Elise Rüdiger auf einem  Gemälde von Johannes Sprick, etwa 1840; Quelle: Wikipedia

Elise Rüdiger auf einem
Gemälde von Johannes Sprick, etwa 1840; Quelle: Wikipedia

Die wohl engste Freundin in deren letztem und zugleich literarisch produktivsten Lebensjahrzehnt war Elise Rüdiger (1812–1899). Die 15 Jahre jüngere Münsteranerin war in der Atmosphäre des literarischen Salons ihrer Mutter, Elise von Hohenhausen, aufgewachsen; sie selbst war bereits vor ihrer Bekanntschaft mit der Droste schriftstellerisch tätig gewesen. Das „Mindener Sonntagsblatt“ hatte einige ihrer Arbeiten veröffentlicht. Nach dem Tode ihres Mannes lebte die Rüdiger von ihrer publizistischen (oft anonymen) Tätigkeit.

In Münster unterhielt Elise Rüdiger einen literarischen Zirkel, in dem außer den Autorinnen Luise von Bornstedt und Henriette von Hohenhausen (einer Tante Elise Rüdigers) auch Levin Schücking und Annette von Droste-Hülshoff verkehrten. Bei den sonntäglichen Treffen sprach man über Literatur und las sich gegenseitig die eigenen sowie Werke von Karl Immermann, Ida Hahn-Hahn, George Sand, Honoré de Balzac und Ferdinand Freiligrath vor. Autoren des Jungen Deutschland wurden in dem Kreis nicht sehr geschätzt.

Angeregt durch die Diskussionen der „Hecken-Schriftstellergesellschaft“, wie die Droste den Zirkel nannte, begann Elise Rüdiger, Rezensionen für Zeitschriften zu schreiben, bevorzugt über die Werke von Hahn-Hahn oder Sand, aber auch über Adele Schopenhauer. In den meisten ihrer Kritiken erwähnte sie auch die Autorin Annette von Droste-Hülshoff und stellte sie als herausragendes Vorbild für schreibende Frauen dar.

Die Dichterin wusste die literarischen Gespräche in Münster sehr zu schätzen. Zwar schrieb sie eine Satire auf den Schriftsteller-Zirkel („Perdu!“). Als jedoch Ferdinand Freiligrath in Münster weilte und die kleine Gesellschaft demonstrativ keines Besuches für würdig empfand, verteidigte sie den Kreis engagiert.

Der literarische Austausch mit Elise Rüdiger war sehr intensiv; brieflich wurden Neuerscheinungen diskutiert. Die langjährige Freundschaft, die sich aus diesem Austausch entwickelte, gründete „auf gemeinsamen literarischen Interessen und menschlichem Vertrauen“. Zahlreiche Briefe belegen die tiefe Verbundenheit der Droste mit der Freundin. Die Anteilnahme der Rüdiger an den Droste-Publikationen war groß. Offensichtlich hatten die Frauen kurz nach Erscheinen des zweiten Gedichtbandes ein gemeinsames Buchprojekt – eine Sammlung von Novellen – geplant, das jedoch nicht zur Ausführung kam.

Elise Rüdiger machte der Dichterin stets Mut, vermittelte Droste-Beiträge für die „Kölnische Zeitung“ und rezensierte mehrfach die Werke ihrer dichtenden Freundin. Diese versuchte ihrerseits, den schriftstellerischen Arbeiten von Elises Mutter zu einem breiteren Publikum zu verhelfen. Sie stellte der „Kölnischen Zeitung“ einige ihrer eigenen Gedichte unentgeltlich zum Abdruck zur Verfügung, wofür das Blatt im Gegenzug die Hohenhausen-Erzählung „Die Gattin – Eine Alltagsgeschichte“ gegen Honorar veröffentlichte. Ohne diese Unterstützung durch die Droste hätte Elise von Hohenhausens Werke keine Aufnahme im Feuilleton der „Kölnischen Zeitung“ gefunden.

Elise Rüdiger verstärkte ihre Rezensionstätigkeit nach dem Tod der Dichterin. Dabei setzte sie sich, wie Claudia Belemann urteilt, „kaum mit der Drostschen Lyrik auseinander“; stattdessen konzentrierte sie sich darauf, das Bild einer herausragenden Frau zu vermitteln, deren Vorbild es nachzueifern gelte. Ihr „Anliegen […] besteht darin, die Droste zur Identifikationsfigur für Frauen zu erheben.“ Elise Rüdiger beschrieb die Dichterin in ihren Aufsätzen stets als außergewöhnlich begabte und gebildete Frau und betonte auch deren wissenschaftliche Interessen stärker als die männlichen Biographen. Sie wies auf die Eigenschaften und Fähigkeiten der Dichterin hin, die für eine Frau dieser Zeit nicht selbstverständlich waren – auf ihr musisches Talent, ihre sprachliche Begabung, auch auf ihre Freundschaften mit geistreichen Frauen.

Elise Rüdiger vermittelte das Bild der intelligenten, „selbstbewußt allein lebende[n] Naturforscherin“, während Schücking die Droste als verzweifelte, einsame Frau darstellte, die in Natur und Religion Trost und Halt gesucht habe. Diesem Mythos von der enttäuschten Frau stellte sich die Rüdiger entgegen, indem sie die ehemalige Freundin „als bewußt entgegen den weiblichen Normen handelndes Subjekt“ beschrieb. Elise von Hohenhausen stellte dieses Portrait in einen weiteren Zusammenhang, als sie 1850 schrieb, die Droste „nähert sich sehr den amerikanischen Dichterinnen, die in einer neuen Ordnung der Dinge, in völliger Unabhängigkeit von der Männerwelt lebend, auch sentimentale Liebe und Hingebung nicht kennen.“

In seiner Droste-Biographie von 1862 erwähnt Schücking die Rüdiger überhaupt nicht, obgleich er sich bei der Abfassung unter anderem auf ihre Arbeiten stützte. Von Literaturwissenschaftlern wurden ihre Aufsätze über die Dichterin oft als nicht „wissenschaftlich benutzbar“ dargestellt, weil man sie lediglich als idealisierende Schilderungen ansah. Karl Raab schrieb 1930 über Elise Rüdiger:

Ihre zum Kultus gesteigerte Verehrung, ihr Hang zur Illusion und Romantik schuf ein Persönlichkeitsbild, das noch lange seine Spuren hinterlassen hat, dann aber durch das Erscheinen [der] Briefe Annettens zerschlagen wurde.

An Elise Rüdiger sind mehrere Gedichte gerichtet. Wie in den Briefen wird auch in den Versen deutlich, welch hohen Stellenwert die Rüdiger für die Autorin hatte. Annette von Droste fühlte eine Art von Seelenverwandtschaft zu ihrer Freundin. In dem Gedicht „An ***“ schrieb sie:

So, wenn ich schaue in dein Antlitz mild,
Wo tausend frische Lebenskeime walten,
Da ist mir, als ob Natur mein Bild
Mir aus dem Zauberspiegel vorgehalten

Am 19. November 1843 verfasste die Droste das Widmungsgedicht „An Elise“; dort heißt es in der zweiten Strophe:

Zu alt zur Zwillingsschwester, möchte ich
Mein Töchterchen dich nennen, meine Sprossen,
Mir ist, als ob mein fliehend Leben sich,
Mein rinnend Blut in deine Brust ergossen.