Was Freiligrath betrifft, so habe ich eine große Bitte an Dich — Ich der König, Ich, Deine Braut! Schreibe mir doch alles was er über mich sagt d. h. den Tadel. Sonst verbitte ich mir das immer, wenn jemand kommt und sagt: der und die haben dies und jenes über Sie gesagt, so halte ich den Leuten den Mund zu, denn es macht nur unangenehme Empfindung gegen die Menschen und ist doch ganz einerlei; aber zwischen uns muss es klar sein. Ich schwöre Dir, dass ich es nie Freiligrath will entgelten lassen. Aber, wenn er mich fort verleumdet, bleibt doch am Ende ein Funke in Deinem Herzen, und ich weiß es nicht und kann mich nicht verteidigen.
Dass er sagt, ich sei so äußerlich, hat auch noch einen Grund, den ich Dir erklären will. Freiligrath und Ida sind von einer wahrhaft unerträglichen Zärtlichkeit, die mich ungemein geniert hat. Um sie darauf aufmerksam zu machen, habe ich öfter über ihre tendresse gespöttelt und Ida meinte dann, ich habe für die Liebe keinen Sinn, weil ich ihre Äußerungen nicht begreife. Du lieber Gott, ich konnte ihnen freilich nicht sagen, dass ich diese Äußerungen in Gegenwart von Zeugen nicht begreife. Ich bin wahrhaft ein paarmal beinahe umgekommen vor Verlegenheit — in Gegenwart fremder Herrn! Und ich bin nicht vornehm, spröde und freue mich zu hören und auch „mit Maß” zu sehen, wenn die Leute glücklich sind — aber zu viel ist zu viel, und zu oft ist zu oft.
Für solche Verlegenheitsqualen rächte ich mich freilich zuweilen in einem tete-a-tete mit Ida, in dem ich mich über ihr zur Schau getragenes Glück etwas lustig machte. Sie versicherte mich dann, Freiligrath werde es übel nehmen, wenn sie anders sei und glauben, sie schäme sich seiner Liebe! Das klingt uns freilich toll genug, denn wenn man einen Mann geheiratet hat, zeigt man doch genügsam, dass man sich seiner nicht schämt. Aber ich musste schweigen. Wegen dieser Spöttereien halten sie mich aber für gefühllos! Das sage ich Dir!
Du weißt, wie ich bin, offen liegt meine Seele da vor Dir, wie bisher vor niemand als meiner Verklärten1. Ich habe Fehler, Levin, gewiss recht viele Fehler, viel mehr noch als ich wohl weiß, aber ich habe ein warmes, tief empfindendes Herz, voll inniger Liebe, voll Zutrauen, voll Hingebung, ohne Rückhalt, ohne Maß. Es würde mir eine Lust sein, für Dich zu leiden. Aber Du, mein Liebster, darfst nie an meinem Herzen zweifeln. Sieh, das könnte mich töten, eben weil ich es Dir so ganz arglos und rücksichtslos geöffnet. Sprich nicht mehr mit Freiligrath über mich! Ich tue es, was Dich betrifft, auch nur ganz oberflächlich, denn ich glaube, er ist eifersüchtig, dass ich ihm einen Teil seines Herzens geraubt, er bildet sich ein, durch mich in Deiner Freundschaft verkürzt zu werden.
Um keinen Preis der Erde würde ich Dich übrigens bei Freiligraths sehen wollen, das käme mir vor, als solle mein Herz auf die Anatomie kommen. Ich wollte Dir das schon früher schreiben; wenn wir uns sehen, muss es allein sein, nur Gott und die Geister unserer Mütter sollen uns sehen. Unser Band ist schon viel zu heilig, dass die Neugier sich hinzumengen könne; das ertrüge ich nicht. Wir wollen überhaupt nicht viel von einander sprechen, obgleich es oft einen freut; denn ich las kürzlich — „Rede nicht von dem, was Dir heilig und lieb ist, die Menschen greifen und fechten es Dir nur an.” Ich sage das nicht par precaution, damit die Welt nicht erfahren soll, dass ich Deine Braut bin; das wäre mir ganz einerlei, denn ich bin stolz auf Dich, denn Du bist mein Ideal, Du vereinigst alles in Dir, was eine Frau bewegen kann, ihr eigenes Ich aufzugeben. Aber die Menschen sind nicht dazu gemacht, einem eine Freude zu erhöhen, im Gegenteil, sie zerren einem alles herunter.
Wenn es Dir eine Freude macht, Deinem lieben Dröst’chen zu schreiben, dass ich Deine Braut bin, so tue es — da hast Du plain pouvoir. Aber sonst rede nicht viel von mir! Eine confidente hast Du ja an Deiner Gouvernante, die an Frau von Grancy wegen eines Signalements von mir geschrieben. Ich bin begierig, was da heraus kommt; schreibe mir es doch — aber ehrlich. Von der Brautschaft schien mir Frau von Grancy nichts zu wissen, nur von unsrer Korrespondenz.
Sie hat mir eine recht anziehende Beschreibung von Deiner Leidensgefährtin gemacht, ich bin sehr froh, dass ich sieben Jahre jünger bin, aber Du hast ja eine Passion für ältere Damen! Da will ich mich auch trösten über meine siebenundzwanzig Jahre, die mich bis jetzt gar nicht geniert haben, denn ich machte keine Pretensionen. Aber jetzt ist’s freilich anders, alle Tage betrachte ich mich im Spiegel, sehe ich wohl aus, dann ist es mir leid, dass Du nicht eben zur premiere entrevue kommst, sehe ich aber blass und matt aus, so danke ich Gott, dass ich Zeit habe, mich zu erholen.
Ach, an der Zeit wird es mir wohl nicht fehlen; mein Liebster! Wenn ich nur nicht darüber quite ugly werde! Wie wollten wir so schön englisch zusammen sprechen, ich spreche es gerne und die Engländer hier sagen, ich hätte von den hiesigen Damen die beste Aussprache. I should like to speak English with you; wie schön klingt: I love thee! Oh it is all in vain you don’t hear me. Do you know that I received your last letter on the fourth day, may it be the same with mine.
Dass Freiligrath sagt, wir seien die Extreme, ist lächerlich; es gibt nicht zwei Menschen, die sich ähnlicher sind wie wir — so sehr dies zwischen Männern und Frauen-Charakteren der Fall sein kann.
- Mutter [↩]
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