Briefe zum Schlagwort Cotta



aus: 1844, Briefe an Elise Rüdiger, Meersburg

Nun hören Sie: Schücking und Frau kommen zu uns, und zwar auf drei Wochen. Sie kennen nun Laßbergen und seine Abneigung vor aller Unruhe und Getreibe zu gut, als dass ich weitläufiger zu erörtern brauchte, wie fatal und jeden einzelnen beengend das Zusammentreffen beider Besuche sein würde. Ich schrieb deshalb sogleich an Schücking, dass er seinen Urlaub danach einrichten oder, wenn dies nicht in seiner Macht stehe, den Anfang und die Dauer desselben mir genau angeben müßte, damit Sie und die Tante danach Ihre Abreise bestimmen könnten. Sie denken wohl, dies sei eine etwas epineuse Aufgabe gewesen? (für mich nämlich). Keineswegs. Schücking kennt Laßbergen, seine trotz aller Herzlichkeit förmliche Höflichkeit und seine innerliche Beängstigung, wenn er vielen genugtun soll, wo er sich jedem einzelnen widmen möchte, zu gut. Mama und Jenny waren ganz meiner Meinung, ich schrieb in ihrem Namen mit; so machte sich die Sache so unanstößig und harmlos wie möglich. Ich drang auf Antwort mit umgehender Post, um auch Ihnen Zeit zu lassen, Ihre Einrichtungen zu treffen, zeigte zugleich Unruhe wegen meines Geschäfts mit Cotta, da die Ostermesse herannahe und weder Annoncen noch Probegedichte erschienen. Trotz aller dieser Reizmittel keine Antwort! (und Augsburg ist nur 35 Stunden von hier!)

Nach zehn Tagen schrieb ich wieder, diesmal dringender: alles stumm! Nach zehn Tagen nochmals, und jetzt wirklich höchst beängstigt, da ich mir Sch[ücking] völlig mit Cotta zerfallen, vielleicht gar nicht mehr in Augsburg, sondern in irgendeinem dunklen Winkel am Hungertuche nagend und zu stolz, mir dies zu schreiben, dachte. Jetzt kam wirklich Antwort mit umgehender Post (gestern abend): Schücking und Frau sind verreist gewesen, nach München, waren erst vor einigen Stunden zurückgekehrt, und hatten mein Regiment Briefe nebeneinander aufmarschiert gefunden.

Er schreibt allerlei; über ihren Besuch diese Worte: “Wir werden pünktlich am ersten Mai in Meersburg eintreffen und ebenso pünktlich am 23. abreisen, und zwar nach Venedig, um dort Seebäder zu gebrauchen, Ihre Damen müßten also vorher oder nachher kommen.” …

Ich habe seit drei Monaten viele Briefe von Sch[ücking] erhalten - oder von seiner Frau, wenn Sie wollen; denn sie schreibt immer die Hälfte davon und diktiert noch einen Teil des übrigen, wo es immer um die dritte Zeile heißt, “meine Frau sagt” oder “meine Luise will, dass ich Ihnen schreibe et cet.” Es ist auch offenbar, dass sie alle an ihn kommenden Briefe liest, wahrscheinlich sogar auf seinen Wunsch in seiner Abwesenheit erbricht. So richte ich denn die meinigen für beide ein, rede sogar abwechselnd beide an, um ihr nicht extra schreiben zu müssen. Indessen traue ich ihr nicht recht, ihre Worte gegen mich sind lauter Liebe, sogar Demut, aber dennoch fühle ich etas Gezwungenes und versteckt Pikiertes zuweilen heraus, namentlich, wenn ich etwas von Sch[ücking] nicht übermäßig gelobt habe. Neulich z.B. schrieb Sch[ücking] mir, er werde sich fortan aufs Drama legen, und habe ein Trauerspiel “Günther von Schwarzburg” unter der Feder. Ich riet ihm davon ab, da ich nach den früheren Proben sein Talent fürs Drama für weit weniger ausgemacht halte, als zur Poesie und erzählendem Stile. Darauf schreibt sie ziemlich spitz: “Levins ‘Günther’ ist fertig und trotz Ihrer traurigen Prophezeiungen doch ein gutes Stück.” Und ein andres Mal, was mich wirklich arg enttäuscht hat, zuerst eine ganze Seite voll Weihrauchqualm: sie sei ganz berauscht von Entzücken! So habe noch niemand geschrieben! Ich sei bestimmt, der Stolz meines ganzen Geschlechts zu werden! et cet. - und nun auf der andern Seite, von Levins Hand, eine Menge Stellen meiner Gedichte, die ihm schon früher bekannt und sehr lieb waren, und die er nun mit einer Ängstlichkeit verändert wünscht, dass man sieht, wie sie ihm jemand fatal und lächerlich gemacht hat, und dann als Nachsatz: “Mein Luischen kömmt eben herein und will sich wohl totlachen, dass ich Sie noch erst um Erlaubnis frage; sie meint, ‘alles das, was ich abgeändert wünsche, seien ja lauter Unmöglichkeiten!, und ich hätte zu Ihrem eigenen Besten frisch draufloskorrigieren sollen, ohne Sie lange zu fragen; sie wolle mir noh eine Menge anderer Unmöglichkeiten zeigen et cet.” Was sagen Sie dazu? Ist das nicht echt Bornstedtisch?

Ich habe nichts hierauf geantwortet (d.h. auf den Nachsatz), fürchte aber, das Stückchen lange nicht zu vergessen, nicht der Beleidigung halber, sondern weil ich besorge, einen tiefen unglücklichen Blick in ihren Charakter getan zu haben. Sch[ücking] liegt übrigens total zu ihren Füßen, man sieht, dass jedermann (wie natürlich) sie ihm anlobt; er hält sie für die glänzendste, die begabteste, die schönste Frau Deutschlands, schwimmt in Glück und tut nicht wenig dick damit, dass sie so mit Bewunderern gesegnet sei, zu denen auch Kolb gehöre.

Mich hat sie indessen noch nicht bei ihm zugrunde richten können. …

Ich wüßte übrigens nicht, wie ich, wenigstens für meine Gedichte, je mehr erwarten könnte, als ich bereits erhalte. Cotta gibt mir für die erste Auflage von 1500 Exemplaren hundert Louisdor und hat sich fast verbindlich gemacht (wenigstens ganz ungefordert die Aussicht gestellt), für jede neue Auflage das Doppelte zu geben - also 1000 Taler. Mehr kann ich doch unmöglich erwarten! … reden Sie in Stuttgart gegen niemanden von meinen Gedichten, am wenigstens von dem Honorar. Die ersten könnten durchfallen, und ich würde dann mit meinen Erwartungen, selbst in Ihrem Munde, lächerlich; das letzte (Honorar) darf aus doppelten Grunde nicht besprochen werden; das bereits zugesagte, weil Cotta andern viel weniger gibt (selbst Lenau und Uhland für die ersten Auflagen kaum über die Hälfte), somit gewiss ein Geheimnis daraus zu machen wünscht, dessen Ausplauderung mit dem größten Schaden auf mich zurückfallen würde. Das künftig zu hoffende, weil Cotta es mir nicht zugesagt hat, sondern nur geschrieben, er pflege in solchen Fällen (bei Schriftstellern, die er mir gleichstelle) bei der zweiten Auflage das Doppelte zu geben. Dies ist keine Zusage, obwohl (da er diese Äußerung ganz unaufgefordert getan hat) eine stark begründete Aussicht, und die gewöhnlichste Diskretion fordert von mir, dass ich darüber schweige, bis sich die Sache realisiert; vor allem in Stuttgart, wo Cotta selbst wohnt und mit ihm eine Masse Dichter, denen er nicht das gleiche zu geben willens ist.

Um von diesem Gegenstande abzukommen, sage ich Ihnen nur noch, dass die Gedichte allerdings zur Ostermesse, die erst am 2ten März ist, herauskommen; dass Sch[ücking] Cotta gebeten hat, sie in Augsburg drucken zu lassen, um die Korrektur besorgen zu können; dass Cotta darauf erwidert, seine Dampfpresse dort drucke nicht schön genug, und er wünsche dem Buche die möglichst beste Ausstattung zu geben, doch sei ihm Sch[ücking]s letzte Revision sehr erwünscht, weshalb alle Probebogen ihm portofrei zukommen würden; dass Sch[ücking] bereits den 14ten Bogen erhalten hatte und mir die fünf ersten schickt, die leider (wie wird sie dies verteuern!) wie Prachtausgabe sind, mit schönen Typen aufs allerfeinste Velinpapier gedruckt; dass ich nur ein paar Freiexemplare erhalte; dass der Kontrakt nur für diese Auflage bindet und bei der zweiten ein neuer gemacht werden muss, Cottas verdoppeltes Honorar also nur ein vorläufiger Wink ist, damit ich mich nicht anderwärts engagiere, während er doch nicht dadurch gebunden wird. - Daß die Anzeige erst erscheint, wenn der Druck vollendet ist (dann auch wohl Probegedichte denke ich mir) - und endlich, dass jene vermeintlich Ginetsische Rezension von Freiligrath eingeschickt ist ohne Levins Vorwissen, wie es scheint, aber doch gewiss aus Freundschaft für dessen Freundin, und dass weder Sch[ücking] noch seine Frau mich rezensieren werden, und nun ist’s über und über Zeit hiervon abzubrechen.

Meersburg, 1. April 1844

aus: 1844, Briefe an Levin Schücking, Meersburg

Warum lassen Sie mich so ganz ohne Nachricht? Sollte mein Brief an Ihre liebe Frau vom Ende Februar oder Anfange März – ich notiere leider dergleichen nie – der doch so vieles der Antwort Benötigte enthielt, verloren gegangen sein?

Ihr Schweigen beunruhigt mich ungemein; es ist mir wahrhaftig, als wären Sie tot oder doch nicht mehr in Augsburg oder mindestens ganz aus allen Geschäften mit Cotta geschieden. Ihre Chiffre ist seit lange aus den Beilagen zur Allgemeinen verschwunden, die Ihres Vaters ebenfalls, die Erzählung Ihrer Frau läßt sich auch vergebens im “Morgenblatt” erwarten, sowie eine Annonce oder Probegedichte, die das Fortrücken meiner eignen Angelegenheit zeigten: Alles gleich tot und stumm, während die Ostermesse vor der Hand ist! Sollten Sie in Differenzen mit Cotta geraten sein, welche die Zurücknahme meines Manuskripts oder gar das Aufgeben Ihrer Stellung oder beides zur Folge gehabt hätten? Jedenfalls muss ich doch dringend wünschen, davon benachrichtigt zu werden, und will Gott tausendmal danken, wenn die Unannehmlichkeit mein Manuskript allein betroffen hat. Schreiben Sie also nur frisch von der Leber weg; schlimmer, wie ich es mir denke, stehts doch schwerlich, und leicht besser.

Noch eins veranlaßt mich, auf schleunige Antwort zu dringen, Ihr lieber uns angekündigter Besuch, über den einige Verabredungen nötig geworden sind, um nicht mit einem andern Besuche zu karambolieren, der uns die ganze Freude verderben würde. Das Fräulein Minna v. Ochs aus Kassel hat nämlich in den nächsten Monaten eine Rheinreise vor, und ihre Nichte aus Münster, die Rätin R[üdiger], die sie begleitet, hat ihr zugeredet, dieselbe bis Meersburg auszudehnen, wo sie einige – ich denke etwa acht – Tage bleiben und dann die Rückreise antreten werden. Letztere schreibt mir hierüber, der Plan stehe fest, den Zeitpunkt aber möge ich bestimmen, wie er Laßbergen am bequemsten und mir am passendsten sei, um mich einer Rigi-Tour anzuschließen, bei der sie ganz sicher auf meine Gesellschaft rechneten; am Liebsten würden sie kurz vor unserer Rückreise eintreffen, um diese gemeinschaftlich mit uns zu machen et cet.”

Ich brauche Ihnen nicht auseinander zu setzen, lieber Levin, wie durchaus fatal und alles verderbend das Zusammentreffen beider Besuche sein würde; mich wenigstens würde es höllenmäßiger Laune machen und keins der andern guter. Mit einem Worte: es geht gar nicht. Die beiden Damen ahnden nichts von der Lage der Dinge, und ein Wink von mir würde allerdings hinreichen, den Plan in seine früheren Schranken zurückzuführen, wozu ich mich aber um so weniger entschließen kann, da beide sich eine große Freude dabei denken. Können Sie mir nun, genau und unabänderlich, feststellen, wann und auf wie lange wir Sie hier erwarten dürfen, so bestelle ich meine Damen vor oder nachher. Steht dies nicht in Ihrer Macht, so muss – Laßberg wird alt und schwach, ein lieber Besuch ist ihm sehr lieb, aber alles, was an Getreibe grenzt, macht ihn durchaus konfus und unglücklich – jener Wink gegeben werden, was am Ende auch nicht so viel ausmacht, da den beiden doch immer eine schöne Rheinreise, wahrscheinlich dann vermehrt durch eine Mosel- oder Neckarfahrt oder einen Ausflug nach Brüssel, bleibt. Nur Antwort muss ich sogleich haben, denn ich bin selbst um schleunige Antwort angegangen.

Unsre Rückreise wird wohl im Juni stattfinden – ist wenigstens vorläufig so festgestellt – sich aber jedenfalls nach Zeitpunkt und Dauer Ihres Aufenthalts modifizieren. Die Damen sprechen von April oder Mai, weil sie sich dann die Zeit unsrer Rückreise denken; das scheint aber der einzige Grund und ihnen sonst jeder Monat gleich zu sein. Antworten Sie mir doch sogleich, liebster Levin, und zwar so, dass ich mit Sicherheit danach handeln kann; doch dies hätte ich nicht zweimal sagen dürfen, da Ihnen alle hierbei zu berücksichtigenden Umstände und Stimmungen ja eben so bekannt sind als mir. …

Ich habe schon ein halbes Dutzend Gedichte liegen fürs “Morgenblatt”; vide den Brief an Frau Luise, der überhaupt bei Ihrer Antwort zur Hand genommen werden muss. Vergessen Sie nur nicht übers Letzte das Erste, nämlich mir wegen des Manuskripts zu antworten, und sein Sie vor allem, ich bitte aufs Herzlichste darum, ganz offen gegen mich hinsichtlich Ihrer Stellung zu Cotta.

Meersburg, 24. März 1844

aus: 1844, Briefe an Luise Schücking, Meersburg

Zum ersten Male, meine liebe junge Freundin, setze ich mich mal recht fest hin, um Ihnen in Ruhe zu schreiben; dieser Brief gilt natürlich für Levin mit, aber Sie sind es doch, an die ich meine Gedanken eigentlich richte, und Ihre Augen, groß, klar und freundlich, wie ich sie mir denke, sehen mich an, während ich zu Ihnen rede. Es ist etwas Seltsames um einen vertrauten Briefwechsel, ohne sich persönlich zu kennen, etwas höchst Reizendes und doch wieder Beklemmendes, da selbst die glücklichste Phantasie uns grade über die feinsten und reizbarsten Seiten des andern nichts sagen kann. Sie haben’s darin besser wie ich: Levin kennt mich sehr genau, weiß immer im voraus, was ich denken werde, und errät vielleicht aus einem halben Worte mehr, als ich mir selbst klar bewußt war; ich hingegen bin ganz mir selbst überlassen und einer Phantasie, die mich vielleicht irreführt. Nur eins steht fest, liebe Luise, dass ich den wärmsten Wunsch und Willen habe, ein möglichst nahes, liebes Verhältnis unter uns zu begründen; Sie haben dies ja auch; was wollen wir mehr für den Anfang?

Daß Ihr beiden Leutchen reich werden wollt, ist prächtig, und mehr als die Hälfte des Wegs dazu; kennen Sie das spanische Sprichwort, dass jeder Papst werden kann, der einen festen Willen dazu hat? …

Daß Cottas Generösetät mich höchlichst überrascht und gefreut hat, können Sie denken; ich würde mich außerordentlich darüber freuen, wenn ich nicht fürchtete, Levin habe mir zu seinem eignen Nachteile genutzt. Ach, Louise, Cotta ist verdrießlich, sehr verdrießlich! Die Worte: “Ziehen Sie aber vor, den Kontrakt ganz aufzuheben, so steht dies auch zu Dienst” sind mir schwer aufs Herz gefallen. Was helfen mir alle Vorteile, wenn es dem armen Jungen nachher heimkömmt! Geschäftsleute pflegen zwar zumeist auf Brauchbarkeit zu sehn, ohne sich viel mit Sympathien und Antipathien abzugeben; aber ich sehe aus dem Briefe, dass Levin selbst mit Cotta in Unterhandlungen wegen des “Günthers” steht, und da, fürchte ich, behandelt dieser ihn fortan wie einen hartnäckigen Forderer, dem man sich entgegen stemmen und ihn vor allem nicht verwöhnen muss. Wie mache ich’s nur wieder gut?

Ich denke, am besten ist’s, ich liefere eine Zeitlang unentgeltlich ins “Morgenblatt” und helfe ihm dieses etwas altersschwache Journal wieder auffrischen. Es liegt mir doch allerlei im Sinne, was ich nur heraus schreiben muss, um es los zu werden, und dann doch nichts anderes damit anzufangen weiß, da es sich meiner gegenwärtigen größeren Arbeit nicht anpassen läßt, z. B. einige Stoffe zu kleineren Gedichten (5–6 Strophen), die mich plagen, und wo es auch schade darum wäre, wenn ich sie verkommen ließ, da sie mir zusagen.

Dann hat Laßberg mich gradezu ersucht, ein altes Gedicht – nicht Manuskript –”Kaiser Otto mit dem Barte” in unser heutiges Deutsch zu übersetzen, und ich kann’s ihm durchaus nicht abschlagen. Es ist auch eine geringe Arbeit, etwa 700 Verse; Reim und Vers können fast unverändert bleiben, und doch ist es in seiner jetzigen Gestalt nur gar wenigen zugänglich. Auf diese Arbeit rechne ich, das Abschreiben eingeschlossen, höchstens vierzehn Tage.

Endlich will mir eine englische gar hübsche Gespenstergeschichte nicht aus dem Kopfe, seit ein Sir Pearsall sie mir erzählt hat, und wohin soll ich sonst mit diesem Findling? Ich werde nie etwas schreiben, dem ich ihn anpassen könnte. Wenn Sie diesen Brief erhalten, bin ich wahrscheinlich schon mit der einen oder andern dieser kleinen Arbeiten im Zuge, und wenn Levin nicht ganz besondere Gründe hat, mir abzuraten, so möchte ich’s sehr gern mit ihnen machen, wie ich eben gesagt, um doch dem Cotta nicht gar zu lumpig gegenüber zu stehn, und vor allem um den Gedanken nicht aufkommen zu lassen, ich sei eben für seinen Geldbeutel eine miserable Akquisition.

Meersburg fängt übrigens seit kurzem an sich heraus zu machen; wir haben ein Theater, und – denken Sie! – ein sehr gutes. Das Lokal ist allerdings lächerlich elend, eine große Tanzstube im Wilden Manne – Levin kennt ihn, dem Schiffe gegenüber – wo die Schauspieler zwei Fuß über dem Boden agieren und doch mit den Federbüschen die Decke fegen; aber die zwölf Mann starke Truppe ist wirklich gut und im Lustspiel sogar vorzüglich. … So habe ich seltsamer Weise Gelegenheit, wöchentlich dreimal für vierundzwanzig Kreuzer einen Komiker zu sehn, bei dessen Auftreten noch vor drei Jahren in Dresden die Preise erhöht wurden. Dergleichen romantische Wunderlichkeiten können nur in Meersburg passieren; sie gehören zum wunderlichen alten Schlosse mit dem wunderlichen alten Gerümpel darin, zu Laßberg, den Alpen und dem Herrn Figel, der NB. auch wieder aufblüht, d. h. seine Schulden bezahlt, und wieder con amore mit seinem Zöpfchen wedelt.

Ich habe zwei neue Bekanntschaften gemacht, die mir zusagen; nur liegt leider ein Stückchen Weges zwischen uns, was mich doch für die meiste Zeit auf meine gewohnte Einsamkeit beschränkt. Die eine, Fürstin Salm, anderthalb Stunde von hier, kömmt jeden Sonntag, ist eine sehr gute und durchaus fein gebildete Frau von etwa sechsunddreißig Jahren – eine geborne Hohenlohe –, malt sehr hübsch, liest viel, ist passioniert für Musik und möchte mich, da sie furchtsam im Fahren ist, viel lieber auf einige Zeit herüberlocken, als jeden Sonntag unter Stöhnen und Zittern den Berg hinanfahren; ich habe aber keine Zeit und weiß wohl, was es mit den schönen Redensarten von “ganz ungeniert, ganz für sich, soviel man will, sein” auf sich hat. Man kömmt doch zu nichts; sonst habe ich sie sehr gern und freue mich schon am Samstag auf ihren Besuch.

Noch lieber ist mir die andre, Miß Philippa Pearsall, Tochter eines englischen Baronets, der sich im Kanton St. Gallen angekauft hat, ein höchst geniales, liebenswürdiges Mädchen von zwanzig Jahren, in der eine tüchtige Malerin und Gesangkomponistin steckt. Sie entwirft ganz reizende Skizzen, sowohl im Genre als nach der heiligen Geschichte, ist von ihrem Vater, einem originellen Musikenthusiasten, in alle Geheimnisse des Kontrapunkts eingeweiht und singt ihre einfachen, aber rührenden Kompositionen mit einer wunderbar tiefen, erschütternden Stimme. Hübsch ist sie nicht, aber sehr angenehm, bescheiden und geistreich, und so frisch in allen ihren Gefühlen, dass es einem wohltut, nur ihr Gesicht zu sehn, wenn sie etwas interessiert. Die Gelegenheit wird bestimmen, ob sie noch mal einen bedeutenden Ruf erlangen oder ihre Talente halb ausgebildet für’s Haus verbrauchen wird. Es wär jammerschade, wenn’s beim letzten bleiben müßte!

Vater und Tochter waren auf vierzehn Tage hier, und es wird wohl lange anstehn, bis sie wiederkommen. Vielleicht gar nicht vor unsrer Abreise, obwohl Philippa Himmel und Hölle in Bewegung setzen will; denn sie scheint mir eben so attachiert, als ich es ihr in der kurzen Zeit wirklich geworden bin. Warum haben die Leute nur nicht das neue Schloß gekauft, wie sie anfangs Willens waren! Aber Sir Pearsall wollte ein Landgut, und so wohnen sie jetzt in einer alten beturmten Ritterburg – Wartensee – sehr romantisch, wie ich höre, aber ohne alle Mittel zu Philippas Talentausbildung, d. h. im Malen; denn was Musik betrifft, besitzt der Papa die Kenntnisse von einem und den Eifer von sechs Lehrern; aber sie hört nie ein Orchester, das ist doch schlimm!

Meine männliche halbe Bekanntschaft in Meersburg, von der ich Levinen schrieb, habe ich kaum angeknüpft und wieder aufgegeben. Der gute Mann ist allerdings ein Schöngeist, aber ein sehr gezierter und, ich fürchte, auch oberflächlicher. Seine größere Eleganz in Sprache, Anstand und auch Geschmacksrichtung zeichnen ihn freilich hier vorteilhaft aus; aber ich glaube, damit ist’s auch all, und so halte ich mich lieber an meinen alten Freund, Herrn Jung, der doch gründliche Kenntnisse und eine frische, lebendige Begeistrung für sein Fach – Musik – hat. Doch sehe ich diesen auch nur selten und zufällig, da ich keine Besuche mache, in meinem Turme keine annehme und bei den Besuchen droben im Hause nur zufällig zugegen bin; so bleibe ich denn auf die wöchentlichen Zusammenkünfte mit der Salm reduziert. Es ist mir aber auch genug so; ich habe zu arbeiten, auszuruhn und viel, viel zu denken nach Augsburg und Münster hinüber. …

Den 4ten März. .. Nicht als wenn ich so fleißig wäre; Sie würden mich faul nennen, liebe Louise; es geht mancher Tag hin, wo ich keine Feder ansetze. Aber dann bin ich unwohl, nicht grade krank, aber auf dem Punkt es zu werden, und muss ohne Gnade meinen Tag zwischen Spazieren und Ausruhen verteilen, um über solche halbe Anfälle weg zu kommen. Die Zeiten, wo ich arbeiten kann, sind mir gar zu karg zugemessen und ein Schatz, den ich nur mit blutendem Herzen auswärts verschleudere, während es doch doppelt fatal ist, in der Schwebe zwischen gesund und krank unter Fremden noch charmant sein zu müssen; deshalb hake ich mich in meinem Stalle fest wie eine störrige Geis.

Nun zu einigen Punkten aus Levins soi-disant Brief. Zuerst wundert’s mich, dass ich noch nirgends eine Anzeige meiner Gedichte lese, oder geschieht dies nicht vor vollendetem Drucke? Cotta ist doch nicht in Differenzen mit Levin geraten und hat den Kontrakt aufgehoben? Antworten Sie mir doch hierauf, denn es macht mich besorgt.

Mit den beiden Veränderungen in “Stadt und Dom” bin ich schon deshalb zufrieden, weil mein Einspruch gewiss zu spät gekommen wäre, da der bewußte erste Druckbogen dies Gedicht unfehlbar enthielt; auch mag “Weltensinn” statt “Weltsinn” (irdischer Sinn), ein Ausdruck, der mindestens in religiösen Schriften oft vorkömmt, mehr als gewagt, nämlich gradezu unverständlich sein. Mir schien’s selbst halbwege so, und der “irdische Sinn” hat schon mal dagestanden; aber mein Bruder et Konsorten stimmten für den weicheren Vers, da ihnen als frommen Leuten der “Weltsinn” sehr bekannt war und sie der allerdings mehr freisinnigen als praktischen Ansicht waren, auf eine Handvoll Buchstaben komme es nicht an, wenn jeder doch merke, was die Glocke geschlagen: so ließ ich’s gut und lasse es jetzt besser sein.

Dem Niagara hätte ich jetzt aber wohl einen andern Remplaçanten als “wie ein gewaltger Wogenschwall” gegeben. Die Zeit ist soeben ein “Strom” genannt, und nun gleich darauf: “wie ein Wogenschwall”, das ist eine matte Wiederholung, ein Pleonasmus und keine Vergleichung, wie der Niagara doch sein sollte; etwa als wenn man statt: “Der Aafluß fließt einer Gassenrinne gleich” sagen wollte: “Der Aafluß fließt einem trägen Flusse gleich”. Ich würde, wäre ich zur Hand gewesen, entweder einen ganz andern Vergleich gesucht oder vielleicht gesagt haben: “Es ist ein Zug, es ist ein Schall, Ein ungemessner Wogenschwall”; so wäre es nur eine Erweiterung des alten Bildes gewesen, kein Anspruch auf ein neues, was nicht da ist. Doch macht es nicht viel aus und wird dem ganzen Gedichte nicht schaden.

Zweitens kann das achte Heidebild nicht “Die Raben” heißen, sondern muss wieder zu dem früheren “Krähen” degradiert werden. Levin hat diese Abänderung damals gemacht, ohne sich des Inhalts recht zu erinnern, wo Krähen und Raben einander gegenübergestellt werden – nämlich ein Schwarm Heidekrähen, geschwätzig, gemein, und dem Alter nach nur noch Kinder gegen den vornehmen, ernsthaften, tausendjährigen Raben, der sie von seiner dürren Fichte mit Verachtung betrachtet; dieses ist der Haupthumor des Gedichts und, da er durch das Ganze geht, durchaus nicht wegzuschaffen, selbst wenn er nichts taugte. Die Überschrift “Raben” ist also gradezu dem Inhalt widersprechend; lesen Sie es nur selbst nach.

Drittens. Im “Traum”, Str. 5, Z. 7–8 heißt es: “Und meinen Namen ließ im Flug Sie sacht durch ihre Spalte gehen”; was meinen Sie, könnte man sagen: Sie über ihre Spalte gehen”? Gleich nachher kömmt: “Mit leisem Schlage dich zu strafen”; das “sacht” und “leise” so schnell nach einander macht sich nicht gut.

Viertens. Im “zu früh gebornen Dichter” darf vor allem die Variante: “Doch ließ man dies als krankes Blut et cet.” nicht gebraucht werden, wo dann immer derselbe Reim in selber Strophe und sogar zweimal “Mut” als Endreim vorkam, was mir erst hintennach aufgefallen ist. (Levin soll mich nicht auslachen, dass ich ihn aufmerksam darauf mache; ich habe es ja selbst erst hintennach bemerkt.) Vielleicht wäre aber die ganze Strophe am Besten so: “Zwar dünkt ihn oft in krankem (düsterm) Mut et cet.”, und zuletzt: “So musst er wohl in (mit) trüber Scheu Sich einen Toren schelten.” Oder nicht? Aber das “kranke Blut” kann jedenfalls nicht bleiben.

Fünftens. Im “Spiritus familiaris”, Nro. II, Str. 6, Z. 3 heißt’s: “Ein irres Leben . . [nescio] . . und klingelt.” Habe ich dort vielleicht “zieht” gesetzt? Dann muss es fort; “zieht” kömmt in der vorigen Strophe vor und in der folgenden wieder. Es hieß zuerst: “Ein irres Leben schwirrt und klingelt”; weil aber gleich nachher das “Glöckchen schwirrt”, wollte ich es ändern; mich dünkt “streift” oder “streicht” wär schon gut, “zieht” darf aber nicht bleiben, wenn’s da steht.

Ich wollte, liebste Freundin, Levin schrieb alle die verschiedenen in so viele Briefe zerstreuten Anmerkungen auf ein Blatt zusammen, sonst übersieht er vielleicht grade das Passendste, und es ärgert ihn nachher selber. Über die Abänderungen in meinen bereits gedruckten Gedichten habe ich kein klares Urteil; man wird durch zu öfteres Überlesen abgestumpft, gegen Gelungenes wie Verfehltes; auch Levinen sind diese Gedichte fast zu bekannt, und ich möchte mich hier am liebsten auf Ihr noch ganz frisches Urteil verlassen. Stellen Sie, ich bitte darum, von dem Alten her, soviel Ihnen entschieden besser dünkt als das Neuere. Aber “Der Graue” darf mir nicht wieder auf die alte Weise verstümmelt werden, damit mache ich eine feierliche Ausnahme. …

Ich meinte anfangs, ein Blättchen für Levin einlegen zu müssen, über Dinge, die Sie zwar lesen, die ich aber doch nicht gradeweg zu Ihnen sagen dürfe; nun ists mir aber unter dem Schreiben zu Mute geworden, als kennte ich Sie bereits seit Jahren, und so sage ich Ihnen denn, meine Louise, dass ich mit Ihrem Vorschlage, für längeren Aufenthalt in Meersburg ein Quartier zu nehmen, völlig einverstanden bin. Nicht als ob ich glaubte, Sie bedürften dessen; ich zweifele viel mehr nicht, dass Laßberg Ihnen sofort freundliche Vorwürfe hierüber machen und Sie schon in den ersten Tagen ins Schloß holen wird, wohin Sie ja auch aufs Herzlichste eingeladen sind und mit Freuden erwartet werden; aber für so lange Zeit – sechs Wochen bis zwei Monate – ist’s doch besser, seine bestimmte Einladung abzuwarten, die gewiss nicht ausbleiben wird. Levin weiß das alles eben so gut wie ich, und zugleich, welch ein lieber Gast man dem gutlaunigen, nur etwas pünktlichen alten Herrn ist.

Wahrscheinlich werden Sie ein paar Zimmer ganz hier zunächst, beim Herrn Hufschmid erhalten können, dessen Frau leider nur noch wenige Tage zu leben hat, oder im Schussenriether Hofe am Schloßplatze; ich würde Ihnen dann raten, nur wöchentlich zu mieten, und werde Ihnen alles in Ordnung bringen, wenn die Zeit heranrückt, wo wir gottlob endlich mal beisammen sind.

Dann frage ich Sie auch gradezu, ob Levin Gedichte von mir für seinen “Musenalmanach” wünscht? Er weiß, wie herzlich gern ich sie ihm gebe, und andrerseits auch, wie wenig Ambition ich habe, so dass mein Antrag sich lediglich auf die Frage reduziert, ob ich mich ihm nützlich machen könne. Gelingt’s ihm, so viele Zelebritäten zusammen zu bringen, wie er braucht, so darf ich jetzt noch nicht darin erscheinen – ob später, muss die Zeit lehren; vielleicht fehlt’s ihm aber an Beiträgen, oder wenigstens an unentgeltlichen, um doch auch einigen Vorteil bei der Sache zu finden. Sagen Sie dem guten Jungen, dass mich seine Bemühungen für mich so rühren, dass ich nicht mal darüber schreiben mag; ich fühle, dass es scheinbar geziert und überschwenglich herauskommen würde; aber Gott segne ihn für seine Treue, ich habe ihn außerordentlich lieb, außerordentlich, und Sie auch schon sehr, meine gute Herzenslouise, meine Levinsfrau!

Gottlob, das Eis ist gebrochen, ich habe Ihnen vertraut geschrieben wie einer Tochter, und könnte jetzt eben so wenig in einen noch halb fremden Ton zurück, wie es mir anfangs schwer war, die rechte Linie zwischen vertraut und doch wieder fremd zu treffen; es ist vorüber, und ich wüßte jetzt kein Wort, was ich nicht eben so frei gegen Sie aussprechen würde wie gegen Levin selbst. Adieu, meine liebe Freundin, antworten Sie mir bald, oder lassen Sie Levin antworten: mein nächster Brief wird an ihn sein, da ich nicht Stoff genug habe für zwei Briefe an zweie, die nur eins sind.

Meersburg, 29. Februar 1844

aus: 1844, Briefe an Levin Schücking, Meersburg

Sie wundern sich wohl, mein guter Levin, fast zugleich zwei Briefe von mir zu erhalten; aber der von diesem Morgen war mir selbst so unangenehm zu schreiben und muss Ihnen notwendig so unangenehm zu lesen gewesen sein, dass ich es weder mir selbst noch meinem kleinen Jungen zu Leide tun mag, ihn ohne einen verbessernden Appendix zu lassen.

Ach, Sie glauben nicht, wie geplagt man ist, sobald man Laßberg einige Einmischung gestattet hat, gleichviel in welcher Sache – was hier schon durch Annahme seines früheren Anerbietens geschehn war; er meint’s gut, nur zu gut, sieht die Sache dann ganz wie seine eigne an und wird zu einem unerschöpflichen Bronnen unbrauchbaren Rats, den er gleich in praxi sehn will und es nicht leicht vergibt, wenn man ihn auch nur einmal ad acta legt. Doch Sie kennen ihn ja hinlänglich. Heute Morgen war er eigens zwei Stunden früher aufgestanden – sobald er die Cotta’schen Briefe gelesen – um mir dies köstliche Förderungsmittel in meinen Turm zu bringen. Es ist ihm gewiss sauer geworden, da er noch obendrein seit drei Wochen erbärmlich hustet, und hintennach rührt mich dieser Eifer im Grunde; aber er hat mich doch so konfus und verdrießlich geschwätzt, dass ich die ganze Geschichte lieber aufgegeben hätte und, um nur wenigstens vorerst zur Ruhe zu kommen, mich gleich hinsetzte und noch in seiner Gegenwart die erste Seite des vorigen Briefes schrieb; da war er denn zufrieden und ging.

Übrigens sagte Mama heute nachmittag mir zu meinem größten Erstaunen (denn ich glaubte sie durchaus auf Laßbergs Seite), sie würde sich in meiner Stelle gar nicht an Laßberg kehren, sondern Ihnen die Sache unbedingt überlassen; Sie verständen derartige Dinge weit besser als Laßberg, der sich bei seinen literarischen Unternehmungen noch immer selbst in Schaden gebracht hätte et cet. Somit ist mir der schwerste Stein vom Herzen, und ich kann Ihnen nun ganz leichten Mutes sagen: “Machen Sie es ganz nach Ihrem Gutdünken, so weiß ich, dass ich nicht nur treulich, sondern auch verständig versorgt bin”; und da Mama diese Überzeugung teilt und, wie ich jetzt merke, Jenny auch – der die dicken Ballen von Laßbergs “Liedersaal” im Magen liegen – so sehe ich eben keinen sonderlichen Kämpfen mehr entgegen und fühle mich so leicht wie diesen Morgen beengt.

Mir kommen 700 Gulden als recht viel vor, und ich habe sie nicht erwartet; Mama und Jenny finden es auch ganz honett; und die Verbindung mit einer so bedeutenden Firma hat so große anderweitige Vorteile, dass ich auch mit Cottas Gebot würde zufrieden gewesen sein, dann aber freilich lieber eine sofortige Annahme als Zurücktreten von einmal gemachter Forderung – der 700 Gulden – gewünscht hätte. Sollte indessen Cotta Ihre freundlichen Hoffnungen zuschanden machen und sich weigern, so schreiben Sie mir ungescheut, ohne Beklemmung – denn es wird mich nicht so arg affiziren – und Ihre Ansicht dabei, die ich dann vermutlich zur Richtschnur nehmen werde; denn so eigensinnig ich in Dingen sein mag, die ich zu verstehn glaube, so wenig fällts mir ein mitsprechen zu wollen, wo ich mich als Ignorantin fühle.

Mir ist derweil auch noch eine Variante für eine anstößige Stelle der “Stadt und Doms” eingefallen, die mir allgemeiner verständlich scheint: O werte Einheit, bist Du eins, – Wer stände dann des Heil’genscheins, Des Kranzes würdiger als Du, Gesegnete, auf deutschem Grund! et cet.”; ist das nicht besser? Wahrscheinlich fallen mir noch andre Aushilfen gegen Ihre Seelenschmerzen über meine Mängel ein; ich war diesen Morgen zu bedrängt und eilig und musste recht eigentlich aus dem Ärmel schütteln. Manches, was mir – und auch den bisher Befragten – verständlich schien, hat doch in Ihnen zu sehr den Repräsentanten einer zu großen und achtbaren Gegenpartei zu respektiren, als dass ich nicht eine Klarmachung wenigstens ernstlich versuchen sollte. Nur müssen Sie berücksichtigen, wie schwer dies ist – zehnmal schwerer als ganz neu. Nun, der Druck geht ja langsam, und die ersten Bogen sind ja nun nach Ihrem Wunsche gesäubert. NB. Wegen des “Schnarchens der Schwäne” im “Fundator” habe ich noch nicht geantwortet. Ich ließ hier den Ausdruck “tauschen” ungern fort; denn er ist sehr bezeichnend. Schwäne haben keine andre Stimme als ein leises Schnarchen, mit dem sie sich einander anrufen, was man im Sommer – zu Hülshoff nämlich – die ganze Nacht durch hört, da sie fast gar nicht schlafen, sondern am Ufer umherziehn, wo sie sich im Dunkel einander verlieren und dann auf diese Weise durch Wechselrufe orientieren, – es lautet hübsch und graulich – und wäre hier “tauschen” nicht die passende Bezeichnung für Wechselrufe? Das meine ich doch. Sollte aber “Schnarchen” zu dem Begriffe von Schlaf verleiten, so kann man ja “dumpfes Schnarren” setzen; da merkt hoffentlich doch jeder, dass es ein Ruf ist – oder meinen Sie nicht? Mich dünkt, Schwäne sind doch so bekannte Vögel, dass man sich nicht scheuen darf, ihre gewöhnlichen Manieren als der Überzahl bekannt anzunehmen.

Ich bin diesen Abend besonders klüftig von Kopf, da fällt mir ein, von wegen des Weidenstumpfen im “zu früh gebornen Dichter” Str. 4, würde Ihnen mehr zusagen: “Doch ließ man dies als Schwärmerei (krankes Blut) Und Hochmut ihn entgelten; Da musst’ er wohl mit bittrer Reu (Mut) Sich einen Toren schelten”? Dann käm der Weidenstumpf ganz fort. Ferner von wegen der “Fortun” in der “besten Politik”, ob man nicht doch zuerst “Glück” setzen und nachher “Geschick” substituieren könnte; z. B. “Daß dem das Glück zumeist gewogen, Der es am mindesten gehetzt, Und dass wo Handeln (Wirken) ein Geschick Nach eigner Willkür mag bereiten, Nur Offenheit zu allen Zeiten Die allerbeste Politik”.

So wären ja wohl die ärgsten Steine schon beseitigt, wenn Sie dazu nehmen, was der vorige Brief schon nachgibt; notieren Sie sich’s nur ja zusammen, damit die corpora delicti nicht durch Ihr eignes Versehn über der Erde bleiben. …

Nachmittags. Ich habe Ihren letzten Brief; es ist alles sehr gut und schön so, Laßberg auch hintennach zufrieden – ein wunderlicher Patron, aber doch gut. Also Cotta hat nachgegeben! zwar wie ein schlauer Fuchs, und auch gleich die Auflage verstärkt. Aber es macht nichts, ich raisonniere so: Verkauft sich die Auflage sehr langsam, so hat Cotta doch wenig Profit, und es ist eigentlich eine verunglückte Spekulation für ihn, wo es mich dann freuen muss, dass ich ihn nicht wenigstens gradezu in Schaden gebracht; verkauft sie sich gut, so kömmt’s ja auch wohl zur zweiten, wo mir dann ja ganz freie Hand gelassen ist; und ich finde 700 Gulden viel, besonders da sie mir jetzt so überaus gut zu statten kommen, d. h. im Verlauf des Jahres, auf ein paar Monate kömmt’s hier gar nicht an.

Wissen Sie noch, wie Sie im vorigen Winter meinten, ich solle dem Cotta, wenn er nichts biete, mein Manuskript umsonst geben, nur um in seinen Verlag zu kommen? Wie soll ich mich denn nun nicht freuen, wenn er mir 700 Gulden gibt, wo ich sie grade so nötig brauche? Ich freue mich – und freue mich sehr, und niemand soll’s mir wehren. Aber es wehrt’s mir auch niemand; tout le monde ist hintennach zufrieden.

Aber jetzt dürfen wohl ohne Cottas bestimmte Einwilligung keine Gedichte aus der Sammlung genommen werden? Will er z. B. den “Spekulanten” als sein Portrait nicht umkommen lassen, meinetwegen! Aber es ist sein eigner Schade, wenn das schlechte Zeug drinnen bleibt. NB. Wenn ich so etwas über Cotta sage, was mehr cavalièrement als höflich gesagt ist, so hüten Sie sich, es jemanden, z. B. dem Kolb, mitzuteilen. Kolb mag ein ganz guter Mann sein, vielleicht eine Perle von einem Manne, aber er bleibt immer Cottas rechte Hand, und man kann niemanden stechen, ohne dass die Hand, wenigstens heimlich, mitzuckt. Ein Mann, der sich zwischen so vielen Leuten und ihren korrupten Grillen durchwinden muss, kann seiner Stellung nach unmöglich das Herz auf der Zunge tragen, obwohl ein scheinbares Eingehn auf die Ansichten anderer ebenso notwendig ihm zur andern Natur werden muss. Ich zweifle nicht, dass Kolb den Cotta im Grunde gern hat, wenigstens sehr empfindlich für dessen Ehre ist, und möchte Sie dringend bitten, dieses, selbst in den freundschaftlichsten Verhältnissen, nie zu vergessen; jedenfalls gebrauchen Sie in Rücksicht auf meine etwaigen Äußerungen der Art die größte Vorsicht, wenn nicht aus Überzeugung der Notwendigkeit, doch mir zu Liebe, weil ich es wünsche und Sie darum bitte. Es liegt für mich etwas Schimpfliches in jedem, selbst einem bloßen Geschäftsverhältnisse, wo nicht jeder Teil von der Achtung des andern überzeugt zu sein glaubt, und ich würde mich auf eine solche Veranlassung augenblicklich herausziehn, so weit mir Freiheit gelassen wäre. Zwar habe ich gar keinen Grund, Cotta’n nicht zu achten, aber ich möchte doch nicht genötigt sein, jedes Wort gegen Sie auf die Goldwage zu legen. Sagen Sie mir, um noch einmal auf das Geschäft zurückzukommen: muss ich denn nichts unterschreiben? Haben Sie für mich unterschrieben? Und ist die Handlung damit zufrieden?

Meersburg, 6. Februar 1844

aus: 1844, Briefe an Levin Schücking, Meersburg

Ich habe Laßbergen die beiden Cottaischen Briefe und aus dem Ihrigen das Betreffende mitgeteilt, und, sollten Sie es denken? Es war ihm alles nicht halb recht, d. h. von Cottas Seite. Von 550 Gulden mochte er mal gar nichts hören, selbst 700 schien ihm wenig, da dann, falls die Sammlung, wie Uhlands Gedichte, achtunddreißig Bogen enthielt, nicht mal zwei Louisdor auf den Bogen kämen, da mir doch selbst die obskure Abendzeitung schon drei Louisdor vorläufig geboten und sich obendrein einer willkürlichen Steigerung meinerseits unterworfen habe; auch Hüffer habe mich ja durch die dritte Hand wissen lassen, dass er den Verlag wünsche und, wenn ich es verlange, 500 preußische Taler geben würde; von Velhagen sowohl wie Dumont lasse sich zwar nichts Bestimmtes sagen, da sie mir die Forderung überlassen, doch berechtige mich besonders der Eifer des Ersteren zu günstigen Voraussetzungen.

Auch fand er die Auflage von tausend Exemplaren sehr stark, meint, ich müsse selbst im günstigsten Falle mehrere Jahre lang warten, ehe sie vergriffen; jene Auflagen, von denen man zuweilen lese, dass sie in 6–8 Wochen vergriffen worden, hätten immer nur 200–300 Exemplare enthalten; das Gewöhnliche sei 750, was drüber, schon eine starke Auflage, und ich müsse, falls Sie sich schon auf 700 Gulden eingelassen, mindestens um keinen Heller davon abgehn und eine Auflage von 750 Exemplaren verlangen; so schenke ich Cotta doch noch 200 Gulden, die mir Hüffer mehr geboten et cet.

Ich bin dadurch in die peinlichste Verlegenheit geraten und kann nun wirklich nicht unter 700 Gulden fordern, wenn ich es mir nicht nachher täglich soll vorhalten lassen, da natürlich Mama und Jenny nun auch ganz auf seiner Seite sind und ich ihnen, da ich grade sehr schwach bei Kasse bin, in Betreff dessen, was ich erhalte, nicht durch geheime Ergänzungen ein X für ein U vormachen kann.

Wegen der Stärke der Auflage hat es weniger zu bedeuten, davon werden sie nichts gewahr, und wenn auch – falls dies wahrscheinlich im Kontrakt vorkömmt, den ich gewiss nicht vorzuzeigen vermeiden kann –, so möchte ich um deswillen keineswegs mit einem Manne in Spannungen geraten, dem Sie jetzt so nahe stehn. Das Schlimmste, d. h. mir Unangenehmste, was erfolgen könnte, wäre, dass Cotta späterhin so sehr unter den Anträgen anderer Buchhändler blieb, dass ich schon Friedens halber genötigt wär, bei späteren Produktionen oder auch nur späteren Auflagen meiner Gedichte von ihm zu diesen überzugehn.

Ich lege übrigens alles in Ihre Hände, mein guter Levin, glaube nicht, dass Cotta von der Zahl der Exemplare abgehn wird, verlange deshalb auch keineswegs, dass Sie einen derartigen Vorschlag machen sollen; nur wünschte ich, dass Sie einmal in einem Briefe darauf hindeuteten, als hätten Sie ihn gemacht, damit die Geschichte nicht eine Leier wird, die ich mein Lebenlang muss spielen hören. Ich erkenne übrigens Ihre Bemühungen ganz vollkommen an und bin Ihnen höchst dankbar dafür, und auch die andern sehen wohl ein, wie eifrig Sie, mein gutes Kind, sich für mich bezeigen, und haben Sie deshalb doppelt lieb. Das können Sie mir glauben, ihr ganzer Unwille trifft den Cotta.

Ich begreife übrigens sehr wohl, dass ein Verleger die erste Auflage einer Gedichtsammlung nicht bezahlen kann wie gute Beiträge zu einem Journal, wo für jeden Geschmack gesorgt und jeder Abonnent das eine oder andere finden muss, was ihn reizt, das Blatt zu halten, da hingegen, sobald einer der Mitarbeiter für sich allein auftritt, mit Sicherheit nur auf so viele Käufer zu rechnen ist, als sich für ihn im Journal interessiert haben - vielleicht kaum der zehnte Teil der Leser, allerhöchstens die Hälfte. Und auch dies kann trügen, da sich manches zur Abwechslung sehr angenehm liest, was in größeren Massen bald ermüdet, und man auch in der Regel für einzelne Einsendungen das Ansprechendste auswählt. Kurz, ich bin, wie Sie sehn, ganz vernünftig, eben so zweifelhaft über den Erfolg meiner Gedichte, wie Cotta selbst es nur irgend sein kann, da sie noch lange, lange nicht das erreichen, wonach ich strebe und immer gleich gewissenhaft streben werde, so lange Körper und Geist mir ihre Kräfte nicht versagen. Machen Sie also nur nach Ihrer Weise voran, ich habe das vollkommenste Vertrauen nicht nur zu Ihrem Eifer, sondern auch zu Ihrer Kenntnis der Sachlage und dessen, was vernünftig zu erwarten steht.

Gott gebe indessen, dass Cotta auf die 700 Gulden eingeht; jedenfalls müssen Sie, falls er es nicht tut, auch nicht kontrahieren, bevor Sie mir darüber geschrieben. Und bitte, machen Sie, dass das Exemplar, was ich behalte, auf recht gutem Papier abgedruckt wird; ich möchte es gern als Andenken in die Hülshoffer Bibliothek stiften. Ach, es liegt mir so auf dem Herzen, Ihnen recht gründlich zu sagen, wie ich Ihre Liebe und treue Sorge für mich fühle; aber ich muss mit dem Flederwisch drüber weg, sonst unterbleibt das augenblicklich Nötigere. Also zu Ihren Anmerkungen.

1. Gegen die Versetzung der Einleitungsgedichte habe ich nichts.

2. Bei „Ungastlich oder nicht?“ mag immerhin „in Westphalen“ zugesetzt werden, aber, wie mich dünkt, eingeklammert als eine Art Erläuterung; als Stück des Titels scheints mir etwas albern zu lauten; ich meine so: „Ungastlich oder nicht? (In Westphalen)“ – oder wie meinten Sie es eigentlich?

3. Bei „Meinem Beruf“ scheinen mir die beiden Strophen nicht unverständlich; die eine schildert ein Ehepaar, das die Liebe, die andre einen innerlich früh Gealterten, der die Empfänglichkeit teilweise, aber nicht das Gefühl seiner Lage verloren hat. Ich habe dieses Gedicht vielen vorgelesen, sowohl einfachen als fast überbildeten Menschen; es wurde von allen für eins der besten gehalten, und obwohl ich selbst fürchtete, es sei nicht hinlänglich klar, hat dies doch bis dahin noch niemand zugeben wollen. Sie müssen also einen besondern Gesichtspunkt gefaßt haben, aus dem es Ihnen so vorkömmt, glaube aber wirklich, dass dies bei Wenigen der Fall sein wird.

4. “Katharine Schücking” mag „zusammen“ statt „selbander“ stehn, obwohl das letztere nicht so veraltet ist, als Sie denken; Stolberg, Bürger et cet. bedienen sich häufig seiner.

5. Der „Prediger“, Strophe 3. Hier ist „Stock und Brille“ allerdings unzweifelhaft besser.

6. „Stadt und Dom“. Strophe 1 ist „der Liederklänge Frohn“ so ganz im Anfange allerdings verkehrt und eine Vorausnahme der späteren Stimmung; denn wenn auch jeder glaubt, ehrenhalber dazu frohnen zu müssen, um „seinem Herzen das Diplom“ zu sichern, so war doch an dieser Stelle das Gedicht noch weit von dieser Enttäuschung entfernt. Setzen Sie: „Und wer die Liederklänge schon“ oder „Die Liederklänge wer, die schon Den Nachhall (das Echo) dieses Rufs ergänzt?“ Ferner: Str. 2 habe ich die bereits angekommenen, sich fast erdrückenden Proviantschiffe, – wie dies bei Hamburg wirklich der Fall gewesen, wo man die Lebensmittel, wie es heißt, hat endlich in den Strom werfen müssen, der Fäulung halber, – wollen „Mast an Mast ragen“ lassen, doch machts mir nichts aus, wenn sie statt dessen „ziehen“ oder „kommen.“ Str. 4 ist wahrscheinlich durch verkehrte Interpunktion undeutlich geworden; es heißt: „O werte Einheit, bist du Eins?* Der Lorbeerkron, des Heil’genscheins Wer steht dann würdiger als du, Gesegnete, auf deutschem Grund! Du trägst den goldnen zu Des Himmels Hort in deinem Bund!“ Ich denke, so ist’s nicht unverständlich; in schlichter Prosa: Werte Einheit, wenn du wirklich Eins bist, wer stände dann auf deutschem Grunde würdiger der Lorbeerkron und des Heilgenscheins als du et cet.

* Eigentlich hier kein Fragzeichen, sondern nur Komma oder desgleichen, als nach einem Vordersatz; aber ein Fragzeichen macht es vielleicht verständlicher. Wie es Ihnen am besten scheint.

7. „Vor vierzig Jahren“, Str. 6. Ein Schreibfehler; es heißt nicht „überwerte“, sondern (ironisch) „überwerte“, soviel wie übervortreffliche, überglückliche.

8. „Knabe im Moor“ hat früher auch gestanden „die Ranke häkelt am Strauche“ statt „vom Strauche“, und dies war an sich offenbar besser; weshalb ich es geändert, weiß ich nicht mehr. Wahrscheinlich kömmt das Wort „am“ sehr nah dabei nochmals vor; sehn Sie, bitte, nach, und wenn das nicht ist, so stellen Sie die alte Lesart her.

9. „Das öde Haus“. Str. 4 setzen Sie statt „einzle“ „wirre (graue)“, obwohl es nicht ganz denselben Sinn gibt und dies Herabrutschen einzelner Schober das Verfallne mehr andeutet; „einzle“ statt einzelne“ ist allerdings nicht hübsch, und ich würde es nicht gesetzt haben, wenn ich es nicht grade zuvor in einem andern sehr hübschen Gedicht – ich meine von Uhland oder Schwab – auch gefunden hätte. „Schluft“ ist vielleicht ein Provinzialismus, aber kein westphälischer, da es schon in der alten bekannten Romanze: „Zu Steffen sprach im Traume“ heißt: „Gespenster quiekten aus Schluften“; aber setzen Sie statt dessen „Schlucht“. NB. Wär es nicht vielleicht besser, wenn die vierte Strophe zur dritten würde? Man weiß nicht, wie man auf einmal aus der Schlucht an den Heerd kömmt; nach dem Fensterloche wär dies natürlicher, – oder meinen Sie nicht?

10. „Die beste Politik“, Str. 5. „Fortun“ ist nicht hübsch, aber was soll ich statt dessen setzen? „das Glück“ kömmt unmittelbar nachher und zwar als Reim; vielleicht: „Daß dem Geschick zumeist gewogen“? oder: „das Heil“? Wissen Sie ein anderes Wort, das den gleichen Gedanken gibt? Mir fällt keins ein. „Geschick“ kömmt gezwängt heraus, „das Heil“ auch etwas gesucht und bringt drei „das“ in dieselbe Strophe. Doch mögen Sie selbst entscheiden, und können Sie gar ein anderes Wort auffinden, so teilen Sie es mir doch ja mit. Was sagen Sie zu: „die Welt zumeist gewogen, Der sie am mindesten gehetzt“? oder: „Jeder dem zumeist gewogen, Der ihn et cet.“? oder: „Daß dem die Gunst zumeist gewogen, Der sie et cet.“?

11. „Cappenberg“, Str.3. „Doppellasten“ ist viel hübscher, und ich hatte es selbst schon mal gewählt, dann schien es mir undeutlich, wird aber doch wohl besser sein.

12. „Der Fundator“, Str. 7. „Der Familie Nutz“ ist allerdings spießbürgerlich, sollte es aber auch sein, als feststehender Kanzleistil, wie ich diese Formel in derartigen Stiftungsurkunden aus dem 17ten Jahrhundert immer gefunden habe. „Dessentwegen fundire und vermache ich zu der Familie Nutzen et cet.“; wenn es Sie aber sehr stößt, setzen Sie „Geschlechtes“. –“Der Sessel knallt“: da haben Sie sich verlesen oder ich mich erbärmlich verschrieben; es heißt „knackt“, – weil das Gespenst ihn angreift; – ein knallender Sessel!! – „Der Lade Spalten“. Ich habe mir eine halbgeöffnete Schieblade gedacht, wie mans wohl tut, wenn man verstohlen liest, um das Buch rasch hinein schieben zu können, wenn jemand kömmt, und dachte mir dabei die Lade des „güldenen Tisches“, vor dem er sitzt; setzen Sie aber: „des Faches Spalten“, so kann man sich ein Büchergestelle an der Wand denken..

13. „Der Barmekiden Untergang“. „Rosenöl“ ist allerdings ein Buch und machte vor zwanzig Jahren Aufsehen; meine Onkels Haxthausen besaßen es, waren entzückt davon, und es wurde damals in allen Zeitschriften rühmlich erwähnt, als höchst wertvoller Beitrag zur Kenntnis orientalischer Sitten und Sagen; leider habe ich den Namen des Verfassers vergessen. Was ist da zu machen? Wahrscheinlich weiß Cotta ihn, denn es war ein damals berühmter Gelehrter, der es aus dem Arabischen entweder übersetzt oder die Sagen selbst im Oriente gesammelt hatte.

14. „Der zu früh geborne Dichter“. „Und Alles, was er sah, das sang Von einem Weidenstumpfen.“ Hier fällt mir das Unverständliche nicht auf, Laßberg und Jenny auch nicht. Der im Zeitalter des schlechten Geschmacks geborne Dichter findet nirgends Anleitung zu Höherem; er sieht „ringsum keine Palme“, deshalb klimmt er an der Weide auf und jauchzt in die Alme (singt Idyllen et cet.); und wenn ihm dies kläglich scheint (zuweilen), so nennt man es Hochmuth, Schwulst, Schwärmerei, und Alles, was er ringsum von Dichtervolke sieht, sitzt auch nur auf Weidenstümpfen und singt von dort herab. Wirds vielleicht deutlicher, wenn es heißt: „Und Alles, was er sah (oder „hörte“), das sang Herab vom Weidenstumpfen“? Mich dünkt nicht.

15. „Nach fünfzehn Jahren“. Str. 4 setzen Sie statt „boulingreene“ „Rasenstreifen (Blüthenraine)“, wenns Ihnen besser scheint.

16. „Schloß Berg“ lassen Sie ganz fort; es ist doch mordschlecht; den Verfehlten fr. Roman desgleichen, auch allenfalls „Die Mutter am Grabe“, obwohl diese ihre großen Liebhaber hat – sogar Adele Schopenhauer –, besonders die letzten Strophen Manchem sehr gefallen. Aber ich habe doch so viele trübselige Gedichte, dass dieses, wie mich dünkt, die Trübsal nur auf eine unangenehme brühige Weise verlängert. Ich habe es schon hin und her geschoben, und überall schlossen die Gedichte besser an einander, wenn ich es wieder heraus nahm; doch bleibt dies Ihrem Gutdünken überlassen. – „Der Spekulant“ muss auch fort. – „Das Lied vom braven Manne“ heißt besser: Ein braver Mann. Ihre Bemerkung ist ganz richtig; aber was ist undeutlich darin? Der Eid? So schreiben Sie als Note: Der Huldigungseid, den er als Grundbesitzer hätte leisten müssen. – Was mir mit der Schmiede machen, weiß ich selbst noch nicht; soll sie nicht ganz bleiben, was mir selbst bedenklich scheint, so muss auch alles Plumpe daraus fort. Ob dann die ersten Strophen bleiben können? Ich meine bis zum „langen blonden Knaben“. So ist kein Schluß daran; ich will sehn, ob mir noch eine oder ein paar Strophen einfallen, die dies Fragment abrunden; in diesem Augenblicke fehlt mir die Zeit dazu; schicke ich sie mit dem nächsten Briefe nicht ein, oder gefallen sie Ihnen nicht, – da es bekanntlich schwerer ist, einen alten Rock aufzustutzen wie einen neuen zu machen, – so mag dies Schmiedefeuer total ausgehn.

Von „Des Pfarrers Woche“ haben Sie mir nicht geschrieben, was darüber bestimmt worden ist; soll sie bleiben, so verliert sie an der Schmiede eine sehr günstige Folie und kann dann, wie mich dünkt, nur auf die Stubenburschen folgen, und zwar noch knapp genug; lesen Sie es selbst mal nach. – Auch was Sie sonst von bereits Gedrucktem in Händen haben, z. B. die Gedichte im Morgenblatt, besonders die Balladen im „Malerischen und romantischen Westphalen“, hätte ich sehr gern durch Sie mit meinem Manuskripte verglichen, da ich der Güte meiner Abänderungen keineswegs sicher bin und dies lieber Ihrem Urteile überlassen möchte, jedoch die Lücke im Grauen ausgenommen.

Überhaupt hätten Sie, mein braves kleines Pferdchen, dieses Mal nur mehr Courage haben und mir ihre ferneren „rechtlichen Bedenken“ nur kecklich fürtragen sollen; hilfts nicht immer, so hilfts doch zuweilen, und hätte mir noch wohl einigen Vorteil und meinem guten Jungen, dem mein Ansehn fast so lieb ist wie sein eigenes, noch eine oder die andre Herzenserleichterung gebracht. Jetzt wirds wohl zu spät sein, sonst nähme ich Ihre Gutachten noch gern entgegen. Sie dürfens mir nur nicht übel nehmen, wenn ich nicht mehr davon verwende, als mir selber in den Kopf gehn will. Aber es ist immer sehr gut, eine Sache von mehreren Seiten zu betrachten, besonders wenn man durch zu öfteres Überlesen stumpf geworden ist; deshalb ist auch das Korrigieren so schwer, weil der alte Gedanke immer wieder kömmt. Sie müssen nur genauer angeben; Ihr „ist mir undeutlich“ mag Ihnen ganz deutlich sein, gibt mir aber, wenn’s zuweilen ganze Strophen betrifft, nur gar geringe Anleitung, wenn ich gar nicht ahnde, wo das Undeutliche steckt, und ich würde oft Ihrer Absicht sehr schlecht entsprechen, wenn ich Eins mit dem Andern totschlüg, während Ihnen nur ein einzelner Ausdruck anstößig war.

Soeben fallen mir ein paar Schlußstrophen für die Schmiede ein; sie sind nicht besonders, aber ich glaube nicht, dass sie mir ein anderes Mal besser gelingen. Also (das Ende war: „Gekrümmt zu Hufes Ringen“): „Am Pförtchen scharrt der Rappe, schnaubt Dem Schlackenstaub entgegen, Wo hinterm Hagen dichtbelaubt Sich Liederklänge regen. (Nun kann das Lied folgen oder auch wegbleiben.) ‘S ist eine Stimme fest und klar, Wie Morgenfrische heiter (oder „Morgenluft so heiter“); Nun durch die Spalten (Zweige) fliegen gar Maßlieben, Dold’ und Kräuter. Da wilder scharrt der Rappe, schwallt Am Dach der Funkenreigen, Und eine dunkle Nachtgestalt Scheint aus dem Schlot zu steigen. Und lockend (zitternd) schwankt (sucht) der Äpfel Schein Den Hagen zu berühren: Will Pluto hier am Blüthenrain Proserpina (oder „der Ceres Kind“) entführen?“ oder: „Will etwa Dis vom Blüthenrain Persephone entführen?“ Besser weiß ichs nicht zu machen; gefällts Ihnen nicht, so mag die Schmiede springen; denn die ersten Strophen allein werden Ihnen doch auch wohl gar zu fragmentarisch vorkommen? – Noch fällt mir ein, dass ich zweierlei an den Heidebildern ändern wollte und es vielleicht vergessen habe. Erstens in der Vogelhütte, wie er das Backwerk findet, würde da nicht besser „Brezel“ stehn? “Backwerk“ lautet so holprich. Dann beim Hirtenfeuer Str. 1: „Nur das rieselnde Rohr Neben der Schleuse wacht, Und an des Rades Speichen Schwellende Tropfen schleichen“ – begreift man da gleich, dass vom Mühlenrade die Rede ist, oder muss ich statt der “Schleuse“ lieber „Mühle“ setzen? Aber es macht sich nicht ganz so gut, da die Schleusen vorzugsweise mit Rohr umwachsen sind und dies dort so hübsch einsam flüstert. Machen Sie es, wie Sie wollen.

Meersburg, 6. Februar 1844