Briefe zum Schlagwort Amalie-Hassenpflug



aus: 1839, Abbenburg, Briefe an Wilhelm Junkmann

Wegen Schückings Angelegenheit bin ich noch ohne Antwort von Hassenpflug, was mich weniger wundert, seit ich weiß, dass er selbst den Seinigen zu schreiben noch nicht die Zeit hat erübrigen können, doch lange kann es nicht mehr währen, bis ich Bescheid weiß, guten oder schlimmen, jedenfalls lasse ich Schück[ing] jetzt nicht mehr im Stiche, nachdem ich mich nun einmal der Sache angenommen. Ich darf bei den bestehenden sehr engen Freundschaftsbeziehungen zwischen Hassenpflug und unserer Familie wohl erwarten, dass Hass[enpflug] jedenfalls den Schück[ing] nicht ganz vergessen, sondern sich bei Gelegenheit seiner erinnern wird, wenn auch die gesuchte Stelle schon besetzt sein sollte; nur kömmt’s darauf an, ob er zu öffentlichen Ämtern Ausländern befördern kann oder, bei dem Zustande der Gärung in jenen Provinzen, füglich wagen darf. Gewiß ist’s, dass er sich in seiner gefährlichen Stellung außerordentlich in acht zu nehmen hat, auch in Kleinigkeiten. Doch macht mich eben sein Schweigen glauben, dass er wenigstens darüber nachdenkt, ob sich die Sache nicht arrangieren läßt, denn auf eine vom Anfange beschlossene, verneinende Antwort würde er mich nicht warten lassen, dazu kenne ich ihn.

Schlägt diese Hoffnung indessen fehl, so muss ich es von andern Seiten versuchen, und hoffe doch irgendwo durchzudringen, denn in dieser Lage geht Schück[ing] zugrunde, und seine Freunde müssen das Mögliche versuchen ihn zu retten. Leider ist es eine Zeit, wo kein Westfale in seinem eigenen Lande etwas vermag, und sein etwaiger Einfluß ist immer ein auswärtiger. Hätte mein Onkel August Haxthausen noch seine frühere gute Stellung in Berlin, so gäbe es auch dort Fäden zum Anknüpfen, jetzt aber steht er halbweg in königlicher Ungnade, uns sein Beschützer, der Kronprinz, ist selber hülflos wie ein Kind. Was ich hier geschrieben habe, dürfen Sie aber niemandem mitteilen, ich bitte darum, und es ist mir sehr viel daran gelegen. Hören Sie! Niemandem, den Grund sage ich Ihnen später mündlich. …

Eine halbe Stunde von hier liegt Hellesen, ein sogenanntes Vorwerk von Apenburg, was ich oft zum Ziel meiner Spaziergänge mache, weil es gerade die rechte Entfernung hat, um eine Tour daran abzulaufen, - so ein Vorwerk ist ein trauriges und doch romantisches Ding. Mitten im endlosen Felde, nichts als lange Scheuern und Stallungen, und dran gebaut zwei kleine Kämmerchen, wo zwei Knechte jahraus, jahrein, Winter und Sommer verbringen, ohne monatelang etwas zu sehn, außer dem Eseljungen und seinen Tieren die ihnen, zweimal am Tag, das oft hartgefrorne Essen bringen, was sie dann auf ihrem Öfchen aufwärmen; das Vorwerk verlassen dürfen sie niemals, nur eben sonntags, abwechselnd, zum Gottesdienst, denn sie haben große Öconomieschätze zu bewachen. Wie schläfrig und langweilig mögen sie über die Schneefläche ausschauen nach ihrem Eliasraben! da hätte einer Zeit heilig oder gelehrt zu werden! Jetzt ist’s ganz hübsch dort, das Feld voll Leben, auf der einen Seite blökt das Vieh, auf der andern schwirren die Sensen, und eine halbgefüllte Scheune gibt mir ein Ruheplätzchen auf Heubündeln und Garben, grade wie ich’s mag.

Auch ein Gehölz gibt’s hier, genannt der Vogelsang, ziemlich weit von Hause, so hübsch in der Wildnis - was ehemals angelegt war, jetzt aber müssen Sie sich durch Dornen und Gestripp arbeiten, und stehn dann plötzlich in einem großen Rund von alten Eichen, mit einer Bank drunter, da sitzt man auch wie verzaubert; zum Überfluß steckt ein Eulennest im hohlen Baume, wo es unaufhörlich drinnen knackt und prustet - länger bis zur Dämmerung bleibe ich nie dort, denn das wird das Eulenvolk zu lebendig, und das Durchbrechen ins Freie, wo man oft in Schlingpflanzen und Dornen gefangen ist, dass man sein Lebtage nicht wieder heraus zu kommen meint, hat im Dunkeln was wirklich Grauserliches; ich glaube, man könnte sich ungeheuer erschrecken, wenn nur ein Vogel aufflatterte.

Abbenburg, 26. August 1839

aus: 1839, Abbenburg, Briefe an Christoph B. Schlüter

Ich lebe hier wie in Rüschhaus und habe sogar auch mein altes schwarzes Kanapee, auf dem ich sitze oder liege (man kann es nennen wie man will) und schreibe, meine alten Lateiner, in denen ich vor dem Aufstehn lese, und mein Frühstück auf der Stube, wie ich es gewohnt bin. … Wären Sie hier oder schrieben fleißig, oder hörte ich auch nur oft von Ihnen wie in Rüschhaus, so würde ich dieses Mal weniger vom Heimweh leiden als gewöhnlich, aber wie es jetzt ist, bin ich doch sehr froh, ein paar Monate hinter mir zu haben. …

Nächstens gibt es aber einen Feiertag im Kalender, Malchen Hassenpflug kömmt - wann weiß ich nicht genau, doch darf ich schon in den nächsten Tagen anfangen sie zu erwarten, das ist doch wohl ein Fest! - mein Schreiben wird dann sehr unterbrochen werden, freilich auf angenehmste Weise, dennoch ist es nicht gut, denn ich habe erst kürzlich angefangen, und bin eben recht im Zuge …

Hierbei fällt mir meine Erzählung ein. Ich habe jetzt wieder den Auszug aus den Akten gelesen,den mein Onkel August schon vor vielen Jahren in ein Journal rücken ließ und dessen ich mich nur den Hauptumständen nach erinnerte. Es ist schade, dass ich nicht früher drüber kam; er enthält eine Menge höchst merkwürdiger Umstände und Äußerungen, die ich jetzt nur zum Teil benutzen kann, wenn ich die Geschichte nicht ganz von neuem schreiben will. Vor allem ist der Charakter des Mörders ein ganz anderer, was zwar an und für sich nicht schadet, aber mich nötigt, mitunter das Frappanteste zu übergehn, weil es durchaus nicht zu meinem Mergel passen will. …

Die geistlichen Lieder werden, wie mich dünkt, ohngefähr den früheren gleich, doch glaube ich wird mir es immer schwerer werden, einige Mannigfaltigkeit hineinzubringen, da ich mich nur ungern und selten entschließe, einiges aus dem Texte selbst in Verse zu bringen; er scheint mir zu heilig dazu, und es kömmt mir auch immer elend und schwülstig vor, gegen die einfache Größe der Bibelsprache. So bleibe ich dabei, einzelne Stellen auszuheben, die mich zuweilen frappieren und Stoff zu Betrachtungen geben. Ich freue mich darauf, Ihnen das Fertige vorzulesen, Sie sind doch dieses Mal fast mein ganzes Pulikum. Wollte Gott, ich könnte die Lieder herausgeben, es wäre gewiss das Nützlichste, was ich mein Lebelang leisten kann, und das damit verbundene Opfer wollte ich nicht scheuen, hätte ich nur an mich zu denken, aber es geht nicht!
Abbenburg, 22. August 1839

aus: 1839, Briefe an Amalie Hassenpflug, Rüschhaus

Ich schreibe Dir in einer höchst gedrückten Stimmung, Male, denn ich soll etwas tun und will es nun endlich auch, was mir in sich selbst überaus zuwider ist. Ich soll jemanden empfehlen, und zwar bei Deinem Bruder, nicht zu einem Amte, dazu hätten mich keine zehn Pferde gezogen, sondern zu einer Stelle als Privatsekretär, wenn (was der Himmel gebe!) noch eine solche vakant ist. Ich bin gewiss, dass Dein Bruder jetzt von allen Seiten angegangen wird, ich bin auch gewiss, dass ihm dieses ein Gefühl von Ungeduld, ja selbst Mißachtung geben muss, und Du fühlst, wie schwer es mir wird, mich einem Manne gegenüber, den ich achte, selber so zu stellen. Doch - ich kann nicht anders. Abschlagen wäre hier meinerseits der grausamste Egoismus.

Wie wenig mich persönliche Neigung hierbei treibt, weißt Du sogleich, wenn ich Dir sage, dass Levin Schücking das hier in Rede stehende Subjekt ist. Seine Lage ist in diesem Augenblicke um vieles verschlimmert worden, da ihm, nachdem er sch mehrere Jahre mit dem preußischen Landrechte gequält, der Eintritt in preußische Dienste abgeschlagen worden, weil er ein Ausländer (Hannoveraner) ist. Es war eine Torheit von ihm, des Andenkens seines schlechten, nach Amerika ausgewanderten Vaters halber, nicht in seinem Geburtslande dienen zu wollen; aber er büßt sie doch zu schwer und ist ganz ratlos.

Wie seine Persönlichkeit ist, kannst Du in einigen meiner früheren Briefe nachlesen, wo ich gesagt habe, wie leid es mir sei, für einen Menschen, der im Grunde so vortreffliche Eigenschaften habe, und den alle seine Freunde so sehr liebten, durchaus kein eigentliches Wohlwollen fassen zu können, weil das Eitle und Zuversichtliche in seinem Wesen mich immer wieder zurückstoße, wenn das Erfahren einer recht noblen und ehrenwerten Handlung von ihm mich auch noch so günstig gestimmt habe. Ich habe Dir gesagt, wie hoch alle seine ehmaligen Mitschüler und Universitätsfreunde seine Kenntnisse anschlagen (ob juristische oder sonstige, weiß ich zwar wirklich nicht und habe in diesem Augenblicke kein Gelegenheit, mich darnach zu erkundigen), wie die Strengsten seine Moralität rühmen, wie vortrefflich er sich gegen seine unglückliche Mutter benommen hat, und wie er noch jetzt, wo er vom Unterreicht in der englischen und französischen Sprache leben muss, sich jeden Heller abdarbt, um seine kleinen Geschwister zu unterstützen. Daß er, trotz einem kleinem Anstriche von einem Gecken, einen scharfen klaren Verstand hat und trotzdem, dass man ihn nach seinem zierlichen Äußern für einen für einen gebornen Courmacher halten sollte, doch im Grunde niemand in der Welt weniger daran denkt, habe ich Dir auch schon früher gesagt. Kurz, ich habe Dir eigentlich alles Nötige schon gesagt und bin froh darüber.

Tue mir die Liebe, Male, und schreib Deinem Bruder darüber, aber gleich auf der Stelle, denn solchen Plätzen geht es wie reichen Bräuten: man muss früh bei der Hand sein. Hörst Du! Tu mir die Liebe und schreib sogleich, noch diesen Abend. Schreib alles, was ich Dir jetzt und auch schon früher geschrieben habe; Du weißt, es ist dasselbe, und ich habe es jetzt nurmehr zusammengedrängt, zur bessern Übersicht. Du hilfst vielleicht einem Menschen zu einer kleinen Versorgung, der jeden erübrigten Groschen auf eine Art anwenden wird, die man achten muss.

Zur Sekretärstelle macht ihn vorzüglich fähig eine gute Handschrift, seine Fertigkeit in der englischen und französischen Sprache, seine Rechtlichkeit und, obwohl er über Kunstgegenstände et cet. oft lauter wird als es mir gefällt, doch übrigens eine Verschwiegenheit, die fast an Verschlossenheit grenzt.

Hat er nun wirklich die bedeutenden Kenntnisse, die ihm allgemein zugeschrieben werden, so könnte es ja auch wohl kommen, dass er späterhin zu etwas Besserem tauglich gefunden würde; wo nicht, nun, so ist er doch wenigstens aus der Not und wird seiner Stelle keine Schande machen. Das bißchen hochmütige Wesen wird sich unter Deines Bruders Augen in der schnellsten Schnelligkeit verlieren, des bin ich gewiss! Wahrscheinlich kömmt er gar nicht damit zum Vorschein, doch musst Du diese Schattenseite auch anführen, denn ich mag mit keiner Art Hehlerei zu tun haben, was übrigens auch beim Ludwig vergebens wäre, dessen Augen wohl finden können, was auch nicht vor den Tag kömmt.

Schreib doch gleich, es ängstigt mich, dass während dem Hin- und Herschreiben die Stelle besetzt werden könnte, und es wäre viel vernünftiger von mir gewesen, wenn ich dem Ludwig gradezu selber geschrieben hätte, aber einmal konnte ich mich nicht dazu entschließen, und dann meinte ich auch, es müsse ihm unangenehm sein, mir etwas persönlich abzuschlagen, was er mir gewiss ungern abschlägt.

Wenn es nötig ist, noch etwas von Schückings nähere Verhältnissen zu sagen, diese sind so: sein Vater war Amtmann in den kleinen hannöverschen Städtchen Sögel an der Münsterischen Grenze, ein schlechter Wirt und noch schlechterer Ehemann. Levin war der älteste von mehreren Kindern und seiner sehr braven Mutter einziger Trost, für die er tat, was er konnte und auf der Universität sich alles abdarbte, um ihr heimlich wieder ein paar Notpfennige zustecken zu können. Nachdem nun der Vater die Mutter reichlich totgeärgert und an ihrem Sarge noch empörende Komödie von Zärtlichkeit gespielt hatte, nahm er gleich wieder eine andere Frau, von der er, wie ich glaube, auch noch zwei Kinder bekam. Da brach aber alles zusammen. Der Vater wurde als mutwilliger Verschwender seines Amtes entsetzt und ging nach Amerika, die Frau kehrte zu den Ihrigen, die Kinder wurden bei Verwandten untergebracht, und Levin, dem zum Doktorexamen das Geld und, wie ich meine, auch noch etwas an der vorgeschriebenen Studienzeit fehlte, kam nach Münster, um sich dort durch Unterricht das Nötige zusammenzusparen. Dies aber hat ihm bis jetzt nicht gelingen wollen, da es hier so viele französische Sprachmeister gibt und zum Englischen fast niemand Lust hat, auch seine Geschwister, die, bei selbst unbemittelten Leuten untergebracht, sehr kümmerlich gehalten werden, ihm zuviel von seinem Erwerb hinnehmen.

Dies ist nun Schückings kurze und betrübte Geschichte. Daß er Katholik ist, habe ich noch vergessen zu sagen, und dass er seit zwei Jahren hier und dort in den Journalen aufgetaucht ist, was vielleicht Deinem Bruder einen ungünstigen Eindruck machen wird, da man nun mal dergleichen für untergeordnete Geschäftsleute nicht liebt; doch muss man ihm die Tendenz seiner sehr gut aufgenommenen Aufsätze (im “Telegraphen” et cet.) wieder zugunsten reden, da er als offner Gegner des religiösen und politischen Liberalismus gegen Gutzkow und Konsorten zu Felde gezogen ist.

Rüschhaus, 1. Juli 1839

aus: 1839, Briefe an Jenny von Laßberg, Rüschhaus

In Münster hat sich bei der Rätin Rüdiger (einer sehr netten und anspruchslosen Frau und Tochter der bekannten Elise von Hohenhausen) ein kleiner Klub von angehenden Schriftstellern gebildet, die jeden Sonntag abends dort zusammenkommen, um zu deliberieren und einander zu kritisieren. Er besteht aus einer Tante der Rüdiger, Henriette von Hohenhausen (die ein Bändchen sehr hübscher Erzählungen geschrieben hat), der Bornstedt, Levin Schücking, Junkmann und meiner Wenigkeit, wenn ich mal grade in Münster bin. Der Bornstedt ihre Schreiberei bedeutet nicht viel, doch verdirbt sie keinen Stoff ganz, ist in alle Sättel gerecht, und liefert, wie die Verleger es verlangen, bald eine Erzählung, bald einen Operntext, Gedichte, Heiligenlegenden, aber immer anonym, und hat schon viel Geld damit verdient. Du hast wahrscheinlich schon was von ihr lesen, ohne es zu wissen, denn sie paradiert fast in allen Taschenbüchern und Journalen. Sie ist Berlinerin, Konvertitin und erinnert mich 100mal an Tante Dorly, obwohl sie zehnmal mehr Verstand und 100mal mehr Geist hat. Sie hat mich zu ihrer Herzensfreundin erwählt, ich mag sie aber nicht besonders. Dagegen gefällt mir die Tante Hohenhausen (nicht zu verwechseln mit Elise von Hohenhausen) ungemein. Sie ist schon alt, bucklig und äußerst schwächlich, aber die Güte, Freundlichkeit und vor allem die Bescheidenheit selbst.

Die Bornstedt verachtet sie ihre etwas altfränkischen und sehr einfachen Stiles halber, und weil sie nichts als ein kleines Bändchen Erzählungen geschrieben, worin auch nicht ein einziges Knalleffekt vorkommt. Ich aber weiß wohl, dass ich sehr froh sein würde, wenn ich so gut erzählen könnte, und dass die Bornstedt in ihrem ganzen Leben nicht so gut schreiben wird. So halte ich der Bornstedt resolut die Stange, die zuweilen ihren Übermut gegen diese liebenswürdige sanfte Person gar nicht zurückhalten kann, aber wenn sie schweigt, so tue ich es desto weniger und bin auch nicht aufs Maul gefallen.

Levin Schücking musst Du kennen, da er schon früher mit dem Vikarius Specht in Rüschhaus war. Er ist der Sohn von Katharina Busch; sein Vater ist nach der Mutter Tode seines Amtes entsetzt und nach mancherlei Drangsalen und klatrigen Streichen endlich nach Amerika gegangen. Levin ist in Münster geblieben und ernährt sich durch Unterricht im Englischen und Schriftstellerei. Mit letzterer ließ es sich anfangs schlecht an, da seine Gedichte sich keineswegs auszeichnen und seine dramatischen Produkte noch weniger (ich vermute, dass das Gedicht in einem der letzten Unterhaltungsbätter “auf eine Gabe von unbekannter Hand” von ihm ist, wenigstens ist es durchaus sein Stil, den Du daraus abnehmen kannst); jetzt aber hat er sich seit einem Jahr in das kritische Fach geworfen, worin er viel Beifall findet und viel Geld verdient, da alle dergleichen Zeitschriften ihn zum Mitarbeiter haben wollen und stark bezahlen.

Er hat ohne Zweifel das feinste Urteil in unserem kleinen Klub, und es ist seltsam, wie jemand so scharf und richtig urteilen und selbst so mittelmäßig schreiben kann. Er erinnert mich oft an Schlegel, ist sehr geistreich und überaus gefällig, aber doch so eitel, aufgeblasen und lapsig, dass es mir schwer wird, billig gegen ihn zu sein. Er soll sehr moralisch gut und so gelehrt sein, wie nicht leicht jemand seines Alters, denn er ist erst in den Zwanzigen.

Da hast Du unsere kleine Hecken-Schriftstellergesellschaft, und es sollte mir leid tun, wenn ich Dich damit ennuyiert hätte.

Mit meinem Buche ging es mir zuerst schlecht. Ich war in Bökendorf mit Sophie und Fritz allein, als es herauskam, hörte nichts darüber und wollte absichtlich mich auch nicht erkundigen. Da kömmt mit einem Male ein ganzer Brast Exemplare von der Fürstenberg an alles, was in Hinnenburg lebt, an Fränzchen, Asseburg, Diderich, Mimy, Anna und Ferdinand, Thereschen, Sophie. Ferdinand (Galen) gibt die erste Stimme, erklärt alles für reinen Plunder, für unverständlich, konfus und begreift nicht, wie eine scheinbar vernünftige Person solches Zeug habe schreiben können. Nun tun alle die Mäuler auf und begreifen alle miteinander nicht, wie ich mich habe so blamieren können.

Sophie, die, wie Du weißt, nur zu viel Wert auf der Leute Urteil legt, und einen mitunter gern etwas demütigt, war unfreundlich genug, mir alles haarklein wiederzuerzählen, und war in der ersten Zeit ganz wunderlich gegen mich, als ob sie sich meiner schämte. Mir war schlecht zumute, denn obgleich ich nichts auf der Hinnenburger Urteil gab und auf Ferdinands noch weniger (der erst einige Tage zuvor von Goethe gesagt hatte, er sei ein Dummkopf und in einer Zeile von Schillers “Freude! schöner Götterfunken!” mehr enthalten als in allem, was Goethe geschrieben, vorzüglich sei sein Lied vom Fischer der Gipfel des Erbärmlichen, was denn der Inhalt sei? - ein gemeiner barfüßiger Kerl, der auf die langweiligste Weise so lange ins Wasser gucke, bis er hereinplumpe et cet.) - obschon nun, wie gesagt, das Urteil eines solchen Kritikers mich wenig rühren konnte, so musste ich doch zwischen diesen Leuten leben, die mich bald auf feine, bald auf plumpe Weise verhöhnten und aufziehn wollten.

Sophie war auch wie in den Schwanz gekniffen und legte gar keinen Wert darauf, dass nach und nach ganz andre Nachrichten aus Münster kamen, sondenr sagte jedesmal: “Es ist ein Glück für Dich, dass Du diesen Leuten besseres Urteil zutraust als allen Hinnenburgern und Ferdinand Galen.” Onkel Fritz war der einzige, den dies gar nicht rührte, und dem das Buch auf seine eigne Hand gefiel; doch wünschte ich mich tausendmal von dort weg.

Hier angekommen, fand ich das Blatt gewendet. Die Gedichte wurden hier zwar nur wenig gelesen, da die meisten sich scheuen, an eine so endlose Zahl Verse zu gehn; aber die es gelesen hatten, erhoben es, ich muss selbst nach meiner Überzeugung sagen, weit über den Wert. Es waren bereits, als ich ankam, drei Rezensionen heraus. Eine zwar von einem Freunde, Lutterbek, die anderen aber von Gutzkow im “Telegraphen” und von einem Ungenannten, der sich [Zeichen] unterzeichnet, im “Sonntagsblatte”, und alle drei bliesen so enorm, dass mir ängstlich darüber wurde; denn es nutzt nichts, über sein Verdienst erhoben zu werden; es reizt andre nur zum Widerspruche und kömmt gewöhnlich ein Eimer kaltes Wasser hintenach.

Jetzt schreibt mir Adele Schopenhauer, der ich ein Exemplar geschickt, dass es in Jena großen Beifall finde; sie müsse ihr Exemplar immer ausleihen, und der Buchhändler Friedrich Frommann, bei dem schon viel Nachfrage deshalb gewesen, habe es bei Hüffer bestellt; gegenwärtig schrieben D. B. L. Wolff und Kühne jeder eine Rezension darüber, mit der ich würde zufrieden sein können, da sie wüßte, dass beide sehr dafür eingeommen wären, obgleich ich keine so allgemeine Lobhudelei erwarten dürfte wie im “Telegraphen”, sondern Lob, Tadel und völlige Aberkennung, was mir gewiss auch das liebste sein würde. Was will ich mehr? Es ist fast zuviel für den Anfang, ich fürchte, das schlimme Ende kömmt nach.

In Kassel haben es Hassenpflug, Malchen Hassenpflug und Jakob Grimm gelesen. Ersterem hat es gar nicht, Malchen nur teilweise und Jakob sehr gefallen. Malchen schrieb mir seine eigenen Worte, die Gedichte seien sehr gewandt in der Sprache, voll feiner Züge und vom Anfange bis zu Ende durchaus originell. Lege es mir nicht für Eitelkeit aus, dass ich Dir das alles so wiederschreibe. Wen soll es denn interessieren und freuen, wenn es Dich nicht freut? Ich habe doch noch Verdruß und Verlegenheit genug, denn jetzt, wo das Ding einen guten Fortgang hat, interessieren sich alle dafür, auch die Bökendorfer (ide est Werner, August, Ludowine und Malchen Hassenpflug), und jeder Narr maßt sich eine Stimme an über das, was ich zunächst schreiben soll, und zwar mit einer Heftigkeit, dass ich denke, sie prügeln mich, wenn ich es anders mache, oder nehmen es wenigstens als persönliche Beleidigung auf.

Und doch sagt der eine schwarz und der andere weiß. Die Münsterschen Freunde ermahnen mich, um Gottes willen auf dem Wege zu bleiben, den ich einmal mit Glück betreten, und wo meine Leichtigkeit in Vers und Reim mir einen Vorteil gewähren, den ich um keinen Preis ausgeben dürfe. Malchen H[assenpflug] und die Bökendorfer dagegen wollen, ich soll eine Art Buch wie Bracebridgehall schreiben und Westfalen mit seinen Klöstern, Stiftern und alten Sitten, wie ich sie noch gekannt, und sie jetzt fast ganz verschwunden wären, zum Stoffe nehmen. das läßt sich auch hören, aber ich fürchte, meine lieben Landsleute steinigen mich, wenn ich sie nicht zu lauter Engeln mache. Ich denke an Brauns Nekrolog auf Klemens Droste, der eine reine Lobhudelei war und doch Joseph Droste so aufbrachte, weil darin stand, vorzüglich die Mutter (Tante Dine) habe sich mit unablässiger Sorgfalt seiner Erziehung gewidmet, woraus Joseph zu verstehen glaubte, der Vater sei ein dummer Esel. Wo man so urteilt, was ist da für Vernunft und Billigkeit zu erwarten?

Tunlicher scheint es mir, eine Reihe Erzählungen zu schreiben, die alle in Westfalen spielen, und so alles Verlangte in sich schließen, ohne dass man gerade zu sagen braucht: Dies soll ein Bild von Westfalen sein, und der Westfale ist so und so. Dann, meine ich, wird keiner (wie hier die Leute wohl etwas schweren Begriffs sind) es auf sich beziehen, sondern nur auf die Personen der Erzählung; auch kann ich dann von dem gewöhnlichen Gange der Dinge abgehn, kann Vorgeschichten und dergleichen mit einem Tone der Wahrheit erzählen, während ich sie in der andern Form nur als Volksglauben erwähnen darf.

Doch ist die Form von Bracebridge (eigentlich dieselbe, die Jouy in seinen vielen Hermiten, de Londres, de Guyane, de la chaussée d’ Antin, de Paris et cet., braucht) bei weitem die angenehmste, sowohl zum Lesen als zum Schreiben, weil sie so mannigfaltig ist und auch eigne Beobachtungen und Meditationen, kleine lächerliche Vorfälle et cet. zuläßt, was sehr amüsiert, wenn man öfter lesen kann und auch mehr eignen Geist voraussetzt, als Erzählungen, die, sie mögen so gut und charakteristisch sein als sie wollen, doch selten jemand zweimal liest, weil der Abstich vom ersten Male zu groß ist, wenn die Spannung auf den Ausgang fehlt.

Dagegen finden die Leute zwischen so kurzer Ware immer allerlei, was sie selbst schon gedacht und beobachtet haben und deshalb zwanzigmal lesen können, weil es ihnen den angenehmen Eundruck macht, als hätten sie es selbst geschrieben.

So hat jede Ansicht ihre günstige Seite und jeder meiner unberufenen Präzeptoren recht. Aber mag ich nun tun was ich will, so stelle ich einige zufrieden und stoße die übrigen vor den Kopf. Am besten wär’ es vielleicht, ich tät etwas ganz anderes, versuchte mich zum Beispiel in einem Drama. Dagegen hat noch niemand geredet, denn keiner hat daran gedacht, und ich meine zuweilen, dazu hätte ich die meiste Lust und würde mir auch am besten gelingen. Es müßte aber kein geschichtliches noch romantisches Thema sein, sondern ein Charakter- und Sittengemälde, etwas Geschichtliches könnte freilich zum Grunde liegen.

Ich weiß nicht, was ich tue und will vor allem niemand mehr um Rat fragen, denn je mehr Köpfe, je mehr Meinungen und je mehr pikierte Leute in Zukunft. …

[Am Rand:] Ich bitte, liebe Jenny, wenn Du Laß[berg] diesen Brief mitteilen solltest, bitte ihn ja, dass er nie in irgendeinem Briefe nach Hülshoff, Bökendorf oder an Mama auf irgend etwas anspielt, was ich geschrieben. Ich lasse mich so ganz gehn, vielleicht zu sehr, aber es ist nur für Dich oder, wenn Du es gut findest, für Laß[berg] mit, aber für Euch beiden allein.

Rüschhaus, 29. Januar 1839

aus: 1838, Briefe an Christoph B. Schlüter, Hülshoff

Die vielfachen, ich möchte fast sagen ungestümen Bitten Malchen Hassenpflugs haben mich bestimmt, den Zustand unseres Vaterlandes, wie ich ihn noch in frühester Jugend gekannt, und die Sitten und Eigentümlichkeiten seiner Bewohner zum Stoff meiner nächsten Arbeit zu wählen. Ich gestehe, dass ich mich aus freien Stücken nicht dahin entschlossen hätte, denn für erst ist es immer schwer, Leuten vom Fach zu genügen, und in dieser Sache ist jeder Münsterländer Mann vom Fach. Ich erinnere mich, dass einst ein sehr natürlich geschriebenes Buch in einer Gesellschaft vorgelesen wurde, die einen Soldaten, einen Forstmann, einen Gelehrten und einen Diplomaten in sich schloß; jeder war entzückt über alles, mit Ausnahme der Stellen, die jedes Fach betrafen. Der Soldat fand Schnitzer in den Schlachtszenen, der Forstmann in den Jagdabenteuern, der Gelehrte in den philosophischen Tiraden und der Hofmann in dem Auftreten und Benehmen der gekrönten Häupter; wie soll es mir nun gehn, der jeder Gassenbube im Lande die geringsten Verstöße nachweisen kann?

Mein Trost ist, dass ich selbst hier aufgewachsen bin und somit so sehr Herrin meines Stoffes bin wie keines andern. Schlimmer ist es, dass die Leute hierzulande es noch gar nicht gewohnt sind, sich abkonterfeien zu lassen und den gelindesten Schatten als persönliche Beleidigung aufnehmen werden. In Paris und London ist es ein anderes, da haben sich die Leute einen breiten Buckel zugelegt, und die Schriftsteller sind so frech, dass eine Tracht Prügel ihnen mitunter wahrhaft heilsam wäre. …

Ich weiß am besten, dass ich meinen Landsleuten weit weniger Unrecht tun, als viel eher durch zu große Vorliebe und Idealisieren mancher an sich unbedeutenden Eigenschaft mich lächerlich machen werde, und dennoch fürchte ich gänzlich in Verruf zu kommen, denn alles kann ich ihnen und meiner eigenen Liebe nicht aufopfern, nicht Wahrheit, Natur und die zu Vollendung eines Gemäldes so nötigen kleinen Schatten.

Wenn Sie, teurer Freund, die Ausführung meines Vorhabens für gänzlich untunlich halten, so sagen Sie es mir jetzt, wo es noch Zeit ist, ich bitte Sie darum. Über die Form bin ich noch unschlüssig und möchte Ihre Meinung hören. Was meinen Sie? Soll ich jene des Bracebridgehall von Washington Irving wählen? Eine Reihenfolge von kleinen Begebenheiten und eignen Meditationen, die durch einen losen, leichten Faden, etwa einen Sommeraufenthalt auf dem Lande verbunden sind? Diese Form ist sehr ansprechend und gibt dem Schreibenden große Freiheit, bald erzählend, bald rein beobachtend und denkend aufzutreten … Oder soll ich eine Reihe kleiner in sich geschlossener Erzählungen schreiben, die keinen andern Zusammenhang haben, als dass sie alle in Westfalen spielen und darauf berechnet sind, Sitten, Charakter, Volksglauben und jetzt verlorengegangene Zustände desselben zu schildern? Dies ist schwieriger, bedarf weit reicherer Erfindung und schließt alle Medidationen und Selbstbeobachtungen fast gänzlich aus. Dagegen ist es weniger verbraucht, läßt höchst poetische und seltsame Stoffe zu, die jener andern Form des täglichen Lebens unzugänglich sind und hat den großen Vorteil, in keinem Falle zu beleidigen, da lauter bestimmte Individuen auftreten, noch obendrein zumeist aus dem Bauernstande, als dem mir am genauesten bekannten und auch noch eigentümlichsten; was sagen Sie dazu?

Geben Sie Ihr Votum ab! Ich will nicht sagen, dass es den totalen Ausschlag gibt, aber es wird gewiss berücksichtigt werden. …

Leider mit ich mit Malchen in allem, was Kunst und Poesie betrifft, [nicht einer] Meinung, da sie einer gewissen romantischen Schule auf sehr geistvolle, aber etwas einseitige Weise zugetan ist; … sie wird mich aber nie in ihre Manier hineinziehn, die ich nicht nur wenig liebe, sondern auch gänzlich ohne Talent dafür bin, was sie verstockterweise nicht einsehn will. Sie wissen selbst, lieber Freund, dass ich nur im Naturgetreuen, durch die Poesie veredelt, etwas leisten kann. Malchen hingegen ist ganz Traum und Romantik, und ihr spuken unaufhörlich die Götter der Alten, die Helden Calderons und die krausen Märchenbilder Arnims und Brentanos im Kopfe. So haben wohl nur die vielen Vor- und Gespenstergeschichten, der mannigfache Volksaberglaube et cet. unsers Vaterlandes sie dahin gebracht, bei meiner Halsstarrigkeit, faute de mieux, diesen Stoff in Vorschlag zu bringen, und ist dies Buch fertig, d. h. wenn Sie mir dazu raten, so wird es ihr schwerlich genügen.

In meinen Gedichten glaubt sie gutes Talent auf höchst traurigem Wege zu sehn, namentlich die “Schlacht am Loener Bruch” ist ihr durchaus fatal, sie nennt es “eine ganz verfehlte Arbeit auf höchst widerhaarigem Terrain”. Sie werden leicht hieraus folgern, dass ihr des “Arztes Vermächtnis” am meisten zusagt. Da sie mich aufrichtig liebt und Großes mit mir im Sinne hat, so quält sie mich unermüdet und mit Bitten, die einen Stein erweichen sollten, von meinen Irrwegen abzulassen. Das ist eine harte Nuß!

Hülshoff, 13. Dezember 1838