Annette von Droste-Hülshoff in Briefen

Stöbern Sie in den Briefen der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff, erfahren Sie mehr über ihr Leben, ihren Alltag, ihre Arbeit und ihr Privatleben. Lernen Sie ihre Wohnorte kennen, verfolgen Sie ihre Korrespondenz mit Zeitgenossen, gehen Sie mit ihr auf Reisen.

aus: 1846, Briefe an Elise Rüdiger, Rüschhaus

Schückingen muss ich auch jetzt schreiben, ich bin ihm auf zwei Briefe Antwort schuldig. Der letzte hat mich auch nicht eben gefreut, so freundlich er war, fürs erste schickt er mir seine Gedichte, worin er als entschiedener Demagog auftritt. Völkerfreiheit! Preßfreiheit! Alle die bis zum Ekel gehörten Themas der neueren Schreier.

Vorn eine Abteilung “Liebesgedichte”, eingeleitet durch eins an seine Luise, worin er ihr als der echten königlichen Isolde, vor deren Schein alles verbleicht, diesen Abschnitt gleichsam widmet, und dann pele, mele, was er je an Damen geschrieben. Jedes Gedicht bringt ein paar Groschen mehr. Ich suchte aus Neugierde nach einem an die Bornstedt, konnte es aber nicht erraten. Dagegen sind einige mir bekannte ausgelassen.

Ich habe meiner Mutter die Gedichte nicht zu lesen gegeben, sie würden sie zu sehr gegen ihn einnehmen. Den Brief aber las ich ihr vor, und es kam eine Stelle darin vor, die sie furchtbar stieß und par contrecoup auch mich. Nachdem Sch[ücking] mir nämlich die bevorstehende zweite Niederkunft seiner Luise und seinen dadurch erweiterten Hausstand annonciert, sucht er mich zu bereden, mein Vermögen zum mit ihm gemeinschaftlichem Ankaufe eines kleinen Gutes am Rhein zu verwenden und dort mit ihnen zu leben. Mama wurde ganz blaß und sagte sehr scharf: “Glaub nur, das ist ihm ganz und gar kein Spaß!” Und bald nachher: “Wenn er es nicht ausgedacht hat, dann hat’s Luise ausgedacht, und er ist doch darauf eingegangen. Was wollten sie mit einem Gute anfangen, das sie nachher wieder verkaufen müßten? Aber Du bist ja sein Mütterchen und Patin zu seinem Kinde!”

Großer Gott! wär’s möglich, dass dieser Mensch, dem ich viel Gutes getan habe, schon auf meinen Tod spekulierte, weil er denkt, ich mache es nicht lange mehr! Darüber könnte ich doch noch weinen!

Rüschhaus, 30. Januar 1846

Mehr zum Adressaten: Elise Rüdiger
Hintergrund: par contrecoup: indirekt
aus: 1846, Briefe an Elise Rüdiger, Rüschhaus

Junkmann soll in Bonn sehr vergnügt sein. Er hat mir kürzlich geschrieben, und ich zögere mit der Antwort, um es weniger auffallend zu machen, wenn ich auf keinen seiner Briefpunkte eingehe. Ich fürchte, er kömmt oder ist bereits in schlechten Händen, ich meine denen der Demagogen, der eine Redakteur der “Kölner Zeitung”, Brüggemann (ein berüchtigter Demagog, unter dem das Blatt bereits eine sehr böse Richtung soll genommen haben) ist sein intimster Freund, und in seinem Briefe steht: “Schaffen Sie sich das Vorurteil aus dem Kopfe, als hätte ich politische Vorurteile; Ja! politische Einsicht habe ich, und politischen Spott, mehr als man in Westfalen vertragen kann, und die sogenannte katholische Partei. Aber was kann man dafür, wenn man klüger ist als andre? Ich habe das durch Leiden, durch Studien, durch ausgebreitete Bekanntschaft mit allen Parteien mir erworben.” Erkennen Sie unsern frommen Junkmann darin wieder?

Nehmen Sie dazu, dass ich ihm, seit er fort ist, nicht geschrieben, folglich zu dieser Verwahrung nicht die mindeste Veranlassung gegeben habe. Ich fürchte, das böse Gewissen spricht aus ihm, und er weiß sich bereits als den Verfasser des einen oder andern anrüchigen Aufsatzes. Für die schlesische katholische Zeitung scheint er schon mal gar nicht mehr zu passen. Auch sonst deutet Manches darauf hin. Sein Hauptumgang ist (außer Simrocks) im Kinkelschen Hause. (Für einen Stockkatholiken doch nicht grade passend.) Sein Briefstil ziemlich burschikos und impertinent. Ich habe ihm ein Exemplar meiner Gedichte versprochen und müsse es ihm schicken, denn er habe kein Geld, und es sei mir ein Leichtes, in Deiters Laden zu gehn (er nimmt also an, ich müsse das Buch kaufen). Auch “eine Perle aus meinem in den Kaisergräbern gefundenen Rosenkranze” verlangt er, und “wolle ich dem Buche meinen Namen einschreiben oder ein Brieflein beifügen, so werde ihm das um so angenehmer sein, jedoch, mit oder ohne Brief, solle ich ihn nicht zu lange warten lassen.” Diese sind zwar die auffallendsten Sätze, und es steht noch allerlei dazwischen, wodurch sie getrennt und deshalb weniger auffallend, aber sonst nicht besonders gemildert werden. Klagen über Schücking, der ihn an seinem ins “Rheinische Jahrbuch” aufgenommenen Gedichte vieles verändert, et cet.

Mir hat der ganze Brief einen höchst unheimlichen Eindruck gemacht. Großer Gott! dass alle Dichter doch so wandelbar sind! Daß man auf nichts bei ihnen bauen kann! Keine jahrelange Kenntnis ihres Charakters! Ich fürchte, und wahrlich mit großer Betrübnis, dass Junkmann über kurz oder lang auch zu denen gehören wird, die ich wünschen muss, nicht so genau gekannt zu haben.

Für jetzt werde ich ihm noch alles Verlangte schicken, mit Übergehung seiner Briefpunkte von allen Bekannten erzählen, aber mich schon streng hüten, eine Meinung auszusprechen. Das alte Vertrauen ist hin! Wer hätte das noch vorm Jahre gedacht!

Rüschhaus, 30. Januar 1846

Mehr zum Adressaten: Elise Rüdiger
Hintergrund: Karl Heinrich Brüggemann, vom 1. November 1845 bis 1855 Chefredakteur der "Kölnischen Zeitung", hat in Berlin den "Zentralverein zum Wohl der arbeitenden Klassen" mitbegründet; er gilt, auch nach seiner Mitwirkung beim Hambacher Fest 1832, als Revolutionär, und ist dem Adel ein Dorn im Auge. Nicht zuletzt seine Berufung zum Leiter der Kölnischen Zeitung veranlasst Annettes Bruder Werner, ihr die weitere Mitarbeit an dem Blatt zu untersagen. Johann Gottfried Kinkel ist als Liberaler bekannt und mit einer geschiedenen Katholikin verheiratet.
aus: 1846, Briefe an Elise Rüdiger, Rüschhaus

Sie wissen, Lies, ein bißchen miserabel bin ich immer, sticht’s mich hier nicht, so kneipt’s mich dort, z. B. jetzt seit drei Wochen im Ohr, macht einen Lärm wie drei Pulke Kosaken und mich nebenbei so dumm, dass man Mauern mit mir einrennen könnte. Wahrhaftig, Lies, Sie würden mich nicht wiedererkennen – ein kompletter Wechselbalg! Stocktaub auf einem Ohre, und hat man mir endlich das Nötigste eingeschrieen, so begreife ich es noch nicht mal, weil mir immer wie unter dem Schaffhauser Wasserfalle ist. Man sagt, die Geschwulst werde nun bald durchgehn, proficiat! Mag sie’s tun, heimlich oder öffentlich, ich werde ihr keinen Steckbrief nachschicken! …

Ich war aber auch übel daran. Krank und voll Herzensangst, denn Werner war von einem Hunde gebissen, den man für toll hielt, und von unserm Heinrich war die Nachricht aus München gekommen, dass er so schwer am Schleimfieber erkrankt sei, dass man ihn habe ins Hospital bringen müssen. Das war doch wohl genug um einen so kranken Kopf wie den meinigen total konfus zu machen! Acht Tage lebten wir so in der Angstschwebe, dann kamen von allen Seiten Erleichterungen, einige Zeilen vom Heinrich selbst, der zwar noch im Hospital, aber bedeutend besser ist. Auch der famose Hund wurde endlich eingefangen und ist gottlob nur ein ordinärer bissiger Köter; am selben Tage wurde auch die Geschwulst in meinem Ohr entdeckt, mir zum großen Trost, denn bis dahin glaubte ich an ein Kopfübel und phantasierte von Schlagfluß und Verrücktwerden. Und wie denn Gutes wie Schlimmes immer zu Haufen kömmt, so segelte am selben Tage ihr liebes liebes Briefchen mit seiner niedlichen Fracht ein, spät und einsam. … mein Lies, wie wohl tun sie mir durch Ihre Briefe! Das ist die rechte und in diesem Regenwinter einzige Abendröte, die zuweilen in mein Stübchen fällt, das über Tag jetzt gar nicht heimlich, sondern recht düster und grau ist, abends dagegen, beim Ofengeflacker und Lampenlicht, wieder so wohnlich, dass ich meine, Sie könnten nirgends besser sitzen, und auch nirgends lieber. Ach! kommen Sie nur bald, bestes Herz! Ich freue mich nicht allein so ungemein darauf, sondern auch Mama von ganzem Herzen, und ist schon jetzt daran, alle andern uns annoncierten Besuche durch Briefe, bongré malgré, in den Februar und März hinein zu nötigen, damit schöner langer freier Raum für Sie bleibe. Auch den Reiseplan hat sie mit einer Art Begeisterung ergriffen und ist sehr angenehm gespannt auf die Bekanntschaft Ihrer lieben Mutter! Ich verspreche mir himmlische Freuden von dieser Reise, aber die Hauptsache ist und bleibt mir doch immer Ihr Aufenthalt hier.

Kommen Sie nur recht zeitig, Mama rechnet auf ein langes Stück Besuch, deshalb messen Sie mit der möglichst längsten Elle, die Münsterschen Freunde werden doch nur zu viel herunterzwicken …

Rüschhaus, 26. Januar 1846

Mehr zum Adressaten: Elise Rüdiger
Hintergrund: Für das Frühjahr 1846 ist eine gemeinsame Reise von Annette, Elise sowie deren Müttern Therese und Elise nach Meersburg geplant. Elise Rüdiger trifft am 26. Mai im Rüschhaus ein. Therese von Droste reist am 1. Juli 1846 nach Meersburg ab - alleine. Annette wird im September nachkommen.
bongré malgré: wohl oder übel
aus: 1846, Briefe an Sophie von Haxthausen, Rüschhaus

Ich bin jetzt wieder homöopathisch, der fatale Knoten hat sich fast ganz verloren, aber dafür ist mir seit 14 Tagen das Ohr fast ganz zugeschwollen, es braust mir darin wie ein Mühlenwehr, und ich begreife jetzt wohl, weshalb taube Leute gewöhnlich so einfältig sind, ich bin auch halb simpel. Sonst bin ich diesen Winter ungewöhnlich wohl und habe gar keinen Husten. …

Meine gute Rüdiger schreibt fleißig, ist aber mitsamt ihrem Manne sehr mißvergnügt in Minden, und sie arbeiten aus allen Kräften, von dort wegzukommen. Ihr Haus beschreibt sie düster und melancholisch, wie einen Kerker. Es ist dasselbe, was der Erzbischof bewohnt hat, und sie meint, jetzt bedauere sie den armen Mann erst recht und fühle seine Hypochondrie ordentlich mit. Ich bekam gestern noch einen Brief von ihr, wo sie eben von einem ganz kurzen Ausflug nach Berlin rückgekehrt war. Sie hat dort Grimms besucht, die sie äußerst freundlich empfangen und sich sehr herzlich nach uns allen erkundigt haben.

Auch Bettinen hat sie aufgesucht, die fast den ganzen Besuch über nichts getan hat als schimpfen, auf die Katholiken, die Westfalen und besonders den westfälischen Adel. Als die Rüdiger das nicht so geduldig hingenommen, sondern ihr tüchtig darauf gedient hat, hat sie endlich abgebrochen und angefangen zu prahlen, dass die Lichtfreunde sich so viele Mühe gegeben, sie an ihrer Spitze zu bekommen, sie wolle aber nicht et cet. Kurz, sie muss sich nicht besonders liebenswürdig gemacht haben. …

(Am Rande:)
Adele sitzt noch immer in Rom und schreibt ein Buch nach dem andern, aber keine Briefe, wenigstens mir keinen, und ich kann noch immer ihre Adresse nicht bekommen. Schückings Frau erwartet ihre zweite Niederkunft. Junkmann ist in Bonn und soll jetzt ganz gesund sein.

Rüschhaus, 19. Januar 1846

Hintergrund: Die Schriftstellerin Bettina von Arnim war nach dem Tod ihres Mann Achim Anfang der 40er Jahre wieder zurück nach Berlin gezogen und unterhielt Unter den Linden einen intellektuellen Salon. Die Lichtfreunde waren ein Zusammenschluss evangelischer Christen, die sich von ihrer als reaktionär empfundenen Amtskirche abgrenzen wollten. Adele Schopenhauer lebte seit 1844 aus gesundheitlichen Gründen vorwiegend in Italien, zusammen mit ihrer Freundin Sibylle Mertens-Schaaffhausen.