Briefe zum Schlagwort Geld
Nun wegen Mamas und Mariens Mäntel. Die sind keineswegs hier, sondern liegen in Düsseldorf im “Prinzen von Preußen”, nahe beim Bahnhofe. Der Wirt hat sie zurückbehalten, weil er gedacht hat, Mama würde sich in Bonn aufhalten und sie am folgenden Tage mit der Eisenbahn nachfordern. Ich habe dem Kutscher sagen lassen, sobald er wieder nach Düsseldorf fahre, möge er sie doch mitbringen, habe aber zur Antwort bekommen, nach Düsseldorf komme er so selten, dass dies noch wohl ein paar Jahre währen könne. Was soll ich nun machen? Dem Wirte den Auftrag geben, dass er sie nach Meersburg besorgt? Der wird aber keine Rücksicht auf die Kosten nehmen und die Geschichte mehr kosten, als die alten Mäntel wert sind. Werner meint doch, selbst mit Spedition kämen sie nicht unter einigen Talern. Hätte ich sie nur erst wieder hier! Leider werde ich hier nichts darüber gewahr, wer etwa nach Düsseldorf reist? Ich werde einige Zeilen an Wernern schreiben, der hatte mir auch gestern den fehlgeschlagenen Rat wegen des Kutschers gegeben und muss sich nun etwas anderes aussinnen.
Rüschhaus, 7. August 1846
Bitte, liebe Jenny, besorge doch, dass alles an den rechten Mann kömmt, und schicke mir doch die Berechnung, was Du im Weinberge und für den Garten für mich ausgelegt und durch den Verkauf des Weins noch nicht gedeckt ist, damit ich es das nächste Mal deiner Pension beilege, denn leider kann ich Dir mit Mama kein Geld schicken, da ich den armen Werner, dem es schon so schwer wird, die nötige Summe für Mama aufzubringen, mich jetzt unmöglich entschließen kann zu mahnen. Wäre ich mitgereist, dann wär’ es ein anderes, dann hätte er mir natürlich Geld geben müssen. Sollte Dir übrigens Mama das Geld vorschießen und du es ihr im Herbste aus dem Ertrage des Weines wieder abzahlen können, so wäre mir das für dieses mal wohl lieb.
Ich habe diese zwei Jahre sehr schwere Ausgaben gehabt. Hüffer hatte Wernern nämlich, als er ihn fragte, ob die erste Auflage meiner Gedichte bald vergriffen sei, dies nur aus Höflichkeit bejaht, ohne zu ahnden, dass ich eine zweite veranstalten wollte. Nun bin ich im vorigen Jahre genötigt gewesen, wenn er mich nicht verklagen sollte, den ganzen Rest der alten Auflage (für 63 Reichstaler) ihm abzukaufen, und in diesem Jahre habe ich als Patengeschenk für die kleine Elisabeth 100 Reichstaler für sie in die Versorgungsanstalt eingesetzt. Das sind große Posten für mich, und Du kannst denken, dass ich dabei nichts weiteres habe zurücklegen können. Sollte dieses Jahr aber ein vorzügliches Weinjahr werden und Vorteil dabei sein, den Wein liegenzulassen, so tue dies ja, denn wenn ich es recht bedenke, kann ich Dir in ein paar Monaten das Geld doch wohl schicken. Die großen Ausgaben sind ja nun verschmerzt und kommen nicht wieder. Schicke mir nur die Berechnung.
Rüschhaus, 1. Juli 1846
Schückingen muss ich auch jetzt schreiben, ich bin ihm auf zwei Briefe Antwort schuldig. Der letzte hat mich auch nicht eben gefreut, so freundlich er war, fürs erste schickt er mir seine Gedichte, worin er als entschiedener Demagog auftritt. Völkerfreiheit! Preßfreiheit! Alle die bis zum Ekel gehörten Themas der neueren Schreier.
Vorn eine Abteilung “Liebesgedichte”, eingeleitet durch eins an seine Luise, worin er ihr als der echten königlichen Isolde, vor deren Schein alles verbleicht, diesen Abschnitt gleichsam widmet, und dann pele, mele, was er je an Damen geschrieben. Jedes Gedicht bringt ein paar Groschen mehr. Ich suchte aus Neugierde nach einem an die Bornstedt, konnte es aber nicht erraten. Dagegen sind einige mir bekannte ausgelassen.
Ich habe meiner Mutter die Gedichte nicht zu lesen gegeben, sie würden sie zu sehr gegen ihn einnehmen. Den Brief aber las ich ihr vor, und es kam eine Stelle darin vor, die sie furchtbar stieß und par contrecoup auch mich. Nachdem Sch[ücking] mir nämlich die bevorstehende zweite Niederkunft seiner Luise und seinen dadurch erweiterten Hausstand annonciert, sucht er mich zu bereden, mein Vermögen zum mit ihm gemeinschaftlichem Ankaufe eines kleinen Gutes am Rhein zu verwenden und dort mit ihnen zu leben. Mama wurde ganz blaß und sagte sehr scharf: “Glaub nur, das ist ihm ganz und gar kein Spaß!” Und bald nachher: “Wenn er es nicht ausgedacht hat, dann hat’s Luise ausgedacht, und er ist doch darauf eingegangen. Was wollten sie mit einem Gute anfangen, das sie nachher wieder verkaufen müßten? Aber Du bist ja sein Mütterchen und Patin zu seinem Kinde!”
Großer Gott! wär’s möglich, dass dieser Mensch, dem ich viel Gutes getan habe, schon auf meinen Tod spekulierte, weil er denkt, ich mache es nicht lange mehr! Darüber könnte ich doch noch weinen!
Rüschhaus, 30. Januar 1846
Von Schücking habe ich kürzlich Briefe, er wohnt jetzt in Köln, redigiert das Feuilleton der Kölner Zeitung und das Rheinische Jahrbuch und bekömmt für ersteres vom DuMont Schauberg 1000 Reichstaler, für letzteres auch einige hundert Taler Gehalt. Seine Aufsätze werden ihm extra sehr gut bezahlt, so dass er sich (ausgenommen, dass der Name Cotta brillanter klingt als DuMont) eigentlich jetzt reichlich so gut steht als in Augsburg; doch ist seine Frau sehr ungern von dort, wo ein sehr angenehmer Kreis von Literaten bestand, der in Köln gänzlich fehlt, fort gegangen.
Es scheint, Schücking habe das Heimweh bekommen, er selbst spricht sich nicht klar darüber aus, aber aus einem Briefe Luisens scheint es hervor zu gehn. Er ist den ganzen Sommer leidend gewesen und hat Seebäder in Ostende genommen, Jungmann und mehrere andre aus Münster haben ihn in Köln gesehn, sehr mager und blaß, aber von der besten Laune und noch immer entzückt von seiner Luise und seinem kleinen Lothar gefunden; er soll sich kindisch freuen, Westfälinger zu sehn, und überhaupt in seinem Wesen ganz unverändert sen.
Rüschhaus, 6. Dezember 1845
… ich habe doch einen Brief vom 2ten Oktober zu beantworten, wo mir Schücking die “neue Wendung seines Schicksals” ankündigt, und sich so hin und her dreht, dass ich denken soll, er habe erst jetzt, auf Dumonts Antrag, Cottas Dienst verlassen, während dies doch ganz gewiss schon im Frühling der Fall, und sein ganzer Aufenthalt in Bonn bloß auf die Bewerbung um Püttmanns Stelle berechnet war. Ob gegenseitige Unzufriedenheit im Spiele war, weiß ich nicht, Schücking ist seiner Stellung aber offenbar völlig überdrüssig gewesen - er ist wieder so eilig und läßt Luisen seinen Brief beenden, und sie schreibt mit einiger Bitterkeit: “Der Abschied von Augsburg und unsern dortigen Freunden tut uns beiden schwer leid! einen so angenehmen Zirkel, eine so herzliche Aufnahme finden wir nicht wieder; Levin sieht das jetzt erst recht ein, ich habe es immer gefühlt, und mit dankbarem Herzen anerkannt.” Dann schreibt sie von ihrer schönen großen Wohnung in Köln, die aber allerdings auch, wie alles dort, sehr teuer sey. Junkmannen findet sie höchst liebenswürdig und originell, auch sehr heiter, nach Levins Versicherung viel heiterer als in Münster; und die Lombard, mit der sie verschiedene Landpartien gemacht, höchst gebildet und artig.
Wegen Paulinens solle ich mich nicht ängstigen (schreibt wieder Schücking). Sie sei reichlich mit Gelde versehn, obwohl sie alle Welt in Briefen anbettele, er habe auch noch vierzehn Taler für sie in Köln bezahlt, obgleich er wisse, dass sie mindestens 60 Reichstaler in der Sparkasse stehn habe et cet. Ich fürchte, er steckt selbst in Schulden; denn er spart nirgends. Zuerst die Reisen! dann sein glänzendes Auftreten in Bonn, wo, wie ich höre, ihn jedermann für steinreich hält! und nun wieder der neue Anlauf zum großen Leben in dem großen teuren Quartier, wie soll das von 1000 Reichstalern kommen? d.h., wenn nicht der Frau Vermögen allmählig drein geht.
Die 1000 Reichstaler selbst sind mir noch ein bischen problematisch. Mir schreibt er auch “1000″, seiner Tante Padberg aber nur “600″ - hat er bei mir, aus Prahlerei oder um meinen Vorwürfen zu entgehn, übertrieben? oder bei der Padberg sich zu klein gemacht, um nicht seine münsterschen Schulden bezahlen und für Paulinen sorgen zu dürfen? oder hat er bei mir alles zusammen gerechnet, Feuilleton, Rheinisches Jahrbuch und vielleicht noch den mutmaßlichen Ertrag seiner Aufsätze? Möglich sind die 1000 Reichstaler übrigens allerdings, da, wie mir Annchen Junkmann sagt, ein Freund ihres Bruders, Brüggemann, der jetzt die Redaktion der Kölner Zeitung übernimmt, dafür “2000″ von Dumont erhalten wird.
Könnte Schücking nun nur seine Veränderlichkeit bezwingen und sich etwas nach der Decke strecken, so wäre er geborgen, aber ich fürchte, Köln wird ihm noch eher alt wie Augsburg, und mit dem Hin-und Herlaufen und Leben en grand seigneur geht es endlich doch auf seines Papas Schicksal los. Mama fürchtet dies auch …
Rüschhaus, 14. November 1845





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