verehrung für mich zu haben scheinen – ich wollte, sie merkten es, dass man nur aus Erfahrung so gut über eine Sache sprechen kann.

Ich habe diesen Winter ein ganzes Buch geistlicher Lieder geschrieben, von denen die der Mutter geschickten nur eine kleine veränderte Auswahl sind. Du hast recht, sie sind für mich selber gemacht, und du wirst nicht denken, für wen noch mehr? – für meine Mutter. Sie sind zu einer Zeit geschrieben, wo ich durch die mir überall bewiesene Liebe und Hochachtung noch unendlich niedergedrückter war, wie jetzt, wo ich mich ermutigt habe, auch diese gewiss schwere Prüfung mit Kraft zu tragen.

Der Zustand meines ganzen Gemütes, mein zerrissenes schuldbeladenes Bewußtsein liegt offen darin dargelegt, doch ohne ihre Gründe – und ich wollte geradezu versuchen, wie viel ein mütterliches Herz verzeihen kann, oder vielmehr, mir meine Strafe holen; ich hatte es mit einer Vorrede versehen, die auf all dies vorbereitete. Mama las dieselbe sehr aufmerksam und bewegt durch, legte dann das Buch in ihren Schrank, ohne es weiter anzurühren, wo ich es acht Tage liegen ließ und dann wieder fortnahm – sie hat auch nie wieder danach gefragt, und so ist es wieder mein geheimes Eigentum. – Daß ich es meiner Mutter gab, war unrecht; ich habe kein Recht, die Meinigen zu betrüben, um mir einen Druck zu ersparen.

Denke du nun auch nicht schlechter von mir, weil dieser Brief zuweilen etwas bitter ist, denke nur, dass ich meine augenblicklichen Empfindungen auch ganz ohne die mindeste Linderung und Beschönigung niedergeschrieben habe, wie es vielleicht in dem Grade noch nie jemand getan hat – ich will es dir gestehen, wahrhaftig, liebe Anna, mit dem gerührtesten Herzen, dass ich in allen meinen Leiden mir schon zuweilen mit Gottes Gnade Augenblicke des Friedens gewonnen habe, wie ich sie in Jahren nicht mehr kannte.

Hülshoff, etwa März 1821

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