Briefe zum Schlagwort Auflage
Hierbei fällt mir Hüffer ein; hören Sie, wie es mir mit dem gegangen ist! Er antwortete sehr höflich, dass er keineswegs den Ladenpreis verlange, sondern sich als meinen Kommissionär ansehe und neben Druck- und sonstigen Kosten nur gewisse Prozente – ich weiß nicht mehr wieviel – nehmen werde. Die Bücher kamen an – es waren statt 300 nur 172 – dabei die Rechnung, und diese machte, trotz der minutiösesten Berechnung, nur 63 Taler; im Laden kostete das Buch 25 Silbergroschen. Die Auflage war 500* Exemplare stark. Hüffer hat also 328 Exemplare verkauft und dafür 272 Taler eingenommen; so war er doch längst wieder zu seiner Auslage oder vielmehr hatte schon entschiedenen Profit gehabt, was mir sehr tröstlich ist. Denn die 63 Taler waren bei weitem nicht die Druckkosten für die 172 Exemplare; das krümelte sich so zusammen, seine Abzüge für den sämtlichen Verkauf, Porto – die ganze Pastete lag in Leipzig – et cet. Werner hat ihn auf der Stelle bezahlt, und nun, bitte, wenn Sie mich lieb haben, reden Sie gegen niemanden darüber; die Sache ist und bleibt mir schimpflich, und hier in Münster weiß, glaube ich, niemand darum.
Nun sagen Sie mir doch auch, wie es dem Cotta mit dem Verkaufe meiner Gedichte geht! Hier in Münster werden sie, gegen meine Erwartung, sehr stark gelesen; ob gekauft, ist eine andere Frage, und ich weiß darüber nichts zu sagen. Es ist leider münsterische Manier, sogar bei den reichsten Leuten, sich auf das Leihen zu verlassen und, selbst wenn sie sehr begierig auf ein Buch sind, ganz naiv zu sagen: “Ich habe mich schon jahrelang um das Buch bemüht und kann es noch immer nicht bekommen”, während es in allen Läden am Fenster steht. Auch jetzt haben mir ein paar sehr vornehme und reiche Damen geklagt, dass ihre Exemplare von all dem Ausleihen schon ganz zerlumpt wären, und meinten mir noch ein Kompliment damit zu machen, während mir doch Cottas wegen ein Stich durchs Herz ging. Doch höre ich auch ab und zu, dass jemand sie gekauft oder geschenkt bekommen hat.
NB. Ich erhielt vor etwa sechs Wochen einen zuerst an die Cottaische Buchhandlung gekommenen und dann von Ihnen richtig adressierten Brief aus Paris; der hat Sie gewiss neugierig gemacht. Er war von einem gewissen Theodor Klein, einem poetischen Dilettanten, wie mir scheint – denn er spricht von seinen “Geschäften entübrigten Stunden der Muße, in denen er sich mit Poesie beschäftigt” – dem “im Gewühle der Weltstadt, wo er seit Jahren zu leben gezwungen ist”, meine Gedichte zu Händen gekommen sind und ihn zu einliegenden Strophen begeistert haben, in denen er mir den unverwelklichen Lorbeer aufs Haupt setzt. Das Gedicht war mittelmäßig, d. h. so, wie man es vor fünfzehn Jahren würde allerliebst gefunden haben, der Brief etwas schwülstig, aber doch rührend durch sein offenbar vom Herzen kommendes Gefühl und eine große Nüchternheit. Er hatte seine Adresse fast unleserlich klein und verstohlen beigefügt; ein paar freundlich anerkennende Zeilen würden ihn gewiss ungeheuer gefreut haben, und da es mir nach einigen Ausdrücken schien, er müsse ein Westfal sein, war es mir fast leid, dass ich ihm diesen unschuldigen Spaß doch nicht machen konnte. Hätte ich nur irgend etwas über ihn gewußt, so hätte ich es vielleicht getan.
Hier im “Merkur” erschien mit einem Male auch eine Rezension meiner Gedichte, so ungemein parteiisch, dass ich mich schämte und meinte, nur Schlüterchen könne so blind sein; sie war aber von einem Schlesier, einem gewissen Kynast, der seit vier Wochen als Assessor nach Münster gekommen und gleich für mich ins Geschirr gegangen war. Ich habe ihn nachher einmal gesehn und gesprochen, einen seltsamen, heftigen Menschen, der vor Aufgeregtheit zitterte wie Espenlaub. Sie schrieben mir früher, Kühne werde noch eine Rezension in die “Allgemeine” rücken; hat er es ausgeschlagen, oder ist sie so unvorteilhaft, dass Cotta sie nicht hat einrücken wollen? Wenn das Letztere ist, so sagen Sie es mir doch; ich sehe gern klar und kann es ganz wohl tragen. Ich fürchte mich jetzt – in literarischer Hinsicht – vor nichts als vor unrichtigen und törichten Ansichten in Betreff meiner Erfolge; das hat mir zuviel Beschämung bei Hüffer eingetragen. …
Von Adele weiß ich nur, dass sie in Rom bei der Mertens ist; ich habe leider – durch eigne Schuld, denn ich hatte ihren letzten vor anderthalb Jahren erhaltenen Brief nicht beantwortet – ihre Adresse nicht, weiß sie auch nirgends zu bekommen und hörte doch so gern mal wieder von ihr. Diese Nachricht habe ich durch meine Cousine in Bonn. Wie schnell doch in diesen umtreibenden Zeiten alles auseinanderstäubt! Adele hat zehn Jahre in Bonn gewohnt, ist erst seit vier bis fünf Jahren fort, und schon gibt’s dort keinen ihres früheren Kreises mehr, bei dem ich nachfragen könnte. Auch die Mertens hat ihre Haushaltung auseinandergehn lassen und ihr Haus zum Verkauf ausgesetzt, ebenso ihr Gut Plittersdorf, ihr früheres bijou und Herzblatt, wo ich sie so manchen Tag habe selbst im Garten arbeiten sehn; wahrscheinlich denkt sie ganz in Italien zu bleiben.
* Eben fällt mir ein, dass ich dem Hüffer eine Auflage von 500 Exemplaren erlaubt habe, jedoch nicht sicher weiß, ob er sie gedruckt hat, meine dies aber doch gewiss. In der Berechnung hat es wohl gestanden, die habe ich aber nicht zur Hand.
Rüschhaus, 5. März 1845
Ich hoffe, Cotta hat keinen Schaden an mir; wenigstens sind einige Stimmen von Gewicht für mich aufgetreten, in der “Allgemeinen” Zedlitz (Du kennst von ihm die “Nächtliche Parade”), und jetzt schreibt mir Schücking, dass nächstens eine von Kühne (wohnt in Weimar) eingerückt werden würde. Dieser ist jetzt der berühmteste unter den Rezensenten und sehr streng, deshalb würde ich nichts besonders Gutes erwarten, aber Schücking kündigt es mir doch so vergnügt an! Man muss sehn, was es gibt!
In unserm “Merkur” bin ich nun gar über alle Berge herausgestrichen worden und dachte sicher, es hätte ein Freund getan; jetzt weiß ich aber, wer es ist, ein schlesischer Literat, Kynast, der sich seit einigen Wochen in Münster aufhält. So habe ich wenigstens, was mir zuteil wird, von keiner Seite persönlicher Vorliebe zu danken. In Berlin scheinen die Gedichte sehr gut fortzukommen; Onkel Fritz sagt, August habe geschrieben, sie machten dort Furore. Du weißt aber, wie August die Taschen immer voll Mandeln und Rosinen hat, und ihm wird auch jeder das Beste darüber sagen; doch scheint’s jedenfalls gut zu stehn, wenn man auch zwei Drittel subtrahiert.
Wie es hier steht, weiß ich nicht recht. Die Preußen sind allerdings auf meiner Seite, aber das sind arme Teufel, die sich ein Exemplar durch die ganze Stadt umleihen, und somit wenig profitabel für Cotta, und der Adel nimmt, wie ich glaube, noch immer blutwenig Notiz von mir und liest überhaupt niemals Gedichte.
Doch sind die in allen Buchhandlungen hier noch vorhanden gewesenen Exemplare bereits vergriffen, aber die Herren haben wahrscheinlich auch miserabel wenig kommen lassen, z.B. Deiters, wie ich weiß, nur acht Exemplare. Indessen wird wenigstens Coppenrath wohl einen größeren Vorrat gehabt haben, da dieser das Buch als bei ihm in Niederlage angekündigt hatte. Man muss abwarten, wie früh oder spät eine zweite Auflage nötig wird; dies ist der einzige Probierstein, der nicht täuschen kann.
Rüschhaus, 20. Dezember 1844
Ich habe Laßbergen die beiden Cottaischen Briefe und aus dem Ihrigen das Betreffende mitgeteilt, und, sollten Sie es denken? Es war ihm alles nicht halb recht, d. h. von Cottas Seite. Von 550 Gulden mochte er mal gar nichts hören, selbst 700 schien ihm wenig, da dann, falls die Sammlung, wie Uhlands Gedichte, achtunddreißig Bogen enthielt, nicht mal zwei Louisdor auf den Bogen kämen, da mir doch selbst die obskure Abendzeitung schon drei Louisdor vorläufig geboten und sich obendrein einer willkürlichen Steigerung meinerseits unterworfen habe; auch Hüffer habe mich ja durch die dritte Hand wissen lassen, dass er den Verlag wünsche und, wenn ich es verlange, 500 preußische Taler geben würde; von Velhagen sowohl wie Dumont lasse sich zwar nichts Bestimmtes sagen, da sie mir die Forderung überlassen, doch berechtige mich besonders der Eifer des Ersteren zu günstigen Voraussetzungen.
Auch fand er die Auflage von tausend Exemplaren sehr stark, meint, ich müsse selbst im günstigsten Falle mehrere Jahre lang warten, ehe sie vergriffen; jene Auflagen, von denen man zuweilen lese, dass sie in 6–8 Wochen vergriffen worden, hätten immer nur 200–300 Exemplare enthalten; das Gewöhnliche sei 750, was drüber, schon eine starke Auflage, und ich müsse, falls Sie sich schon auf 700 Gulden eingelassen, mindestens um keinen Heller davon abgehn und eine Auflage von 750 Exemplaren verlangen; so schenke ich Cotta doch noch 200 Gulden, die mir Hüffer mehr geboten et cet.
Ich bin dadurch in die peinlichste Verlegenheit geraten und kann nun wirklich nicht unter 700 Gulden fordern, wenn ich es mir nicht nachher täglich soll vorhalten lassen, da natürlich Mama und Jenny nun auch ganz auf seiner Seite sind und ich ihnen, da ich grade sehr schwach bei Kasse bin, in Betreff dessen, was ich erhalte, nicht durch geheime Ergänzungen ein X für ein U vormachen kann.
Wegen der Stärke der Auflage hat es weniger zu bedeuten, davon werden sie nichts gewahr, und wenn auch – falls dies wahrscheinlich im Kontrakt vorkömmt, den ich gewiss nicht vorzuzeigen vermeiden kann –, so möchte ich um deswillen keineswegs mit einem Manne in Spannungen geraten, dem Sie jetzt so nahe stehn. Das Schlimmste, d. h. mir Unangenehmste, was erfolgen könnte, wäre, dass Cotta späterhin so sehr unter den Anträgen anderer Buchhändler blieb, dass ich schon Friedens halber genötigt wär, bei späteren Produktionen oder auch nur späteren Auflagen meiner Gedichte von ihm zu diesen überzugehn.
Ich lege übrigens alles in Ihre Hände, mein guter Levin, glaube nicht, dass Cotta von der Zahl der Exemplare abgehn wird, verlange deshalb auch keineswegs, dass Sie einen derartigen Vorschlag machen sollen; nur wünschte ich, dass Sie einmal in einem Briefe darauf hindeuteten, als hätten Sie ihn gemacht, damit die Geschichte nicht eine Leier wird, die ich mein Lebenlang muss spielen hören. Ich erkenne übrigens Ihre Bemühungen ganz vollkommen an und bin Ihnen höchst dankbar dafür, und auch die andern sehen wohl ein, wie eifrig Sie, mein gutes Kind, sich für mich bezeigen, und haben Sie deshalb doppelt lieb. Das können Sie mir glauben, ihr ganzer Unwille trifft den Cotta.
Ich begreife übrigens sehr wohl, dass ein Verleger die erste Auflage einer Gedichtsammlung nicht bezahlen kann wie gute Beiträge zu einem Journal, wo für jeden Geschmack gesorgt und jeder Abonnent das eine oder andere finden muss, was ihn reizt, das Blatt zu halten, da hingegen, sobald einer der Mitarbeiter für sich allein auftritt, mit Sicherheit nur auf so viele Käufer zu rechnen ist, als sich für ihn im Journal interessiert haben - vielleicht kaum der zehnte Teil der Leser, allerhöchstens die Hälfte. Und auch dies kann trügen, da sich manches zur Abwechslung sehr angenehm liest, was in größeren Massen bald ermüdet, und man auch in der Regel für einzelne Einsendungen das Ansprechendste auswählt. Kurz, ich bin, wie Sie sehn, ganz vernünftig, eben so zweifelhaft über den Erfolg meiner Gedichte, wie Cotta selbst es nur irgend sein kann, da sie noch lange, lange nicht das erreichen, wonach ich strebe und immer gleich gewissenhaft streben werde, so lange Körper und Geist mir ihre Kräfte nicht versagen. Machen Sie also nur nach Ihrer Weise voran, ich habe das vollkommenste Vertrauen nicht nur zu Ihrem Eifer, sondern auch zu Ihrer Kenntnis der Sachlage und dessen, was vernünftig zu erwarten steht.
Gott gebe indessen, dass Cotta auf die 700 Gulden eingeht; jedenfalls müssen Sie, falls er es nicht tut, auch nicht kontrahieren, bevor Sie mir darüber geschrieben. Und bitte, machen Sie, dass das Exemplar, was ich behalte, auf recht gutem Papier abgedruckt wird; ich möchte es gern als Andenken in die Hülshoffer Bibliothek stiften. Ach, es liegt mir so auf dem Herzen, Ihnen recht gründlich zu sagen, wie ich Ihre Liebe und treue Sorge für mich fühle; aber ich muss mit dem Flederwisch drüber weg, sonst unterbleibt das augenblicklich Nötigere. Also zu Ihren Anmerkungen.
1. Gegen die Versetzung der Einleitungsgedichte habe ich nichts.
2. Bei „Ungastlich oder nicht?“ mag immerhin „in Westphalen“ zugesetzt werden, aber, wie mich dünkt, eingeklammert als eine Art Erläuterung; als Stück des Titels scheints mir etwas albern zu lauten; ich meine so: „Ungastlich oder nicht? (In Westphalen)“ – oder wie meinten Sie es eigentlich?
3. Bei „Meinem Beruf“ scheinen mir die beiden Strophen nicht unverständlich; die eine schildert ein Ehepaar, das die Liebe, die andre einen innerlich früh Gealterten, der die Empfänglichkeit teilweise, aber nicht das Gefühl seiner Lage verloren hat. Ich habe dieses Gedicht vielen vorgelesen, sowohl einfachen als fast überbildeten Menschen; es wurde von allen für eins der besten gehalten, und obwohl ich selbst fürchtete, es sei nicht hinlänglich klar, hat dies doch bis dahin noch niemand zugeben wollen. Sie müssen also einen besondern Gesichtspunkt gefaßt haben, aus dem es Ihnen so vorkömmt, glaube aber wirklich, dass dies bei Wenigen der Fall sein wird.
4. “Katharine Schücking” mag „zusammen“ statt „selbander“ stehn, obwohl das letztere nicht so veraltet ist, als Sie denken; Stolberg, Bürger et cet. bedienen sich häufig seiner.
5. Der „Prediger“, Strophe 3. Hier ist „Stock und Brille“ allerdings unzweifelhaft besser.
6. „Stadt und Dom“. Strophe 1 ist „der Liederklänge Frohn“ so ganz im Anfange allerdings verkehrt und eine Vorausnahme der späteren Stimmung; denn wenn auch jeder glaubt, ehrenhalber dazu frohnen zu müssen, um „seinem Herzen das Diplom“ zu sichern, so war doch an dieser Stelle das Gedicht noch weit von dieser Enttäuschung entfernt. Setzen Sie: „Und wer die Liederklänge schon“ oder „Die Liederklänge wer, die schon Den Nachhall (das Echo) dieses Rufs ergänzt?“ Ferner: Str. 2 habe ich die bereits angekommenen, sich fast erdrückenden Proviantschiffe, – wie dies bei Hamburg wirklich der Fall gewesen, wo man die Lebensmittel, wie es heißt, hat endlich in den Strom werfen müssen, der Fäulung halber, – wollen „Mast an Mast ragen“ lassen, doch machts mir nichts aus, wenn sie statt dessen „ziehen“ oder „kommen.“ Str. 4 ist wahrscheinlich durch verkehrte Interpunktion undeutlich geworden; es heißt: „O werte Einheit, bist du Eins?* Der Lorbeerkron, des Heil’genscheins Wer steht dann würdiger als du, Gesegnete, auf deutschem Grund! Du trägst den goldnen zu Des Himmels Hort in deinem Bund!“ Ich denke, so ist’s nicht unverständlich; in schlichter Prosa: Werte Einheit, wenn du wirklich Eins bist, wer stände dann auf deutschem Grunde würdiger der Lorbeerkron und des Heilgenscheins als du et cet.
* Eigentlich hier kein Fragzeichen, sondern nur Komma oder desgleichen, als nach einem Vordersatz; aber ein Fragzeichen macht es vielleicht verständlicher. Wie es Ihnen am besten scheint.
7. „Vor vierzig Jahren“, Str. 6. Ein Schreibfehler; es heißt nicht „überwerte“, sondern (ironisch) „überwerte“, soviel wie übervortreffliche, überglückliche.
8. „Knabe im Moor“ hat früher auch gestanden „die Ranke häkelt am Strauche“ statt „vom Strauche“, und dies war an sich offenbar besser; weshalb ich es geändert, weiß ich nicht mehr. Wahrscheinlich kömmt das Wort „am“ sehr nah dabei nochmals vor; sehn Sie, bitte, nach, und wenn das nicht ist, so stellen Sie die alte Lesart her.
9. „Das öde Haus“. Str. 4 setzen Sie statt „einzle“ „wirre (graue)“, obwohl es nicht ganz denselben Sinn gibt und dies Herabrutschen einzelner Schober das Verfallne mehr andeutet; „einzle“ statt einzelne“ ist allerdings nicht hübsch, und ich würde es nicht gesetzt haben, wenn ich es nicht grade zuvor in einem andern sehr hübschen Gedicht – ich meine von Uhland oder Schwab – auch gefunden hätte. „Schluft“ ist vielleicht ein Provinzialismus, aber kein westphälischer, da es schon in der alten bekannten Romanze: „Zu Steffen sprach im Traume“ heißt: „Gespenster quiekten aus Schluften“; aber setzen Sie statt dessen „Schlucht“. NB. Wär es nicht vielleicht besser, wenn die vierte Strophe zur dritten würde? Man weiß nicht, wie man auf einmal aus der Schlucht an den Heerd kömmt; nach dem Fensterloche wär dies natürlicher, – oder meinen Sie nicht?
10. „Die beste Politik“, Str. 5. „Fortun“ ist nicht hübsch, aber was soll ich statt dessen setzen? „das Glück“ kömmt unmittelbar nachher und zwar als Reim; vielleicht: „Daß dem Geschick zumeist gewogen“? oder: „das Heil“? Wissen Sie ein anderes Wort, das den gleichen Gedanken gibt? Mir fällt keins ein. „Geschick“ kömmt gezwängt heraus, „das Heil“ auch etwas gesucht und bringt drei „das“ in dieselbe Strophe. Doch mögen Sie selbst entscheiden, und können Sie gar ein anderes Wort auffinden, so teilen Sie es mir doch ja mit. Was sagen Sie zu: „die Welt zumeist gewogen, Der sie am mindesten gehetzt“? oder: „Jeder dem zumeist gewogen, Der ihn et cet.“? oder: „Daß dem die Gunst zumeist gewogen, Der sie et cet.“?
11. „Cappenberg“, Str.3. „Doppellasten“ ist viel hübscher, und ich hatte es selbst schon mal gewählt, dann schien es mir undeutlich, wird aber doch wohl besser sein.
12. „Der Fundator“, Str. 7. „Der Familie Nutz“ ist allerdings spießbürgerlich, sollte es aber auch sein, als feststehender Kanzleistil, wie ich diese Formel in derartigen Stiftungsurkunden aus dem 17ten Jahrhundert immer gefunden habe. „Dessentwegen fundire und vermache ich zu der Familie Nutzen et cet.“; wenn es Sie aber sehr stößt, setzen Sie „Geschlechtes“. –“Der Sessel knallt“: da haben Sie sich verlesen oder ich mich erbärmlich verschrieben; es heißt „knackt“, – weil das Gespenst ihn angreift; – ein knallender Sessel!! – „Der Lade Spalten“. Ich habe mir eine halbgeöffnete Schieblade gedacht, wie mans wohl tut, wenn man verstohlen liest, um das Buch rasch hinein schieben zu können, wenn jemand kömmt, und dachte mir dabei die Lade des „güldenen Tisches“, vor dem er sitzt; setzen Sie aber: „des Faches Spalten“, so kann man sich ein Büchergestelle an der Wand denken..
13. „Der Barmekiden Untergang“. „Rosenöl“ ist allerdings ein Buch und machte vor zwanzig Jahren Aufsehen; meine Onkels Haxthausen besaßen es, waren entzückt davon, und es wurde damals in allen Zeitschriften rühmlich erwähnt, als höchst wertvoller Beitrag zur Kenntnis orientalischer Sitten und Sagen; leider habe ich den Namen des Verfassers vergessen. Was ist da zu machen? Wahrscheinlich weiß Cotta ihn, denn es war ein damals berühmter Gelehrter, der es aus dem Arabischen entweder übersetzt oder die Sagen selbst im Oriente gesammelt hatte.
14. „Der zu früh geborne Dichter“. „Und Alles, was er sah, das sang Von einem Weidenstumpfen.“ Hier fällt mir das Unverständliche nicht auf, Laßberg und Jenny auch nicht. Der im Zeitalter des schlechten Geschmacks geborne Dichter findet nirgends Anleitung zu Höherem; er sieht „ringsum keine Palme“, deshalb klimmt er an der Weide auf und jauchzt in die Alme (singt Idyllen et cet.); und wenn ihm dies kläglich scheint (zuweilen), so nennt man es Hochmuth, Schwulst, Schwärmerei, und Alles, was er ringsum von Dichtervolke sieht, sitzt auch nur auf Weidenstümpfen und singt von dort herab. Wirds vielleicht deutlicher, wenn es heißt: „Und Alles, was er sah (oder „hörte“), das sang Herab vom Weidenstumpfen“? Mich dünkt nicht.
15. „Nach fünfzehn Jahren“. Str. 4 setzen Sie statt „boulingreene“ „Rasenstreifen (Blüthenraine)“, wenns Ihnen besser scheint.
16. „Schloß Berg“ lassen Sie ganz fort; es ist doch mordschlecht; den Verfehlten fr. Roman desgleichen, auch allenfalls „Die Mutter am Grabe“, obwohl diese ihre großen Liebhaber hat – sogar Adele Schopenhauer –, besonders die letzten Strophen Manchem sehr gefallen. Aber ich habe doch so viele trübselige Gedichte, dass dieses, wie mich dünkt, die Trübsal nur auf eine unangenehme brühige Weise verlängert. Ich habe es schon hin und her geschoben, und überall schlossen die Gedichte besser an einander, wenn ich es wieder heraus nahm; doch bleibt dies Ihrem Gutdünken überlassen. – „Der Spekulant“ muss auch fort. – „Das Lied vom braven Manne“ heißt besser: Ein braver Mann. Ihre Bemerkung ist ganz richtig; aber was ist undeutlich darin? Der Eid? So schreiben Sie als Note: Der Huldigungseid, den er als Grundbesitzer hätte leisten müssen. – Was mir mit der Schmiede machen, weiß ich selbst noch nicht; soll sie nicht ganz bleiben, was mir selbst bedenklich scheint, so muss auch alles Plumpe daraus fort. Ob dann die ersten Strophen bleiben können? Ich meine bis zum „langen blonden Knaben“. So ist kein Schluß daran; ich will sehn, ob mir noch eine oder ein paar Strophen einfallen, die dies Fragment abrunden; in diesem Augenblicke fehlt mir die Zeit dazu; schicke ich sie mit dem nächsten Briefe nicht ein, oder gefallen sie Ihnen nicht, – da es bekanntlich schwerer ist, einen alten Rock aufzustutzen wie einen neuen zu machen, – so mag dies Schmiedefeuer total ausgehn.
Von „Des Pfarrers Woche“ haben Sie mir nicht geschrieben, was darüber bestimmt worden ist; soll sie bleiben, so verliert sie an der Schmiede eine sehr günstige Folie und kann dann, wie mich dünkt, nur auf die Stubenburschen folgen, und zwar noch knapp genug; lesen Sie es selbst mal nach. – Auch was Sie sonst von bereits Gedrucktem in Händen haben, z. B. die Gedichte im Morgenblatt, besonders die Balladen im „Malerischen und romantischen Westphalen“, hätte ich sehr gern durch Sie mit meinem Manuskripte verglichen, da ich der Güte meiner Abänderungen keineswegs sicher bin und dies lieber Ihrem Urteile überlassen möchte, jedoch die Lücke im Grauen ausgenommen.
Überhaupt hätten Sie, mein braves kleines Pferdchen, dieses Mal nur mehr Courage haben und mir ihre ferneren „rechtlichen Bedenken“ nur kecklich fürtragen sollen; hilfts nicht immer, so hilfts doch zuweilen, und hätte mir noch wohl einigen Vorteil und meinem guten Jungen, dem mein Ansehn fast so lieb ist wie sein eigenes, noch eine oder die andre Herzenserleichterung gebracht. Jetzt wirds wohl zu spät sein, sonst nähme ich Ihre Gutachten noch gern entgegen. Sie dürfens mir nur nicht übel nehmen, wenn ich nicht mehr davon verwende, als mir selber in den Kopf gehn will. Aber es ist immer sehr gut, eine Sache von mehreren Seiten zu betrachten, besonders wenn man durch zu öfteres Überlesen stumpf geworden ist; deshalb ist auch das Korrigieren so schwer, weil der alte Gedanke immer wieder kömmt. Sie müssen nur genauer angeben; Ihr „ist mir undeutlich“ mag Ihnen ganz deutlich sein, gibt mir aber, wenn’s zuweilen ganze Strophen betrifft, nur gar geringe Anleitung, wenn ich gar nicht ahnde, wo das Undeutliche steckt, und ich würde oft Ihrer Absicht sehr schlecht entsprechen, wenn ich Eins mit dem Andern totschlüg, während Ihnen nur ein einzelner Ausdruck anstößig war.
Soeben fallen mir ein paar Schlußstrophen für die Schmiede ein; sie sind nicht besonders, aber ich glaube nicht, dass sie mir ein anderes Mal besser gelingen. Also (das Ende war: „Gekrümmt zu Hufes Ringen“): „Am Pförtchen scharrt der Rappe, schnaubt Dem Schlackenstaub entgegen, Wo hinterm Hagen dichtbelaubt Sich Liederklänge regen. (Nun kann das Lied folgen oder auch wegbleiben.) ‘S ist eine Stimme fest und klar, Wie Morgenfrische heiter (oder „Morgenluft so heiter“); Nun durch die Spalten (Zweige) fliegen gar Maßlieben, Dold’ und Kräuter. Da wilder scharrt der Rappe, schwallt Am Dach der Funkenreigen, Und eine dunkle Nachtgestalt Scheint aus dem Schlot zu steigen. Und lockend (zitternd) schwankt (sucht) der Äpfel Schein Den Hagen zu berühren: Will Pluto hier am Blüthenrain Proserpina (oder „der Ceres Kind“) entführen?“ oder: „Will etwa Dis vom Blüthenrain Persephone entführen?“ Besser weiß ichs nicht zu machen; gefällts Ihnen nicht, so mag die Schmiede springen; denn die ersten Strophen allein werden Ihnen doch auch wohl gar zu fragmentarisch vorkommen? – Noch fällt mir ein, dass ich zweierlei an den Heidebildern ändern wollte und es vielleicht vergessen habe. Erstens in der Vogelhütte, wie er das Backwerk findet, würde da nicht besser „Brezel“ stehn? “Backwerk“ lautet so holprich. Dann beim Hirtenfeuer Str. 1: „Nur das rieselnde Rohr Neben der Schleuse wacht, Und an des Rades Speichen Schwellende Tropfen schleichen“ – begreift man da gleich, dass vom Mühlenrade die Rede ist, oder muss ich statt der “Schleuse“ lieber „Mühle“ setzen? Aber es macht sich nicht ganz so gut, da die Schleusen vorzugsweise mit Rohr umwachsen sind und dies dort so hübsch einsam flüstert. Machen Sie es, wie Sie wollen.
Meersburg, 6. Februar 1844





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