Briefe zum Schlagwort Adele-Schopenhauer
Ich bin jetzt wieder homöopathisch, der fatale Knoten hat sich fast ganz verloren, aber dafür ist mir seit 14 Tagen das Ohr fast ganz zugeschwollen, es braust mir darin wie ein Mühlenwehr, und ich begreife jetzt wohl, weshalb taube Leute gewöhnlich so einfältig sind, ich bin auch halb simpel. Sonst bin ich diesen Winter ungewöhnlich wohl und habe gar keinen Husten. …
Meine gute Rüdiger schreibt fleißig, ist aber mitsamt ihrem Manne sehr mißvergnügt in Minden, und sie arbeiten aus allen Kräften, von dort wegzukommen. Ihr Haus beschreibt sie düster und melancholisch, wie einen Kerker. Es ist dasselbe, was der Erzbischof bewohnt hat, und sie meint, jetzt bedauere sie den armen Mann erst recht und fühle seine Hypochondrie ordentlich mit. Ich bekam gestern noch einen Brief von ihr, wo sie eben von einem ganz kurzen Ausflug nach Berlin rückgekehrt war. Sie hat dort Grimms besucht, die sie äußerst freundlich empfangen und sich sehr herzlich nach uns allen erkundigt haben.
Auch Bettinen hat sie aufgesucht, die fast den ganzen Besuch über nichts getan hat als schimpfen, auf die Katholiken, die Westfalen und besonders den westfälischen Adel. Als die Rüdiger das nicht so geduldig hingenommen, sondern ihr tüchtig darauf gedient hat, hat sie endlich abgebrochen und angefangen zu prahlen, dass die Lichtfreunde sich so viele Mühe gegeben, sie an ihrer Spitze zu bekommen, sie wolle aber nicht et cet. Kurz, sie muss sich nicht besonders liebenswürdig gemacht haben. …
(Am Rande:)
Adele sitzt noch immer in Rom und schreibt ein Buch nach dem andern, aber keine Briefe, wenigstens mir keinen, und ich kann noch immer ihre Adresse nicht bekommen. Schückings Frau erwartet ihre zweite Niederkunft. Junkmann ist in Bonn und soll jetzt ganz gesund sein.
Rüschhaus, 19. Januar 1846
Ich werde diesen Winter sehr einsam verleben. In meinem Alter nimmt die Lust, neue Bekanntschaften zu machen (und Du weißt, diese war bei mir nie groß), gewaltig ab, und mein früherer Zirkel ist gänzlich aufgelöst, auseinander gestäubt wie ein Haufen Flaumfedern. Die gute Rüdiger war mir noch zuletzt geblieben, ist aber seit vierzehn Tagen auch fort, nach Minden, wohin ihr Mann mit gleichem Range, aber einer Gehaltsverbesserung versetzt ist. Die Einsamkeit wird mich nun zwar eben nicht genieren (Du weißt, sie ist eigentlich meine Liebhaberei), aber doch vermisse ich einige der alten Bekannten sehr ungern, namentlich eben die Rüdiger, eine Frau, auf die ich mich in jeder Beziehung verlassen, und immer ihrer wärmsten Teilnahme gewiss sein konnte. Doch Du kennst sie ja, und sie hat Dir, wenn mir recht ist, auch wohl gefallen.
Von Adelen weiß ich nur, dass sie noch fortwährend in Rom bei der Mertens und ihre Gesundheit jetzt leidlich sein soll. Mit ihrem Privatvermögen mag es schlimm genug aussehn, doch muss sie durch ihre Pension vom Weimarischen Hofe (300 Reichstaler) immer vor eigentlicher Not gesichert bleiben, freilich ein schmales Einkommen! aber ein einzelnes Frauenzimmer, der schon ihr Alter Zurückgezogenheit als das Passendste vorschreibt, kann sich doch damit einrichten, dass kein eigentlicher Mangel fühlbar wird.
Rüschhaus, 27. Oktober 1845
Von Adelen hoffe ich jetzt Nachricht zu bekommen, eine Dame aus Weimar will mir ihre Adresse in Rom verschaffen, wohin sie schon vorm Jahre der Mertens nachgezogen ist. Wie es mit ihrem Mangel an Vermögen beschaffen ist, weiß ich jetzt auch. Ihr eigentliches Vermögen ist allerdings fast hin, größtenteils schon von der Mutter aufgezehrt und nachher durch die kostspieligen Reisen nach Karlsbad (zweimal in jedem Jahr) noch vollends herunter gebracht. Der Weimarsche Hof gab jedoch der Mutter eine Pension von 400 [Talern] und hat ihr dieselbe gelassen, jedoch beiden mit der Bedingung, sie im Lande zu verzehren; somit muss Adele, solange sie in Italien (wohin die Ärzte sie gewiss geschickt haben) bleibt, darauf verzichten und hängt dort zumeist von der Gnade der Mertens ab. Nun kömmt aber der schlimmste Punkt: Die Mertens soll in Gefahr stehn, fast ihr ganzes Vermögen zu verlieren. Jenseits des Rheins gelten noch die französischen Gesetze. Die Mertens hatte Gütergemeinschaft mit ihrem Manne, meinte aber dennoch, da fast alles von ihr herrührt (Mertens hat nur sechstausend Taler ins Geschäft gebracht), leicht die lebenslängliche Nutznießung des Ganzen zu erhalten, wenn sie im Falle des Widerspruchs den Kindern mit Enterbung drohte. Hierauf sind aber weder die Schwiegersöhne noch die Vormundschaft der Minorennen eingegangen, sie haben prozessiert, die Sache liegt zum Spruche, und es wird als bestimmt angenommen, dass die Mutter nur ein Kindsteil, also nur den siebenten Teil von dem, worauf sie gerechnet, erhalten wird. Das ist für sie nicht viel besser als der Bettelstab! Und wenn ich bedenke, dass sie in Rom “Aufsehn durch ihre Ankäufe” gemacht hat und dieses ihr natürlich nun alles abgerechnet wird, so wird’s mir schwarz vor den Augen. An Vergleiche und halbe Gnaden von ihren Kindern, nachdem sie mit ihnen im Prozesse gelegen, ist nicht zu denken, das leidet ihr Stolz nicht.
Und was soll dann aus Adele werden? Wenn, wie meine Weimaranerin meint, man dort vorhat, ihre Pension gänzlich einzuziehn, unter dem Vorwande ihres Außerlandgehens, im Grunde aber, weil diese Verleihung vom Anfange her große Unzufriedenheit erregt, da der Hof nur eine gewisse Anzahl Pensionen gibt und andre, für die Verdienste um das Land und entscheidende Dürftigkeit sprechen, sich dadurch beeinträchtigt glaubten, so wolle man diese Gelegenheit ergreifen, um den Fehler wieder gutzumachen. Lieber Gott, was soll dann aus Adelen werden! Unterricht geben? Schriftstellern? Und dabei so kränklich! Man hört doch nichts wie Trauriges!
Über Ihre Rezension machen Sie sich übrigens keine Skrupel - die “Kölner Zeitung” kömmt gewiss nicht nach Rom, die Mertens hielt sie sogar in Bonn nicht, weil sie von Köln zu viele fatale Erinnerungen hat, namentlich in den Karnevalsblättern zu oft mitgenommen ist, und extra schreiben wird’s der Adele ja niemand, während man ihr gewiss die guten Rezensionen schickt, und sie sich also nur in der Strahlenkrone kennt - das geht ja immer so!
Auch von der Freiligrath sprach meine Weimaranerin, wie bildschön und anmutig sie in ihrer Blüte gewesen, und wie aufgebracht ihre Freunde, dass Freiligrath jetzt jeden soliden Erwerbszweig von sich weise, und Ida’n, samt ihrem nächstens ankommenden Kinde, den Bettelstab vorbereite.
Dann hat sie mich erschreckt durch eine Geschichte von Adelens Freundin, der Frau von Goethe (die ich Sie aber niemand mitzuteilen bitte), ein schreckliches Beispiel, wie weit Eitelkeit und eine liebesieche Natur eine Frau herunterbringen können. Ihre früheren Verhältnisse kennen Sie, wie sie, unglücklich in der Ehe, persönlich anziehend und, als Goethens Schwiegertochter mit einem strahlenden Nimbus umgeben, beständig einen Kreis von Bewunderern um sich erhielt, unter denen sie leider immer irgend einen Liebling hatte, dem sie ein - mehr oder weniger - sentimentales Verhältnis vergönnte, und schon damals sehr an ihrem Rufe litt. Wie sie nach Goethens Tode sich gar nicht darin finden konnte, dies alles zerfließen zu sehn und mit einem Male alt und von der Männerwelt unbeachtet zu sein - wie sie vergeblich hakte und angelte - vor übler Laune verging - wie sich endlich ein (nach Adelens Beschreibung) hübscher, aber höchst roher Engländer-Student ihrer auf eine schreckliche Weise erbarmte und, nachdem er sie in Schande gebracht, sie mit allen Zeichen der Verachtung verließ und geschwind eine Frau nahm - wie es ihr nicht gelang, ihren Fehltritt zu verbergen (obwohl das Kind starb) - wie die Geschichte sogar in einer Zeitung stand, ihr hierauf in Weimar der Hof verboten wurde und sich jedermann von ihr zurückzog, bis auf einige sehr treue Freunde (hierunter Adele), die sich alle Mühe gaben, sie jetzt wenigstens auf einen würdigen Weg zu bringen, aber alle Geduld verloren, wenn sie sahen, dass sie über jeden Mann, der ihre Minauderien nicht beachtete, mehr weinte als über zehn Beweise öffentlicher Mißachtung.
Nun hören Sie die Fortsetzung: In Adelens letzten Brief (ehe wir nach Meersburg gingen) stand: Ottilie sei nach (ich meine Paris) gereist, ohne ihre Tochter (Alma) mitzunehmen. Keine weitere Bemerkung, aber auch sonst kein Wort über Ottilien. Jetzt weiß ich aber, dass sie dahin einem Juden gefolgt ist mit Namen Selig, einem höchst widrigen, innerlich gemeinen Kerl, Spieler, Verschwender, der in einem Abend Tausende durchbringt, sie so in einem Jahre bis aufs Hemd ausgezogen und dann beredet hat, Alma kommen zu lassen. Alma hat nicht hin wollen, hat gesagt, es sei ihr, als wenn sie in den Tod ging; acht Tage in Paris angekommen, war sie wirklich tot, die Mutter Erbin ihrer sechzigtausend Taler, und in Weimar zweifelt niemand, dass sie zu diesem Zwecke vergiftet worden ist. Das Publikum hält die Goethe dieser Tat fähig und würde sie (wie jene Dame sagt) mit Kot und Steinen werfen, wenn sie’s wagen sollte, zurückzukommen. Die Dame selbst hat hingegen nur den Juden in Verdacht, aber im allerstärksten.
Die Söhne sollen noch immer (die Sache ist schon vorm Jahre passiert) außer sich sein, Wolf fast wahnsinnig geworden; Ottiliens neues Vermögen schon zum Teil hin. Wenn alles auf sei, werde der Jude sich aus dem Staube machen oder sie mit einem Fußtritt vor die Tür werfen, und wenn sie dann zerlumpt nach Weimar komme, ihre Kinder nicht wissen, wohin sie ihre mütterliche Schande verbergen sollten. Welche Horreurs!
Aber, um Adelens willen, sprechen Sie doch nicht davon. In Weimar mag es leider jedes Kind auf der Gasse wissen, aber hier weiß es doch niemand.
Seltsamerweise fand ich selben Tags, wo ich dies erfuhr, ein altes Journal von Anno 27, wo die Engelhaftigkeit jedes einzelnen Mitgliedes des Goetheschen Hauses (sogar seiner Frau) und ihr herrliches Verhältnis untereinander beschrieben wurde. Der Verfasser hatte sich “ganz erfrischt und neugeboren” dadurch gefühlt. O Fata Morgana des Poetennimbus !
Abbenburg, 30. Juli 1845
Hierbei fällt mir Hüffer ein; hören Sie, wie es mir mit dem gegangen ist! Er antwortete sehr höflich, dass er keineswegs den Ladenpreis verlange, sondern sich als meinen Kommissionär ansehe und neben Druck- und sonstigen Kosten nur gewisse Prozente – ich weiß nicht mehr wieviel – nehmen werde. Die Bücher kamen an – es waren statt 300 nur 172 – dabei die Rechnung, und diese machte, trotz der minutiösesten Berechnung, nur 63 Taler; im Laden kostete das Buch 25 Silbergroschen. Die Auflage war 500* Exemplare stark. Hüffer hat also 328 Exemplare verkauft und dafür 272 Taler eingenommen; so war er doch längst wieder zu seiner Auslage oder vielmehr hatte schon entschiedenen Profit gehabt, was mir sehr tröstlich ist. Denn die 63 Taler waren bei weitem nicht die Druckkosten für die 172 Exemplare; das krümelte sich so zusammen, seine Abzüge für den sämtlichen Verkauf, Porto – die ganze Pastete lag in Leipzig – et cet. Werner hat ihn auf der Stelle bezahlt, und nun, bitte, wenn Sie mich lieb haben, reden Sie gegen niemanden darüber; die Sache ist und bleibt mir schimpflich, und hier in Münster weiß, glaube ich, niemand darum.
Nun sagen Sie mir doch auch, wie es dem Cotta mit dem Verkaufe meiner Gedichte geht! Hier in Münster werden sie, gegen meine Erwartung, sehr stark gelesen; ob gekauft, ist eine andere Frage, und ich weiß darüber nichts zu sagen. Es ist leider münsterische Manier, sogar bei den reichsten Leuten, sich auf das Leihen zu verlassen und, selbst wenn sie sehr begierig auf ein Buch sind, ganz naiv zu sagen: “Ich habe mich schon jahrelang um das Buch bemüht und kann es noch immer nicht bekommen”, während es in allen Läden am Fenster steht. Auch jetzt haben mir ein paar sehr vornehme und reiche Damen geklagt, dass ihre Exemplare von all dem Ausleihen schon ganz zerlumpt wären, und meinten mir noch ein Kompliment damit zu machen, während mir doch Cottas wegen ein Stich durchs Herz ging. Doch höre ich auch ab und zu, dass jemand sie gekauft oder geschenkt bekommen hat.
NB. Ich erhielt vor etwa sechs Wochen einen zuerst an die Cottaische Buchhandlung gekommenen und dann von Ihnen richtig adressierten Brief aus Paris; der hat Sie gewiss neugierig gemacht. Er war von einem gewissen Theodor Klein, einem poetischen Dilettanten, wie mir scheint – denn er spricht von seinen “Geschäften entübrigten Stunden der Muße, in denen er sich mit Poesie beschäftigt” – dem “im Gewühle der Weltstadt, wo er seit Jahren zu leben gezwungen ist”, meine Gedichte zu Händen gekommen sind und ihn zu einliegenden Strophen begeistert haben, in denen er mir den unverwelklichen Lorbeer aufs Haupt setzt. Das Gedicht war mittelmäßig, d. h. so, wie man es vor fünfzehn Jahren würde allerliebst gefunden haben, der Brief etwas schwülstig, aber doch rührend durch sein offenbar vom Herzen kommendes Gefühl und eine große Nüchternheit. Er hatte seine Adresse fast unleserlich klein und verstohlen beigefügt; ein paar freundlich anerkennende Zeilen würden ihn gewiss ungeheuer gefreut haben, und da es mir nach einigen Ausdrücken schien, er müsse ein Westfal sein, war es mir fast leid, dass ich ihm diesen unschuldigen Spaß doch nicht machen konnte. Hätte ich nur irgend etwas über ihn gewußt, so hätte ich es vielleicht getan.
Hier im “Merkur” erschien mit einem Male auch eine Rezension meiner Gedichte, so ungemein parteiisch, dass ich mich schämte und meinte, nur Schlüterchen könne so blind sein; sie war aber von einem Schlesier, einem gewissen Kynast, der seit vier Wochen als Assessor nach Münster gekommen und gleich für mich ins Geschirr gegangen war. Ich habe ihn nachher einmal gesehn und gesprochen, einen seltsamen, heftigen Menschen, der vor Aufgeregtheit zitterte wie Espenlaub. Sie schrieben mir früher, Kühne werde noch eine Rezension in die “Allgemeine” rücken; hat er es ausgeschlagen, oder ist sie so unvorteilhaft, dass Cotta sie nicht hat einrücken wollen? Wenn das Letztere ist, so sagen Sie es mir doch; ich sehe gern klar und kann es ganz wohl tragen. Ich fürchte mich jetzt – in literarischer Hinsicht – vor nichts als vor unrichtigen und törichten Ansichten in Betreff meiner Erfolge; das hat mir zuviel Beschämung bei Hüffer eingetragen. …
Von Adele weiß ich nur, dass sie in Rom bei der Mertens ist; ich habe leider – durch eigne Schuld, denn ich hatte ihren letzten vor anderthalb Jahren erhaltenen Brief nicht beantwortet – ihre Adresse nicht, weiß sie auch nirgends zu bekommen und hörte doch so gern mal wieder von ihr. Diese Nachricht habe ich durch meine Cousine in Bonn. Wie schnell doch in diesen umtreibenden Zeiten alles auseinanderstäubt! Adele hat zehn Jahre in Bonn gewohnt, ist erst seit vier bis fünf Jahren fort, und schon gibt’s dort keinen ihres früheren Kreises mehr, bei dem ich nachfragen könnte. Auch die Mertens hat ihre Haushaltung auseinandergehn lassen und ihr Haus zum Verkauf ausgesetzt, ebenso ihr Gut Plittersdorf, ihr früheres bijou und Herzblatt, wo ich sie so manchen Tag habe selbst im Garten arbeiten sehn; wahrscheinlich denkt sie ganz in Italien zu bleiben.
* Eben fällt mir ein, dass ich dem Hüffer eine Auflage von 500 Exemplaren erlaubt habe, jedoch nicht sicher weiß, ob er sie gedruckt hat, meine dies aber doch gewiss. In der Berechnung hat es wohl gestanden, die habe ich aber nicht zur Hand.
Rüschhaus, 5. März 1845
Sehr ernst und eigen gestimmt bin ich auch; denn ich habe gestern und heute bis Mittag Papiere durchgesehn und verbrannt, und damit manches Stück Vergangenheit hinter mir geworfen, was, freilich schon seit Jahren mit Gras bewachsen, doch unter dem Lesen wieder so frisch aus dem Grabe stieg, dass ich wollte, ich hätte lieber blind zu gebrannt, dann wäre es wenig gewesen - jetzt ist’s mir wie ein halber Mord. Man liest alte Briefe so selten und für seine Ruhe wohl daran, es gibt nichts Scmerzlicheres. Die Toten bekommen wieder Seele und Leib, wir müssen sie zum zweiten Male begraben, und die Lebenden älter und kälter Gewordenen sehen uns frisch und jugendarm an, berühren so hundert kleine längst vergessene Stichworte, bei denen uns doch einmal das Herz gewaltig geklopft hat, dass wir über sie und uns weinen möchten, dass wir miteinander so ledern geworden!
Was ist aus meinen Jugendfreundinnen geworden? Die eine Hälfte ist ganz in Haus, Wirtschaft, Mann und Kindern aufgegangen, die Andere jetzt gräuliche alte Jungfern, an denen weder die Götter noch Menschen Freude haben können, und in denen nicht mehr Poesie ist wie in einer getrockneten Pflaume.
Es ist doch gut, wenn man die Leute nicht so früh kennenlernt! Das Verblühen des sowohl körperlich wie geistigen Jugenddufts ist gar zu schmerzlich mit zu erleben, und am Ende wüßte man doch mit den jungen Dingern nichts anzufangen, wenn sie wieder so neben einem ständen, und wäre weit entfernt, sich mit ihnen zu liieren; Euch drei, die ich noch habe - Sie, mein Bestes und Liebstes, Adele und Male Hassenpflug - habe ich gottlob in einer Reife kennengelernt, die lange Jahre vorhalten kann. Hoffentlich für immer, obwohl Sie eigentlich hierbei sehr zu kurz kommen können. Denn Sie sind gar jung gegen mich, und es kömmt vielleicht uns beiden eine Zeit, wo Sie selbst noch im Besitz aller Fähigkeiten, mich als eine arme bröcklichte Ruine nur mit Mitleid und Nachsicht ansehen und dabei mehr leiden werden als ich selbst. Mir ist’s mit manchem so gegangen; denn ich habe mich früher immer gerne zu älteren gehalten. Mein armer alter Sprickmann …!
Doch genug hiervon! Laßt die Zeit kommen wie den Tod! Der obendrein vielleicht früher kömmt und die ganze Jeremiade überflüssig macht; aber mir war nunmal so zumute, und gegen wen soll ich mein Herz entladen, wenn nicht gegen Sie, mein anderes Ich, oder vielmehr meine abhanden gekommene Hälfte, da Sie gerade alles haben, was mir fehlt, und was mir so wohl tut, als eine Art von Eigentum in Ihnen an mich zu schließen.
Rüschhaus, 4. September 1843





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