Mein Liebster! Heute Morgen beim Erwachen Dein Brief! Welche Freude, welche Sicherheit gaben mir die ersten Blätter und welche Angst und welchen Schmerz die letzten! Also schon verdächtigen wollen Sie mich bei Dir? O Gott, Levin, ich soll mich Dir gegenüber verteidigen?
Du sagst, ich soll Freiligrath nicht gram sein? Ja, Liebster, ich bin ihm gram, erfahren soll er’s nie, aber im Herzen nehm ich es tief übel. Du bist mein Alles auf der Welt, und wer mich bei Dir verklagt, verleumdet, ja verleumdet, der ist mein Feind!
Freiligrath kennt mich genug, um zu wissen, dass ich eines Unrechtes unfähig bin. Muss ihm das nicht genug sein, für die Braut seines Freundes — wenn er es denn auch so ernsthaft nimmt? Also Besorgnis ist es nicht, es ist anderes, Levin, denn er sagt Dinge, die er selbst nicht glaubt.
Als wir uns trennten in St. Goar, kam einige Tage vorher ein Misston in unsere harmonische Freundschaft, — ich war unschuldig daran und behielt recht, und sie sahen es ein, und Ida bat es mir mit Tränen ab — aber Du glaubst nicht, Liebster, wie das nachher die Leute ärgert, das größte Unrecht was man ihnen gegenüber begehen kann, ist Recht zu haben. Schreiben kann ich Dir die Geschichte nicht, sie ist zu lang und mir zu unangenehm, erzählen will ich sie Dir — und das wird schon schwer werden, aber außer Dir keinem lebenden Menschen! Die Frau war daran schuld — sie ist misstrauisch.
Kann man einer Frau etwas Ă„rgeres nachsagen, als sie sei äuĂźerlich? Mit dem Dicksein, das ist mir nun geradezu lächerlich, denn wenn Freiligrath im Scherze sagte: „wir zwei Dicken”, entgegnete immer seine Frau ganz ernsthaft: „Luise ist nicht dick, sie ist ganz proportioniert, es ist eine volle, aber doch schlanke Gestalt.” Und Ida ist das Orakel, und Freiligrath ordnet ganz seine Meinung der ihrigen unter, nur nicht was seine Gedichte betrifft.
In Wien sagte immer meine Singlehrerin, ich müsste durchaus Sängerin werden wegen meiner Stimme und meiner Gestalt, und als Hackländer mich diesen Sommer hörte und sah, sagte er dasselbe — (wie fändest Du das mein Liebster? Eine Königin als Primadonna wäre doch neu!) Sei ruhig — ich lache, indem ich dies niederschreibe, ich bin kein Monstrum und meine Figur ist ganz ähnlich in dem Bilde (wie Haltung, Form des Kopfes und die Augen).
Jetzt habe ich mich schon gegen zwei Verleumdungen verteidigt, die mir von einem anderen angetan — nun muss ich es auch noch gegen Dich — Du gibst mir auf zarte Weise zu verstehen, Du fürchtest, ich sähe etwas salopp aus. Liebster, Liebster! Quelle horreur! Ich bin eine sehr ordentliche Person und sehe in meinen schwarzen Kleidern, so wie in meinem Hauskleid, und sogar im Negligee, ein weißes Kleid mit einer Kassaweika drüber, weil ich den Schlafrock für Frauen hasse, — immer sehr ordentlich aus. Meine Haare sind immer glänzend glatt, kurzum, ich protestiere feierlich gegen Deine kaiserliche Beschuldigung. Ich bin sehr einfach, nie Schleifen, Blumen oder Schmuck im Haar, mein höchster Staat ist ein schwarzes Sammet- oder Atlaskleid mit einer breiten schwarzen Spitze um die Schulter und einer Camee-Broche — voila tout, aber anständig und einfach und nicht genial sehe ich immer aus. Ich habe mich förmlich entsetzt über das Bild, welches Du von mir entwirfst — ein äußerlicher Geist, eine dicke Figur und ein salopper Anzug! Jetzt scherze ich und lache über die Sache — aber es hat mich doch von Freiligrath gekränkt.
Faschingsdienstag 1843
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