Briefe zum Schlagwort Freundinnen



aus: 1845, Briefe an Pauline von Droste, Rüschhaus

Ich werde diesen Winter sehr einsam verleben. In meinem Alter nimmt die Lust, neue Bekanntschaften zu machen (und Du weißt, diese war bei mir nie groß), gewaltig ab, und mein früherer Zirkel ist gänzlich aufgelöst, auseinander gestäubt wie ein Haufen Flaumfedern. Die gute Rüdiger war mir noch zuletzt geblieben, ist aber seit vierzehn Tagen auch fort, nach Minden, wohin ihr Mann mit gleichem Range, aber einer Gehaltsverbesserung versetzt ist. Die Einsamkeit wird mich nun zwar eben nicht genieren (Du weißt, sie ist eigentlich meine Liebhaberei), aber doch vermisse ich einige der alten Bekannten sehr ungern, namentlich eben die Rüdiger, eine Frau, auf die ich mich in jeder Beziehung verlassen, und immer ihrer wärmsten Teilnahme gewiss sein konnte. Doch Du kennst sie ja, und sie hat Dir, wenn mir recht ist, auch wohl gefallen.

Von Adelen weiß ich nur, dass sie noch fortwährend in Rom bei der Mertens und ihre Gesundheit jetzt leidlich sein soll. Mit ihrem Privatvermögen mag es schlimm genug aussehn, doch muss sie durch ihre Pension vom Weimarischen Hofe (300 Reichstaler) immer vor eigentlicher Not gesichert bleiben, freilich ein schmales Einkommen! aber ein einzelnes Frauenzimmer, der schon ihr Alter Zurückgezogenheit als das Passendste vorschreibt, kann sich doch damit einrichten, dass kein eigentlicher Mangel fühlbar wird.

Rüschhaus, 27. Oktober 1845

aus: 1845, Abbenburg, Briefe an Elise Rüdiger

In Bökendorf ist es krimmelvoll bis unters Dach ein halbes Dutzend Tanten und Nichten mit ihren Familien dort - wenn ich, so etwa um den dritten Tag, auf eine Stunde hingehe, um meine Aufwartung zu machen, komme ich halb taub und ganz duselig zurück. Hierhin kommen sie nicht oft, weil es den Onkel angreift, so sehe ich Malchen auch selten, und wir haben gar wenig von unserm Widersehn nach sechs Jahren - das arme Herz ist noch sehr herunter von ihrem Schrecken und Kummer, aber ihr tut das Gewirre gut, und zerstreut sie, während es mich nur rein konfus macht, und doch ist sie von Natur aus viel ernster als ich - freilich, Berlin und Rüschhaus! - da mag ihr noch wohl die ländlich Ruhe vorkommen, was mir ist wie in summender Bienenkorb.

Hier ist’s aber wirklich sehr ruhig, die Ökonomiewirtschaft weit weg in die Nebengebäude relegiert, nur als entferntes tableau die Gegend sehr lieblich belebend, während man im Hause jede Stecknadel fallen hört. Wären wir alle gesund, so wäre es ein Leben ganz wie ich es mag, und ich würde sehr viel arbeiten; ich denke von jetzt an kömmt es auch mitunter dazu, nun Mama mich ablösen kann, ich habe ein schönes weiches Kanapee, mit einem schönen breiten Tische davor, auf dem das bewußte Heft schon liegt, Federn und Schreibzeug in Ordnung. Sie sehn der Wille ist gut, so wird mir denn auch wohl die Macht werden.

Aber Sie können nicht denken, wie viele Ansprüche hier auf mich warteten; ein Halbdutzend Namens- und Geburtstage, zu denen ich Carmina machen, und ein Halbdutzend Albums, in die ich auch nagelneue Gedichte von Trennung und Wiedersehn schreiben sollte. Die härteste Nuß war eine Sammlung von hundert Liedern, die mein Onkel August herausgeben will, und die ich ihm vierstimmig setzen sollte. So habe ich denn eins mit dem andern ungeknackt gelassen, und alles auf Beendigung der Erzählungen vertagt (wenn dann noch Zeit bleibt) - wobei freilich sämtliche Wiegenfeste [...] in die Brüche gehn.

Abbenburg, Juli 1845

aus: 1845, Abbenburg, Briefe an Elise Rüdiger

So eben erhalte ich Ihren Brief, da nicht früher Gelegenheit von hier nach Brakel war, und nun bin ich ganz desperat. Mein Gott, was soll ich anfangen, wenn Sie fortgehn! Sie sind mir nun so lange alles in einer gewesen, und ich kann mir gar keinen möglichen Ersatz denken, mag mir auch keinen denken, und will nur in Gottes Namen unter die Eremiten gehn, wenn Sie wirklich fort müssen. Es ist um allen Mut zu nehmen! Aber sollte es nicht noch einmal ein Schreckschuß sein, wie so manche frühern? Ist Bodelschwings Ernennung denn schon gewiss? Sie schreiben mir so dunkel darüber, dass es mir mehr lautet wie eine schlimme Prophezeiung, die denn doch noch wohl falsch sein könnte. Ich bin so niedergeschlagen, dass ich Ihnen nicht mal sagen mag, wie sehr ich es bin, und wie nüchtern mir Münster ohne Sie vorkömmt, und Rüschhaus auch — das ist dann alles nichts mehr, und das einfältige Abendrot braucht gar nicht mehr durch die Eichen zu scheinen, wenn Sie es nicht mitsehn können.

Mein Gott! wenn ich nur vier Jahre zurückdenke, an unsern geschlossenen, durch 1000 Bande und Interessen verflochtenen Kreis! - und nun? — alles auseinander geflogen wie ein Haufen Federn, und die Bande auseinander gegangen wie verbrannte Dochte. Wer sich trösten und überall gleich wieder einrichten kann, mag in seiner Weise glücklich sein; ich möchte diese Anlage zum Glücke nicht - wer das Alte vergißt, kann auch das Neue vergessen, wenn es alt geworden ist, und wer alles vergessen und entbehren kann, der hat nie etwas gehabt, und sollte gar nicht mitsprechen.

Sie haben indessen noch einige Aussicht auf Ersatz. Grade was Ihnen jetzt Minden so fatal macht, wird es Ihnen späterhin lieb machen, die Erinnerungen - Menschen, mit denen Sie so vieles erlebt, über so vieles mit ihnen sprechen können. — manche alte Bekannte, die früher den Kopf voll Albernheiten hatte, wird seitdem auch nicht umsonst gelebt und [mehrere Worte unleserlich] haben, Sie werden ungezweifelt mitunter auf Ernst und ein wehmütiges Verständnis treffen, wo Sie es gar nicht erwarteten, und da wird sich denn nach und nach ein Kreis zusammen ziehn.

Ich aber habe mich schon seit so vielen Jahren von meinen Jugendbekannten zurückgezogen, dass ich eigentlich nur leere und unbedeutende Erinnerungen mit ihnen teile, und für die wenigen tieferen — an meine Kindheit, Vater und Bruder — ihrer nicht bedarf, da ich ja mitten darin lebe, und täglich mit den Meinigen darüber sprechen kann.

Was sollte mich dann noch hinaus treiben, wenn mein Lies fort ist? Lieb lieb Herz! ich kann nicht ohne Sie sein, und ich folge Ihnen auch überall nach, soweit die Umstände es irgend zulassen. Minden ist denn doch nicht aus der Welt, und niemand wird mir es verargen, wenn ich mir jeden Sommer von hier aus eine kurze Vakanz nehme, um mein Lies aufzusuchen. In acht bis zehn Tagen kann ich ganz gut hin und zurück sein, und wir haben uns doch gesehn, die Herzen leicht gesprochen, und das vermieden, was der Tod aller engeren Verhältnisse ist, die Unbekanntschaft mit den gegenseitigen Interessen der Gegenwart.

Abbenburg, 17. Juni 1845

aus: 1845, Briefe an Johanna Hassenpflug, Rüschhaus

Deine Zeilen, meine liebste Hanne, haben mich sehr gefreut, als Nachricht von Dir, als Zeichen Deines Andenkens und endlich als Beweis der Dir so eignen großen Freundlichkeit, mit der Du jedem gern nur Angenehmes und Liebes mitteilst. Mama und ich haben, nach Empfang derselben, den Abend in Gedanken mit Dir zugebracht, d.h. nicht Deinen wirklichen Kasseler Abend, sondern einen Rüschhausischen, wie wir deren mit Dir so vergnügt durchlebt. Wann sieht mein schwarzer Kanapee Dich mal wieder? Er ist vor Kummer und Sehnsucht so grau geworden, dass wir ihn haben müssen renovieren lassen, aber schwarz ist er wieder geworden, wie denn überhaupt Rüschhaus einer der unveränderlichsten Orte ist, und wo man den Flug der Zeit am wenigsten gewahr wird.

Doch hat mir dieses Jahr etwas genommen, was ich sehr schwer vermisse, meine gute Alte (Du wirst dich ja ihrer erinnern), die vor zwei Monaten der Schlag, den sie aber noch mehrere Tage mit vollem Bewußtsein und gottlob schmerzlos überlebte, in eine bessere Welt geführt hat, wo gewiss ein guter Platz für sie bereitet war. Du begreifst, liebste Hanne, dass dieser Verlust mir sehr nahe geht, ich war seit vielen Jahren an sie gewöhnt, und ihre Treue hat auch jede Liebe und Andenken wohl verdient, so ist es mir denn auch, als hätte ich eine nahe Verwandte verloren. …

Die Rüdiger hat durch ihre Tante gehört, Male werde zunächst nach Kassel kommen. Ist dem so, so bitte laß mich doch gleich ihre Ankunft wissen. Ich möchte ihr gar zu gern schreiben und weiß sie nicht aufzufinden. In den nächsten vier Wochen trifft deine Nachricht mich noch hier, gegen das Ende Mais aber beziehn wir unsern Sommeraufenthalt in Apenburg.

… wir sind, wie du weißt, stille Leute, am liebsten zu Hause und auf unserm Zimmer knüselnd. Ich lebe jetzt einsamer als je. Junkmann ist fort, in Bonn, wird von da nach Berlin gehn, um zu promovieren, und dann hoffentlich nicht nach Münster zurück, wo nichts für ihn zu machen ist. Lutterbeck auch fort, Professor in Siegen; der Mahler Sprick tot. Mein guter Blinder (Schlüter) vergebens operiert und seitdem so lichtscheu, dass er sich gar nicht mehr so weit bis zu uns hinaus wagt; Schücking wohl für immer in Süddeutschland fixiert, sehr glücklich in seiner Ehe und seinem nagelneuen Söhnchen.

So ist mein alter Kreis gänzlich gesprengt, und es hat mir bisher an Zeit und Gesundheit, folglich auch wohl an Lust gefehlt, mir einen neuen zu bilden, obwohl dieses, wenn ich mahl das Bedürfnis fühlen sollte, nicht schwer werden wird; denn es gibt viele sehr gescheute und nette Leute in Münster, und jedermann macht gern bei schönem Wetter kleine Landpartien. So hat meine liebe Rüdiger zwei Freundinnen, Nanny Scheibler und Luise Delius, die mir beide (jede in ihrem Genre) sehr gefallen, und von denen wenigstens die Letztere (die besser zu Fuße ist) sich wahrscheinlich bei uns einbürgern wird. Übermorgen erwarten wir sie zum ersten Male, sie ist unbeschreiblich sanft und, obwohl in den Dreißigen, gemütsfrisch wie mit sechzehn Jahren. Nanny ist ernster, lebhafter, sehr gescheut, aber schwächlich und durch eine gichtkranke Mutter gänzlich ans Haus gefesselt; so darf ich auf diese nur für Münster rechnen, wohin ich jetzt selten komme. Doch fühle ich durchaus keinen mangel an gesellschaft, ich stecke immer über und über in Arbeiten, und meine Rüdiger ist mir mehr wie zehn andre, sie kömmt zuweilen, schreibt oft, und jeder ihrer Briefchen macht mir einen heitren Tag, ich habe sie sehr lieb. …

Was macht doch Louis Grimm? Und was Jakob und Wilhelm ? Zu mir kommen nur so einzelne verlorene Stücke Nachricht. Einmal waren beide krank, dann beide hergestellt, und dann war man doch nicht zufrieden mit ihrer Gesundheit. … Vor allem liegt mir aber doch Male am Herzen, und ich kann es nicht erwarten, genauere Nachricht über sie zu bekommen. Sie ist gewiss sehr angegriffen! Das arme Ding! Es ist dumm, wenn man sich so aus der Korrespondenz kommen läßt, man ist nachher so ungeschickt und ratlos, wenn man wieder anknüpfen möchte und nun so vieles dazwischen liegt, was man nicht weiß. Antworte mir doch bald, liebe Hanne! Die Zeit läuft so schnell und immer konfuser, daran sind die Eisenbahnen schuld, man kömmt auseinander, leiblich und geistig. Gottlob, dass das Hangen an Erinnerungen mit den Jahren zunimmt, sonst müßte es eine schreckliche Zerfahrenheit geben. Drum antworte bald, liebste Hanne, ehe die Zeit uns packen kann …

Rüschhaus, 27. April 1845

aus: 1845, Briefe an Fürstin Salm-Reifferscheidt, Rüschhaus

Obwohl mir seit einigen Tagen infolge einer Erkältung wieder recht unwohl ist, so kann ich doch dies Paket nicht abgehen lassen, ohne mich Ihnen, meine gütige Freundin, wenigstens mit einigen Zeilen zu vergegenwärtigen. Ich denke soviel an Sie und höre nun durch meine Schwester, dass Sie auch an mich denken, dass Sie von mir reden und sogar für mich zeichnen. Sie sind doch gar zu lieb! und ich wollte, ich könnte Ihnen recht etwas Liebes wieder tun. Würden die Tage nur heller, dass ich mit meinem Ausschneiden voran käme oder wenigstens mein Daguerreotyp könnte aufnehme lassen. Jetzt mache ich mir vorläufig die Freude, allerlei dummes kleines Zeug für Sie zusammenzubringen, damit Sie überall an das Nettle erinnert werden und auch sehen, wie es überall an Sie gedacht hat. …

Sehr gerne hätte ich Ihnen, teure Fürstin, jetzt gleich meine Gedichte geschickt, die längst für Sie bereitliegen, aber das Buch ist gar zu dick und könnte das eigentliche Paket wie eine Feder auf den Rücken nehmen, und nun fürchte ich, bis die Kiste ankömmt, sind Ihnen die Gedichte schon steinalt. Ich habe dies an Jenny geschrieben in der Hoffnung, Laßberg werde auf den glücklichen Gedanken kommen, Ihnen sein (gleich von Stuttgart geschicktes) Exemplar, was gewiss noch neu und sauber wie aus dem Laden ist, zu Füßen zu legen, wofür er dann das Kistenbuch an sich nehmen könnte - ob er es merken wird? Ihn geradezu darum bitten mag ich nicht. Jenny hat auch ein Exemplar, was aber schon vielfach verliehen und besudelt ist. Nur Sie sollten es nicht sehen, damit mein Geschenk nicht allen Effekt verliere, und nun schwätze ich selbst aus der Schule.

Rüschhaus, Anfang Januar 1845