Briefe zum Schlagwort Alltag
Schilt nicht zu arg, liebstes Päulchen, über meine scheinbare Fahrlässigkeit, Du kannst nicht denken, was alles dazwischen gekommen ist, um mich zuerst gänzlich am Schreiben und dann am gehörig schnellen Einziehn der nötigen Nachrichten zu verhindern. Wir haben unsre ganze Reise unter Regengüssen abmachen müssen, was für mich eine tüchtige Erkältung und fast vierzehn Tage Bettliegen zur Folge gehabt hat. Sobald ich aber wieder auf den Strümpfen war, bin ich auf Kundschaft ausgegangen, konnte aber bei der ersten der drei für Dich passenden Wohnungen wegen Abwesenheit, bei der zweiten wegen Unentschlossenheit des Eigentümers anfangs zu keinem Resultate kommen, und bei der dritten (dem neuen Schlosse) sollte gar erst die Erlaubnis der Regierung von Karlsruhe eingeholt werden, wo, wie man mir sagte, dann nachher kein Rückschritt möglich sei, wenn die Bedingungen auch unerwünscht ausfielen.
Da sich das Schloß nun außerdem bei genauerer Überlegung wegen seiner allzu großen Räume als unbequem für eine kleine Haushaltung auswies, namentlich die Zimmer kaum zu heizen und der Weg bis zur Küche eine halbe Reise war, so habe ich diesen Plan ohne weiteres fallen lassen, habe aber nun zwei andre Quartiere im Auge, worüber ich Dir das Nähere mitteilen will.
Das eine heißt der Schussenriether Hof, ist ein großes schönes Gebäude, der Eigentümer ein gemeiner Winzer und bewohnt mit Frau und ein paar 8 - 9jähriger Kinder den untern Stock. Der Obere ist zu vermieten, enthält neun sehr hübsche Zimmer von angenehmer Größe, eine Küche und einen eignen Abtritt; der Gang, an dem die Zimmer liegen, ist breit und hell, die hinaufführende Treppe ebenfalls breit und schön, die Aussicht von einigen Zimmern auf den See und von den übrigen recht hübsch in die Weinberge und sonstige Umgebung, da das Haus in der Stadtmauer liegt, was auch noch den Vorteil hat, dass man von der Entree durch einen zweiten, freilich nicht schönen, aber doch brauchbaren Ausgang (durchs Kelterhaus) gleich ins Freie treten kann, ohne die Stadt zu berühren.
Der frühere Bewohner (Oberlehrer Flink) sagt mir, dass sich alle Gemächer sehr gut heizten, überall das Quartier sehr angenehm sei und er es nicht würde verlassen haben, wenn sich ihm nicht eine Wohnung im Seminar selbst geboten hätte; auch lobt er die Hausbewohner als Leute voll guten Willens. Soweit wäre alles gut, aber nun kömmt auch einiges Unbequeme: vorerst ist die Küche sehr dunkel, fast wie eine Art großen Alkovens, der kein Fenster ins Freie, sondern nur eins nach dem Gange hat. Diesem Übelstande will der Besitzer jedoch dadurch abhelfen, dass er dieses Fenster bedeutend vergrößern und an der andern Seite des Herdes eine zweite Tür mit Glasfenster machen lassen will, die in ein kleines Zimmer führt, dessen Fenster dem Glasfenster grade gegenüber ist; so, meint er und auch andre, würde die Küche zwar nicht sehr hell werden, aber doch hinlängliches Licht zum bequemen Gebrauch erhalten.
Ferner ist der Eingang durch den mit einem Tore geschlossenen Vorhof und den unteren Stock unangenehm, d. h. an sich sehr hübsch, aber unsauber und unordentlich gehalten: im Hofe liegen Holzstämme und ein mächtiger Misthaufen, und in der Vorhalle und Entree liegt und steht das Wirtschaftsgeräte der Hausbewohner, Kübel, Spaten et cet., umher. Herr Flink meint zwar, diese Leute, die gutmütig und sehr beflissen seien ihr großes Quartier zu vermieten, würden, sobald man es verlange, bereitwillig aufräumen, und nach ihrer besten Ansicht Ordnung und Reinlichkeit herstellen, von der ich aber freilich nicht weiß, ob sie Deiner Ansicht genügen würde, denn was solchen Leuten Sauberkeit scheint, kömmt uns oft ganz anders vor. Namentlich zweifle ich, dass der Düngerhaufen würde zu entfernen sein, da diese Leute doch notwendig durch das ganze Jahr Dünger für ihren Weinberg machen müssen, und ich selbst nicht einsehe, wohin anders sie ihn verlegen könnten.
Der Mietpreis für ein halbes Jahr würde (nachdem die Küche erhellt worden) 60 Gulden machen, nach unserm Gelde 34 Taler 30 Kreuzer. Herr Flink hat es viel billiger gehabt, weil er es für dauernde Zeit gemietet hatte. Könntest Du Dich entschließen, länger zu bleiben, etwa ein ganzes oder anderthalb Jahre, so würdest Du es auch billiger haben, doch scheint mir auch so der Preis nicht hoch.





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