Von Luise von Gall

Allmächtiger Gott, Levin, was habe ich Ihnen so viel zu sagen; das bringe ich mein Leben nicht alles aufs Papier. Es ist recht elend und jammervoll, sich so hinsetzen zu müssen und zu kritzeln und Strich für Strich zu malen, wenn einem das Herz so voll ist und der Kopf glühend von Gedanken! …

Ihr Brief ist wie ein Strom, der mich mit seinen hohen Wellen ganz überschüttet hat, ich leistete seiner Macht keinen Widerstand, ich faltete nur die Hände über die Brust und senkte mein Haupt; aber ich kann noch nicht frei Atem holen! Und doch sind seit jenem Empfang mehrere Stunden verflossen. Das war wohl der Strom Ihrer Liebe!

Ich will mich aber mit Gewalt sammeln und Ihnen ordentlich schreiben; denn schreiben muss ich Ihnen jetzt und kann nicht eine ruhigere Stimmung abwarten. … vor allen Dingen muss ich wieder etwas Merkwürdiges erzählen, wie schon so vieles zwischen uns geschehen. Der kleine Mann und der niedliche Fächer kamen an demselben Tage an, wo ich in einer gepuderten Quadrille bei der Erbgroßherzogin figurierte; sie tanzte selbst mit. Es waren nur zwölf Paare, und man hatte den Damen überlassen, sich ihre Kavaliere zu wählen — ich als eine treue Braut wählte meinen verheirateten Vetter — Ihr eventail paradierte an meinem Arm, er passte vortrefflich, denn mein Anzug war ein hellblauer Atlas mit dunkelrotem Samt darüber — und der Fächer ist, wie Sie wissen, dunkelroter Samt mit blauen Schnüren. Alle Welt bewunderte dieses sinnreiche, passende kleine Ding, das ich an demselben Tag erhalten. Ist das nicht höchst merkwürdig, Liebster? Und dass Sie meine Farben geahnt?

Diese kleine Episode erheiterte mir die sonst unangenehme Geschichte; ich hatte zweimal an die Hofdame geschrieben und gebeten, mich davon zu dispensieren, aber die Prinzessin ließ nicht nach. Es war wohl nur fürstlicher Eigensinn, denn es kann ihr nichts an mir liegen — ich hatte sogar als Entschuldigungsgrund angeführt, ich könne nicht bei ihr erscheinen, da ich dem Großherzog für seine Feten für diesen Winter gedankt; darauf antwortete sie, sie werde mich selbst bei ihrem Schwiegervater entschuldigen und sagen, dass sie es ausdrücklich verlangt. Denn ich habe es wirklich durchgesetzt, mich vom Hof zurück zu ziehen; es schickt sich nicht für eine Braut.

Aber in allem Ernste, Levin, Sie verderben mir den Spaß am Leben. Ihre Briefe zaubern eine neue wunderbare Märchenwelt um mich, die mir die Wirklichkeit und meine Umgebung ungemein schal und grau erscheinen lassen.

Ich sollte Ihnen das eigentlich nicht sagen, aber die Überzeugung, dass Sie der einzige Mann sind, der diese Empfindung in mir wecken konnte, dass der Himmel und zwar der gütige Himmel Sie mir, mich Ihnen gegeben, dass wir uns trösten und erfreuen, lässt alle Bedenklichkeiten meines stolzen Herzens verschwinden, um an das Deine voll Vertrauen meine Gefühle zu legen. Denn Du bist es wert, dass ich Dich lieb habe und — dass ich Dir es sage. Du lieber Gott, ich wollte ja vernünftig schreiben und Ihren kleinen Brief zuerst beantworten …

7. Februar 1843

Von Luise von Gall

Mein verehrter unbekannter Verehrer!

Freund Freiligrath hat mir zu meiner großen Rührung die mich betreffende Stelle aus Ihrem Briefe vorgelesen. Ich weiß nicht, ob es ein Kompliment für eine Dame ist, wenn jemand, ohne sie gesehen zu haben, um sie wirbt. Auf jeden Fall ist es ein größeres, wenn er es tut, nachdem er sie gesehen hat. Freiligrath meint aber doch, ich müsse mich selbst für die Ehre bedanken und ich tue es auch recht gerne, da ich “im Ernste” einen wahren Anteil an Ihnen nehme.

Von Ihrem Äußeren weiß ich auch weiter nichts, als dass Sie dunkle* Augen haben. Übrigens sind auch für einen Mann sieben Jahre eine Bagatelle, im Gegenteile. Sie werden dabei noch profitieren, da Sie dann in Ihr bestes Alter eintreten. Freiligrath und seine liebe Frau sind so sehr Ihre Freunde, dass ich die herrlichste Meinung von dem Herrn Levin habe. Ich nenne Sie lieber so, wie Schücking, es klingt schöner, und da ich nichts wie Ihren Namen kenne, so hat der noch seine volle Wirkung.

Doch nun zur Sache. Da ich ja eine Kassaweika habe, so kann ich ja Ihren Antrag annehmen und tue es auch, indem ich Ihnen meine Treue verpfände. Nur eine Bedingung mache ich. Ich darf in diesen sieben Jahren niemand sehen, der mir besonders gefällt, da dies übrigens nicht so leicht bei mir der Fall ist, so ist das nicht gefährlich. Aus besonderem Gerechtigkeitsgefühl sollen Sie denselben Vorteil genießen, und wenn Sie jemand finden, der Ihre Augen fesselt, so dürfen Sie die ungesehene Nachtigall vergessen, die nur in tiefer dunkler Blätternacht sich hören lässt.

*Eben höre ich, dass Ihre Augen hell sind - das tut nichts, wenn sie nur glänzen.

Darmstadt, September 1842

Von Levin Schücking

Edle und verehrte Dame!

Ich hätte billigerweise Ihnen rascher die Ausdrücke meiner Freude und meines Dankes für Ihr höchst überraschend gnädiges Handschreiben zu Ihren Füßen legen sollen: Warum ich es nicht getan, weiß ich selbst nicht, denn wenn das Herz voll ist, sind die Ausdrücke nicht schwer zu finden; aber ich musste erst eine hinreichende Anzahl Tage nachgrübeln, träumen und poetische Grillenfänge anstellen über Ihre lieben Zeilen, ehe ich auf den Gedanken kam, ich müsste auch darauf antworten.

Ihre Bedingung, meine Gnädigste, ist, erlauben Sie es, mindestens hart. Zwar bin ich mir bewusst, ein “sonderbarer, fürtrefflicher Gesell” zu sein, den kein andrer Ritter in den Augen seiner “Dame souverraine” aus dem Sattel heben sollte, wenn alles nach Recht und Vernunft ginge. Aber diese beiden höchst schätzbaren und die Welt zusammen haltenden Tugenden spielen eine höchst klägliche Rolle in so ätherisch zarten Verhältnissen, die das Sehen knüpft und eine “fancy” wieder löst: und da nach altem Sprichwort die Frauen veränderlich sind; da Sie, meine Gnädigste, die Gräfin Faustine jedenfalls mindestens einmal zuviel gelesen haben; da endlich, um im alten Testament zu bleiben, ja auch die sieben magern, ganz abscheulichen, höchst schäbigen Kühe Pharaonis die sieben edlen und schönen Tiere, welche vor ihnen aus dem heiligen Nil emporgestiegen waren, auffraßen, so habe ich nach allem dem die stete Gefahr vor Augen, auf die schmählichste Weise von einem ganz magern, höchst abscheulichen Wiener Kavalier wie ein gebacknes Hähnl verspeist und aufgefressen zu werden: Sans comparaison.

Aber was soll ich tun? Müssten nicht die Gesetze, welche Sie geben, mir unverletzlich und heilig sein? Ich habe nur die Hoffnung, durch treuen Ritterdienst Sie so weit zu erweichen, dass Sie den alten Bund, wie er jetzt zwischen uns besteht, aufgeben und einen neuen Bund errichten, der ohne Bedingungen ist. Dann kommen wir also aus dem alten Testament heraus und bilden ein paar christliche Eheleute: was meinen Sie, sollt es nicht gut sein, damit zu eilen? …

Lassen Sie auch mich jetzt zum vollen Ernste übergehen. Ihr lieber Brief hat mich ganz außerordentlich gefreut. Aus dem Wenigen, was ich von Ihnen las und erfuhr, schaut mich ein feines, zartes Seelengesicht an, aus dessen einem Auge der Gedanke späht, während aus dem etwas träumerisch geschlossenem andren die Liebe suchende Blicke in die Welt aussendet, die halb erst verstanden, halb Rätsel vor ihm liegt, ich sehe den scheuen, rasch wiederholten Wimperschluss dieses Auges - und die ganze Physiognomie, wie ich sie mir ausmale, spricht mir von einem inneren Reichtum, der nichts einem männlichen Geiste nachgibt, während sinnige Tiefe und das unangetastet bewahrte weiche Frauliche sich über den Mann stellt. Bin ich nicht glücklich, so eine Quelle mein nennen zu dürfen - natürlich nur in meinen Träumen - , woraus vereinigt das sprudelt, was man sich sonst im Leben stückweise dürftig hier und da zusammen holen muss? Ich meine Nahrung für den Gedanken und für die Liebe.

Sie sind Schriftstellerin und doch auch poetische Frau; eine seltene Vereinigung! Gemüt, Sehnsucht, Tiefe, originale Kraft, ein Air de Hautevolée, fließende Locken, das alles in eine Kasawaika gewandet, es muss entzückend sein und wie ganz dazu geschaffen, einen armen vernünftigen Pädagogen zu einem “Hofmeister in tausend Ängsten”* zu machen.

In diesem Augenblicke jedoch noch gefasst und meiner selbst Herr genug, lass ich im Geiste mich auf das Knie nieder, um Ihnen die Hand mit aller der Grazie zu küssen, die ich nur meinem Lafleur** habe ablernen können, dem Mann einer galanteren Zeit: Sie müssen wissen, dass dies bei uns Norddeutschen noch eine unabgenutzte und zarte Huldigung ist. Mit rascher Keckheit dann eine gleiche, aber schüchterne Huldigung auf den mit weißem Samt überzogenen Thron Ihrer sinnenden Gedanken hauchend, frage ich mit stolzer Gewährungshoffnung Sie um die Erlaubnis, ob ich noch weiter einen Teil meiner springerigen und landläuferischen Einfälle Ihnen zu Füßen ausschütten darf: und ferner halb verzagt, ob Sie nun dann der Ihrigen einige dem Einsiedler schicken wollen, der in einer Wüste von Prosa versandet ist, wie der heilige Pachomius, und sehnsuchtsvoll nach der Taube ausschauen wird, welche ihm ein grünes Blatt aus dem Lande der Lebendigen, einen Zweig aus den Hainen der “Nachtigall” bringt. Bitte tuen Sie es; es gehört zu den guten Werken, die Gefangenen trösten!

Ellingen, 27. September 1842

*Anspielung auf ein gleichnamiges Lustspiel von Theodor Hell
**Held in einer von Schücking verfassten Novelle