Briefe zum Schlagwort Amalie-Hassenpflug



aus: 1845, Abbenburg, Briefe an Elise Rüdiger

In Bökendorf ist es krimmelvoll bis unters Dach ein halbes Dutzend Tanten und Nichten mit ihren Familien dort - wenn ich, so etwa um den dritten Tag, auf eine Stunde hingehe, um meine Aufwartung zu machen, komme ich halb taub und ganz duselig zurück. Hierhin kommen sie nicht oft, weil es den Onkel angreift, so sehe ich Malchen auch selten, und wir haben gar wenig von unserm Widersehn nach sechs Jahren - das arme Herz ist noch sehr herunter von ihrem Schrecken und Kummer, aber ihr tut das Gewirre gut, und zerstreut sie, während es mich nur rein konfus macht, und doch ist sie von Natur aus viel ernster als ich - freilich, Berlin und Rüschhaus! - da mag ihr noch wohl die ländlich Ruhe vorkommen, was mir ist wie in summender Bienenkorb.

Hier ist’s aber wirklich sehr ruhig, die Ökonomiewirtschaft weit weg in die Nebengebäude relegiert, nur als entferntes tableau die Gegend sehr lieblich belebend, während man im Hause jede Stecknadel fallen hört. Wären wir alle gesund, so wäre es ein Leben ganz wie ich es mag, und ich würde sehr viel arbeiten; ich denke von jetzt an kömmt es auch mitunter dazu, nun Mama mich ablösen kann, ich habe ein schönes weiches Kanapee, mit einem schönen breiten Tische davor, auf dem das bewußte Heft schon liegt, Federn und Schreibzeug in Ordnung. Sie sehn der Wille ist gut, so wird mir denn auch wohl die Macht werden.

Aber Sie können nicht denken, wie viele Ansprüche hier auf mich warteten; ein Halbdutzend Namens- und Geburtstage, zu denen ich Carmina machen, und ein Halbdutzend Albums, in die ich auch nagelneue Gedichte von Trennung und Wiedersehn schreiben sollte. Die härteste Nuß war eine Sammlung von hundert Liedern, die mein Onkel August herausgeben will, und die ich ihm vierstimmig setzen sollte. So habe ich denn eins mit dem andern ungeknackt gelassen, und alles auf Beendigung der Erzählungen vertagt (wenn dann noch Zeit bleibt) - wobei freilich sämtliche Wiegenfeste [...] in die Brüche gehn.

Abbenburg, Juli 1845

aus: 1845, Briefe an Johanna Hassenpflug, Rüschhaus

Deine Zeilen, meine liebste Hanne, haben mich sehr gefreut, als Nachricht von Dir, als Zeichen Deines Andenkens und endlich als Beweis der Dir so eignen großen Freundlichkeit, mit der Du jedem gern nur Angenehmes und Liebes mitteilst. Mama und ich haben, nach Empfang derselben, den Abend in Gedanken mit Dir zugebracht, d.h. nicht Deinen wirklichen Kasseler Abend, sondern einen Rüschhausischen, wie wir deren mit Dir so vergnügt durchlebt. Wann sieht mein schwarzer Kanapee Dich mal wieder? Er ist vor Kummer und Sehnsucht so grau geworden, dass wir ihn haben müssen renovieren lassen, aber schwarz ist er wieder geworden, wie denn überhaupt Rüschhaus einer der unveränderlichsten Orte ist, und wo man den Flug der Zeit am wenigsten gewahr wird.

Doch hat mir dieses Jahr etwas genommen, was ich sehr schwer vermisse, meine gute Alte (Du wirst dich ja ihrer erinnern), die vor zwei Monaten der Schlag, den sie aber noch mehrere Tage mit vollem Bewußtsein und gottlob schmerzlos überlebte, in eine bessere Welt geführt hat, wo gewiss ein guter Platz für sie bereitet war. Du begreifst, liebste Hanne, dass dieser Verlust mir sehr nahe geht, ich war seit vielen Jahren an sie gewöhnt, und ihre Treue hat auch jede Liebe und Andenken wohl verdient, so ist es mir denn auch, als hätte ich eine nahe Verwandte verloren. …

Die Rüdiger hat durch ihre Tante gehört, Male werde zunächst nach Kassel kommen. Ist dem so, so bitte laß mich doch gleich ihre Ankunft wissen. Ich möchte ihr gar zu gern schreiben und weiß sie nicht aufzufinden. In den nächsten vier Wochen trifft deine Nachricht mich noch hier, gegen das Ende Mais aber beziehn wir unsern Sommeraufenthalt in Apenburg.

… wir sind, wie du weißt, stille Leute, am liebsten zu Hause und auf unserm Zimmer knüselnd. Ich lebe jetzt einsamer als je. Junkmann ist fort, in Bonn, wird von da nach Berlin gehn, um zu promovieren, und dann hoffentlich nicht nach Münster zurück, wo nichts für ihn zu machen ist. Lutterbeck auch fort, Professor in Siegen; der Mahler Sprick tot. Mein guter Blinder (Schlüter) vergebens operiert und seitdem so lichtscheu, dass er sich gar nicht mehr so weit bis zu uns hinaus wagt; Schücking wohl für immer in Süddeutschland fixiert, sehr glücklich in seiner Ehe und seinem nagelneuen Söhnchen.

So ist mein alter Kreis gänzlich gesprengt, und es hat mir bisher an Zeit und Gesundheit, folglich auch wohl an Lust gefehlt, mir einen neuen zu bilden, obwohl dieses, wenn ich mahl das Bedürfnis fühlen sollte, nicht schwer werden wird; denn es gibt viele sehr gescheute und nette Leute in Münster, und jedermann macht gern bei schönem Wetter kleine Landpartien. So hat meine liebe Rüdiger zwei Freundinnen, Nanny Scheibler und Luise Delius, die mir beide (jede in ihrem Genre) sehr gefallen, und von denen wenigstens die Letztere (die besser zu Fuße ist) sich wahrscheinlich bei uns einbürgern wird. Übermorgen erwarten wir sie zum ersten Male, sie ist unbeschreiblich sanft und, obwohl in den Dreißigen, gemütsfrisch wie mit sechzehn Jahren. Nanny ist ernster, lebhafter, sehr gescheut, aber schwächlich und durch eine gichtkranke Mutter gänzlich ans Haus gefesselt; so darf ich auf diese nur für Münster rechnen, wohin ich jetzt selten komme. Doch fühle ich durchaus keinen mangel an gesellschaft, ich stecke immer über und über in Arbeiten, und meine Rüdiger ist mir mehr wie zehn andre, sie kömmt zuweilen, schreibt oft, und jeder ihrer Briefchen macht mir einen heitren Tag, ich habe sie sehr lieb. …

Was macht doch Louis Grimm? Und was Jakob und Wilhelm ? Zu mir kommen nur so einzelne verlorene Stücke Nachricht. Einmal waren beide krank, dann beide hergestellt, und dann war man doch nicht zufrieden mit ihrer Gesundheit. … Vor allem liegt mir aber doch Male am Herzen, und ich kann es nicht erwarten, genauere Nachricht über sie zu bekommen. Sie ist gewiss sehr angegriffen! Das arme Ding! Es ist dumm, wenn man sich so aus der Korrespondenz kommen läßt, man ist nachher so ungeschickt und ratlos, wenn man wieder anknüpfen möchte und nun so vieles dazwischen liegt, was man nicht weiß. Antworte mir doch bald, liebe Hanne! Die Zeit läuft so schnell und immer konfuser, daran sind die Eisenbahnen schuld, man kömmt auseinander, leiblich und geistig. Gottlob, dass das Hangen an Erinnerungen mit den Jahren zunimmt, sonst müßte es eine schreckliche Zerfahrenheit geben. Drum antworte bald, liebste Hanne, ehe die Zeit uns packen kann …

Rüschhaus, 27. April 1845

aus: 1843, Briefe an Elise Rüdiger, Rüschhaus

Sehr ernst und eigen gestimmt bin ich auch; denn ich habe gestern und heute bis Mittag Papiere durchgesehn und verbrannt, und damit manches Stück Vergangenheit hinter mir geworfen, was, freilich schon seit Jahren mit Gras bewachsen, doch unter dem Lesen wieder so frisch aus dem Grabe stieg, dass ich wollte, ich hätte lieber blind zu gebrannt, dann wäre es wenig gewesen - jetzt ist’s mir wie ein halber Mord. Man liest alte Briefe so selten und für seine Ruhe wohl daran, es gibt nichts Scmerzlicheres. Die Toten bekommen wieder Seele und Leib, wir müssen sie zum zweiten Male begraben, und die Lebenden älter und kälter Gewordenen sehen uns frisch und jugendarm an, berühren so hundert kleine längst vergessene Stichworte, bei denen uns doch einmal das Herz gewaltig geklopft hat, dass wir über sie und uns weinen möchten, dass wir miteinander so ledern geworden!

Was ist aus meinen Jugendfreundinnen geworden? Die eine Hälfte ist ganz in Haus, Wirtschaft, Mann und Kindern aufgegangen, die Andere jetzt gräuliche alte Jungfern, an denen weder die Götter noch Menschen Freude haben können, und in denen nicht mehr Poesie ist wie in einer getrockneten Pflaume.

Es ist doch gut, wenn man die Leute nicht so früh kennenlernt! Das Verblühen des sowohl körperlich wie geistigen Jugenddufts ist gar zu schmerzlich mit zu erleben, und am Ende wüßte man doch mit den jungen Dingern nichts anzufangen, wenn sie wieder so neben einem ständen, und wäre weit entfernt, sich mit ihnen zu liieren; Euch drei, die ich noch habe - Sie, mein Bestes und Liebstes, Adele und Male Hassenpflug - habe ich gottlob in einer Reife kennengelernt, die lange Jahre vorhalten kann. Hoffentlich für immer, obwohl Sie eigentlich hierbei sehr zu kurz kommen können. Denn Sie sind gar jung gegen mich, und es kömmt vielleicht uns beiden eine Zeit, wo Sie selbst noch im Besitz aller Fähigkeiten, mich als eine arme bröcklichte Ruine nur mit Mitleid und Nachsicht ansehen und dabei mehr leiden werden als ich selbst. Mir ist’s mit manchem so gegangen; denn ich habe mich früher immer gerne zu älteren gehalten. Mein armer alter Sprickmann …!

Doch genug hiervon! Laßt die Zeit kommen wie den Tod! Der obendrein vielleicht früher kömmt und die ganze Jeremiade überflüssig macht; aber mir war nunmal so zumute, und gegen wen soll ich mein Herz entladen, wenn nicht gegen Sie, mein anderes Ich, oder vielmehr meine abhanden gekommene Hälfte, da Sie gerade alles haben, was mir fehlt, und was mir so wohl tut, als eine Art von Eigentum in Ihnen an mich zu schließen.
Rüschhaus, 4. September 1843

aus: 1839, Abbenburg, Briefe an Elise Rüdiger

… sie [Amalie Hassenpflug] hat mich lange warten lassen, und die Freude war groß bei der Ankunft - sie ist doch gar lieb und schön! Mir war ordentlich wunderlich zu Mute, als sie die Treppe hinauf kam, und ich das stolze noble Gesichtchen immer deutlicher erkannte, was in diesem Augenblicke, durch eine Bewegung der Liebe und Freude schöner war als je. Wir gingen auf meine Stube, und traten zusammen vor den Spiegel, weil sie ihr Haar ordnen wollte, ich fuhr beschämt zurück, so miserabel nahm ich mich neben ihr aus, ich sagte ihr dies auch, und sie antwortet, noch weinend vor Freude, “Du bist wohl toll! ich denke eben, wie garstig ich neben dir aussehe!” - so blind macht die Freundschaft das gute Ding! - soll es einem nicht freuen, wenn man so geliebt wird? Denn dies war kein Ziererei, sondern ein unwillkührlicher Ausbruch, von beiden Seiten, so klar die Wahrheit leider nur auf einer Seite stand. … ach! Sie müsten sie kennen, Elise ich wollte alle kennten sie die mir lieb sind, und glauben Sie mir, es ist etwas recht Gutes was ich meinen Freunden da wünsche, so viel Geist, Talent, und Gemüt findet man selten vereint, und noch obendrein in einer so edlen äußren Form.

Nun kennt sie eben niemand unter Euch als Caravacchi, den Sie aber nicht darum befragen sollen; ich mag gar nicht, dass er sie über seine lederne Zunge spazieren läßt, denn sein Gemüt ist doch, im Grunde, so trocken und zäh wie eine Schuhsohle, einen so artigen süßen Brei er zuweilen darüber fließen läßt.

Ich rede so offen zu Ihnen, Elise, und hoffe, Sie sind vorsichtig mit meinen Briefen; denn Sie sind mir zu lieb, gutes Herz, als dass ich anders als recht eigentlich an Sie schreiben könnte. Ein Brief fürs allgemeine Beste wäre wohl klüger, da es Ihnen vielleicht selber Spaß machen würde ihn mitzuteilen. Aber ich kann so nicht schreiben, wenigstens nicht an Sie.

Ich lese eben Ihren Brief nach, und wie Sie von Schücking schreiben, “die Welt werde noch viel an ihm ändern”. Gott gebe, dass sie ihn so gut und rein läßt, als wofür ich ihn bis jetzt halte. Ich bin in der Tat so entfernt von aller Abneigung gegen ihn, dass ich vielmehr mich einer Art mütterlichen Gefühls nicht erwehren könnte, wenn ich auch wollte, was allerdings in meiner großen Liebe zu seiner verstorbenen Mutter und meinem Bewußtsein einiger körperlicher Ähnlichkeit mit ihr seinen Grund hat. Es läge mir sehr nah, täglich für ihn zu beten, obgleich ich es bis jetzt noch nicht getan habe, und dieses gleichsam strenge Interesse ist es wohl eben, was mich hart erscheinen läßt.

Abbenburg, Anfang September 1839

aus: 1839, Abbenburg, Briefe an Elise Rüdiger

Was sagen Sie dazu, dass ich Ihrem Manne schreibe? So geht’s, Elise, wenn man zu arglos ist! Sie tun Ihre frommen Augen lange nicht weit genug auf. Warum lassen Sie so gefährliche junge Personen in Ihr Haus? … Aber ernstlich, liebes Herz, geben Sie den einliegenden Brief Ihrem Herren Gemahle, er betrifft unseren guten Schücking. Mit Hassenpflug das ist leider nichts. Er hat mein Schreiben erst ganz vor kurzem vorgefunden, als er, nach einer längeren Abwesenheit, zurückkehrte, und war schon vorher längst mit einem Sekretär versehen. Artigkeiten hat er genug geschrieben, sein Brief schwimmt in Freundschaft und Erinnerungen, doch was nutzt mir das? Ich weiß nun zwar, dass er sich Schückings gelegentlich erinnern wird, aber wann? Das könnte doch zu lange werden. So denke ich vorläufig auf was anderes, spanne hier und dort andre Stricke an und denke: Einer wird doch wohl am Ende halten!

Sie sehen, dass ich, weit entfernt Ihrem Schützling das nötige Interesse zu versagen, vielmehr entschlossen bin, ihn nie im Stiche zu lassen, soweit meine Kräfte reichen. s’ ist schändlich, wie jetzt alles so ordentlich und regelrecht geht, nicht mal Generale und Minister können ihren Kindern mehr ein tüchtiges Avancement machen; da war es vor Zeiten besser, wo man seine Günstlinge gleich mit der vorläufigen Bestallung in der Tasche abschickte, die nur unterzeichnet werden durfte!

Ich habe mich recht geplagt, bei Ihrem Herrn Gemahle eine schöne Handschrift zu produzieren, doch ist’s schlecht gelungen, da man hier nicht mit christlicher Dinte schreibt, sondern mit einer Art graulichen Kotes, den man erst sorgfältig abputzt, sooft man eintunkt. Ich hoffe, dass Rüdiger meinen Brief nicht an Schücking zeigen wird. Er ist geschrieben, wie er nicht anders sein konnte, dennoch, fürchte ich, würde unser Freund schwerlich damit zufrieden sein. Ach! dieser arme junge Mensch sieht noch nicht halb ein, wie wenig ihm das alles, dem er seine besten Kräfte zugewendet und mit Recht darauf stolz ist, in der Welt voran helfen kann! Sonst war es anders, als noch ein Kenner der mittelalterlichen Sprachen eine weiße Krähe war, der jedermann nachstellte, und die neuerrichteten Lehrstühle nur auf Subjekte warteten, die sie besetzen könnten, aber jetzt, nachdem diese Gegenstände zwanzig Jahre lang auf allen Universitäten vorgetragen sind, gibt es überall tüchtige Leute in diesem Fache, und nur die ausgezeichnetesten Gelehrten können sich auf die sehr wenigen Lehrstühle Hoffnung machen; sind doch selbst die Gebrüder Grimm noch ohne Brot, nachdem sie die Stellen fahren ließen, die ihnen jene glückliche Anfangsperiode gegeben. So wird unserm Freunde auch wohl die trockenste Prosa durchhelfen müssen, wenn er nur hinlänglich davon besitzt, was ich oft, mit betrübtem Herzen, bezweifle.

Abbenburg, 1. September 1839