Hör’ Luise, meine Freude über Dich hab ich der Droste nicht verschweigen können, und mein Goldmütterchen antwortet mir — dass Du zu ihrer Schwiegertochter passtest — „das könnte ganz wohl sein, schön und geistreich scheint sie unwidersprechlich zu sein, und ich mache mir das beste und liebenswürdigste Bild von ihr — es ist mir äußerst erfreulich, Levin, dass Sie in ihrer jetzigen Verlassenheit einen geistigen Anhalt und Trost in ihr gefunden haben, und wenn es Gottes Wille ist, kann sie Ihnen allerdings dereinst noch mehr werden — auch wünsche ich mir nichts Besseres und Lieberes, als dass die Gall wirklich, nach Freiligraths Ausdruck, die rechte Cassawaika sein möge!”
Hör’ mal Hühnchen, mein liebes süßes Täubchen, tu mir einen Gefallen, der Dir keine Mühe macht — schreib einmal paar Zeilen an die Droste, nur des Inhalts, dass ihre Gedichte Dir so gut gefallen und dass es Dir eine Befriedigung sei, ihr dies auszusprechen, wie es sie vielleicht auch freue zu hören, dass ihre Gedichte in der Ferne ein Echo und die verdiente Bewunderung gefunden. Kennst Du den „Grafen von Thal”? Er steht in “Wolfs poetischem Hausschatz” und ist wunderschön.
Sie sitzt jetzt einsam auf ihrem Waldschlösschen und ich möchte ihr gern eine kleine Freude machen, oder vielmehr eine große, denn ich weiß, dass es ihr eine größere sein würde, als eine Menge lobender Kritiken, gegen welche sie fürchterlich hochmütig ist — sie hat alle drei Hochmute, den aristokratischen, den Damen- und den Dichterhochmut, aber sie ist trotzdem die liebenswürdigste Erscheinung, die man denken kann, sie ist natürlich im höchsten Grade, eine Beobachtungsgabe, die wirklich merkwürdig ist, originell in jeder Beziehung, in der Musik vielleicht noch größer denn als Dichterin, sie besitzt ein Herz voll Wohlwollen und Güte und ist doch schlau und klug wie eine Schlange, die innersten Gedanken einem aus dem Herzen lesend.
Sie ist klein, hat die allergrößten Augen, die ein Mensch gehabt, so lange die Welt steht, und sieht damit in der Nähe die Infusions-Tierchen in den Wassertropfen, fünf oder sechs Schritte weit aber fast nichts mehr. Sie kleidet sich wie ein bürgerliches Madämchen in ein schwarzes Merinokleid, oder sitzt wie eine Türkin in höchster Saloppheit auf einem ungeheuren schwarzen Kanapee; und doch sieht man auf den ersten Augenblick, dass man eine durch Geist und Geburt hochgestellte Dame vor sich hat.
Ihr Talent steht weit über dem aller unsrer lebenden Dichter — aber bei ihrer grenzenlosen Gleichgültigkeit gegen das Urteil der Welt, wie sie heutzutage ist, hat sie nie sich die Mühe gegeben, um Ruhm zu ringen. Dass sie jetzt eine bedeutende Sammlung Gedichte zum Druck vorbereitet, daran bin ich eigentlich schuld, denn ich habe ihr keine Ruhe gelassen, und als wir uns vorigen Winter zusammen auf der alten Meersburg einquartiert hatten, hat sie täglich ein oder zwei Gedichte liefern müssen. Ob sie einen großen Ruhm bekommt, weiß ich aber doch nicht — sie schreibt alle ihre Sachen so leicht hin, als ob es lauter Impromptus wären, und gibt sich nicht die Mühe, das zu schaffen, was sie schaffen könnte.
Wenn es Dir nun Spaß macht, Luise, Deinem Schwiegermütterchen zu schreiben, in dem Gedanken, dass Du sie erfreust, — Du kannst ja an irgend eines ihrer Gedichte im Morgenblatt anknüpfen — dann tue es — aber ganz sans gene — sie ist die Einfachheit selbst. Mich musst Du aber aus dem Spiele lassen — doch wie Du willst, Du kannst auch sagen, dass Du durch mich von ihr gehört. Geniert es Dich aber irgend, so lass es bleiben, es ist nur solch ein Einfall von mir und was mir durch den Sinn fährt, muss ich Dir gleich schreiben, weißt Du!
Ich schreibe Dir heute wieder einen endlosen Brief: Du bist gegen mich im Vorteil, denn ich schreibe um die Hälfte kleiner als Du, meine Geliebte. Siehst Du, Kind, dass ich Dich lieb habe; ich bin sonst ein abgesagter Feind vom langen Schreiben, aber wenn ich an Dich zu schreiben anfange, kann ich nicht enden.
8. März 1843
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