Briefe zum Schlagwort Gesundheit



aus: 1846, Briefe an Christoph B. Schlüter, Rüschhaus

Sollte ich Ihnen wirklich eigenmündig Veranlassung gegeben haben zu glauben, ich könne den Leonidas in der Ursprache lesen? Oder trägt die große geistige Elle die Schuld, an der, wie der Fuchs beim Messen den Schwanz, so Sie den glänzenden Schweif Ihr[er] eignen Vielwissenschaft zugeben? Sed non cuivis contingit adire Corinthum! Ich kann elendiglich wenig Griechisch, in meinen besten Glanz- und Übungsjahren kaum über die Fibelschützerei hinaus und jetzt wieder schmählich dahin zurückgesunken. Kurz, ohne den großen Trost der lateinischen Erläuterungen würde ich kaum begriffen haben, wo die Glocken hängen und bin auch jetzt noch bei manchen nicht ganz sicher darüber. Von einem eigentlichem Urheile kann also nicht die Rede sein, doch haben mir manche der Gedichte des Tarentiners einen etwas vagen Begriff von Schönheit gegeben und zugleich die Erinnerung erweckt, als habe ich viele derselben vor langen Jahren in einer sehr guten Übersetzung gelesen. Das Buch hieß “Tempe”, eine sehr schöne Auswahl von Weihgedichten, Distichen, lauter kleines Volk, alle aus dem Griechischen; zwei dicke Oktavbände; Verfasser quasi anonym, d.h. mit zwei Buchstaben bezeichnet. …

Damit Sie nun nicht wieder in solche extravagante Ideen von meiner Gelehrsamkeit verfallen, will ich Ihnen meine Sprachkenntnisse (leider zumeist Unkenntnisse) darlegen: Latein können Sie mir immer schicken, Französisch natürlich auch, das ist ja jetzt so unerläßlich, wie früherhin schlichtweg Lesen und Schreiben. Holländisch werden Sie mir nicht schicken, sonst das verstehe ich auch. Italienisch und Englisch? Schlecht! schlecht! doch letzteres etwas besser. Ich habe in beiden Sprachen keinen Unterricht erhalten, sondern mir nur selbst so ein wenig zurecht geholfen und bin jetzt seit länger als zwanzig Jahren ganz außer Übung und ohne Diktionar. Doch schlage ich mich durch eine leichte italienische Prosa noch allenfalls durch, wie ich vor kurzem an den “Verlobten” des Manzoni erprobt habe; Poesie aber, besonders mit veralteten Ausdrücken und ungewöhnlichen Konstruktionen, ist für mich jetzt fast gänzlich ohne Genuß. Mit dem Englischen steht es etwas besser, und ich nehme es noch allenfalls mit einem Poeten auf, doch werden mir immer hier und dort Worte fehlen, und ich kann dann nur mit betrübtem Seufzen nach der Stelle sehn, wo ehemals eine Diktionar gestanden.

Sehn Sie, liebster Freund, so mangelhaft sieht es bei mir aus, und ich mag meine Halbkenntnisse nur ganz geheimhalten und im stillen doch hier und da ein kleines Profitchen daraus ziehn. …

Ich schicke Ihnen vier Exemplare meiner früheren Ausgabe, verlangen Sie noch mehrere, so lassen Sie es mich nur wissen. Mein Bruder treibt sehr auf meine Herüberkunft, über 14 Tage, höchstens drei Wochen, werde ich nicht mehr zögern dürfen … Es erleichtert mir den Abschied von meiner geliebten Einsamkeit ungemein, dass ich von Hülshoff aus viel leichter zu Euch kommen kann. Das Gedicht, was ich das Ihrige nennen möchte, da es ja einzig für Sie geschrieben wird, hoffe ich Ihnen noch vor Ihrem Ausfluge schicken zu können. Es bedarf dazu nur einer einzigen völlig freien Stunde, unbehindert von Beklemmung oder Kopfweh, und die sind freilich jetzt seltne Vögel und niemand weiß, wann sie kommen. Adieu, mein liebstes Professorchen, adieu, ich werde gedrängt zu schließen. Mit alter Treue,
Eure Nette.

Rüschhaus, etwa 20. August 1846

aus: 1846, Briefe an Jenny von Laßberg, Rüschhaus

Seit ich zuerst deinen und dann der lieben Mama Brief erhielt, hat es mir wie ein Stein auf dem Herzen gelegen, dass ich antworten müsste, und habe es doch nicht gekonnt, denn ich bin tüchtig krank gewesen und hatte noch dazu meinen Homöopathen nicht, der auf längere Zeit verreist war. Jetzt ist er seit 14 Tagen da, und sein erstes Pulver hat mir wieder wunderbar gut getan. Gestern habe ich das zweite genommen, was mich tüchtig angreift, ich denke, desto besser wirkt es nachher!

Liebe Jenny! Du schmähst mich so aus, und es war doch wirklich nicht unvernünftig, dass ich hier blieb, da ich recht gut fühlte, was mir in den Gliedern lag. Glaub nur, ich habe eine tüchtige Tour abgemacht in diesen fünf Wochen, fast so arg wie damals (anno 29) in Münster, und was hätte ich nun ohne Bönninghausen anfangen sollen, da ich schon so unglücklich darüber war, dass ich ihn nicht gleich haben konnte!

Dies ist das erste Mal. dass ich einen so starken Anfall so mutterseelenallein abgemacht habe, und es ist doch auch gegangen! Bönninghausen ist doch der einzige der mir helfen kann. Gleich nach dem einen Pulver habe ich das Fieberhafte ganz verloren und Appetit und Schlaf bekommen. Wäre ich nur den Schleim aus dem Halse los und könnte wieder gehen, dann wäre ich hergestellt. Ich zweifle aber nicht, dass das auch bald nachkommen wird.

Die Ruhe tut auch viel! Du glaubst nicht, wie still ich hier lebe. Niemand weiß recht, ob ich hier oder in Hülshoff bin, und so bleibe ich ganz ungestört, was mir sehr recht ist, denn wenn man krank ist, kann man sich nicht damit abracken die Honneurs zu machen.

Die Hülshoffer Kinder waren einmal hier, öfter nicht, denn ich habe ihnen alle meine Stachelbeeren nach und nach geschickt. Werner war zweimal zu Wagen hier, gestern das letzte Mal. Er war sehr freundlich und sah gut aus. Wegen seines Knies geben die Ärzte die beste Hoffnung, und auch Joseph Droste hat zur Luise Stapel gesagt, diese spanische Fliegenkur sei die einzige durchgreifende für diesen Fall, und wenn sie anfange sich wirksam zu erzeigen, so helfe sie auch ganz und für immer. Nun ist Werner offenbar schon um vieles besser, obwohl ich ihn mir freilich schon gelenkiger gedacht hatte, als ich ihn gestern fand; aber er muss noch immer den Fuß an einigen Stellen offen halten, so tut es ihm noch weh, wenn er resolut auftritt, und dies soll er auch nicht, sondern ihn schonen; so weiß er denn selbst nicht recht, wie es mit seinen Kräften und seiner Gelenkigkeit steht; aber sehr viel besser wie früher, das fühlt er doch deutlich. In ein Bad ging er gern, und hat die Ärzte schon mehrmahls darum befragt, aber sie wollen es alle nicht, der eine so wenig wie der andre. Übrigens ist es auch nicht die Gicht, die den Zustand des Knies verursacht (obwohl sich auch diese dazu geworfen hat), sondern die Kniescheibe ist ihm durch den Fall locker geworden, und es hat sich Wasser dazwischen gesetzt, weshalb sie sich nicht wieder anlegen kann, und eben dieses Wasser wird durch die Fliegenpflaster herausgezogen.

Sobald ich besser bin, gehe ich zu ihm; meine Gesellschaft braucht er freilich nicht mehr, denn er wird von Besuchen überschwemmt, aber ich kann ihm doch zur Hand gehn, da er sich gewiss noch eine gute Weile wird schonen müssen; denn wenn alles Wasser auch fort ist, muss die Kniescheibe doch erst wieder fest werden, ehe er den Fuß brauchen darf wie vorher. Er reitet jetzt täglich und fühlt sich seitdem sonst wohl.

Rüschhaus, 7. August 1846

aus: 1846, Briefe an Elise Rüdiger, Rüschhaus

Jetzt müssen Sie doch wohl wieder zu Hause sein. Ich bin richtig hier geblieben, im strengsten Inkognito, was auch höchst nötig war, denn ich bin schändlich krank geworden. Vorher hatte ich nicht Zeit dazu, aber jetzt habe ich ein ganzes Jahr voll Kummer, Sorge und Ärger nachzahlen müssen. Zudem war mein Homöopath verreist, ist erst vor einigen Tagen rückgekehrt, und ich habe mich solange allein durchgebissen – ganz heimlich, besonders vor den Hülshoffern, um den Klövekorns, Wörlitzens et cet. zu entgehn. Schade, dass der Bönninghausen eine Frau hat, er würde mich sonst gewiss nehmen, wenn nur ein Funken Dankbarkeit und Edelmut in ihm ist. Jetzt aber wird niemand nehmen und hat genommen als ich – nämlich vorgestern das erste Pülverchen, und die Beklemmungen haben danach schon so bedeutend nachgelassen, dass ich heute unternehme, Ihnen zu schreiben.

Aber was? Das mögen die Götter voraus wissen, aber ich nicht; hier ist der Welt Ende, und ich werde von dem, was weiter als 1000 Schritte von meinem Kanapee passiert, nicht mehr gewahr, wie die Heroen im Elisium von der Oberwelt. …

Von meiner lieben Mama habe ich vor einigen Tagen die ersten Zeilen erhalten; nur wenige, denn sie hatte gerade ihr Herzklopfen gehabt, aber mir doch ganz beruhigende, da sie glücklich übergekommen und, wie mir scheint, sehr kregel und mit allem in Meersburg aufgeschickt ist. Doch das ist sie ja immer! Jenny hat nicht nur das Glück, entschieden ihr Lieblingskind zu sein, sondern auch die kleinen Mädchen gehen ihr bei den Hülshoffer Enkeln weit, weit vor! Es ist natürlich, sie kann dort miterziehen und sich an der Entwicklung kleiner Talente freuen, die bei den Hülshoffern entweder nicht vorhanden oder wenigstens ganz außer ihrem Bereiche sind.

Laßbergs waren bei ihrer Ankunft nicht in Meersburg, sondern im Bade zu Überlingen. Wir wussten dies voraus. Jenny hatte es geschrieben, aber Mama mochte ihre Reise deshalb nicht aufschieben, da einmal alles gepackt und auf dem Sprunge war; so hat es in Überlingen (was auf dem Wege liegt) eine Überraschung gegeben, halb freudig, halb auch nicht, da die gute Jenny sehr betrübt über mein Ausbleiben gewesen ist. Sie hat mir so herzlich und wirklich bekümmert darüber geschrieben, dass ich ganz in Reue zerfließen würde, träte mein Befinden nicht zu siegreich dagegen auf, aber nun danke ich Gott, dass ich hier bin.

Mein Mütterchen hat bis Freiburg auch nicht die mindeste Ermüdung von der Reise gespürt, wodurch ihr der Kamm so gewachsen ist, dass sie den Hauderer an den Nagel gehängt und, um schneller überzukommen, sich der Schnellpost anvertraut hat; den Tag durchgefahren bis nachts 12 Uhr; dann bis drei in einer Passagierstube gesessen, die voll rauchender Herren gewesen ist; und endlich doch angeführt, denn in Stockach blieb die Post am hellen Tage liegen, und Mama nahm, um doch wenigstens ein verkümmertes Röschen von diesem Dornenstrauch zu brechen, Extrapost, und erreichte so wirklich ihren Zweck; aber sehr degoutiert und todmüde.

Laßbergen hat sie sehr wohl aussehend gefunden, Jenny aber an einem hartnäckigen Husten leidend, mit handgroßer spanischer Fliege auf der Brust, doch gottlob bereits auf der Besserung, doch noch elend aussehend. Sie ist mitgefahren nach Meersburg auf einige Stunden, solange der Postillon sich ausruhte, dann aber nach Überlingen zurück, und Mama hat zehn Tage lang das alte Schloss allein beherrscht; ich glaube zu ihrem großen Behagen, da ihr vorerst Ruhe das Nötigste und das Wiedersehn einiger geschätzen Bekannten sehr erwünscht war, und Laßbergs quecksilberne Natur hätte sie zu beidem so bald nicht kommen lassen.

Jetzt sind alle wieder beisammen, Jenny ordentlich unter Arztes Händen und daher auch wohler. Sie und Ihre liebe Reisegesellschaft wurden noch immer erwartet, obwohl mit sehr abnehmender Hoffnung. Ich hatte es mir wohl gedacht, dass Sie nicht hingehen würden, Sie hatten so keinen Appetit dazu. Nun! Da ich nicht dort bin, ist’s mir ziemlich einerlei, wiewohl ich Laßbergs doch die Freude gegönnt hätte.

Meines Bruders Fuß ist besser, aber erst nach einer harten Kur mit immer neu aufgelegten und wieder abgerissenen Fliegenpflastern über das ganze Bein, ein dreiwöchiger Lazaruszustand ohne Schlaf mit höchster Nervenüberreizung; aber, wie man behauptet, eine Radikalkur! Gott gebe es! Bis jetzt geht er noch am Stocke – freilich, ein gutes Avancement vom festen Bettliegen, aber doch noch lange keine Heilung!

Lieb Herz! Es lautet schändlich Ihnen gegenüber, aber ich werde wahrlich aufhören müssen zu schreiben aus Mangel an Stoff. Sie können sich die Tiefe meiner Verschollenheit gar nicht denken! Kein Brief (der von Mama der einzige), kein neues Buch, keine Zeitung, kein Besuch, auch keine mündliche Nachrichten, da ich die Bückersche nirgends hinschicke und, was Hülshoff anbelangt, so habe ich Werner noch zuletzt meiner Mutter leise sagen hören: “Man muss ihr mal ganz ihren Willen lassen – die allertiefste Einsamkeit – das ist eine fixe Idee – da lässt sich nichts dagegen machen, sie wird es schon bald müde werden und zu uns kommen!” Da hat er freilich nebenhergeschossen, meine Einsamkeit ist mir täglich lieber; aber Wort gehalten hat er, Hülshoff ist für mich wie gar nicht vorhanden, und leitete ich mir nicht durch Nebenquellen Nachrichten von seinem und der Seinigen Befinden zu, so könnten dort Mirakel geschehen, ohne dass ich es gewahr würde.

Vorgestern schickte ich Hermann mit Mamas Brief hin, schrieb auch einige unbefangene Zeilen dazu, und es hat mich sehr gerührt, wie er ihm durchs Fenster entgegengerufen hat: “Hermann, hieher! Will meine Schwester kommen? Wann soll ich sie abholen?” Es ist ein gutes Blut! Ach, ich werde nicht mehr so gar lange zögern dürfen! Ich werde in den greulichen Kinderlärm, in den jetzt endlosen Besuchstrain hinein müssen, wenn ich ihn nicht mehr kränken will, als ich vor meinem Gewissen verantworten kann! Aber jetzt mag ich noch nicht, ich muss erst ganz wiederhergestellt sein, d. h. bis auf den Punkt, über den ich wohl leider nie mehr hinauskomme.

Und es ist noch so schön hier! Wenn die rote Sonnenkugel in den Eichen steht, denken Sie daran? Ich liege jetzt jeden Nachmittag auf der Harfe (morgens steht die Sonne auf der Treppe), lese eine Menge älterer Bücher, Geschichtswerke, lateinische Klassiker, die sich seit zwanzig Jahren in dem unzugänglichen Schrank über dem Flügel braun und gelb geärgert haben; und es ist mir noch nie so klar geworden, wie die Menschen sich zu allen Zeiten so gleich gewesen sind, und namentlich die Verschiedenheit der Stände schon vor 1800 – 2000 Jahren ganz dieselben Ansichten und Gesinnungen mit sich geführt hat. Ich bin jetzt eben in dem vertrauten Briefwechsel Ciceros – welche Moquerie! welche durchtriebenen Intrigen! und welche ungemeine Höflichkeit und Feinheit des Takts! Und welches scharmante Entgegenkommen und gegenseitige heimliche Verachtung der Geld- und Geburtsaristokratie! Sie dürfen nur das Alleräußerlichste und Nichtsbedeutendste ändern – statt Toga “Frack” – statt Senat “Parlament” – statt Sklaven “Domestiken” setzen, und Sie haben (soweit es den herrschenden Ton anbetrifft) Memoiren aus jeder beliebigen überfeinerten, verderbten Zeit. Man muss sich erst hineinlesen und allerdings die Kenntnis einer Anzahl kleinerer Beziehungen (gesetzliche und gebräuchliche) zu eigen machen, aber sobald man vollkommen au fait ist, gibt es kaum eine anziehendere Lektüre.

Mag ich nicht mehr lesen, so zeichne ich, d. h. ordentlich, ausgearbeitet, obwohl freilich noch fehlerhaft genug, aber doch mitunter Skizzen, die mir selbst Spaß machen. So gehen die wenigen Stunden, wo ich etwas unternehmen kann, pfeilschnell hin, und in den übrigen muss mir natürlich Ruhe und Alleinsein doppelt lieb sein. Sähe ich dieser Lebensweise, die mich so zufrieden macht, wie es bei entschiedenem Übelbefinden irgend möglich ist, Dauer an, so würde ich mir durch Einschreiben in die Leihbibliothek noch eine große Ressource eröffnen, käme vielleicht, wenn die begonnene Besserung fortschreitet, bald wieder dahin, selbst etwas schreiben zu können, aber – wozu Luftschlösser bauen! Vielleicht ist mein nächster Brief schon von Hülshoff!

Bitte, lieb Lies, teilen Sie niemanden diesen Brief mit! Fürs erste ist es ja ein Geheimnis, dass ich hier bin, und dann auch um meines Bruders willen, der mir sein Haus so freundlich öffnet und es nicht um mich verdient, wie ich es noch in der Welt umherschreibe, wie ich lieber hier bin. …

Wissen Sie wohl, lieb Herz, dass ich bereits viel, viel zu lange geschrieben habe? und mir die Brust geht wie ein kochender Topf? Das Lies verführt mich immer zu Ausschweifungen. Ich will nur ein paar Worte schreiben, aber es wird immer ein langer Brief. Wären Sie hier, da hätte ich es wohlfeiler! NB. was meinen Sie, wenn ich mich im Frühjahr wieder hieher machte, und Sie kämen dann zweisiedeln? Es ist ein köstlicher Gedanke und, wie mich dünkt, ganz ausführbar, wenn Sie es nur jetzt schon darauf anlegen. Antworten Sie mir doch hierauf, dann baue ich auch schon den Winter durch vor. Adieu! 1000 Küsse für Sie, und einen schönen Gruß für Rüdiger! Ihre treue Nette

Rüschhaus, 30. Juli 1846

aus: 1846, Briefe an Jenny von Laßberg, Rüschhaus

Liebste Jenny, ich bin krank, kann gar nicht schreiben und muss doch, seit 14 Tagen, über meine Kräfte. Zwei Briefe an Dich, wovon ich an dem einen zwei, an dem andern vier Tage mich geplagt hatte, habe ich zerreißen müssen, weil unterdessen alles änderst eingerichtet worden war, nun kann ich aber nichts mehr! und da Mama selbst kömmt, kann sie dir auch von allen Verwandten und Freunden zehnmal umständlicher selbst erzählen. Ich schicke Dir also für dieses Mal nur dieses wunderliche Blatt, was die inwendig voll geschriebene Adresse eines der Briefe war und allerlei enthält, was ich sonst abschreiben müsste, und mich wirklich in diesem Augenblicke gar nicht capable dazu fühle. …

Wie leid es mir tut, nicht nach dem lieben Meersburg zu kommen, Dich, Laßberg und die lieben lieben Kinder nicht sehn zu können, brauche ich Dir nicht zu sagen; aber die Gründe sind überwiegend und lassen mir keine Wahl. Gebe Gott, dass die homöopatische Kur unsern Hoffnungen entspricht und meine Gesundheit endlich eine glückliche Wendung nimmt. Geschieht dies jetzt nicht, so muss ich mich drein ergeben, meine Unbequemlichkeiten bis an mein Grab zu tragen, und bin dann auch mit Gottes Willen zufrieden.

Die erste Zeit werde ich noch wohl hier bleiben, um wenigstens die ersten Pulver recht in Ruhe wirken zu lassen, dann aber nach Hülshoff gehn, zu dem armen Werner, der nach meiner Ansicht recht miserabel da unten sitzt zwischen all dem Kinderlärm, und doch, wenn er oben ist, niemanden hat, der ihm zur Hand geht. Mama hat wenig Fiduzit zu meiner Pflege und meint, wir würden zu viel disputieren; aber wenn ich auch bei Gesunden oft zu wenig Rücksichten nehme, so glaube ich doch nicht, dass man mir dieses bei Kranken nachsagen kann. Er scheint auch sehr zu wünschen, dass ich komme. Gefährlich ist sein Übel indessen gewiss nicht, lebensgefährlich mal sicher nicht (da es nicht von innen heraus, sondern durch einen Fall entstanden ist). Aber hoffentlich wird es auch keine bedeutenden Spuren zurücklassen, aber ich fürchte eine sehr langsame Kur.

Bis zum Frühling sind wir indessen hoffentlich beide so weit, dass ich reisen kann, und ich will es alsdann gewiss nicht an Fleiß fehlen lassen, mich nach einer Gelegenheit umzuhören, wäre es auch nur für einen Teil des Weges, etwa bis Koblenz oder Mainz. Ich mache mir nichts daraus, eine gute Strecke allein zu reisen, gebe meinen Koffer auf die Post und nehme mir den Reisesack mit. Was kann mir dann Großes begegnen? Höchstens, dass ich einmal das Dampfboot versäume und ein paar Stunden im Gasthofe auf das nächste warten muss, das wäre doch noch nicht alle Welt!

Rüschhaus, 30. Juni 1846

aus: 1846, Briefe an Karl von Haxthausen, Rüschhaus

… ich gehe nicht mit nach Meersburg, so äußerst fatal es mir auch ist, Mama allein mit Marie reisen zu lassen, aber ich kann nicht, und Mama will es deshalb auch nicht. Ich bin krank, obwohl wenig leidend, weniger als sonst, aber es sind Umstände da, die durchaus beseitigt werden müssen. Ich kann z. B. gar nicht gehn, nicht zweimal unsern kleinen Garten entlang, ohne dass mir das Blut dermaßen zu Kopfe steigt, dass ich zu ersticken meine, und Fahren geht auch nicht viel besser, eine Stunde Weges (z. B. von hier bis Hülshoff) ist hinlänglich, dass ich mich dann gleich zu Bette legen muss und die ganze Nacht wie im Fieber liege.

Ich habe wohl schon lange gemerkt, dass ich nicht reisen konnte, mochte es aber nicht sagen, und Mama merkte es auch, und mochte es ebenfalls nicht sagen, damit ich nicht denken sollte, sie wünsche meine Begleitung nicht, bis wir neulich in Hülshoff den armen Werner so sehr leidend an seinem Knie fanden, und, leider, leider! mit sehr geringer Aussicht auf völlige Herstellung, dabei so niedergeschlagen und apprehensiv, und so ganz ohne Aufheiterung (da Line den ganzen Tag über ihre Geschäfte hat), dass die Sache dort von allen Seiten zur Sprache kam und ausgemacht wurde, dass ich statt nach Meersburg zu ihm nach Hülshoff gehn solle, um ihm, wo möglich, die Grillen etwas zu vertreiben, und zugleich selbst eine ordentliche homöopathische Kur zu unternehmen, da in Meersburg kein Homöopath ist. Ich sah wohl ein, dass die andern Recht hatten, und dass ich auch sonst wahrscheinlich auf der ersten Tagereise liegen bleiben würde. So ist es denn ausgemacht, obwohl mir sehr hart, dass ich Mama am 30ten allein muss abreisen lassen, indessen sehe ich deutlich, dass ihr damit ein Stein vom Herzen gefallen ist, und sie nicht gewußt hat wie sie mich heil überbringen sollte. Sitze ich übrigens (wie jetzt eben) auf meinem Kanapee, so tut mir auch kein Finger weh, und ich hoffe deshalb, Bönninghausen wird mich schon wieder zurecht flicken.

Rüschhaus, 26. Juni 1846