Briefe zum Schlagwort Die-Schenke-am-See



aus: 1843, Briefe an Elise Rüdiger, Hülshoff

Jenny schreibt: “Dein Gedicht auf unser Glaserhäuschen, was im ,Morgenblatt’ steht, macht hier viel Sensation et cet.” Wie ist das? Ich habe es ja gar nicht eingeschickt? L[evin] war anfangs sehr dafür, nachdem er aber seinen Namen in “Eugen” verändern musste, dagegen. Sie halten ja das “Morgenblatt”, es wird dort wohl “die Schenke am Berge” heißen. L[evin], der eine Abschrift besaß, muss es jetzt eingeschickt haben – um das Honorar zu vermehren? Das will ich doch nicht glauben! Vielleicht hat er dem “Morgenblatt” Beiträge versprochen, zu denen ihm Zeit und Lust gefehlt, und faute de mieux ihm vorläufig halt den Mund stopfen wollen. Ich habe übrigens hier, außer dem Ihrigen, noch keinen Brief erhalten.

Liebes Herz, wünschen Sie, der Gesellschaft halber, dass ich in Zukunft dem Kölner Feuilleton steure, so schreiben Sie der Redaktion, für den Augenblick könne ich keine Gedichte liefern (außer dem Nachrufe), da ich eben daran sei, sie zu sammeln, und folglich die einzelnen nicht zu sehr (vorher) veröffentlichen dürfe. Nachher aber sei ich nicht abgeneigt, die späteren Nachzügler, wenigstens teilweise, Feuilleton einzusenden.

Hülshoff, 9. Mai 1843

aus: 1842, Briefe an Levin Schücking, Meersburg

Ob ich mich freue nach Haus zu kommen? Nein, Levin, nein. Was mir diese Umgebungen vor sechs Wochen noch so traurig machte, macht sie mir jetzt so lieb, dass ich mich nur mit schwerem Herzen von ihnen trennen kann. Hör, Kind! Ich gehe jeden Tag den Weg nach Haltenau, setze mich auf die erste Treppe, wo ich Dich zu erwarten pflegte, und sehe, ohne Lorgnette, nach dem Wege bei Vogels Garten hinüber. Kömmt dann jemand, was jeden Tag ein paarmal passiert, so kann ich mir bei meiner Blindheit lange einbilden, Du wärst es, und Du glaubst nicht, wieviel mir das ist.

Ist’s nicht ein heitrer Ort, mein junger Freund,
Das kleine Haus, das schier vom Hange gleitet,
Wo so possierlich uns der Wirt erscheint,
So übermächtig sich die Landschaft breitet;
Wo uns ergötzt im neckischen Kontrast
Das Wurzelmännchen mit verschmitzter Miene,
Das wie ein Aal sich schlingt und kugelt fast,
Im Angesicht der stolzen Alpenbühne?

Sitz nieder! – Trauben! – und behend erscheint
Zopfwedelnd der geschäftige Pygmäe;
O sieh, wie die verletzte Beere weint
Blutige Tränen um des Reifes Nähe;
Frisch, greif in die kristallne Schale, frisch,
Die saftigen Rubine glühn und locken;
Schon fühl’ ich an des Herbstes reichem Tisch
Den kargen Winter nahn auf leisen Socken.

Das sind dir Hieroglyphen, junges Blut,
Und ich, ich will an deiner lieben Seite
Froh schlürfen meiner Neige letztes Gut.

Trink aus! – die Alpen liegen stundenweit,
Nur nah die Burg, uns heimisches Gemäuer,
Wo Träume lagern lang verschollner Zeit,
Seltsame Mär’ und zorn’ge Abenteuer.
Wohl ziemt es mir, in Räumen schwer und grau
Zu grübeln über dunkler Taten Reste;
Doch du, Levin, schaust aus dem grimmen Bau
Wie eine Schwalbe aus dem Mauerneste.

Sieh drunten auf dem See im Abendrot
Die Taucherente hin und wieder schlüpfend;
Nun sinkt sie nieder wie des Netzes Lot,
Nun wieder aufwärts mit den Wellen hüpfend;
Seltsames Spiel, recht wie ein Lebenslauf!
Wir beide schaun gespannten Blickes nieder;
Du flüsterst lächelnd: immer kömmt sie auf -
Und ich, ich denke, immer sinkt sie wieder!

Aus: Die Schenke am See

Auch Dein Zimmer habe ich hier, wo ich mich stundenlang in Deinen Sessel setzen kann, ohne dass mich jemand stört; und den Weg zum Turm, den ich so oft abends gegangen bin; und mein eignes Zimmer mit dem Kanapee und Stuhl am Ofen – ach Gott, überall! Kurz, es wird mir sehr schwer, von hier zu gehn, obendrein noch zweihundert Stunden weiter als wir jetzt schon getrennt sind. Solltest Du es wohl recht wissen, wie lieb ich Dich habe? Ich glaube kaum. …

Levin, wenn Du kannst, wenn Du immer kannst, bleib bei Deinem Plane, in zwei Jahren nach Münster zu kommen; meine Gesundheit ist jetzt nicht so übel, ich werde dann wohl noch am Leben sein. Hörst Du? Denke, dass ich alle Tage zähle. Es ist schlimm, dass ich den Winter nicht hier bleiben kann; aber ich will auch nicht in Rüschhaus bleiben, sondern nach Hülshoff, und mir täglich Bewegung machen, dann denke ich wird es schon gehen.

Wenigstens einmal wirst Du mir doch noch hieher schreiben? Es muss aber wieder auf dem alten Fuße sein; Laßberg bekömmt alle Briefe zuerst in die Hände und ist viel zu begierig nach Nachrichten von Dir, als dass ich ihn mit trocknem Munde könnte abziehn lassen; aber verkürze den offiziellen Bericht und laß dieses dem privaten zugute kommen. Schreib mir aber nicht eher nach Rüschhaus, bis ich Dir von dort meine Ankunft gemeldet; eine so weite Reise kann hundert Zufällen und Verzögerungen unterworfen sein.

NB. Mama schreibt mir von einem dicken Briefe, der für mich von Bielefeld von einem Buchhändler – woraus sie dieses schließt, sagt sie nicht – angekommen, und ob sie mir ihn nachschicken solle? Antwort: ja. Was könnte das sein? Weißt Du etwas davon?

Meersburg, 4. Mai 1842