Briefe zum Schlagwort Gesundheit



aus: 1847, Briefe an Elise Rüdiger, Meersburg

Ich bin jetzt eigentlich hergestellt, aber noch ungeheuer schwach und reizbar, kann noch keine drei Seiten nacheinander lesen, und dieser ist mein erster Brief, an dem ich gewiss schon 14 Tage lang schreibe — Sehn Sie, Lies, dass ich doch immer mehr für Sie tue, als für jeden andern? Aber es ist auch ein miserabler Brief! ein bloßes Krankheitsbulletin! Ich habe gedacht, das Lies hat mich lieb, ängstigt sich um mich, und für dieses Mal sind ihr genaue Nachrichten mit zuletzt beruhigendem Schlüsse lieber als die schönsten Literaria.

Übrigens kommen mir dergleichen auch weder zu Ohren noch Gesicht. Lesen darf ich ja noch nicht, habe seit meiner Ankunft (2. Oktober) mein Zimmer nicht verlassen und nehme außer der Salm durchaus keinen Besuch an. Dennoch habe ich Gesellschaft genug in meiner Spiegelei. Laßberg kömmt jeden Nachmittag auf eine Stunde, und Mama und Jenny bringen regelmäßig die Abende bei mir zu. Dann wird aber alles Aufregende im Gespräche vermieden, und ich höre, auf einen großen Lehnsessel an der Schattenseite des Ofens gekauert, ganz behaglich an, was von Tagesbegebenheiten, kleinen Abenteuern auf Spaziergängen et cet. vorgebracht wird.

Überhaupt langweile ich mich gar nicht; meine Phantasie arbeitet nur zu sehr, und ich muss aus allen Kräften dagegen ankämpfen. Jede etwas unebene Stelle an der Wand, ja, jede Falte im Kissen bildet sich mir gleich zu mitunter recht schönen Gruppen aus, und jedes zufällig gesprochene etwas ungewöhnliche Wort steht gleich als Titel eines Romans oder einer Novelle vor mir, mit allen Hauptmomenten der Begebenheit. Sie sehn, wie überreizt ich noch bin. Gott! dürfte ich jetzt schreiben (d. h. diktieren), wie leicht würde es mir werden! Aber wie bald würde ich auch wieder alle Viere von mir strecken!

Meine Spiegelei ist ganz reizend, heizt sich vortrefflich, fasst jeden Sonnenblick auf und ist durch den Widerschein des Sees selbst in den trübsten Tagen immer hell. Dazu vor mir auf dem Tische immer ein paar Töpfe in voller Blüte aus dem Treibhause. Wenn ich aufstehe, der immer lebendige, oft himmlisch beleuchtete See mit seinen Fahrzeugen und die Alpen. Ich spüre auch gar nichts vom Winter und freue mich deshalb auch gar Sicht auf den Frühling mit seinem garstigen Äquinoktium, was mich immer krank macht, um so weniger, da ich doch vor dem Eintritt beständiger Sommerwärme (etwa um das Ende Mais oder anfangs Juni) das Zimmer nicht verlassen soll.

Lieb Herz, ich habe eben Ihren Brief durchsehn, und will beantworten soweit meine Wissenschaft reicht … [zehn Zeilen von fremder Hand unleserlich gemacht]

Meersburg, 4. - 16. Februar 1847

aus: 1847, Briefe an Elise Rüdiger, Meersburg

Ich machte mich in der letzten Zeit stärker als ich war, um Paulinens Widerstand zu besiegen, die mich nicht begleiten konnte (weil ihr ein junges Mädchen in den Ferien anvertraut war) und mich mit großer Liebe und Sorge entließ; sie hatte alles getan, mir die Reise zu erleichtern, mir alle Karten für Dampfboote und Eisenbahnen, sogar für den Omnibus bis Freiburg verschafft (diese Anstalten stehn miteinander in Berechnung) und zugleich ein Empfehlungsschreiben vom Direktor der Kölnischen Dampfschiffahrt, was an sämtliche Wagen- und Schiffkondukteure gerichtet, ihnen jede Rücksicht für mich auf die Seele band, so bin ich übergekommen fast so bequem wie in meinem Bette (d. h. bis Freiburg) — die Herrn Kondukteure führten mich immer gleich in den Pavillon, nahmen andern Kanapees ihre Kissen, um es mir bequem zu machen, versorgten mein Gepäck, banden mich den Marqueurs so eng aufs Gewissen, dass fast jede Viertelstunde einer kam, nachzusehen, ob ich etwas bedürfe, und wenn wir angekommen waren, ließen sie mein Gepäck gleich auf das morgige Dampfboot bringen und führten mich selbst an den Omnibus.

Auf der Eisenbahn ging es ebenso, ich bekam beide Male einen Waggon für mich allein, und fast bei jeder Station erschien ein Gesicht am Wagenschlage, um zu fragen ob ich etwas bedürfe — und doch hat dies alles meine Reise nur unbedeutend verteuert, die Kondukteure nahmen nichts und meine männlichen Wartfrauen waren am Rheine mit einem Gulden, weiterhin schon mit 30 Kreuzern, überglücklich.

Sie sehen, lieb Lies, ich bin wie in einem verschlossenen Kästchen gereist und habe (außer meinen lieben Wartfrauen) kein fremdes Gesicht gesehn, nicht mal in den Gasthöfen, wo ich mir gleich ein eigenes Zimmer geben ließ, wenn ich auch nur eine halbe Stunde blieb; so fühlte ich mich in Freiburg so wenig erschöpft, dass, statt (wie früher beschlossen) Extrapost zu nehmen, ich mich dem Eilwagen anzuvertrauen beschloss, obwohl er abends abging.

Meine Empfehlungen waren zu Ende, aber mein Glück verließ mich auch hier nicht, ich hatte bis Mitternacht einen Beiwagen ganz für mich allein, dann muste ich freilich in den allgemeinen Rumpelkasten, voll schnarchender Männer und Frauensleute, die brummend und ächzend zusammenrückten, als ich mich einschob; dann ging das Schnarchen wieder an, ich allein war wach bei dieser scheußlichen Bergfahrt und merkte allein, wie den Pferden die Knie oft fast einbrachen und der Wagen wirklich schon anfing rückwärts zu rollen. Mein Vis-a-Vis stieß mich unaufhörlich mit den Knien und die Köpfe meiner Nachbarn baumelten an mir herum. Doch gottlob nicht lange!

Es war noch stockfinster, als wir mit der Post nach Konstanz zusammentrafen, und siehe da, meine ganze Bagage kugelte und kletterte zum Wagen hinaus, und ich war wieder frei! frei! und machte mir ein schönes Lager aus Kissen und Mantel, auf dem ich es sehr leidlich aushalten konnte, bis nach Stockach, wo ich um zehn ankam, gleich Extrapost nahm und in Meersburg die Meinigen noch bei Tische traf.

Sehn Sie, lieb Lies, dies ist mein Reiseroman, einen so ledernen haben Sie wohl Ihre Lebtage nicht gelesen. Hier war große Freude über meine Ankunft, aber auch große Bestürzung über mein Aussehn, ich musste gleich zu Bette und zwei Ärzte annehmen (einen aus der Stadt und den sehr geschickten Brunnenarzt von Überlingen) — da habe ich denn viele Medizin geschluckt und bin immer elender darnach geworden, zuletzt so nervenschwach, dass mir jedes Wort klang wie eine Posaune, und zuweilen im Stockfinstern mir das Zimmer für einige Sekunden erleuchtet schien wie vom grellsten Sonnenschein, und ich die kleinsten Gegenstände genau unterscheiden konnte; zudem nahm mein Magen mich gar nichts mehr an, selbst Wasser und Haferschleim musste ich sogleich wieder von mir geben, und dabei immer Fieber und Beklemmungen, immer halb tot husten, Ach Lies! ich war schrecklich elend, und wünschte auch gar nicht wieder besser zu werden, nur tot! tot!

Endlich erklärte der Brunnenarzt: “Mir tauge keine Medizin — ohne Ausnahme — ich sei in allen innern Teilen völlig gesund, aber meine Nerven in einem Zustande der Überreizung, wie ihm noch nie vorgekommen, — er habe mir Dosen gegeben wie sie für ein eben geborenes Kind passten, und ich habe die ihnen entsprechenden Zufälle bekommen, als ob er mich mit ganzen Pfunden vergiftet hätte”. Er fügte hinzu, “könnte ich an Homöopathie glauben, so wäre dies das einzige, was ich bei Ihnen anwenden möchte, aber so leben Sie wenigstens homöopathisch. Ich sage jetzt aus voller Überzeugung, dass Ihr natürlicher Widerwillen gegen Gewürze, Wein et cet. Ihr größtes Glück gewesen ist, und Ihre Hartnäckigkeit, 17 Jahre lang keine Arznei zu nehmen, das Klügste, was Sie tun konnten - ich kann Ihnen nichts verordnen als die möglichste geistige und körperliche Ruhe, liegen Sie ganz still — Schlafen? — so viel Sie irgend können — Denken? wo möglich gar nicht, oder nur Angenehmes, was Sie nicht aufregt. So werden Sie sich wahrscheinlich allmählich von selbst erholen” - und so ist es auch gekommen.

Meersburg, 4. - 16. Februar 1847

aus: 1847, Briefe an Elise Rüdiger, Meersburg

Mein lieb lieb Lies! Ich wage es, einen Brief an Sie anzufangen — jeden Tag einige Zeilen, da muss es doch endlich etwas geben. Mein Gott! wie ist doch in Münster die Trennung der Gesellschaften so groß! Dass auch nicht einer Ihrer Bekannten erfahren hat, wie elend krank ich gleich nach meiner Mutter Abreise geworden bin, und dass nur die äußerste Not, die allerseitige Überzeugung, dass ich in diesem Zustande keinem westfälischen Winter entgegengehn dürfe, meine nachträgliche Reise wie alles Notwendige auch möglich gemacht hat — denn Sie müssen wissen, dass ich Hülshoff in einem Zustande verlassen habe, wo ich keine halbe Stunde außer dem Bette sein konnte, ohne ohnmächtig zu werden. Doch ging die Reise leidlich; hier brach aber das Übel erst recht los, ich bin mehrere Monate völlig bettlägerig gewesen und noch immer sehr schwach. Dies ist mein erster Versuch zum Schreiben, doch ich habe bis zu Ihrem anberaumten Geduldstermin noch viele Zeit vor mir, noch fast vier Wochen, so hoffe ich sogar etwas weitläufig werden zu können.

Ja, lieb Herz, alle meine schönen Träume von Rüschhauser Einsamkeit, Harfenruhe und Abendrot haben kaum ein paar Tage lang einen schwachen Anlauf zur Realität nehmen können, dann war es vorbei. Die Spannung der letzten Zeit hatte mich aufrecht erhalten, und nun fiel ich zusammen wie ein Taschenmesser. Miserabel! 6-7 Mal im Tage Erbrechen — ein erstickender Husten und Schleimandrang — immer Fieber — kein Schlaf. Der gute Kühnast, der wenige Minuten vor Mamas Abfahrt nach Rüschhaus gekommen und somit, da wir alle zu verwirrt und angegriffen waren, um unsre Worte zu wägen, hinter das Geheimnis des Inkognitos gekommen war, musste sich dennoch behandeln lassen, als sei von allemdem nichts passiert, ich ließ ihm nämlich in der nächsten Woche sagen, “er möge mir keine Bücher mehr schicken, da ich sogleich nach Hülshoff abfahren werde” — und er hat’s geglaubt, was mir sehr lieb war, denn ich hätte ihn sehr ungern beleidigt, und noch unlieber weh getan, und war doch viel zu elend, Besuche anzunehmen, am wenigsten von Herrn.

Werner, dem ich Nachricht von meinem Befinden geschickt und dem sein armes Bein nicht zu kommen erlaubte, schien, bedeutend ungläubiger (kein Prophet in seinem Vater-Lande respektive -Hause!), alles für Schulkrankheit zu halten (Hülshoff hier die zu schwänzende Schule), und riet Diät, Verlassen der Einsamkeit und vor allem Bewegung an. An letzterer habe ich mich dann auch in der ersten Zeit halb tot exerziert, bis ich umfiel, und endlich das Bett völlig hüten musste. Ach, lieb Lies, da war Rüschhaus gar kein liebes heimliches Winkelchen mehr! Ich sah den ganzen Tag nur die niedrigen Balken meines Schlafzimmers, und außer dreimal im Tage sah keine Seele nach mir, da die Ernte im Gange war und auch die Köchin viel daran half — sonderlich nachmittags, wo sich das Gemüse-Aufwärmen und Saure-Milch-Aufsetzen in einer Viertelstunde abmachen ließ, war von eins bis sieben das Haus ringsum verschlossen, ich mutterseelen allein darin, fiebernd und würgend, bedurfte ich etwas Unvorhergesehenes, so musste ich aus dem Bette klettern und mir selber Rat schaffen, oder, wenn ich grade im Fieberschweiß lag, geduldig aushalten bis zur Erlösungsstunde.

Ich habe dies in meinem Eremitenleben sonst auch schon mitgemacht, aber nicht krank — dann freute ich mich dieser tiefen Einsamkeit, da mir Küche und Keller ja offen standen und ich im Notfalle an der steinernen Gartenbank meine Leute sehr leicht errufen konnte, aber jetzt kam ich mir oft vor wie ein armer Soldat, der sich auf dem Schlachtfelde verblutet. Freilich war das meine eigne Schuld, ich hätte ja nur Jennchen oder Anna zu Hause behalten können, aber die Leute sahen alle so eilfertig aus, rannten und schnauften so furchtbar, dass es mir gar nicht einfiel, jemand dem großen Werke zu entziehen. Lieber ging ich nach Hülshoff — nicht ohne Scheu vor Gottes neunfachem Segen dort.

Werner und Line empfingen mich an der Treppe jubelnd und spottend, dass die Langeweile mich endlich hergetrieben, wurden aber mäuschenstill, als ich so elend aus dem Wagen stieg, und nach einigen Minuten im Wohnzimmer ohnmächtig wurde. Man brachte mich gleich in meine Stube, und ich kann nichts anderes sagen, als dass ich bis zu meiner Abreise die sorgsamste zärtlichste Pflege dort genossen habe, doch ohne Erfolg für meine Gesundheit, da zu allem anderen noch die Cholerina kam, und endlich in eine vollständige Blutruhr überging. Sie können denken, wie mir nun erst völlig elend wurde. Werner riss sich fast die Haare aus dem Kopfe, dass ich keine Arznei nehmen wollte, und als die letzte schlimme Krankheitszugabe sich später verloren hatte und ich nun täglich etwa eine halbe Stunde aufsitzen konnte, kam meine Reise denn zur Sprache.

Ich sagte “nach Meersburg!” Werner meinte, “er wolle froh sein, wenn er mich nur bis Bonn hätte, dort sei auch schon Bergluft und sehr geschickte Ärzte”. Der arme Schelm war ganz betrübt, Reisen schien ihm eigentlich unmöglich, und Bleiben noch schlimmer. Er gab mir seinen Heinrich mit (der grade in den Münchner Ferien dort war) und fuhr selbst mit bis nach Münster, um zu sehn, wie mir das Fahren bekomme, aber das Rütteln tat mir wohl. In Münster legte ich mich gleich zu Bette und ließ Schlüters herüber bitten, nach deren Fortgehn ich dann zu Nanny und Luischen schicken wollte (es war fast finster, wie ich ankam), stattdessen kam Rosine Wintgen, die mich hatte vorüber fahren sehn, um mir aus Briefen ihrer Valencienner Schwestern endloses Lob der Meersburger mit auf den Weg zu geben, mir die Anzeige des “Rheinischen Jahrbuchs” zu bringen, und mich zu bitten, Maßregeln zur Unterdrückung meiner “Charakteristik” bei lebendigem Leib zu ergreifen - mir war dieser Gedanke ebenfalls höchst widrig an sich und gewiss allen den Meinigen ein gräulicher Skandal, so ärgerte ich mich tüchtig.

Schlüter kam allein mit seinem Vorleser, die Wintgen ging — und nun war es so spät, dass ich nicht mehr daran denken konnte, Nanny und Luischen noch herzubescheiden, so trug ich denn Schlütern auf, ihnen alles Liebe und Herzliche von mir zu sagen, und auch sonst alles — dass ich fort müsse, wie krank ich sei, wie gern ich sie noch gesehn hätte - und das alles möchten Sie Ihnen berichten, mit dem Zusatze, “dass Sie sich nicht wundern dürften, vielleicht ein halbes Jahr lang keinen Brief von mir zu erhalten, da jedes Bücken mir Erbrechen zuwege bringe, und das Übel jetzt viel zu dezidiert auftrete, als dass ich es noch ferner bravieren dürfte, so dass ich, bestenfalls, einer langen strengen Kur entgegen sehe”. Es scheint, Schlüterchen hat alles vergessen und mich wahrscheinlich gar nicht so krank gefunden, da er mich ja nicht sehn konnte, und ich zum Abschiede lebhafter sprach als mir gut war. Auch für Kühnast gab ich ihm einen Gruß und Dank für so manche Gefälligkeit mit — wird auch wohl nicht angekommen sein! Doch ich muss mich kürzer fassen.

Der Weg bis Bonn wurde mir recht schwer, hätte ich den Heinrich nicht bei mir gehabt, der mich fortwährend im Arme hielt, und überhaubt pflegte wie eine Wartfrau, ich wäre im ersten besten Dorfe liegengeblieben, er verließ mich mit der Überzeugung, dass ich in Bonn bleiben werde, was auch Pauline, deren Empfang rührend herzlich war, als ausgemacht annahm.

Ich blieb fast 14 Tage in Bonn.

Schückings ließen zu meiner großen Erleichterung nichts von sich hören, obgleich fast unmittelbar, nachdem ich angekommen, meine Ankunft und wahrscheinlich längerer Aufenthalt in der (ich glaube gar Kölner Zeitung) stand. Reden hört ich aber mitunter von ihnen, sie wird schön gefunden und in jedem Betracht bedeutender als er, beliebt scheinen beide nicht, sie gelten für kalt, aufgeblasen, und man zuckt sehr bedenklich die Achseln über ihren gewaltigen Aufwand. Als Autoren betrachtet scheint Cottas gegen sie ausgesprochene Ansicht auch am Rheine die allgemeine zu sein.

Mir wurde in Bonn besser, oder wenigstens bequemer, die inneren Krämpfe fingen an sich, nach Fieberart, auf gewisse Stunden zu beschränken, wo sie freilich um so ärger hantierten, ich gewann aber freie Zeit, wo ich sogar aufstehn und Besuche sehn konnte. Junkmann besuchte mich dreimal — Sie haben Recht, er ist der alte reine Charakter geblieben, aber ich fürchte, er geht bürgerlich zugrunde; er hat jeden Gedanken an ein Doktor-Examen und überhaupt eine feste bürgerliche Stellung aufgegeben und exaltiert sich in der Idee, als freier Literat die Hydra des Zeitgeistes zu bekämpfen — freier Literat! das ist die grade Straße zum Bettelstabe! wenigstens für ihn, dem Fruchtbarkeit und populäre Schreibart so gänzlich fehlen, gewiss!

Ich machte ihm die beweglichsten Vorstellungen, auch von Schlüters Seite, der mich eigens dazu beauftragt, “doch zuerst, und zwar gleich, ehe er alles vergessen, sein Examen zu machen, um jedenfalls einen Broterwerb im Hinterhalte zu haben”, er lachte aber so krampfhaft und wild, dass es mich ordentlich grauste, und rief: “Hoho! Brotstudium! Das sind mir die rechten Philister! Da erkenne ich das echte münsterische Pfahlbürgertum, wo ihr noch alle bis über die Ohren dadrin steckt! Ich bin aber seitdem mit vielen andern Leuten umgegangen und längst weit darüber weg. Im schlimmsten Falle kann ich ja alle Tage Kapuziner werden.” Dann zog er einen Fünf-Talerschein aus der Tasche und sagte: “Sehn Sie, das ist alles Geld, was ich noch habe, aber das macht mir nichts!” Und nun ging das krampfhafte Lachen und Herzählen seines künftigen glorreichen Wirkens, und wie er alles zu Boden donnern wolle, wieder an. Muss einem da nicht bange bei werden? Ich fürchte, wir erleben noch traurige Dinge an ihm! Es ist nicht möglich, das ein Körper dieser ewigen Aufgeregtheit, diesem furchtbaren Andränge von Ehrgeiz und Überspannung auf die Dauer widerstehn kann.

Ich bat ihn, zu Kinkel zu gehen, die bewusste Charakteristik im Manuskripte zu durchlesen und, falls sie nicht diskreter sei, als sich überhaupt von der Charakteristik einer noch lebenden Person erwarten lasse, Schücking in meinem Namen um Unterdrückung derselben zu bitten. Er teilte meine Ansicht von dem Widrigen dieser Schaustellung, ging aber keineswegs zu Kinkel und antwortete mir jedesmal ganz ruhig: “Ja! Sieh! Da habe ich nicht an gedacht!”, bis fast 14 Tage darüber verflossen, wo er mir dann eben so ruhig die Nachricht brachte, “er sei um ein Geringes zu spät gekommen, die Charakteristik komme eben aus der Presse”. An Entschuldigen dachte er nicht, war aber übrigens mitunter warm und herzlich wie immer, und nahm sehr bewegt Abschied von mir, als ich den scheinbar tollen Entschluss ausführte, ganz allein die weite Reise nach Meersburg zu unternehmen.

Ich fühlte mich sehr krank, glaubte nicht an Besserung und wollte bei den Meinigen sterben.

Meersburg, 4. - 16. Februar 1847

aus: 1846, Briefe an Werner von Droste, Meersburg

Wie hast Du, lieber Bruder, nur einen Augenblick denken können, ich sähe dein Bestreben, mich über meine Apprehensionen wegzubringen und dadurch meine Genesung zu beschleunigen, für einen Mangel an Teilnahme an! Nein, alter Junge, so verkehrt kann ich mein Lebtage nicht werden; ich sah deine Absicht recht gut ein, fand auch wohl, dass Du Mitleid mit meinen wirklichen Leiden hattest, obwohl Du sie für ungefährlicher hieltest als ich.

Ich bin denn nun hier in den Händen desselben geschickten Arztes, der Jenny so gut hergestellt und von dessen Arznei Mama bei ihrem letzten Herzklopfen große Linderung verspürt hat - zwei Dinge, die mir allerdings Zutrauen einflößen. Ich habe auch schon zwei Flaschen Medizindreck herunter, und mehrere fatale Umstände, z. B. das Fieber abends, die Nachtschweiße, sind bereits darnach verschwunden, und das allgemeine nervöse Unbehagen ist auch sehr gemildert. Der Doktor hat jetzt nur noch mit meiner Engbrüstigkeit, Husten, und Schleimandrang zu kämpfen, er sucht dieses mein Hauptübel durchaus nicht in der Lunge, sondern in einer beständigen Schwäche und bei jeder Gelegenheit eintretenden Entzündung der Schleimhäute, wozu dann noch Schwäche des Unterleibs und der Nerven käme. Auch die Milz scheint er (wie Bönninghausen und Grasso) im Spiel zu glauben, denn er griff gleich nach derselben Stelle und fragte, ob ein Druck dort mir weh tue, und als ich dies bejahte, sagte er auf meine Nachfrage, “dort liege die Milz”. Sonst aber spricht er mich von jedem örtlichen Übel frei.

Ich muss mich vorläufig sehr still halten und darf fast gar nicht an die Luft, beides, um die Luftröhre nicht zu reizen; später, wenn die Entzündung gehoben ist, soll ich mich allmählich an mehr Bewegung gewöhnen. Meine Magenschmerzen hatte mir der Eilwagen schon fast ganz fortgerüttelt, als ich in Bonn ankam, mir dagegen aber ein abscheuliches Kopfweh gebracht, woran ich acht Tage in Bonn festgelegen und viel ausgestanden habe. Ich konnte Dir, lieber Bruder, deshalb auch nicht schreiben, so gern ich gemocht hätte.

Als sich dieses zuletzt ziemlich verloren, machte ich voran. Der erste Tag bis Mainz war miserabel, ich hatte fortwährend Fieber, musste mich in Mainz die ganze Nacht erbrechen, und hätte ich nicht schon alle Karten bis Freiburg vorausgenommen gehabt, so würde ich sicher nach Bonn rückgekehrt sein, im Glauben, ich könne die Reise nicht machen. So aber reute mich mein Geld, und ich ließ mich in Gottes Namen voranrumpeln, was denn auch besser ging, als ich gedacht, da auf dem Dampfboot eine eigene Kajüte für Kranke mit ganz breiten Kanapees war, wo ich mich ausruhen konnte, so wie ich, folgenden Tages, auf der Eisenbahn, mit Hülfe eines gutes Trinkgeldes und der späten Jahrszeit, wo wenige mehr reisen, einen Waggon ganz für mich allein erhielt, wo ich mich auf einem Sitze für vier Personen ausstrecken konnte.

Die letzte Tour von Freiburg aus war zwar sehr beschwerlich, aber es war auch die letzte und in Meersburg das Bett für mich in der Spiegelei schon gemacht, da, sonderbarerweise, Jenny und Laßberg mich grade an diesem Tage erwartet hatten, obwohl ich ihnen nicht geschrieben. Ich fand Laßbergen ungemein wohl aussehend und munter, und auch Jennyn sieht man keine Spur ihrer Krankheit mehr an, so wie sie sich auch selbst ganz genesen fühlt. Mama sah aus wie immer und hatte auch ihr Herzklopfen in gleichem Grade, entschloss sich aber, mit mir zugleich jenen geschickten Arzt (den Brunnenarzt in Überlingen) zu beraten, wo ihr dann, bei dem letzten Anfalle, seine Medizin so wohl getan hat, dass schon nach vier Stunden alles vorüber war. Du kannst denken, wie glücklich sie ist, und wie froh wir alle! Wenn’s nur standhält! Der Arzt hält ihr Übel für gänzlich ungefährlich — rein nervös.

Wir haben hier eine schöne Weinernte gehabt, hätten aber fast das Doppelte haben können. Der Stadtrat (selbst lauter Rebenbesitzer) hatte nämlich aus übermäßiger Gierigkeit, um die Trauben zur möglichst höchsten Reife gelangen zu lassen, den Anfang der Lese fast um drei Wochen später als die Umgegend angesetzt, obwohl alle weißen Trauben schon überreif waren, und der erste Regentropfen sie zum Faulen bringen musste; so sind hier die weißen Trauben fuderweiß verfault. Da wir nun keine eigne Kelter haben, mussten wir uns mit in diese Unvernunft schicken. Ich hatte zudem das Unglück, beim Ziehen der Nummern, wie man nacheinander zum Keltern zugelassen wird, fast die letzte Nummer zu ziehen, bin somit noch über vierzehn Tage später als diejenigen, die den Anfang machten, und habe bedeutenden Schaden gelitten. Als meine Trauben noch alle gut und schon völlig reif waren, wurde der Ertrag von Sachverständigen auf 30 Ohm angeschlagen, 14 weißen und 16 roten, und zudem, sagte man, werde selbst der weiße Wein in diesem Jahre so delikat werden, dass ich ihn schon gleich von der Kelter würde für mindestens 35 Gulden verkaufen können, was dann allein 490 Gulden gebracht hätte. Stattdessen wurden meine weißen Stöcke wahre Moderhaufen - wo man nur hinrührte, flog weißer Staub auf, als wenn man einen Puffer zertritt. 7 Ohm gingen gänzlich verloren, 7 machte ich noch aus elenden halbfaulen Trauben, so schlecht, dass ich anderthalb Ohm von meinem prächtigen Roten musste dazwischenlaufen lassen, um ihn noch mit knapper Not zu 19 Gulden per Ohm zu verkaufen, so dass ich aus diesen 7 1/2 Ohm und den sämtlichen 40 Trebern nur die Summe von 171 Gulden gelöst habe.

Nun aber zu meinem Roten, dieser hatte nicht durch den Regen gelitten, da die Trauben damals noch nicht überreif waren, dagegen waren sie durch das nachfolgende lange Hängen nicht nur überreif, sondern ganz schrumpflich geworden, so dass sie beim Keltern statt 16 nur noch 12 1/2 Ohm Saft gaben, der aber in diesem Jahre der allerbeste in Meersburg gewachsene Wein ist, teils eben des späten Kelterns wegen, teils, weil ich die letzten 1 1/2 Ohm nicht dazwischen genommen, sondern zwischen den weißen habe laufen lassen, so dass mein sämtlicher roter Wein Vorlauf ist. Ich habe ihn aufgelegt in einem Fuderfass, und den übrigen Ohm zum Auffüllen daneben. Er ist so zuckerhaltig, dass sich an der Mostprobe gar kein Grad mehr zur Bezeichnung seiner Süßigkeit vorfand, und man sagt mir, in ein paar Jahren
müsste ich wenigstens 70 Gulden für den Ohm haben. Da hätte ich meine 700 Gulden in einmal wieder heraus! d.h. ich habe freilich nichts davon, aber es freut mich doch wenn das Rebgütchen etwas anwächst, weil es doch das einzige ist, was ich den hiesigen Kindern hinterlasse.

In Bonn habe ich niemanden gesehn außer Junkmann; Schücking ließ zu meiner großen Freude nichts von sich hören noch sehn, obwohl er in Köln war, und ein Artikel über “meine Ankunft und wahrscheinlich längeren Aufenthalt in Bonn” in seiner eignen Zeitung stand. Wegen meiner “Charakeristik” von seiner Hand, in Kinkels “Rheinischem Jahrbuche”, wovon dir Heinrich wird gesagt haben, habe ich nur erfahren, dass das ganze Buch bereits gedruckt und also nichts mehr daran zu ändern war, und mich dann nicht weiter darum bekümmert, denn obwohl ich voraussetze, dass die Charakteristik vorteilhaft für mich und eine persönliche Vergütung für die “Ritterbürtigen” sein soll, so hat sich doch Schücking als zu taktlos erwiesen, als dass ich nicht immer Verdruss fürchtete, wo er sich irgend um mich bekümmert.

NB. Du wirst von Bonn einen Verschlag mit drei Ölbildern erhalten, die zwei größeren und schöneren hat mir Professor Braun, der sie eben aus der Auktion der bedeutenden Schmitzischen Sammlung in Köln erstanden hatte, für einen Spottpreis überlassen, und das dritte, unbedeutendere (den Hexenmeister, der den Skorpion verbrennt) dazugeschenkt, hebe sie mir doch gut auf, und sage mir, wie sie Dir gefallen? Sulpice Boisseree, der jetzt in Bonn wohnt, fand sie gut.

Noch muss ich Dir sagen, dass unser lieber Heinrich auf dem Wege bis Bonn so vortrefflich für mich gesorgt hat, ich hätte es von einem eignen Sohne nicht besser erwarten können. Gott
wird auch die Verheißungen des vierten Gebotes an ihm in Erfüllung gehen lassen.
Adieu, liebster Werner

Meersburg, 24. Oktober 1846

aus: 1846, Briefe an Christoph B. Schlüter, Hülshoff

Ich bin in Hülshoff und recht krank, an allerlei, am plagendsten an meinem nervösen Kopfweh, das seit sechs Tagen völlig Überhand genommen hat. Ich kann Ihnen deshalb für dieses Mal nur die Hand drücken und weiter nichts. Alles andere, Brief und Gedichte, später gern und vollständig. Betet doch ein wenig für mich, Ihr meine Lieben! Der Schmerz nimmt mir so oft die Gedankenklarheit zum brünstigen Gebete, wenn ich es grade am nötigsten hätte.

Hülshoff, 5. September 1846