Briefe zum Schlagwort Gesundheit
Wie froh bin ich, Dir mal wieder selbst schreiben zu können, mein lieb Mütterchen, und zwar nur Gutes. Wir sind zwar alle krank gewesen, aber auch alle glücklich entwischt. Mit Laßberg hielt es etwas lange an, sein Winterhusten hatte sich ungewöhnlich stark eingestellt, weil er im vorigen Sommer die Badekur versäumt, und nun kam die Grippe dazu und zog sich so in die Länge, dass er am Ende recht schwach dabei wurde. Seit 14 Tagen ist aber alles vorüber, und seine Kräfte nehmen noch rascher zu als sie abgenommen, so dass ich ihn jeden Tag wenigstens um ein halbes Jahr jünger geworden finde.
Jenny, die Kinder, Tony, Hohbach, Obsers Annchen, alle die Grippe! Von den Kindern Gundel am stärksten, doch haben sich beide nachher sehr schnell erholt, Jenny hat sich zehn Tage im Bette und dann noch etwa acht Tage im Zimmer halten müssen, war eigentlich nicht viel krank, sondern mehr herunter vor Sorge um Laßberg und die Kinder und vor Mangel an Nachtruhe; wie das aufhörte, war sie auch bald wieder besser und ist jetzt gottlob ganz wieder die Alte, an Aussehen und Kräften.
Kurz, liebste Mama, Du brauchst Dich gar nicht zu ängstigen, um keinen von uns! Denn mit mir geht es auch viel besser; geht sollte ich zwar eigentlich nicht sagen, denn das Gehen ist noch immer der Stein des Anstoßes und wird es auch wohl bleiben, aber in allem Übrigen kann ich Gott nicht genug danken, wenn ich an meinen Zustand im vorigen Jahre um diese Zeit denke.
Liebe Mama, so eben schneidet mir Jenny mehr als die Hälfte von meinem Blatte weg. “Ich solle nicht so viel schreiben, sie könne es sonst nicht gut einlegen, und der Brief müsse auch fort.” Unsre Geschichte mit Zeerleder muss ich Dir aber doch noch erzählen; er war Sonderbündler, wurde in Luzern gefangen, nach etwa dreiwöchentlichem Gefängnis von der Militärbehörde (General Dufour) entlassen, mit der Warnung, sich sogleich aus der Schweiz fortzumachen, weil wahrscheinlich von Bern aus ihm eine viel schlimmere Anklage auf Landesverräterei und Spionerie (weil er gegen seinen eignen Kanton gefochten und heimliche Nachrichten zum Nutzen des Sonderbundes von dort eingezogen) bevorstehe. So kam es dann auch, er war aber zum Glück schon außer Landes. Wo? wusste niemand, bis er mit einem Male vor etwa vier Wochen hier bei uns eintraf. Laßberg empfing ihn sehr herzlich, und jedermann hielt ihn für sicher wie in Abrahams Schoße. Denke Dir also die Verstörung, als vor Tagen, wie schon alles im Bette war, zwei Herrn von unserm eigenen Gerichte, den Spiegel und ein paar Gendarmen hinter sich, Einlass verlangten und den Zeerleder in unserm Hause arretierten.
Laßberg erfuhr nichts davon, Jenny aber, die zufällig noch auf war, redete mit den beiden Herren, wo dann herauskam, dass seit lange ein Konkordat zwischen Baden und der Schweiz besteht, wonach sie sich gegenseitig Kriminalverbrecher und Landesverräter ausliefern, doch geschieht die Auslieferung nicht eher, bis von der andern Seite bewiesen ist, dass der Verhaftete wirklich zu jener Klasse gehört.
Da saß nun der arme Zeerleder im neuen Schlosse, im Bürgergefängnisse, und blies 14 Tage lang Trübsal. Laßberg ließ ihn mit allem Nötigen, Betten, Speise, Bücher et cet. versorgen und schrieb sogleich an den Markgrafen Wilhelm. Täglich besuchte ihn einer von uns. Wenn es regnete und schneite, Hohbach, bei besserem Wetter, Jenny, und bei gutem Sonnenschein habe ich mich auch ein paarmal vom Obser im Kinderwagen hinfahren lassen, obschon ich wohl hätte so weit gehn können, aber nicht ohne nasse Füße, da der Schnee zu hoch lag und zu stark am Auftauen war. Vorgestern ist nun endlich unser Verbrecher entlassen, auf den Grund mangelnder Beweise des Hochverrats.
Der Markgraf war so freundlich, Laßbergen schon einige Tage zuvor in einem wirklich herzlichen Briefe das günstige Unheil mitzuteilen. Zeerleder könnte nun nichts Klügeres tun, als sich fortmachen in’s Österreichische, da ja noch neue Klagepunkte in Menge bereit sind; aber er ist sorglos und ungeschickt wie ein Kind von sieben Jahren, versteht weder feine noch grobe Winke, und es würde mich gar nicht überraschen, wenn sie ihn hier zum zweiten Mahl packten. Er hat sich auch durch nichts bewegen lassen, seine Papiere und wertvollen Sachen aus Steinegg wegzuschaffen, und nun erfahre ich soeben, dass gestern alles mit Sequester belegt ist.
Nun adieu, liebste Mama, 1000 Liebes an alle, ich möchte so gern jeden einzeln nennen und für jeden einzeln ein paar Worte schreiben, aber man lässt mir ja weder Papier noch Zeit. Alte Sophie, August, Ludowine, Euch muss ich doch noch besonders grüßen, adieu, liebe Herzensmama,
Deine gehorsame Tochter Nette.
Meersburg, 27. Februar 1848
Lieber wertgeschätzter Freund und Vetter!
Ich weiß, dass mein langes Schweigen nach so vielen Beweisen Ihrer Güte und Ihres freundlichen Andenkens bei Ihnen keiner Entschuldigung bedarf. Sie haben gewiss keinen Augenblick an meinem lebhaftesten Wunsche, Ihnen zu schreiben, sowie an der bisherigen Unmöglichkeit, ihn zu realisieren, gezweifelt. Das fatale Herzklopfen! Es ist ein arger, obwohl jetzt fast mein einziger Tyrann, aber wie sich andre, allerdings schlimmere und vor allem schmerzhaftere Übel verlieren, nimmt dieses fast in gleichem Verhältnisse zu und hemmt mich so sehr in allem was ich unternehmen sollte oder möchte, dass ich manches Mal — z.B. eben heute — nicht umhin kann zu wünschen, lieber mehr leidend und weniger unfähig zur Erfüllung meiner liebsten Verpflichtungen zu sein.
Lieber guter Vetter! Wie hat mich alles erfreut und gerührt! Der Brief, in dem jedes Wort herzlicher Teilnahme einer Kranken so wohl getan hat; das Buch, das mir an jedem Morgen und Abende Trost gibt; die Blumen, an denen Ihnen so manche Erinnerung hängt, die ich jetzt gewissermaßen mit Ihnen teile, obwohl meine Phantasie schwerlich die rechten Farben treffen mag; das allerliebste Strohkistchen, das als ein Ihrem Wohnorte eigentümliches Produkt mir denselben gleichsam näher bringt; das sehr schöne Gemälde, in dessen Obersten ich nun einmal niemand andren sehen mag als meinen Freund, umso mehr, da eine gewisse Ähnlichkeit in Gestalt, Haltung, selbst in dem Allgemeinen der Züge gar nicht zu verkennen ist; die Autographen, die Sie teils mühsam für mich gesammelt, teils Ihrem eigenen Erinnerungsschatze entzogen haben, um mir eine Freude zu machen. Wahrlich, mein Freund, Sie verstehen es zu schenken, und jeder schon an sich schönen Gabe einen doppelten Wert zu verleihen.
Deshalb bin ich auch gar nicht verlegen um den Dank, für das, was nur die Hand gibt, mag man danken, was aber aus einem Herzen voll Güte und Teilnahme kömmt, steht über jedem Danke. Auch von den lieben Ihrigen kömmt mir so vieles Wohlwollen entgegen, und in Gestalt so schöner Gaben — sagen Sie Ihrer lieben Frau Gemahlin, wie sehr mich ihr Geschenk gefreut hat; einmal an sich, weil es so hübsch, zierlich und auch brauchbar ist, und dann doppelt als Arbeit ihrer eigenen Hand; und Ihrem Herrn Sohne sagen Sie, dass ich nie zuvor eine so überaus feine und saubere Zeichnung gesehen habe wie die seinige, dass sie eine Hauptzierde meines Albums und die Bewunderung aller Besucher ist, so wie sich jeder an dem hübschen Gedichtchen, das dem Bilde eine so freundliche Bedeutung gibt, freut, und ich natürlich am allermeisten.
Lieber Vetter, ich träume seit einigen Monaten sehr angenehm von einer kleinen Sendung nach Ansbach, wo ich mich auch gern kunstfertig zeigen möchte, namentlich im Ausschneiden aus schwarzen und weißem Papier, worin ich gar kein Lump bin, aber der liebe Gott macht mir täglich einen neuen Strich durch die Rechnung, indem er mich jeden Morgen so schwach und zu jedem Unternehmen unfähig aufstehen lässt als ich mich abends niedergelegt habe. Doch hoffe ich auf bessere Zeiten, die, nach der Versicherung der Ärzte, ja unfehlbar mit dem Frühlinge eintreten sollen, und kann es dann kaum erwarten, meine kleinen, leider halbvergessenen Künste für Sie und Ihre Lieben einmal wieder zu versuchen. Viel Rares wird es eben nicht werden, denn im Grunde sind meine Hexereien nicht weit her, aber dennoch freue ich mich unbeschreiblich auf diese kleinen Arbeiten. Wüsste ich mir nur etwas auszusinnen für Ihren großmütigen Freund, der mir den herrlichen Brief Gneisenaus geopfert hat! Sie begreifen, lieber Vetter, wie dieses Geschenk unter diesen Umständen mich rühren musste; und wie ich dem Geber gar, gar zu gern auch etwas Liebes und Freundliches erzeigen möchte — ich bitte, geben Sie mir einen guten Rat an die Hand — es hält so schwer, etwas auszufinden, das einem Blinden wirklich nützlich oder angenehm wäre. Vorläufig bringen Sie ihm meinen allerherzlichsten Dank und die Versicherung, dass ich den vollen Wert seines Geschenkes in jeder Beziehung fühle.
Lieber Freund, ich lege dem Exemplare meiner Gedichte (auf dessen Ankunft ich selbst habe lange warten müssen, da es einer Menge anderer, für meine Schwester bestimmter Gegenstände, die nicht schnell zusammenzubringen waren, beigepackt wurde) noch zwei Kleinigkeiten bei: ein regenbogenfarbiges Glöckchen und eine frühere Ausgabe meiner drei größten Gedichte, mit dem Anhange einiger geistlicher Lieder, die in der vollständigen Ausgabe nicht zu finden sind. Ich bitte Ihre Frau Gemahlin, dem bunten Spielzeug ein Plätzchen auf ihrer Etagere zu gönnen, es macht keinen Anspruch auf den Namen eines Geschenks, und soll nur ein freundlicher Gruß aus der Ferne sein.
Das kleine Buch geben Sie an einen derer, die mir durch Sie wert geworden sind, einen der lieben Ihrigen oder dem würdigen General. Was ich vorn hineingeschrieben, ist eine Bitte, die ich an jeden denselben richten möchte; so passt es für jeden.
Und nun, bester Vetter, muss ich schließen, es “tut’s halt nimmermehr!” — und kann Sie nur noch zuletzt herzlich, ja, aufs dringendste bitten, Ihren hohen Freunden den angegriffenen Zustand Ihrer Gesundheit nicht zu verhehlen, vielmehr recht klar und triftig vorzustellen, damit Sie zur Ruhe kommen, ehe Ihre gute Konstitution wirklich erschüttert ist und Ihrer im späteren Alter dauernde Unbequemlichkeiten warten. Sie sind gewiss diesen Herren allzu diskret, denn dass dieselben Sie sehr lieben, kann keinem Zweifel unterliegen, und was man liebt dafür sorgt man schneller, sobald man die Notwendigkeit einsieht.
Was sagen Sie zu den beikommenden Zeichnungen? Meine Schwester ist doch recht wohl zu erkennen, und mein Porträt soll noch ähnlicher sein. Die Kinder sind freilich nicht sonderlich gelungen — namentlich die Hildel. Gar zu gern hätte ich Ihnen die Bilder geschickt, aber mein Schwager wollte sich diese Freude nicht nehmen lassen und wird Ihnen auch dazu schreiben, so habe ich Ihnen und den lieben Ihrigen also nur von meiner Schwester herzliche Grüße und Dank zu überbringen.
Wir bringen hier den Winter ziemlich leidlich hin und freuen uns auf den Sommer, der den lieben Vetter Madroux wiederbringen wird. Nicht wahr, lieber Vetter, Sie glauben nicht, dass dieser ritterliche Mann uns sein Wort brechen könnte? Und nun leben Sie wohl, bis auf baldige schriftliche Nachricht und hoffentlich nicht zu entferntes Wiedersehn.
Mit den Gefühlen der höchsten Wertschätzung,
Ihre aufrichtige Freundin und Cousine
Annette v. Droste-Hülshoff.
Meersburg, 17. Januar 1848
Meine liebste Mama!
Ich muss Dir doch auch ein klein wenig schreiben, um Dir selbst zu sagen, dass ich mich fast in jeder Beziehung sehr viel besser befinde. Wenn ich ganz still sitze und mich auch sonst nicht anstrenge, könnte ich mich jetzt mitunter, ein wenig Bewegung abgerechnet, für ganz gesund halten. Ich schlafe gut, esse mit Appetit, habe gar keine Schmerzen und komme mir auch, wenn ich still sitze, gar nicht kraftlos vor. Nur mit dem Gehen ist’s noch nicht besser, das wird sich aber hoffentlich mit dem nächsten Frühling geben. Es ist schon viel, dass mir das Äquinoktium dieses Mal nicht geschadet hat, und dass ich jetzt, beim Eingange des Winters, wohler bin als im Sommer. Ängstige Dich deshalb meinetwegen nicht, mein liebes Mütterchen, ich komme gewiss gut durch den Winter. Du weißt, wie vortrefflich sich mein Zimmer heizt, ich spüre auch gar nichts von der Wetterveränderung. Jenny und die Kinder sind den Tag über sehr viel bei mir, und nachts habe ich die Magd im Nebenzimmer. Kurz, ich bin sehr gut aufgehoben, und da Du weißt, wie apprehensiv ich bin, so kannst Du wohl überzeugt sein, dass mir viel besser ist, da ich es selbst eingestehe.
Sehr froh bin ich auch, dass Du in dem lieben Bökendorf bist, und noch froher, dass Du so lange dort zu bleiben denkst. Damit ist mir ein Stein vom Herzen; ich weiß Dich doch nun aufs Beste aufgehoben, und in einer Umgebung, die Dich freut und erheitert. Sage allen den lieben lieben Verwandten das Herzlichste von mir. Meine alte Sophie spricht gewiss oft mit Dir von uns.
Hier geht es eben so. Wenn Jenny und ich abends allein sind, dann sind wir allezeit entweder in Hülshoff oder bei Euch. Ich wollte, es wäre kein bloßer Aberglaube mit dem Ohrenklingeln, dass man immer wüsste, wenn man voneinander redete, das wäre wie eine halbe Korrespondenz. Gestern erhielt ich einen Brief von Werner, als Vorläufer der Kiste, die er am selben Tage der Spedition übergeben hatte. Neues stand sonst gar nichts darin, aber viel Erfreuliches über Max, wie er so fleißig sei, und sich überhaupt so gut mache. Gottlob!
Hier ist alles in großer Spannung wegen der Schweizer Angelegenheiten, selbst ich lasse mir jetzt täglich die Zeitungen bringen und lese die betreffenden (von Laßberg rot angestrichenen) Artikel. Die armen Sonderbündler! 30.000 gegen 100.000! Gottes Hülfe muss das Beste tun, und dann ihre Begeisterung und gänzliche Todesverachtung. Der arme kleine, als Grenzland und dazu völlig flaches Terrain gradezu preisgegebene Kanton Zug zählt nur 15.000 Einwohner, diese sind neulich sämtlich an einem Tage, Männer, Frauen und Kinder, in Einsiedeln gewesen, haben die Sakramente empfangen und sich alle zum Tode einsegnen lassen. So etwas geht einem doch durch Mark und Bein!
Man hört hier auch sonst so vieles von den Urkantonen, ihrer Bewaffnung und Kampfart, dass einem ist wie im Traume; von dem Urner Signalhorn (dem Stier von Uri), das eine ganze Schlacht übertönen und so fürchterlich klingen soll, dass in früheren Kriegen die feindlichen Feldherrn immer sehr den Eindruck auf ihre Truppen gefürchtet haben; von den Morgensternen (hier Fidelis-Prügel genannt, weil der h. Fidelis mit einem Streitkolben erschlagen ist), mit denen ein Teil der Schwyzer bewaffnet ist, und die sie im Handgemenge mit so großer Kraft zu brauchen wissen, dass von jedem Schlag ein Mann fällt; von den langen Flinten der Unterwaldner und Walliser Scharfschützen, die durch die Felslücken gesteckt werden und tausend Schritt weit tragen sollen. Kurz, es ist alles wie in einem fabelhaften Traume, aus dem man aber leider nicht erwachen kann. Die Jesuiten gehn überall als Feldprediger mit.
Flüchtlinge kommen im ganzen wenig, es scheint ein Grundsatz der Sonderbündler zu sein, ihre Kinder und Kranken nicht ins Ausland, sondern in die Berge zu flüchten, um desto mehr Grund zum äußersten Widerstände zu haben. Die Frauen gehen fast alle mit ihren Brüdern, Männern, Vätern, um die Verwundeten zu pflegen, und bei Hauptschlachten, hinter dem Heere aufgestellt, die Ihrigen zu ihrer Verteidigung aufs äußerste zu treiben.
Heute haben wir den Neunten, morgen sollen die Feindseligkeiten beginnen, und zwar an der Grenze von Freiburg. Gott schütze das Recht! Hier in Baden gibt’s nur eine Stimme, für den Sonderbund, und zwar von Unfrommen wie von Frommen, da die armen kleinen Kantone ebenso wohl für ihre Freiheit wie für ihren Glauben fechten und die Jesuitenfrage von den großen offenbar nur vom Zaune gebrochen ist, um bei dieser Gelegenheit die kleinen einzuschlucken.
Genug hiervon, sonst frisst die Schweiz mein ganzes Blatt auf, und Du liest wohl alles besser in den Zeitungen. Liebe Mama, sollte es denn wohl wirklich wahr werden, dass im nächsten Sommer eins von den Onkels oder Tanten hieherkäme ? Es sind nun so viele, die uns Hoffnung gemacht haben; es wäre doch gar zu betrübt, wenn wir am Ende doch wieder ganz leer ausgingen. Lieber Onkel Karl, lass doch deine Dahlien einmal ein wenig allein. Du musst mir ja die schöne wunderliche Muschel bringen, die in Abbenburg für mich liegt, sonst weiß Gott wann ich sie bekomme, da ich gewiss noch anderthalb Jahre hier bleiben muss, denn ich soll im nächsten Sommer hier Ameisenbäder gebrauchen und darf dann nicht mit dem Winter wieder in unser Klima einrücken. Lieber August, Ihr seid ja doch so viel auf den Rädern, Du und Tante Dine, rutscht doch auch einmal hieher. Ach, ich wollte Ihr kämt alle, wir sehnen uns nach allen, Jenny und ich. Liebe Mama, kannst Du denn keinem von allen so gut zureden, dass er Dich hieher begleitet?
Adieu, liebstes Mütterchen, sage doch allen das Herzlichste von mir, meiner lieben alten Sophie, den Hinneburgern, Wehrenschen, Herstellern; ich kann nicht alle einzeln hinschreiben, aber ich denke an jeden einzelnen, auch in Erpernburg, Wewer, Tienhausen, Vörden, überall meine besten Grüße, Anna und meine alte Male sind ja noch wohl bei Euch. Ich wollte, ich könnte nur auf eine Viertelstunde zwischen Euch sitzen. Adieu, ich küsse Deine liebe Hand.
Deine gehorsame Tochter Nette
Meersburg, 8. November 1847
Sie sehn, Lies, wie schlecht es mit meinem Schreiben geht, 2-3 Zeilen im Tage, aber heute muss etwas gewagt und geleistet werden, denn unser Heinrich, von München abgehend und über Meersburg reisend, um Mama auf ihrer Heimreise zu begleiten, ist schon vor drei Tagen angekommen, und wieder nach drei Tagen (am 10.) steht mir die harte Stunde der Trennung bevor. Von meiner Mitreise kann keine Rede sein; habe ich wirklich noch Jahre zu leben, so müssen wenigstens die nächsten und gefährlichsten in diesem Klima durchvegetiert werden. So sagen wenigstens die Ärzte und andere auch, selbst Mama.
Es ist sehr hart, von einer 74jährigen Mutter zu scheiden, vor allem, wenn man selbst krank ist. Das Wiedersehn ist eine Durchfahrt zwischen Scylla und Charybdis. Mein einziger Trost ist die ziemlich offenliegende Notwendigkeit, Jennyn eine recht nahstehende Gesellschafterin zu lassen. Sie leidet, obwohl 1 1/2 Jahr älter als ich, doch an denselben Erschütterungen einer körperlichen Veränderung, wird, wie ich, noch Jahre lang mehr oder minder damit zu kämpfen haben, und grade bei ihr macht die Seelenstimmung alles aus; ein lieber Besuch, ein freies Ausströmen ihrer Gefühle macht sie auf der Stelle gesund, das Gegenteil mehr oder minder rückfällig in ihre leidenden Zustände. Jetzt ist sie gottlob ganz wohl; Laßberg auch, nur hinfällig und überaus gütig gegen mich.
Lieb Lies, wie unterhalten wir aber fortan unsre Verbindung, da ich nicht schreiben kann? Als erste Maßregel werde ich mein liebes Mütterchen bitten, jede Nachricht von hier Nannyn oder Luischen zukommen zu lassen; eine direkte Korrespondenz würde mir noch passender scheinen, wenn ich nicht überzeugt wäre, dass Sie auf diese Weise unendlich weniger erfahren würden. Denn Mama wird selbst zu den guten Kindern gehn, und dann erzählt sie recht gern und umständlich, während sie selbst sehr ungern, und, weil es ihr so schwer wird, nur kurz schreibt.
Dass ich gern mitunter einen Brief von Ihnen, mein altes, mir immer gleich teures Herz, sähe, brauche ich nicht zu sagen, aber ein Brief, auf den man vielleicht erst nach einem halben Jahre Antwort erwarten kann, ist ein Opfer. Wollen Sie es mir zuweilen bringen, um unsrer Liebe willen, die doch wohl stärker ist als Krankheit und Tod? Und in die Briefe, die fortan wieder von hier an Mama abgehen, einige versiegelte Zeilen an Sie einlegen, dies werde ich doch hoffentlich immer können, und unsre lieben Münsterkinder besorgen sie Ihnen dann, wären es nur die paar Worte: “Ich lebe noch, und habe Sie sehr lieb”.
Meersburg, 7. August 1847
Es ist Ihnen beim Anblicke dieser Zeilen wohl zumute, als hörten Sie eine Stimme aus der andern Welt. So schlimm ist es indessen nicht; ich bin lebendig und leide wenig, aber schwach, schwach!
Jetzt ist es fast ein Jahr, dass ich meine Spiegelei nicht anders verlasse, als um bis zur grünen Bank auf dem Hofe zu schleichen. Mein Gehen ist so gut wie gar nichts mehr. Schreiben bringt mich nach wenigen Zeilen einer Ohnmacht nahe. Lesen darf ich nur mit großer Vorsicht ab und zu ein kleines Gedichtchen, oder einen kurzen Zeitungsartikel. Im übrigen ist mein Schlaf, wenn nicht gut, doch zur Notdurft hinreichend, Appetit dito; fieberhafte oder schmerzliche Zustände nicht vorhanden; Stimmung heiter; Aussehen ganz erträglich; und endlich der langen Rede kurzer Sinn, dass nach der Aussage aller meiner Ärzte (ich bin jetzt schon in den Händen des dritten) durchaus nicht krank sein soll, nicht mal nervenleidend, sondern nur grenzenlos nervenschwach. Und dieser miserable Zustand (sein Anfang liegt in meiner zu frühen Geburt, seine gegenwärtige Steigerung in meinen fünfzig Jahren) soll mehrere Jahre, in denen ich nur vegetieren darf, anhalten, und dann? Nun, dann soll hintennach alles charmant und mir Gesundheit (soweit die Altersschwäche), Denkfreiheit (so weit die Altersstumpfheit) und sogar die Erlaubnis zu schreiben (soweit die Großmamas Brille es erlaubt) zuteil werden. Sind das nicht glänzende Aussichten?
Zudem glaube ich nicht mal daran, nicht mehr als an den Juden-Messias. Aber das glaube ich selbst, dass unter günstigen Umständen (d. h. wenn ich mich behandle wie eine Seifenblase oder ein weiches Ei und kein Unglück von außen auf mich einstürmt) die Geschichte sich noch lange, lange hinspinnen kann. Doch wie Gott will! Ich bin jede Stunde bereit und meinem Schöpfer sehr dankbar, dass er mir durch das beständige Gefühl der Gefahr einer vollkommene Befreundung mit dem Tode, sowie, durch eben dieses Gefühl, eine doppelt innige und bewusste Freude an allen, auch den kleinsten Lebensfreuden, die mir noch zuteil werden, gegeben hat.
Sie dürfen deshalb nicht meinen, mein liebes liebstes Herz, als ob Ihr Brief und Ihre lieben Geschenke mir weniger Freude gemacht hätten als sonst. Sie haben mich mehr als gefreut, tief gerührt, aber antworten konnte ich nicht und hatte auch niemanden, der es statt meiner getan hätte. Jenny litt wieder wochenlang, und mein Mütterchen war durch Sorge um uns beide so angegriffen und nervenschwach, dass ich nicht weiß, wen von den beiden armen Seelen ich am unliebsten hätte anstrengen mögen, und von den Kindern ist, in dieser Art, noch gar nichts zu haben.
Es sieht mit ihrem Schreiben noch erbärmlich aus; langsam wie Schnecken, und dann Krähenfüße und vier Wörter auf die Zeile; Jenny lässt sie alle ihre Zeit auf jene Unterrichtsstunden verwenden, zu denen die Gelegenheit vorübergehend, oder auch wegen zu großer Kosten vielleicht in späteren Jahren nicht durchhaltend zu benutzen wäre. So sind sie schon recht hübsch voran im Zeichnen, Klavier, Französischen et cet. und recht schmählich zurück in allem Notwendigerem, aber allerdings unter Jennys eigner Leitung leicht Nachzuholendem.
Ach, Lies, es ist recht betrübt, dass wir wirklich bereits genötigt sind, in allen Dingen Vorbereitungen auf eine Zeit zu treffen, an die wir so ungern denken mögen, aber der gute Laßberg nimmt gar zu sichtlich ab, und alles Körperliche an ihm, Gesicht, Gehör, Gedächtnis, Muskelkraft, alles geht jetzt mit seinen 77 Jahren gleichen Schritt, wo nicht noch etwas vor; nur sein Geist und seine Heiterkeit haben keine Abnahme erlitten oder erleiden höchstens nur momentane, wenn er sich, wie man zu sagen pflegt, mal so recht selbst fühlt.
Meersburg, 20. Juli 1847





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