Briefe zum Schlagwort Bönninghausen



aus: 1846, Briefe an Werner von Droste, Meersburg

Wie hast Du, lieber Bruder, nur einen Augenblick denken können, ich sähe dein Bestreben, mich über meine Apprehensionen wegzubringen und dadurch meine Genesung zu beschleunigen, für einen Mangel an Teilnahme an! Nein, alter Junge, so verkehrt kann ich mein Lebtage nicht werden; ich sah deine Absicht recht gut ein, fand auch wohl, dass Du Mitleid mit meinen wirklichen Leiden hattest, obwohl Du sie für ungefährlicher hieltest als ich.

Ich bin denn nun hier in den Händen desselben geschickten Arztes, der Jenny so gut hergestellt und von dessen Arznei Mama bei ihrem letzten Herzklopfen große Linderung verspürt hat - zwei Dinge, die mir allerdings Zutrauen einflößen. Ich habe auch schon zwei Flaschen Medizindreck herunter, und mehrere fatale Umstände, z. B. das Fieber abends, die Nachtschweiße, sind bereits darnach verschwunden, und das allgemeine nervöse Unbehagen ist auch sehr gemildert. Der Doktor hat jetzt nur noch mit meiner Engbrüstigkeit, Husten, und Schleimandrang zu kämpfen, er sucht dieses mein Hauptübel durchaus nicht in der Lunge, sondern in einer beständigen Schwäche und bei jeder Gelegenheit eintretenden Entzündung der Schleimhäute, wozu dann noch Schwäche des Unterleibs und der Nerven käme. Auch die Milz scheint er (wie Bönninghausen und Grasso) im Spiel zu glauben, denn er griff gleich nach derselben Stelle und fragte, ob ein Druck dort mir weh tue, und als ich dies bejahte, sagte er auf meine Nachfrage, “dort liege die Milz”. Sonst aber spricht er mich von jedem örtlichen Übel frei.

Ich muss mich vorläufig sehr still halten und darf fast gar nicht an die Luft, beides, um die Luftröhre nicht zu reizen; später, wenn die Entzündung gehoben ist, soll ich mich allmählich an mehr Bewegung gewöhnen. Meine Magenschmerzen hatte mir der Eilwagen schon fast ganz fortgerüttelt, als ich in Bonn ankam, mir dagegen aber ein abscheuliches Kopfweh gebracht, woran ich acht Tage in Bonn festgelegen und viel ausgestanden habe. Ich konnte Dir, lieber Bruder, deshalb auch nicht schreiben, so gern ich gemocht hätte.

Als sich dieses zuletzt ziemlich verloren, machte ich voran. Der erste Tag bis Mainz war miserabel, ich hatte fortwährend Fieber, musste mich in Mainz die ganze Nacht erbrechen, und hätte ich nicht schon alle Karten bis Freiburg vorausgenommen gehabt, so würde ich sicher nach Bonn rückgekehrt sein, im Glauben, ich könne die Reise nicht machen. So aber reute mich mein Geld, und ich ließ mich in Gottes Namen voranrumpeln, was denn auch besser ging, als ich gedacht, da auf dem Dampfboot eine eigene Kajüte für Kranke mit ganz breiten Kanapees war, wo ich mich ausruhen konnte, so wie ich, folgenden Tages, auf der Eisenbahn, mit Hülfe eines gutes Trinkgeldes und der späten Jahrszeit, wo wenige mehr reisen, einen Waggon ganz für mich allein erhielt, wo ich mich auf einem Sitze für vier Personen ausstrecken konnte.

Die letzte Tour von Freiburg aus war zwar sehr beschwerlich, aber es war auch die letzte und in Meersburg das Bett für mich in der Spiegelei schon gemacht, da, sonderbarerweise, Jenny und Laßberg mich grade an diesem Tage erwartet hatten, obwohl ich ihnen nicht geschrieben. Ich fand Laßbergen ungemein wohl aussehend und munter, und auch Jennyn sieht man keine Spur ihrer Krankheit mehr an, so wie sie sich auch selbst ganz genesen fühlt. Mama sah aus wie immer und hatte auch ihr Herzklopfen in gleichem Grade, entschloss sich aber, mit mir zugleich jenen geschickten Arzt (den Brunnenarzt in Überlingen) zu beraten, wo ihr dann, bei dem letzten Anfalle, seine Medizin so wohl getan hat, dass schon nach vier Stunden alles vorüber war. Du kannst denken, wie glücklich sie ist, und wie froh wir alle! Wenn’s nur standhält! Der Arzt hält ihr Übel für gänzlich ungefährlich — rein nervös.

Wir haben hier eine schöne Weinernte gehabt, hätten aber fast das Doppelte haben können. Der Stadtrat (selbst lauter Rebenbesitzer) hatte nämlich aus übermäßiger Gierigkeit, um die Trauben zur möglichst höchsten Reife gelangen zu lassen, den Anfang der Lese fast um drei Wochen später als die Umgegend angesetzt, obwohl alle weißen Trauben schon überreif waren, und der erste Regentropfen sie zum Faulen bringen musste; so sind hier die weißen Trauben fuderweiß verfault. Da wir nun keine eigne Kelter haben, mussten wir uns mit in diese Unvernunft schicken. Ich hatte zudem das Unglück, beim Ziehen der Nummern, wie man nacheinander zum Keltern zugelassen wird, fast die letzte Nummer zu ziehen, bin somit noch über vierzehn Tage später als diejenigen, die den Anfang machten, und habe bedeutenden Schaden gelitten. Als meine Trauben noch alle gut und schon völlig reif waren, wurde der Ertrag von Sachverständigen auf 30 Ohm angeschlagen, 14 weißen und 16 roten, und zudem, sagte man, werde selbst der weiße Wein in diesem Jahre so delikat werden, dass ich ihn schon gleich von der Kelter würde für mindestens 35 Gulden verkaufen können, was dann allein 490 Gulden gebracht hätte. Stattdessen wurden meine weißen Stöcke wahre Moderhaufen - wo man nur hinrührte, flog weißer Staub auf, als wenn man einen Puffer zertritt. 7 Ohm gingen gänzlich verloren, 7 machte ich noch aus elenden halbfaulen Trauben, so schlecht, dass ich anderthalb Ohm von meinem prächtigen Roten musste dazwischenlaufen lassen, um ihn noch mit knapper Not zu 19 Gulden per Ohm zu verkaufen, so dass ich aus diesen 7 1/2 Ohm und den sämtlichen 40 Trebern nur die Summe von 171 Gulden gelöst habe.

Nun aber zu meinem Roten, dieser hatte nicht durch den Regen gelitten, da die Trauben damals noch nicht überreif waren, dagegen waren sie durch das nachfolgende lange Hängen nicht nur überreif, sondern ganz schrumpflich geworden, so dass sie beim Keltern statt 16 nur noch 12 1/2 Ohm Saft gaben, der aber in diesem Jahre der allerbeste in Meersburg gewachsene Wein ist, teils eben des späten Kelterns wegen, teils, weil ich die letzten 1 1/2 Ohm nicht dazwischen genommen, sondern zwischen den weißen habe laufen lassen, so dass mein sämtlicher roter Wein Vorlauf ist. Ich habe ihn aufgelegt in einem Fuderfass, und den übrigen Ohm zum Auffüllen daneben. Er ist so zuckerhaltig, dass sich an der Mostprobe gar kein Grad mehr zur Bezeichnung seiner Süßigkeit vorfand, und man sagt mir, in ein paar Jahren
müsste ich wenigstens 70 Gulden für den Ohm haben. Da hätte ich meine 700 Gulden in einmal wieder heraus! d.h. ich habe freilich nichts davon, aber es freut mich doch wenn das Rebgütchen etwas anwächst, weil es doch das einzige ist, was ich den hiesigen Kindern hinterlasse.

In Bonn habe ich niemanden gesehn außer Junkmann; Schücking ließ zu meiner großen Freude nichts von sich hören noch sehn, obwohl er in Köln war, und ein Artikel über “meine Ankunft und wahrscheinlich längeren Aufenthalt in Bonn” in seiner eignen Zeitung stand. Wegen meiner “Charakeristik” von seiner Hand, in Kinkels “Rheinischem Jahrbuche”, wovon dir Heinrich wird gesagt haben, habe ich nur erfahren, dass das ganze Buch bereits gedruckt und also nichts mehr daran zu ändern war, und mich dann nicht weiter darum bekümmert, denn obwohl ich voraussetze, dass die Charakteristik vorteilhaft für mich und eine persönliche Vergütung für die “Ritterbürtigen” sein soll, so hat sich doch Schücking als zu taktlos erwiesen, als dass ich nicht immer Verdruss fürchtete, wo er sich irgend um mich bekümmert.

NB. Du wirst von Bonn einen Verschlag mit drei Ölbildern erhalten, die zwei größeren und schöneren hat mir Professor Braun, der sie eben aus der Auktion der bedeutenden Schmitzischen Sammlung in Köln erstanden hatte, für einen Spottpreis überlassen, und das dritte, unbedeutendere (den Hexenmeister, der den Skorpion verbrennt) dazugeschenkt, hebe sie mir doch gut auf, und sage mir, wie sie Dir gefallen? Sulpice Boisseree, der jetzt in Bonn wohnt, fand sie gut.

Noch muss ich Dir sagen, dass unser lieber Heinrich auf dem Wege bis Bonn so vortrefflich für mich gesorgt hat, ich hätte es von einem eignen Sohne nicht besser erwarten können. Gott
wird auch die Verheißungen des vierten Gebotes an ihm in Erfüllung gehen lassen.
Adieu, liebster Werner

Meersburg, 24. Oktober 1846

aus: 1846, Briefe an Pauline von Droste, Meersburg

Ich wohne hier sehr angenehm, nach meinem Wunsche wiederum in einem der Türme, aber dieses mal durch einen gedeckten Säulengang mit dem Schlosse verbunden, mein Quartier ist ungemein hell und freundlich, und hat die Aussicht über den ganzen See. Ich komme auch selten heraus, außer zum Mittag- und Abendessen, Jenny und die Kinder aber oft zu mir.

Auf meine Gesundheit wirkt das Klima bereits sehr gut, meine Kopf- und Magenschmerzen sind verschwunden, nur mit dem Gehen sieht es noch pauvre aus, und dann habe ich seit meiner Ankunft einen argen Husten, wohl durch eigne Schuld, von wegen der Cabriölchen-Fahrt, im Staubregen und ohne Verdeck. So soll ich denn doch durchaus beim Apotheker in die Kost, und ein, wie man sagt, sehr berühmter Arzt des nur zwei Stunden entlegenen Bades Überlingen ist bereits hieher beschieden. Morgen oder übermorgen erwarten wir ihn. Was wird mein Homöopath sagen!

Wir haben hier eine köstliche Weinernte gehabt, doch habe ich bedeutenden Schaden erlitten - wir müssen uns nämlich, in Ermanglung einer eigenen Kelter, der Stadtkeltern bedienen, wo man nur nach gezogenen Nummern zugelassen wird; da habe ich dann eine der letzten Nummern gezogen, was den roten Trauben nicht schadete, die weißen aber waren schon vor drei Wochen überreif. So sind mir denn bei dem letzten Regenwetter (nach dem Ausspruche Sachverständiger) mindestens sieben Ohm weißen Weins total verregnet, und die sechs noch gewonnenen sind auch zumeist aus verdorbenen Trauben gepresst, und unter aller Kritik. Dagegen habe ich sechzehn Ohm roten geerntet, der sich darf sehn lassen, und in der Weinprobe neunzig Grad zieht. So werde ich doch in diesem Jahre trotz meines Schadens weit mehr lösen, als mich der Ankauf des ganzen Gütchens, Haus, Weinberg und Garten gekostet hat.

Wir sind hier von Besuchen überschwemmt, zumeist Gelehrte, die sich, bei Laßbergs hohem Alter, beeilen, noch von seiner Bibliothek zu profitieren. Ich bekomme davon nur zu sehen, was zu Tische oder über Nacht bleibt, alle andern Glorien ziehen an meinem Turme vorüber, ohne sich mir durch ihren Abglanz zu verraten. NB. Es wird dich meinetwegen doch freuen zu hören, dass Laßberg, Gott weiß durch welchen Impuls, meine Freundin, die Salm, jetzt ebensosehr in Affektion genommen hat als sie ihm früher fatal war; er lässt alles liegen und stehn, wenn sie kömmt, und nimmt sie dermaßen in Beschlag, dass ein anderer kaum mit ihr zu Worte kommen kann. Du kannst denken wie froh ich darüber bin, jede Woche ein Tag des Verdrusses und der Peinlichkeit war mir eine gräuliche Aussicht!

Nun, liebstes Päulchen, bitte ich Dich, unserm Freunde Braun nebst meinen herzlichsten Grüßen doch zu sagen, dass, falls die Mertensche Auktion noch nicht stattgefunden habe, ich doch für das bewusste kleine Büchelchen wohl bedeutend mehr geben möchte als zwei Taler, - d. h. wenn es es wert ist, weshalb ich den Herrn Professor bitte es vorher anzusehn. Meine allmählich etwas unklar gewordenen Erinnerungen datieren von anno 25, wo ich freilich noch blutwenig gesehn hatte und leicht etwas überschätzen mochte, aber in meinen Gedanken steht es wunderniedlich da, und ich habe es mir so oft gewünscht, dass ich es nun ungern möchte fahren lassen. Findet der Professor es wirklich preiswürdig, so will ich wohl vier, auch wohl fünf Taler geben - oder auch darüber, soweit es preiswürdig gefunden wird — nur nicht etwa 12 oder 14 Taler, denn mich dünkt, so viel kann es doch nicht wert sein; und zudem muss ich in diesem Jahre sehr mit meinem Geldbeutel Rat nehmen, da der Ertrag des Weinbergs, wie Du weißt, mich um keinen Heller reicher macht.

Und nun, liebstes Herz, adieu - nochmals 1000 Dank für alle Liebe und Freundlichkeit, die ich in Deinem Hause genossen habe, Mama, Jenny, Laßberg grüßen aufs Herzlichste; und die beiden Letzteren wünschen nichts mehr als Euch Lieben einmal auf längere Zeit bewirten zu können, welche Freude Ihr Ihnen, bei der projektierten italienischen Reise, ja auch leicht machen könnt. Komm ja! liebes Herz! Ich bin dann noch hier und profitiere auch noch von dem lieben Besuche mit.

Meersburg, 14. Oktober 1846

aus: 1846, Briefe an Jenny von Laßberg, Rüschhaus

Seit ich zuerst deinen und dann der lieben Mama Brief erhielt, hat es mir wie ein Stein auf dem Herzen gelegen, dass ich antworten müsste, und habe es doch nicht gekonnt, denn ich bin tüchtig krank gewesen und hatte noch dazu meinen Homöopathen nicht, der auf längere Zeit verreist war. Jetzt ist er seit 14 Tagen da, und sein erstes Pulver hat mir wieder wunderbar gut getan. Gestern habe ich das zweite genommen, was mich tüchtig angreift, ich denke, desto besser wirkt es nachher!

Liebe Jenny! Du schmähst mich so aus, und es war doch wirklich nicht unvernünftig, dass ich hier blieb, da ich recht gut fühlte, was mir in den Gliedern lag. Glaub nur, ich habe eine tüchtige Tour abgemacht in diesen fünf Wochen, fast so arg wie damals (anno 29) in Münster, und was hätte ich nun ohne Bönninghausen anfangen sollen, da ich schon so unglücklich darüber war, dass ich ihn nicht gleich haben konnte!

Dies ist das erste Mal. dass ich einen so starken Anfall so mutterseelenallein abgemacht habe, und es ist doch auch gegangen! Bönninghausen ist doch der einzige der mir helfen kann. Gleich nach dem einen Pulver habe ich das Fieberhafte ganz verloren und Appetit und Schlaf bekommen. Wäre ich nur den Schleim aus dem Halse los und könnte wieder gehen, dann wäre ich hergestellt. Ich zweifle aber nicht, dass das auch bald nachkommen wird.

Die Ruhe tut auch viel! Du glaubst nicht, wie still ich hier lebe. Niemand weiß recht, ob ich hier oder in Hülshoff bin, und so bleibe ich ganz ungestört, was mir sehr recht ist, denn wenn man krank ist, kann man sich nicht damit abracken die Honneurs zu machen.

Die Hülshoffer Kinder waren einmal hier, öfter nicht, denn ich habe ihnen alle meine Stachelbeeren nach und nach geschickt. Werner war zweimal zu Wagen hier, gestern das letzte Mal. Er war sehr freundlich und sah gut aus. Wegen seines Knies geben die Ärzte die beste Hoffnung, und auch Joseph Droste hat zur Luise Stapel gesagt, diese spanische Fliegenkur sei die einzige durchgreifende für diesen Fall, und wenn sie anfange sich wirksam zu erzeigen, so helfe sie auch ganz und für immer. Nun ist Werner offenbar schon um vieles besser, obwohl ich ihn mir freilich schon gelenkiger gedacht hatte, als ich ihn gestern fand; aber er muss noch immer den Fuß an einigen Stellen offen halten, so tut es ihm noch weh, wenn er resolut auftritt, und dies soll er auch nicht, sondern ihn schonen; so weiß er denn selbst nicht recht, wie es mit seinen Kräften und seiner Gelenkigkeit steht; aber sehr viel besser wie früher, das fühlt er doch deutlich. In ein Bad ging er gern, und hat die Ärzte schon mehrmahls darum befragt, aber sie wollen es alle nicht, der eine so wenig wie der andre. Übrigens ist es auch nicht die Gicht, die den Zustand des Knies verursacht (obwohl sich auch diese dazu geworfen hat), sondern die Kniescheibe ist ihm durch den Fall locker geworden, und es hat sich Wasser dazwischen gesetzt, weshalb sie sich nicht wieder anlegen kann, und eben dieses Wasser wird durch die Fliegenpflaster herausgezogen.

Sobald ich besser bin, gehe ich zu ihm; meine Gesellschaft braucht er freilich nicht mehr, denn er wird von Besuchen überschwemmt, aber ich kann ihm doch zur Hand gehn, da er sich gewiss noch eine gute Weile wird schonen müssen; denn wenn alles Wasser auch fort ist, muss die Kniescheibe doch erst wieder fest werden, ehe er den Fuß brauchen darf wie vorher. Er reitet jetzt täglich und fühlt sich seitdem sonst wohl.

Rüschhaus, 7. August 1846

aus: 1846, Briefe an Elise Rüdiger, Rüschhaus

Jetzt müssen Sie doch wohl wieder zu Hause sein. Ich bin richtig hier geblieben, im strengsten Inkognito, was auch höchst nötig war, denn ich bin schändlich krank geworden. Vorher hatte ich nicht Zeit dazu, aber jetzt habe ich ein ganzes Jahr voll Kummer, Sorge und Ärger nachzahlen müssen. Zudem war mein Homöopath verreist, ist erst vor einigen Tagen rückgekehrt, und ich habe mich solange allein durchgebissen - ganz heimlich, besonders vor den Hülshoffern, um den Klövekorns, Wörlitzens et cet. zu entgehn. Schade, dass der Bönninghausen eine Frau hat, er würde mich sonst gewiss nehmen, wenn nur ein Funken Dankbarkeit und Edelmut in ihm ist. Jetzt aber wird niemand nehmen und hat genommen als ich - nämlich vorgestern das erste Pülverchen, und die Beklemmungen haben danach schon so bedeutend nachgelassen, dass ich heute unternehme, Ihnen zu schreiben.

Aber was? Das mögen die Götter voraus wissen, aber ich nicht; hier ist der Welt Ende, und ich werde von dem, was weiter als 1000 Schritte von meinem Kanapee passiert, nicht mehr gewahr, wie die Heroen im Elisium von der Oberwelt. …

Von meiner lieben Mama habe ich vor einigen Tagen die ersten Zeilen erhalten; nur wenige, denn sie hatte gerade ihr Herzklopfen gehabt, aber mir doch ganz beruhigende, da sie glücklich übergekommen und, wie mir scheint, sehr kregel und mit allem in Meersburg aufgeschickt ist. Doch das ist sie ja immer! Jenny hat nicht nur das Glück, entschieden ihr Lieblingskind zu sein, sondern auch die kleinen Mädchen gehen ihr bei den Hülshoffer Enkeln weit, weit vor! Es ist natürlich, sie kann dort miterziehen und sich an der Entwicklung kleiner Talente freuen, die bei den Hülshoffern entweder nicht vorhanden oder wenigstens ganz außer ihrem Bereiche sind.

Laßbergs waren bei ihrer Ankunft nicht in Meersburg, sondern im Bade zu Überlingen. Wir wussten dies voraus. Jenny hatte es geschrieben, aber Mama mochte ihre Reise deshalb nicht aufschieben, da einmal alles gepackt und auf dem Sprunge war; so hat es in Überlingen (was auf dem Wege liegt) eine Überraschung gegeben, halb freudig, halb auch nicht, da die gute Jenny sehr betrübt über mein Ausbleiben gewesen ist. Sie hat mir so herzlich und wirklich bekümmert darüber geschrieben, dass ich ganz in Reue zerfließen würde, träte mein Befinden nicht zu siegreich dagegen auf, aber nun danke ich Gott, dass ich hier bin.

Mein Mütterchen hat bis Freiburg auch nicht die mindeste Ermüdung von der Reise gespürt, wodurch ihr der Kamm so gewachsen ist, dass sie den Hauderer an den Nagel gehängt und, um schneller überzukommen, sich der Schnellpost anvertraut hat; den Tag durchgefahren bis nachts 12 Uhr; dann bis drei in einer Passagierstube gesessen, die voll rauchender Herren gewesen ist; und endlich doch angeführt, denn in Stockach blieb die Post am hellen Tage liegen, und Mama nahm, um doch wenigstens ein verkümmertes Röschen von diesem Dornenstrauch zu brechen, Extrapost, und erreichte so wirklich ihren Zweck; aber sehr degoutiert und todmüde.

Laßbergen hat sie sehr wohl aussehend gefunden, Jenny aber an einem hartnäckigen Husten leidend, mit handgroßer spanischer Fliege auf der Brust, doch gottlob bereits auf der Besserung, doch noch elend aussehend. Sie ist mitgefahren nach Meersburg auf einige Stunden, solange der Postillon sich ausruhte, dann aber nach Überlingen zurück, und Mama hat zehn Tage lang das alte Schloss allein beherrscht; ich glaube zu ihrem großen Behagen, da ihr vorerst Ruhe das Nötigste und das Wiedersehn einiger geschätzen Bekannten sehr erwünscht war, und Laßbergs quecksilberne Natur hätte sie zu beidem so bald nicht kommen lassen.

Jetzt sind alle wieder beisammen, Jenny ordentlich unter Arztes Händen und daher auch wohler. Sie und Ihre liebe Reisegesellschaft wurden noch immer erwartet, obwohl mit sehr abnehmender Hoffnung. Ich hatte es mir wohl gedacht, dass Sie nicht hingehen würden, Sie hatten so keinen Appetit dazu. Nun! Da ich nicht dort bin, ist’s mir ziemlich einerlei, wiewohl ich Laßbergs doch die Freude gegönnt hätte.

Meines Bruders Fuß ist besser, aber erst nach einer harten Kur mit immer neu aufgelegten und wieder abgerissenen Fliegenpflastern über das ganze Bein, ein dreiwöchiger Lazaruszustand ohne Schlaf mit höchster Nervenüberreizung; aber, wie man behauptet, eine Radikalkur! Gott gebe es! Bis jetzt geht er noch am Stocke - freilich, ein gutes Avancement vom festen Bettliegen, aber doch noch lange keine Heilung!

Lieb Herz! Es lautet schändlich Ihnen gegenüber, aber ich werde wahrlich aufhören müssen zu schreiben aus Mangel an Stoff. Sie können sich die Tiefe meiner Verschollenheit gar nicht denken! Kein Brief (der von Mama der einzige), kein neues Buch, keine Zeitung, kein Besuch, auch keine mündliche Nachrichten, da ich die Bückersche nirgends hinschicke und, was Hülshoff anbelangt, so habe ich Werner noch zuletzt meiner Mutter leise sagen hören: “Man muss ihr mal ganz ihren Willen lassen - die allertiefste Einsamkeit - das ist eine fixe Idee - da lässt sich nichts dagegen machen, sie wird es schon bald müde werden und zu uns kommen!” Da hat er freilich nebenhergeschossen, meine Einsamkeit ist mir täglich lieber; aber Wort gehalten hat er, Hülshoff ist für mich wie gar nicht vorhanden, und leitete ich mir nicht durch Nebenquellen Nachrichten von seinem und der Seinigen Befinden zu, so könnten dort Mirakel geschehen, ohne dass ich es gewahr würde.

Vorgestern schickte ich Hermann mit Mamas Brief hin, schrieb auch einige unbefangene Zeilen dazu, und es hat mich sehr gerührt, wie er ihm durchs Fenster entgegengerufen hat: “Hermann, hieher! Will meine Schwester kommen? Wann soll ich sie abholen?” Es ist ein gutes Blut! Ach, ich werde nicht mehr so gar lange zögern dürfen! Ich werde in den greulichen Kinderlärm, in den jetzt endlosen Besuchstrain hinein müssen, wenn ich ihn nicht mehr kränken will, als ich vor meinem Gewissen verantworten kann! Aber jetzt mag ich noch nicht, ich muss erst ganz wiederhergestellt sein, d. h. bis auf den Punkt, über den ich wohl leider nie mehr hinauskomme.

Und es ist noch so schön hier! Wenn die rote Sonnenkugel in den Eichen steht, denken Sie daran? Ich liege jetzt jeden Nachmittag auf der Harfe (morgens steht die Sonne auf der Treppe), lese eine Menge älterer Bücher, Geschichtswerke, lateinische Klassiker, die sich seit zwanzig Jahren in dem unzugänglichen Schrank über dem Flügel braun und gelb geärgert haben; und es ist mir noch nie so klar geworden, wie die Menschen sich zu allen Zeiten so gleich gewesen sind, und namentlich die Verschiedenheit der Stände schon vor 1800 - 2000 Jahren ganz dieselben Ansichten und Gesinnungen mit sich geführt hat. Ich bin jetzt eben in dem vertrauten Briefwechsel Ciceros - welche Moquerie! welche durchtriebenen Intrigen! und welche ungemeine Höflichkeit und Feinheit des Takts! Und welches scharmante Entgegenkommen und gegenseitige heimliche Verachtung der Geld- und Geburtsaristokratie! Sie dürfen nur das Alleräußerlichste und Nichtsbedeutendste ändern - statt Toga “Frack” - statt Senat “Parlament” - statt Sklaven “Domestiken” setzen, und Sie haben (soweit es den herrschenden Ton anbetrifft) Memoiren aus jeder beliebigen überfeinerten, verderbten Zeit. Man muss sich erst hineinlesen und allerdings die Kenntnis einer Anzahl kleinerer Beziehungen (gesetzliche und gebräuchliche) zu eigen machen, aber sobald man vollkommen au fait ist, gibt es kaum eine anziehendere Lektüre.

Mag ich nicht mehr lesen, so zeichne ich, d. h. ordentlich, ausgearbeitet, obwohl freilich noch fehlerhaft genug, aber doch mitunter Skizzen, die mir selbst Spaß machen. So gehen die wenigen Stunden, wo ich etwas unternehmen kann, pfeilschnell hin, und in den übrigen muss mir natürlich Ruhe und Alleinsein doppelt lieb sein. Sähe ich dieser Lebensweise, die mich so zufrieden macht, wie es bei entschiedenem Übelbefinden irgend möglich ist, Dauer an, so würde ich mir durch Einschreiben in die Leihbibliothek noch eine große Ressource eröffnen, käme vielleicht, wenn die begonnene Besserung fortschreitet, bald wieder dahin, selbst etwas schreiben zu können, aber - wozu Luftschlösser bauen! Vielleicht ist mein nächster Brief schon von Hülshoff!

Bitte, lieb Lies, teilen Sie niemanden diesen Brief mit! Fürs erste ist es ja ein Geheimnis, dass ich hier bin, und dann auch um meines Bruders willen, der mir sein Haus so freundlich öffnet und es nicht um mich verdient, wie ich es noch in der Welt umherschreibe, wie ich lieber hier bin. …

Wissen Sie wohl, lieb Herz, dass ich bereits viel, viel zu lange geschrieben habe? und mir die Brust geht wie ein kochender Topf? Das Lies verführt mich immer zu Ausschweifungen. Ich will nur ein paar Worte schreiben, aber es wird immer ein langer Brief. Wären Sie hier, da hätte ich es wohlfeiler! NB. was meinen Sie, wenn ich mich im Frühjahr wieder hieher machte, und Sie kämen dann zweisiedeln? Es ist ein köstlicher Gedanke und, wie mich dünkt, ganz ausführbar, wenn Sie es nur jetzt schon darauf anlegen. Antworten Sie mir doch hierauf, dann baue ich auch schon den Winter durch vor. Adieu! 1000 Küsse für Sie, und einen schönen Gruß für Rüdiger! Ihre treue Nette

Rüschhaus, 30. Juli 1846

aus: 1846, Briefe an Karl von Haxthausen, Rüschhaus

… ich gehe nicht mit nach Meersburg, so äußerst fatal es mir auch ist, Mama allein mit Marie reisen zu lassen, aber ich kann nicht, und Mama will es deshalb auch nicht. Ich bin krank, obwohl wenig leidend, weniger als sonst, aber es sind Umstände da, die durchaus beseitigt werden müssen. Ich kann z. B. gar nicht gehn, nicht zweimal unsern kleinen Garten entlang, ohne dass mir das Blut dermaßen zu Kopfe steigt, dass ich zu ersticken meine, und Fahren geht auch nicht viel besser, eine Stunde Weges (z. B. von hier bis Hülshoff) ist hinlänglich, dass ich mich dann gleich zu Bette legen muss und die ganze Nacht wie im Fieber liege.

Ich habe wohl schon lange gemerkt, dass ich nicht reisen konnte, mochte es aber nicht sagen, und Mama merkte es auch, und mochte es ebenfalls nicht sagen, damit ich nicht denken sollte, sie wünsche meine Begleitung nicht, bis wir neulich in Hülshoff den armen Werner so sehr leidend an seinem Knie fanden, und, leider, leider! mit sehr geringer Aussicht auf völlige Herstellung, dabei so niedergeschlagen und apprehensiv, und so ganz ohne Aufheiterung (da Line den ganzen Tag über ihre Geschäfte hat), dass die Sache dort von allen Seiten zur Sprache kam und ausgemacht wurde, dass ich statt nach Meersburg zu ihm nach Hülshoff gehn solle, um ihm, wo möglich, die Grillen etwas zu vertreiben, und zugleich selbst eine ordentliche homöopathische Kur zu unternehmen, da in Meersburg kein Homöopath ist. Ich sah wohl ein, dass die andern Recht hatten, und dass ich auch sonst wahrscheinlich auf der ersten Tagereise liegen bleiben würde. So ist es denn ausgemacht, obwohl mir sehr hart, dass ich Mama am 30ten allein muss abreisen lassen, indessen sehe ich deutlich, dass ihr damit ein Stein vom Herzen gefallen ist, und sie nicht gewußt hat wie sie mich heil überbringen sollte. Sitze ich übrigens (wie jetzt eben) auf meinem Kanapee, so tut mir auch kein Finger weh, und ich hoffe deshalb, Bönninghausen wird mich schon wieder zurecht flicken.

Rüschhaus, 26. Juni 1846