Briefe zum Schlagwort Elise-Rüdiger



aus: 1845, Abbenburg, Briefe an Elise Rüdiger

Ich hatte dies schon von mehreren Seiten gehört und konnte eigentlich nicht mehr daran zweifeln, aber Ihre Bestätigung war mir doch wie ein Donnerschlag. Ich will gar nicht von mir reden, Sie wissen selbst, was ich verliere und wie mir dabei zumute sein muss, also will ich Ihnen das Herz nicht noch schwerer damit machen, auch aus Luischens und Nannys Leben nehmen Sie den besten (fast den einzigen) Sonnenstrahl mit fort, und auch Rüdigers gerechter Kummer geht mir sehr zu Herzen. Ich weiß, mein Lies, Sie sind jetzt doppelt freundlich mit ihm, jetzt, wo er einer vollen Teilnahme und auch der Nachsicht mit sehr natürlichen Verstimmungen so sehr bedarf. Werner schreibt mir übrigens, dass man seine Versetzung allgemein bedaure und die öffentliche Achtung und Anerkennung sich sehr lebhaft ausspreche. Das ist wohl kein Trost beim Scheiden, aber doch ein erhebendes Gefühl, was, wie mich dünkt, jedem wohltun muss, wenn es gleich den Abschied noch schwerer macht. …

Ach Lies, sein Sie nicht so betrübt! Das ist mir das Härteste von allem. Glauben Sie mir, es wird sich alles in Minden anders und besser gestalten als Sie denken. Kein Städtchen ist so klein und von Gott verwahrlost, dass man darin nicht Teilnahme und Geistes- oder wenigstens Herzensbildung und natürlichen Sinn für das Schöne finden könnte, wenn man nur aufrichtig sucht, und mein Lies, das so geschickt im Finden ist und sich an Annchen Junkmanns frischer kunstloser Natur freuen konnte, sollte in einer Stadt, die wenig kleiner ist als Münster, leer ausgehn?

Ich wette, mein Besuch im nächsten Jahr trifft Sie in einem allerliebsten Viertel, der Ihnen vielleicht das Angenehme und hoffentlich nicht das vielfach Gespannte und Zerrissene des Münsterischen bringt. Denn, lieb Herz, diesen durfte man doch nur aus der Ferne betrachten, hinter den Kulissen sah es überall peinlich aus.

Rüschhaus, 29. Juli 1845

aus: 1845, Abbenburg, Briefe an Elise Rüdiger

So eben erhalte ich Ihren Brief, da nicht früher Gelegenheit von hier nach Brakel war, und nun bin ich ganz desperat. Mein Gott, was soll ich anfangen, wenn Sie fortgehn! Sie sind mir nun so lange alles in einer gewesen, und ich kann mir gar keinen möglichen Ersatz denken, mag mir auch keinen denken, und will nur in Gottes Namen unter die Eremiten gehn, wenn Sie wirklich fort müssen. Es ist um allen Mut zu nehmen! Aber sollte es nicht noch einmal ein Schreckschuß sein, wie so manche frühern? Ist Bodelschwings Ernennung denn schon gewiss? Sie schreiben mir so dunkel darüber, dass es mir mehr lautet wie eine schlimme Prophezeiung, die denn doch noch wohl falsch sein könnte. Ich bin so niedergeschlagen, dass ich Ihnen nicht mal sagen mag, wie sehr ich es bin, und wie nüchtern mir Münster ohne Sie vorkömmt, und Rüschhaus auch — das ist dann alles nichts mehr, und das einfältige Abendrot braucht gar nicht mehr durch die Eichen zu scheinen, wenn Sie es nicht mitsehn können.

Mein Gott! wenn ich nur vier Jahre zurückdenke, an unsern geschlossenen, durch 1000 Bande und Interessen verflochtenen Kreis! - und nun? — alles auseinander geflogen wie ein Haufen Federn, und die Bande auseinander gegangen wie verbrannte Dochte. Wer sich trösten und überall gleich wieder einrichten kann, mag in seiner Weise glücklich sein; ich möchte diese Anlage zum Glücke nicht - wer das Alte vergißt, kann auch das Neue vergessen, wenn es alt geworden ist, und wer alles vergessen und entbehren kann, der hat nie etwas gehabt, und sollte gar nicht mitsprechen.

Sie haben indessen noch einige Aussicht auf Ersatz. Grade was Ihnen jetzt Minden so fatal macht, wird es Ihnen späterhin lieb machen, die Erinnerungen - Menschen, mit denen Sie so vieles erlebt, über so vieles mit ihnen sprechen können. — manche alte Bekannte, die früher den Kopf voll Albernheiten hatte, wird seitdem auch nicht umsonst gelebt und [mehrere Worte unleserlich] haben, Sie werden ungezweifelt mitunter auf Ernst und ein wehmütiges Verständnis treffen, wo Sie es gar nicht erwarteten, und da wird sich denn nach und nach ein Kreis zusammen ziehn.

Ich aber habe mich schon seit so vielen Jahren von meinen Jugendbekannten zurückgezogen, dass ich eigentlich nur leere und unbedeutende Erinnerungen mit ihnen teile, und für die wenigen tieferen — an meine Kindheit, Vater und Bruder — ihrer nicht bedarf, da ich ja mitten darin lebe, und täglich mit den Meinigen darüber sprechen kann.

Was sollte mich dann noch hinaus treiben, wenn mein Lies fort ist? Lieb lieb Herz! ich kann nicht ohne Sie sein, und ich folge Ihnen auch überall nach, soweit die Umstände es irgend zulassen. Minden ist denn doch nicht aus der Welt, und niemand wird mir es verargen, wenn ich mir jeden Sommer von hier aus eine kurze Vakanz nehme, um mein Lies aufzusuchen. In acht bis zehn Tagen kann ich ganz gut hin und zurück sein, und wir haben uns doch gesehn, die Herzen leicht gesprochen, und das vermieden, was der Tod aller engeren Verhältnisse ist, die Unbekanntschaft mit den gegenseitigen Interessen der Gegenwart.

Abbenburg, 17. Juni 1845

aus: 1844, Briefe an Elise Rüdiger, Rüschhaus

Aber, lieb Herz, was schreiben Sie mir von der Möglichkeit einer Trennung! Glaubte ich es, so würde mir todangst; indessen haben Sie dies so oft, gottlob umsonst, gefürchtet, dass der Gedanke gar nicht bei mir haften will. Warum sollte R[üdiger] vom neuen Oberpräsidenten (den wir noch nicht mal erraten können) zurückgesetzt werden? Von einer Spannung zwischen R[üdiger] und Devigneau haben Sie mir freilich schon früher gesagt, aber übrigens ist die allgemeine Stimme so für R[üdiger]. Ich habe seiner, sowohl was Charakter als Kenntnisse und Fleiß anbelangt, nie anders als mit ausgezeichneter Achtung erwähnen hören (und ich bin oft in diese Gelegenheit gekommen), so dass ich meine, Devigneau kann es nicht wagen, einen so allgemein geschätzten und langverdienten Mann zu kränken.

Geschähe es indessen, so wären wir beide allerdings übel dran. Ich noch mehr wie Sie, denn in Ihrem Alter schließt man sich noch leichter an, und Sie kämen jedenfalls in Verhältnisse, die Ihnen neue Bekanntschaften aufnötigten, wo sich dann wohl auch Gutes fände. Aber ich wäre in der Tat recht sehr verlassen. Schlüters kommen so gar nicht mehr und haben soviel Neues angeknüpft, schreiben auch nicht mehr. Ich kann leider nur noch wenig von ihnen erwarten. So sind Sie, mein Lies, unter allen Selbstgewählten mir als das Liebste und Letzte geblieben, und ich müßte ohne Sie gleichsam von meinem eigenen Blute zehren!

Nein, Lies, so schlimm schickt es mir der liebe Gott nicht. Ich will und muss das Beste hoffen. Kommen Sie denn wirklich nicht mehr in diesem Jahre? Aber doch gewiss zu Anfang des nächsten? Ich habe Sie jetzt schon solange entbehrt und hätte oft viel um eine Stunde Beisammensein gegeben,

Ich habe Sie ungeheuer lieb, Lies, aber, kurios, je lieber Sie mir werden, je mehr schäme ich mich, es Ihnen zu sagen, wenigstens schriftlich. Gute Nacht, mein süßes Herz, gute Nacht!

Rüschhaus, 12. Dezember 1844

aus: 1844, Briefe an Levin Schücking, Meersburg

Warum lassen Sie mich so ganz ohne Nachricht? Sollte mein Brief an Ihre liebe Frau vom Ende Februar oder Anfange März – ich notiere leider dergleichen nie – der doch so vieles der Antwort Benötigte enthielt, verloren gegangen sein?

Ihr Schweigen beunruhigt mich ungemein; es ist mir wahrhaftig, als wären Sie tot oder doch nicht mehr in Augsburg oder mindestens ganz aus allen Geschäften mit Cotta geschieden. Ihre Chiffre ist seit lange aus den Beilagen zur Allgemeinen verschwunden, die Ihres Vaters ebenfalls, die Erzählung Ihrer Frau läßt sich auch vergebens im “Morgenblatt” erwarten, sowie eine Annonce oder Probegedichte, die das Fortrücken meiner eignen Angelegenheit zeigten: Alles gleich tot und stumm, während die Ostermesse vor der Hand ist! Sollten Sie in Differenzen mit Cotta geraten sein, welche die Zurücknahme meines Manuskripts oder gar das Aufgeben Ihrer Stellung oder beides zur Folge gehabt hätten? Jedenfalls muss ich doch dringend wünschen, davon benachrichtigt zu werden, und will Gott tausendmal danken, wenn die Unannehmlichkeit mein Manuskript allein betroffen hat. Schreiben Sie also nur frisch von der Leber weg; schlimmer, wie ich es mir denke, stehts doch schwerlich, und leicht besser.

Noch eins veranlaßt mich, auf schleunige Antwort zu dringen, Ihr lieber uns angekündigter Besuch, über den einige Verabredungen nötig geworden sind, um nicht mit einem andern Besuche zu karambolieren, der uns die ganze Freude verderben würde. Das Fräulein Minna v. Ochs aus Kassel hat nämlich in den nächsten Monaten eine Rheinreise vor, und ihre Nichte aus Münster, die Rätin R[üdiger], die sie begleitet, hat ihr zugeredet, dieselbe bis Meersburg auszudehnen, wo sie einige – ich denke etwa acht – Tage bleiben und dann die Rückreise antreten werden. Letztere schreibt mir hierüber, der Plan stehe fest, den Zeitpunkt aber möge ich bestimmen, wie er Laßbergen am bequemsten und mir am passendsten sei, um mich einer Rigi-Tour anzuschließen, bei der sie ganz sicher auf meine Gesellschaft rechneten; am Liebsten würden sie kurz vor unserer Rückreise eintreffen, um diese gemeinschaftlich mit uns zu machen et cet.”

Ich brauche Ihnen nicht auseinander zu setzen, lieber Levin, wie durchaus fatal und alles verderbend das Zusammentreffen beider Besuche sein würde; mich wenigstens würde es höllenmäßiger Laune machen und keins der andern guter. Mit einem Worte: es geht gar nicht. Die beiden Damen ahnden nichts von der Lage der Dinge, und ein Wink von mir würde allerdings hinreichen, den Plan in seine früheren Schranken zurückzuführen, wozu ich mich aber um so weniger entschließen kann, da beide sich eine große Freude dabei denken. Können Sie mir nun, genau und unabänderlich, feststellen, wann und auf wie lange wir Sie hier erwarten dürfen, so bestelle ich meine Damen vor oder nachher. Steht dies nicht in Ihrer Macht, so muss – Laßberg wird alt und schwach, ein lieber Besuch ist ihm sehr lieb, aber alles, was an Getreibe grenzt, macht ihn durchaus konfus und unglücklich – jener Wink gegeben werden, was am Ende auch nicht so viel ausmacht, da den beiden doch immer eine schöne Rheinreise, wahrscheinlich dann vermehrt durch eine Mosel- oder Neckarfahrt oder einen Ausflug nach Brüssel, bleibt. Nur Antwort muss ich sogleich haben, denn ich bin selbst um schleunige Antwort angegangen.

Unsre Rückreise wird wohl im Juni stattfinden – ist wenigstens vorläufig so festgestellt – sich aber jedenfalls nach Zeitpunkt und Dauer Ihres Aufenthalts modifizieren. Die Damen sprechen von April oder Mai, weil sie sich dann die Zeit unsrer Rückreise denken; das scheint aber der einzige Grund und ihnen sonst jeder Monat gleich zu sein. Antworten Sie mir doch sogleich, liebster Levin, und zwar so, dass ich mit Sicherheit danach handeln kann; doch dies hätte ich nicht zweimal sagen dürfen, da Ihnen alle hierbei zu berücksichtigenden Umstände und Stimmungen ja eben so bekannt sind als mir. …

Ich habe schon ein halbes Dutzend Gedichte liegen fürs “Morgenblatt”; vide den Brief an Frau Luise, der überhaupt bei Ihrer Antwort zur Hand genommen werden muss. Vergessen Sie nur nicht übers Letzte das Erste, nämlich mir wegen des Manuskripts zu antworten, und sein Sie vor allem, ich bitte aufs Herzlichste darum, ganz offen gegen mich hinsichtlich Ihrer Stellung zu Cotta.

Meersburg, 24. März 1844

aus: 1844, Briefe an Elise Rüdiger, Meersburg

Viel Glück zum neuen Jahre, mein altes Lies! Das vergangene ist nicht eben zu loben, Ihnen hat es viele äußere und innere Stürme gebracht, mir eine lange Krankheit und doch auch manche Erschütterung, und so steht’s mit fast allen, die uns nahe sind. Möge das begonnene friedlicher sein! Und um ihm den möglichst vorteilhaften Anstoß zu geben, fange ich es mit einem Briefe an diejenige an, von deren Liebe ich seine besten und innigsten Momente erwarte. Nicht wahr, mein Lies? Treu bei Sonnenschein und Schnee, in guten und bösen Tagen? In Leiden uns auf den andern gestützt, die Freuden doppelt genossen, und wenn’s uns beiden schlecht gehn sollte, doch wenigstens noch einander gehabt! So wär’ es doch ein Wunder, wenn zwei so zähe Planken wie wir sich nicht leidlich über dem Wasser halten sollten! Wüßten die Egoisten, welcher große Frieden in der Treue liegt, sie bekehrten sich alle dazu. Treue kann ja nie schaden, selbst die verratene nicht, denn sie gibt ein gutes Gewissen, und somit das Beste, was irgend eine Zeit bringen kann.

Wir leben hier so ruhig voran, ohne sonderliche Abwechslung. Ich sitze wie eine Maus im Loche in meinem Turme und knuspere eine Nuß nach der andern aus Laßbergs Bibliothek, zuweilen mit recht harter saurer Schale, und auch der Kern erinnert mich oft an unsrer lieben Vorfahren rohe Eicheln, aber was tut man nicht der Ehre wegen! Droben geht’s derweil bunt zu, die gelehrten Besuche treten sich fast einander die Schuhe aus, wovon ich mir denn nachher bei Tische erzählen lasse und bis jetzt noch keinen Namen gehört habe, der es mir leid machte, dass ich nicht zur Hand war. Lauter Professoren X., Y. und Z.

Mir fehlt hier gar nichts wie Sie, aber Sie fehlen mir arg, und ich kann kaum ein Dampfboot aus meinem Fenster heranbrausen sehn, ohne in Gedanken nach meiner Lorgnette zu greifen, ob Sie vielleicht auf dem Verdecke stehn. Das alte Lied hat wohl Recht: “Oh, glaubt es mir, die Liebe, sie macht die Menschen dumm!” oder zerstreut vielmehr, löst die Seele vom Leibe und macht zweihundert Stunde[n] zu einem Katzensprung.

Wir haben jetzt Schnee, ich folglich Anlage zum Rheumathismus und habe seit vierzehn Tagen meine lieben Gänge am Strande aufgeben müssen, aber der See liegt unter meinem Fenster, und jeden Nachmittag sind Sie meine Fata Morgana. Altes Lies! Gott segne und erhalte Sie!

Aber was treiben Sie? Sind Sie hübsch fleißig? Ist Ihnen Freiligraths Lob nicht ein mächtiger Sporn? Mag er immerhin etwas einseitig sein und, da die Glanzseite seines Talents durchaus mehr kräftig darstellend als grübelnd ist, seine Gedichte folglich mehr begeisternd als zum Nachdenken anregend wirken, diese nicht zu so wiederholtem Lesen reizen als andre, aus denen man immer neue Feinheiten picken kann, so bleibt er doch ein gewaltiges, stürmendes, uns alle überragendes Genie und sein Urteil über einen Totaleindruck ohne Frage kompetenter, als das aller derer, die jetzt über ihn her sind. Sie vor allen können sich dieses Erfolgs freuen, da Ihre Schreibart so gänzlich von der seinigen abweicht (insofern man überhaupt Ähnlichkeit zwischen gebundnem und ungebundnem Stil zugibt,) dass hier von keiner Parteilichkeit für den eignen Blutstropfen die Rede sein kann. Nur Mut gefaßt, mein Liebchen! Sie sind nicht die erste und werden nicht die letzte sein, der die Dornenkrone zum Lorbeerkranz wird, und wenn’s nicht anders sein kann, bleibt dies doch immer eine Art von Ersatz, der nur wenigen geboten wird.

Ihre Rezension habe ich gelesen und ganz und gar nicht schlecht gefunden, vielmehr sehr richtig gedacht und sehr gut gesagt, was wollen Sie mehr? und was kann Brockhaus mehr wollen? …

Ich habe doch jetzt grade die Abschrift meiner Gedichte fertig und wollte mich eben über das “Bei uns zu Lande” hermachen. Aber das kann warten; vorgestern, am Silvestertage, habe ich die letzte Zeile geschrieben und bis Mitternacht gearbeitet, weil es mir ominös schien, nicht mit dem Jahre zugleich abzuschließen. Ich hatte eben mein Tintefaß zugemacht und kleidete mich aus, als die Glocke schlug und unter lautem Hurra eine Gewehrsalve die neue Zeit ein- und mein Manuskript tot- oder ihm Viktoria schoß - was von beidem? Ich sehe dem Erfolg so ruhig entgegen, wie dies ohne Affektation möglich ist und befinde mich “den Umständen nach ganz wohl”.

Gestern verging unter Kirchengehn, Besuchen, Neujahr-Abgewinnen, kurz dem ganzen Einzugstrubel der neuen Epoche, und heute läuft wieder alles im alten Gleise, nur dass ich statt Gedichte Briefe schreibe und Laßberg statt seiner geliebten Pergamente mein Manuskript liest und, da der heutige Stil ihm ganz fremd geblieben ist, den Kopf öfter schüttelt als mir lieb ist. Ich fürchte nicht sein Mißfallen, aber seinen Rat; manche Leute empfinden einen mit einiger Überwindung gegebenen und dann vernachläßigten Rat fast so schlimm als eine Ohrfeige, und ich fürchte, Laßberg gehört zu diesen.

Im Ganzen hat er mich heute belobt, aber schon einige Abänderungen vorgeschlagen, die sehr sehr nach der alten Schule schmecken, und mir nebenbei Gellert als den vollkommensten deutschen Stilisten empfohlen. Sie sehn, wo das hinaus will! Es würde mir überaus leid sein, den ritterlichen alten Herrn zu kränken, aber in ganz veraltete Formen kann ich mich doch unmöglich zurückschrauben lassen und sehe somit dem Ende der Lektüre, wo, wie er sagt, wir “das Ganze gemeinschaftlich durchnehmen wollen”, mit großem Unbehagen entgegen.

Sie sehen, lieb Lies, anno 44 fängt bei mir mit einem Paar Stirnrunzeln an: entweder Verdruß im Hause, oder die Kritiker auf dem Nacken. Gott helfe mir durch Scilla und Charibdis!

Meersburg, 2. Januar 1844