Briefe zum Schlagwort Adel



aus: 1844, Briefe an August von Haxthausen, Meersburg

Mit meinem literarischen Treiben geht es gut, Cotta hat mir, da ich seit einem Jahre nichts mehr an „Morgenblatt“ geschickt hatte, einen überhöflichen bittenden Brief geschrieben und ein Prachtexemplar der „Nibelungen“, Folio mit Holzschnitten, geschenkt. Hierauf habe ich ihm den Verlag eines Bandes neuer Gedichte, dem auch die ältern zum Teil einverleibt sind, angeboten. Als Antwort hat er mir erst weitläufig auseinandergesetzt, wie wenig oder nichts er andern, selbst Uhlanden oder Lenaun, für erste Auflagen gegeben habe und sich dann zu 500 Tlr. für die erste Auflage verstanden und für jede der späteren 1000 Tlr. in Aussicht gestellt, obwohl der Kontrakt nur auf eine Auflage von 1200 Exemplaren lautet, und zwar auf meinen eigenen Wunsch, da ich eine vielleicht momentane Stimmung des Publikums nicht benutzen mag, Cottan möglicherweise in Schaden zu bringen. Sind die Gedichte es wert, oder hält sie wenigstens das Publikum dafür, so bekomme ich doch späterhin meine 1000 Tlr.

Es ist seltsam, wie man wie man an einem Ort hier in Oberdeutschland, Sachsen et. cet., so gut angesehn und zugleich an einem andern (Westfalen) durchgängig schlimmer als übersehen sein kann! Ich muss mich, mehr als ich es selber weiß, der schwäbischen Schule zuneigen. Das Buch erscheint zur Michaelismesse, ich habe bereits eine Menge Druckbogen erhalten und kann mit der Ausstattung zufrieden sein: schöne neue Typen und sehr weißes Velinpapier.

Zunächst erscheint dann wohl mein Buch über Westfalen, was freilich noch lange nicht fertig ist, aber ich schreibe schnell, wenn ich mal daran komme, was sogleich geschen soll, wenn ich in Rüschhaus zur Ruhe gekommen bin. Gott gebe, dass mir Stimmung und passable Gesundheit bleiben, um noch recht viel verdienen zu können, denn ich möchte gar zu gern zwei kleine Stiftungen machen für ein paar unverheiratete Mädchen aus Werners und Jennys Nachkommenschaft. Der Anfang ist gemacht, zu dem ersten habe ich meinen Brautschatz überwiesen, und zum Behufe des letzteren für meine neu erworbenen 500 Tlr. ein hübsches, massiv gebautes und bewohnbares Gartenhaus vor dem Tore von Meersburg gekauft, mit so viel guten Reben, dass ich in fruchtbaren Jahren wohl 2-3 Fuder Wein, 14-24 Ohm, machen kann. Der Kauf ist, wie du siehst, sehr vorteilhaft; jedermann sagt, die Reben allein seien das Doppelte wert, aber es ist heuer eine Art Hungerjahr hier in Schwaben, niemand hat Geld zum Kaufen, und man hat sich in den Kopf gesetzt, Maman und mich für halbe Millionärinnen zu halten, so hat mir keine Seele aufgeboten.

Überhaupt habe ich Glück bei diesem Kaufe, bin bei ziemlich blindem Zutappen an einen in jeder Hinsicht vortrefflichen Winzer geraten, und meine Stöcke hänge so voll Trauben, dass die Leute der Merkwürdigkeit halber extra hinspazieren.

Ich denke, mit den Stiftungen wird sich’s auch machen, dass ich noch bei meinem Leben Gedeihen sehe. Du weißt, ich selbst brauche blutwenig und habe an meinen 300 Tlr. immer über- und übergenug gehabt, so will ich alles, was ich verdiene mit Schreiben und auch den Ertrag des Weinbergs immer sogleich in die Stiftungen stecken, wo es dann, Zins auf Zins, wohl so anwachsen wird, dass noch ein paar Kinder, die ich mit Augen gesehn habe, etwas Ordentliches davon haben können und nicht nur die späteren Nachkommen. Denn auf die Länge muss der Fonds jedenfalls sehr anwachsen nach den Bedingungen, die ich festgesetzt habe und dir gern zeigen möchte. …

Man ist jetzt am Regulieren der Jagdgerechtigkeiten, und Wernern stehen die Haare zu Berge vor Wichtigkeit. – Das ist alles ganz gut, man soll sich nichts nehmen lassen, aber ich wollte, die Herren dächten auch zuweilen an allgemeinere Landesinteressen, - es empört den Bürger- und Bauernstand, dass sie auf den letzten Landtagen nichts als ihre Jagdgeschichten haben zur Sprache kommen lassen, weder Schulen, Pfarreien noch sonstiges. Werner wird das nicht gewahr, da er nur mit dem Adel umgeht, aber ich höre es desto öfterer. Das schlimmste ist, man findet dieses Benehmen nicht nur ungerecht, man findet es höchst borniert, und die aus dem zweiten Stande nach Berlin versetzten Angestellten, die mitunter doch Einfluß erlangen, bringen eine miserable Idee von der Fähigkeit unseres Adels mit, so wird der König uns am Ende nicht halten, wenigstens nicht im Staatsdienst nach Wunsch befördern können… Junkmann ist sehr für den ansässigen Adel, hält ihn für den natürlichen Schirm und Vertreter der Rechte seiner Provinz, und doch schreibt auch er in seinem letzten Briefe: „Leider ist unser Adel immer noch getrennt von den übrigen Ständen, und die Koryphän der übrigen von ihm. Wenn doch ein Mann von höherer Einsicht käme und sie vereinte zum Nutzen des Staates, der Kirche, des verlassenen Münsterlandes! Jetzt gibt’s kleine Fehler und Reibungen von allen Seiten.“ So denkt ein Mann, der entschieden zu unsrer Partei steht und uns für die einzige vorhaltende Stütze der Provinz hält. Hiernach magst du auf de allgemeine Stimmung schließen.

Meersburg, 2. August 1844

aus: 1837, Briefe an Sophie von Haxthausen, Münster

An Vergnügungen ist diesen Winter schwerlich zu denken, wenigstens für den Adel, von dem ein Teil bereits sich gegen alles dergleichen erklärt hat. Freilich gibt es noch junges Volk, was sich die Haare darüber aus dem Kopfe reißen möchte; indessen die Papas werden wohl dieses mal die Oberhand behalten. Deshalb bleib nur zu Hause, meine liebste Sophie, Du kömmst doch nicht zum Tanzen, zudem da hier jedermann mit dem Erz[bischof] verwandt oder sehr bekannt ist, unsre Herrenwelt selten zusammen, sondern bald der eine, bald der andere dort, und die noch nicht da waren, haben es größtenteils noch vor …

Es ist eine wahre Adelswanderung und wird wohl ganz die Runde gehn. Du glaubst nicht, welchen Eindruck die neuesten Begebenheiten auf die mittlere und geringere Bürgerklasse gemacht haben. Es ist wirklich arg, dass man sich kein Paar Schuh kann anmessen lassen, ohne eine ganze Tracht Politik mit in den Kauf zu nehmen. Diese Stimmung übertrifft weit alles, was ich früher in der Art erlebt habe.

Die Geistlichen, welche sich durchgängig wohl Mühe geben, die Gemüter zu beruhigen, klagen, wie schwer es ihnen werde und wie es sogar das Volk so mißtrauisch mache, dass sie allen Einfluß darauf verlören. … Der Erz[bischof] soll allen, die ihn besuchen, es zur ausdrücklichen Bedingung machen, weder von politischen noch kirchlichen Gegenständen mit ihm zu reden; das ist schön und verständig von ihm, kann aber der allgemeinen Stimmung nicht steuern. Fast jeden Morgen muss die Polizei zur Hand sein, um die Plakate abzureißen. Die Geistlichen unterstützen sie darin, und Kellermann hat selbst schon mehrere Plakate von der Kirchentür abgerissen.

Es ist oft die Rede von öffentlichen Fürbitten in den Kirchen; das Volk dringt heftig darauf, sowohl mündlich und einzeln, so wie sie nur jemanden können zu fassen kriegen, von dem sie denken, er könne etwas dazu tun, als auch durch Plakate. Die Geistlichkeit nimmt aber noch keine Notiz davon, obgleich ich nicht einsehe, was für ein Skandal darin liegen sollte, um glückliche und friedliche Beendigung einer so bösen Sache zu bitten.

Die Polizei benimmt sich sehr klug und weiß alle kleinen, unangenehmen Vorfälle so zu unterdrücken, dass sie nur durch zufällige Zuschauer bekanntwerden. So haben gestern Studenten oder wahrscheinlicher Gymnasiasten (denn Studenten gibt es hier ja kaum) die kindische Frechheit gehabt, beim Herausdrängen aus der Schule einen Offizier zu insultieren, und als einige auf der Stelle deshalb arretiert worden, haben ihre Kameraden sie sogleich befreit. Niemand redet davon, denn fast keiner weiß es, doch habe ich es von einem Augenzeugen.

Der Oberpräsident und die Preußen überhaupt sind sehr verdrießlich über die schlechten Aussichten für die Winterlustbarkeiten. Bei der Hochzeit der Tochter des Oberpräs[identen] vor etwa 14 Tagen ist keiner vom Adel erschienen. … Was Du von den Hermes[ianern] meinst, ist unrichtig; der Erz[bischof] hat keine Feinde mehr unter den Katholiken. Ich rede von jenen, die sich in dieser Sache namhaft gemacht haben; was einzelne verdrehte Landkapläne und Seminaristen denken mögen, weiß ich nicht.

Ich glaube, dass die Entrüstung jener Leute aufrichtig gemeint ist, obgleich die Regierung sie durch die Verbindung mit ihrer Sache mit andern Dingen so an den Pranger gestellt hat, dass ihre Ehre ihnen keine andere Wahl ließ. Soviel ist gewiss: dieser Schlag auf den Erzbischof in dieser Form hat sie mehr gekränkt als alles, was ihnen vorher geschehn.

Doch man wird hier vieles nicht gewahr, fast alle fremden Zeitungen bleiben aus, namentlich die “Gazette de France”, das “Journal des débats”, die “Temps” und die “Würzburger Zeitung”, doch sollen Auszüge aus letzterer in der “Hannöverschen Zeitung” zu finden sein. Die “Augsburger Zeitung” erscheint; es soll ihr von ihrer Regierung untersagt sein, Artikel über diesen traurigen Gegenstand aufzunehmen.

Münster, 7. Dezember 1837